Stellungnahme von Beate Lakotta und Otto Lapp

Gustl Mollath war, gemessen an den Taten, die man ihm zur Last legte, zu lange in der Psychiatrie untergebracht. Ohne die Medien säße er womöglich noch immer da. Es gibt eine neue Debatte über Anlass und Dauer von Unterbringungen. Insofern haben die Kollegen mit ihrer Berichterstattung etwas Gutes erreicht.

Aber ist es gerechtfertigt, diesen Fall als Justiz- und Psychiatrieskandal ersten Ranges zu beschreiben, wie es die Teams von der SZ und vom SWR getan haben?

Beide haben früh das Bild von Gustl Mollath als Opfer einer Intrige seiner Frau gezeichnet. Weil er ihre Schwarzgeldgeschäfte anzeigen will, sorgt sie dafür, dass er mit Hilfe gewissenloser Richter und Psychiater weggesperrt, entrechtet und enteignet wird. SWR-Kommentartext: „Für uns hat sich der Verdacht bestätigt: Gustl Mollath sitzt seit sieben Jahren unschuldig in der Psychiatrie.“

Dass es dazu kam, wird als Ergebnis eines staatlich-psychiatrischen Multiorganversagens beschrieben, an dem Mollath kaum einen Anteil hatte, als dass er sich „ungeschickt“ oder „skurril“ verhalten habe. Der eigentliche Tatvorwurf – Schlagen seiner Frau und Würgen bis zur Bewusstlosigkeit und das potenziell lebensgefährdende Zerstechen dutzender Autoreifen – sei ihm nie nachgewiesen worden.

Wir haben getrennt voneinander recherchiert, und sind beide zum Ergebnis gekommen, dass vieles gegen diese Erzählung spricht.

In dem Verfahren wurden Fehler gemacht, auch schwere. Mollath war laut Bundesverfassungsgericht die letzten zwei Jahre ohne ausreichende Begründung in der Psychiatrie untergebracht. Aber das sind nicht die Fehler, die Menschen zum Protestieren gegen die Institutionen des Rechtsstaats auf die Straße treiben. Denn dann könnten sie das auch für andere Maßregelpatienten und Sicherungsverwahrte tun, zum Beispiel für Sexualstraftäter, die ebenfalls zu lange weggesperrt sind.

Sondern es ist die Zauberformel „sieben Jahre unschuldig in der Psychiatrie“, die sich in der öffentlichen Rezeption dieses Falls als Wahrheit durchgesetzt hat. Ebenso wie es als Tatsache gilt, dass Frau M. erhebliche Summen Schwarzgeld in die Schweiz geschafft habe.

Dies sind die beiden Grundannahmen des Skandals. Nach unserer Recherche steht für beide der Nachweis noch aus.

Unsere Rechercheergebnisse wurden nach den jeweiligen Veröffentlichungen weder in Zweifel gezogen oder dementiert. Sie wurden gar nicht aufgegriffen.

HANDWERKLICHES

  • Welche Unterlagen muss man gesehen, mit welchen Personen gesprochen haben, um angemessen über diesen Fall zu berichten?
  • Welche Informationen muss man dem Leser/Zuschauer geben, damit er sich selbst ein Bild machen kann?

So sind wir vorgegangen:

Allgemein zugängliches Material

Am Anfang stand für uns das Material, das Mollath-Unterstützer diversen Journalisten zugänglich gemacht hatten.

Beate Lakotta: Im Dezember 2012 sollte ich anlässlich des Falls Mollath ein Stück über die schlampigen Gutachter schreiben. Ich kannte den Fall nur aus der SZ. Aus dem Material ergab sich für mich ein ganz anderes Bild. Mollaths Briefe an seine Frau und die Banken und auch seine „Verteidigungsschrift“ erinnern in Form und Inhalt an typische Selbstzeugnisse psychisch Kranker. Es gibt im Material Berichte über bizarres, aggressives Verhalten bei Festnahmen und in der Klinik. Er selbst beschreibt sich als psychisch am Ende.

