SEED Nr.1

SEED Newsletter zum Nonprofitjournalismus
Der Newsletter zum Nonprofitjournalismus
von Netzwerk Recherche

HERZLICH WILLKOMMEN BEIM NEUEN SEED-NEWSLETTER!

Liebe Leser:innen,

Reisen an die Ostsee waren zuletzt zwar untersagt, ich musste aber trotzdem kürzlich an die Kreidefelsen der Insel Rügen denken. Sie bröckeln ja stetig, doch hin und wieder kommt es zu einem Abbruch großer Felsen. Dann ist das Phänomen plötzlich in den Schlagzeilen, Schutzmaßnahmen werden diskutiert, der Wert der strahlend weißen Küste rückt wieder ins Bewusstsein der Menschen.

So ähnlich verhält es sich mit dem bröckelnden Erlösmodell der Tageszeitungen. Die Coronavirus-Pandemie hat die Aufmerksamkeit auf den Auflagenschwund gelenkt, auf wegbrechende Werbeeinnahmen, auf die Erosion des wirtschaftlichen Fundaments. Schlagartig stellten sich viele die Frage: Wohin führt uns diese Krise? Was können wir für eine stabile, vitale Medienlandschaft tun?

Für den gemeinnützigen Journalismus liegt darin auf der einen Seite eine Chance. Medienvielfalt wird jetzt ganz konkret erlebt – sei es mit der kritischen Analyse des Corona-Protests durch MedWatch, mit den Fakten-Checker:innen von Correctiv oder mit der grenzüberschreitenden Recherche zum Covid-19-Impfstoff von Investigate Europe. Das Publikum sieht, wie Journalist:innen unter schwierigen Bedingungen Fakten aus Wissenschaft und Forschung einordnen, wie sie aufblühende Verschwörungstheorien widerlegen. Wenn nun die Wertschätzung für unabhängige Medienprojekte wächst, beflügelt dies auch den gemeinnützigen Journalismus und die Recherche insgesamt.

Auf der anderen Seite wachsen die Finanzierungssorgen. Die Krise zwingt viele Menschen, ihre Ausgaben zu überdenken und zu sparen – ein Problem für spendenfinanzierte Medien. Sie fragen sich bereits: Schaffen wir einen Endspurt beim Spendensammeln in der Weihnachtszeit? Schwierig dürfte es auch für stiftungsfinanzierte Projekte werden, wenn Stiftungen ihre Förderbudgets umschichten oder kürzen müssen. Schon jetzt zeigt sich, dass Stiftungen zurückhaltender bei neuen Förderungen sind als zuvor. So entsteht eine paradoxe Situation: Der Bedarf für gemeinnützige Journalismus-Angebote wächst, die Finanzierung jedoch wird prekär.

Um über Lösungen für die Zukunft nachzudenken, hat das Institut für Journalistik der TU Dortmund eine wertvolle Reihe mit Fachgesprächen und Artikeln gestartet. Engagierte Stiftungen tauschen ihre Erfahrungen aus, im Deutschen Bundestag wurde über den Wissenschaftsjournalismus debattiert.

Während diese Diskussionen noch laufen, wurde in den vergangenen Wochen klar, wer schnell Akuthilfen und große Summen für den Journalismus mobilisieren kann: die Medienprogramme der Big-Tech-Unternehmen. Die Google News Initiative stellte schon Anfang April 6,5 Millionen US-Dollar für Fact-Checking-Initiativen weltweit zur Verfügung. Im European Journalism COVID-19 Support Fund, den das Facebook Journalism Project finanziert, werden derzeit drei Millionen US-Dollar vergeben. Der Run auf die Ausschreibung war riesig: Das European Journalism Centre, das den Hilfsfond verwaltet, musste mehr als 1.800 Bewerbungen aus ganz Europa bearbeiten, fast 1.000 davon für den Emergency Fund.

Der Ansturm zeigt: In ganz Europa kämpfen Medienorganisationen mit den wirtschaftlichen Folgen der Krise. Die Finanzspritzen von Google und Facebook sind da sehr willkommen, denn viele Medienprojekte haben schlicht keine andere Wahl, als sich um diese Gelder zu bemühen. Aber soll die Finanzierung von journalistischen Innovationen, lokalen Reporter:innen und Verifikationsdiensten tatsächlich so stark vom Wohlwollen und der Großzügigkeit der Digitalkonzerne abhängen?

Nein. Wir brauchen dringend andere Fördermodelle, um gemeinwohlorientierten Journalismus zu ermöglichen. Liebe Politik, liebe Stiftungen, liebe Freund:innen des aufklärerischen Journalismus: Jetzt wäre der richtige Moment, um solche Initiativen an den Start zu bringen!

Einen kleinen Beitrag möchten auch wir bei Netzwerk Recherche leisten. Zum einen starten wir heute diesen Newsletter aus der Welt des Nonprofitjournalismus, um regelmäßig die aktuellen Entwicklungen zu analysieren. Wir werden dokumentieren, wie kreativ, lebendig und bereichernd der gemeinnützige Journalismus bereits ist; aber auch Fehlentwicklungen oder Hürden möchten wir in den Blick nehmen. In unseren Newsletter-Rubriken fassen wir das Wichtigste aus der Branche zusammen (Rubrik „News“), präsentieren starke Recherchen aus gemeinnützigen Redaktionen oder hilfreiche Ressourcen („Lese-Tipps“) und porträtieren jeweils ein vorbildhaftes Medienprojekt („Rendezvous“). Wir freuen uns sehr, dass Ihr gleich beim Auftakt als Abonnent:innen dabei seid!

Zum anderen schreiben wir zum fünften Mal unsere Grow-Stipendien für gemeinnützigen