Bis heute tragen verzerrte Darstellungen zum Bild des Psychia­trieskandals bei. Ein Beispiel: SZ und SWR berichten sinngemäß, einer der vom Gericht bestellten Psychiater habe Mollath nach einem langen Gespräch mit ihm für gesund erklärt. Das ist falsch. Alle vom Gericht beauftragten Gutachter, egal, ob sie mit ihm gesprochen haben oder nicht, kommen zu ähnlichen Schlüssen. Auch dieser Arzt, der Mollaths Strafakte nicht kannte, attestierte ihm „am ehesten eine paranoid querulatorische Persönlichkeitsstörung“, Diagnoseziffer ICD 10 F 60. Was das bedeutet, kann jeder bei Wikipedia nachlesen.

Nach dem aggressiven Echo auf meinen ersten Bericht auf Spiegel Online („Warum der Skandal doch keiner ist“, 13.12.2012) fehlte mir in der Chefredaktion der Rückhalt. Erst im Sommer 2013 habe ich erneut zu zeigen versucht, dass man vieles an diesem Fall nur als Skandal betrachten kann, wenn man die Gegenseite komplett ausblendet („Ich trete aus dem Rechtsstaat aus“, Spiegel 27/2013).

Vor meinem ersten Bericht war ich in Bayreuth, aber Mollath hat mich nicht empfangen. Danach konnte ich nur noch mit dem Verteidiger sprechen, aber es gab Mollaths Briefe, seine Fernsehinterviews und den Auftritt im Ausschuss. Otto Lapp ist von uns allen der Einzige, der Zugang zu allen Seiten hatte.

Otto Lapp: Von Anfang 2013 an hatte ich mit Mollath jeden Dienstag einen Jour fixe. Ich habe einen Gustl Mollath erlebt, der ganz anders war als der, den ich erwartet hätte. Einen Mann, der teils ungeordnet sprach, auch grenzverletzend war, dann wieder anbiedernd – aber der sich nie auch nur im Geringsten selbst infrage stellte. Sein ganzes Denken kreiste um das angebliche Unrecht, das ihm widerfahren sei. Angesprochen auf eine Mit-Verantwortung wies er die, teils brüsk, zurück. Ich habe an die 50 Stücke über Mollath veröffentlicht und ihn oft mit Widersprüchen in seinem Verhalten konfrontiert. Bei Fragen nach Details wich er aus oder reagierte aggressiv. Er konkretisierte keinen einzigen seiner Vorwürfe, lieferte keinen einzigen zusätzlichen Beweis und wiederholte wieder und wieder seine Behauptungen.

Die andere Seite – Personenrecherche

Ist es handwerklich sauber, eine ganze Kampagne (SZ: über 70 Beiträge mit dem gleichen Tenor und ein Buch / ARD: 90-Minuten-Doku und Magazinbeiträge) zu fahren, ohne die Person zu Wort kommen zu lassen, die man mit schweren Vorwürfen überzieht?

Die Kollegen führen an, dass Frau M. nicht mit ihnen gesprochen habe. Das ging uns anfangs genauso. Es gab aber andere Rechercheansätze, mit denen man die andere Seite beleuchten konnte.

Wie stand es um die Glaubwürdigkeit des Attests, mit dem Petra M. ihre Verletzungen belegt hatte? Obwohl neben der SZ und der ARD nun auch andere Medien Petra M. der folgenschweren Falschbeschuldigung bezichtigten, war dem bis zum Dezember 2012 anscheinend noch niemand nachgegangen. Da berichtete der Stern, die Ärztin erinnere sich nicht an die Patientin.

Beate Lakotta: Ich fand heraus, dass nicht die Ärztin, sondern deren Sohn Petra M. untersucht und auf dem Praxisbriefpapier seiner Mutter das Attest ausgestellt hat. Der Arzt sagte mir, dass er sich an die Untersuchung erinnere und die Patientin für glaubhaft gehalten habe. Dafür hat er später auch bei der Staatsanwaltschaft Belege beigebracht. Andere Medien haben die inhaltlichen Angaben des Arztes in den Berichten über das „gefälschte“ Attest nicht aufgegriffen.

Einige Menschen haben damals Aussagen bei Gericht oder bei der Polizei gemacht. Ihre Namen stehen in den Akten und im Telefonbuch. Die meisten sagten, wir seien die ersten, die bei ihnen nachfragten. In diesen Gesprächen fanden wir viele Anhaltspunkte für ein damaliges aggressives Verhalten ausgehend von Mollath, nicht nur gegenüber seiner Frau.

Die Reifenstechereien: Wenn es in der SZ heißt, es gebe hierfür keine Beweise, bleiben stets Indizien, die für Mollath als Täter sprechen, unerwähnt. Zum Beispiel, dass zwischen einigen Betroffenen die einzig erkennbare Verbindung ist, dass Mollath ihre Namen in Briefen als Beteiligte der angeblichen Verschwörung gegen ihn nennt. Auch eines der Opfer, dessen Autoreifen auf der Autobahn plattgegangen waren, hatte zuvor einen solchen Brief bekommen. Er führte die Polizei auf Mollaths Spur.

Unabhängig voneinander berichteten uns mehrere Betroffene von bedrohlich wirkenden Auftritten Mollaths bei ihnen. Einer sagte damals der Polizei, Mollath habe ihm einen angeschliffenen Schraubenzieher gezeigt und gesagt, er sei jetzt bereit, sich zu wehren. Der Mann war auch Zeuge vor dem Landgericht.

Für uns bauten diese Rechercheergebnisse die Brücke zu Petra M. – Otto Lapp gelang dies zuerst.

Otto Lapp: Petra M. sprach mit mir, als ich ihr sagte, dass ich viele neue Details über ihren Ex-Mann herausgefunden hatte. Ich bat sie, diese zu bestätigen. Sie hatte Angst, mit Pressevertretern zu sprechen. Zumal mit denen, die sie von Anfang an als Täterin präsentiert hatten. Die ARD hatte Petra M. mit laufender Kamera auf dem Heimweg abgepasst und die Bilder, auf denen sie sich gegen diese Art der Befragung wehrt, gegen ihren Willen gesendet. Ungepixelt war sie auf einem alten Urlaubsfilm zu sehen. Der Name ihres jetzigen Mannes wurde genannt. Mir wurde – auch in meiner Redaktion – vorgeworfen, ich hätte Petra M. „zu sanft“ behandelt. Aber bevor ich einen Satz von ihr veröffentlichte, habe ich fast 40 Stunden mit ihr gesprochen. Für alles, was sie angab, verlangte ich Belege oder suchte weitere Personen, die dazu Angaben machen konnten.

Aktenrecherche

Vor dem „Skandalurteil“ von 2006 gab es in der gleichen Sache schon zwei Verfahren vor dem Amtsgericht gegen Gustl Mollath. Kaum etwas wurde über deren Verlauf berichtet. Auch nicht darüber, was sich sonst im Leben des Gustl Mollath in den sechs bis acht Jahren vor seiner Verurteilung ereignete.

Mit Hilfe der Aktenrecherche haben wir Informationen zusammengetragen, die nahelegen, dass das Urteil zwar fehlerhaft zustande kam, aber kein Fehlurteil gewesen sein muss, unter anderem:

  • Die Genese der Anklage gegen Gustl Mollath, die gegen die Intrigen-Erzählung spricht.
  • Zeugen und Protokolle zu Mollaths auffälligem Verhalten in zwei Verfahren vor dem Amtsgericht.
  • Details aus dem Abschlussbericht der Polizei über die Reifen­stechereien.
  • Details zu seiner Ehe mit Petra M., die seinen Angaben widersprechen.
  • Die Information, dass Mollaths persönliche Habe doch noch vorhanden ist.

Otto Lapp: Mollath behauptet, man habe ihm „alles genommen“. Dass das nicht zutrifft, hätte jeder überprüfen können. Es gab Menschen und Dokumente, die man zum Sprechen bringen konnte. So war seine „Villa“ im „noblen“ Viertel von Nürnberg ein durchschnittliches Häuschen in durchschnittlicher Umgebung. Ein Blick ins Grundbuch zeigt, wie hoch und ab wann Mollaths Eigentum belastet war. Mollath war angeblich auch erfolgreicher „Unternehmer“. Die Mietverträge dieses „Unternehmens“ zeigen eine 90-Quadratmeter-Schrauber-Garage ohne Hebebühne für Autos. Auch ehemalige Kunden sind aufzutreiben. Er war wirtschaftlich seit Jahren erfolglos.

Der Psychiatrie-Komplex

Dass viele Menschen heute glauben, in der Psychiatrie seien Foltermethoden verbreitet, hängt mit Gustl Mollaths Erzäh­lungen über die angeblichen Bedingungen seiner Unterbringung zusammen. Diese wurden von vielen Medien unhinterfragt übernommen – und sogar noch optisch dramatisiert.

So wurden in dem ARD-Beitrag Symbolbilder von Fixiergurten und Füßen in Ketten eingeblendet. Herr Mollath ist aber niemals fixiert worden und Fußketten sind ihm, so hat er es im Untersuchungsausschuss eingeräumt, nur einmal im Rahmen eines Transports angelegt worden.

Die tatsächlichen Unterbringungsbedingungen scheinen niemanden zu interessieren. In Kurier und Spiegel war zu lesen, dass Mollath seit zwei Jahren jeden Tag stundenlang auf dem nicht eingezäunten Klinikgelände hätte herumspazieren und Freunde treffen können, was er aber abgelehnt habe. Es gibt dazu Klinik-Unterlagen. Mollath hat das nicht dementiert.

Er hätte – wie andere Patienten – außerhalb der geschlossenen Zone ein Handy benutzen können und in der Klinik auch einen Computer. Er war nicht isoliert, niemand hinderte ihn, seine Anschuldigungen weiter in alle Welt zu verschicken. Er konnte so viele Journalisten empfangen, wie er wollte.

Mainstreaming zu Wahlkampfzeiten

Im bayerischen Landtagswahlkampf wurde der Fall Mollath politisch instrumentalisiert. Kaum etwas von dem vielen, was nach Zeugenaussagen im Parlamentarischen Untersuchungsausschuss gegen die These vom großen Systemversagen sprach, fand sich in irgendeinem Medienbericht.

Zum Beispiel räumte der Revisor der HypoVereinsbank ein, dass der vielzitierte Satz aus seinem internen Bericht, wonach sich alle „nachprüfbaren Fakten als zutreffend herausgestellt“ hätten, nicht korrekt war. Auch manche von Mollaths nachprüfbaren Angaben trafen nicht zu.

Der Steuerfahnder, der Mollaths Schwarzgeldschieber-Listen nachgeht, fand keine Belege für größere Transaktionen. Es gehe – Stand Juni 2012 – um Kleinanleger, Beträge im „niederen Bereich“, es gebe keine Anzeichen dafür, dass unversteuertes Geld aus Deutschland in die Schweiz geschafft wurde.

Aber Informationen die geeignet waren, Zweifel am Bild des Justizopfers Mollath zu wecken, fanden nicht mehr die geringste Resonanz.

In der Zeit des Untersuchungsausschuss meldeten Spiegel Online und der Nordbayerische Kurier, eine neue Zeugin habe sich bei der Staatsanwaltschaft Augsburg gemeldet und gesagt, Mollath habe seine Frau schon in den 80er Jahren geschlagen, sie selbst habe das damals miterlebt und Mollath habe auch sie körperlich attackiert.

Niemand nahm diese Information auf. Sie verschwand wie in einem schwarzen Loch.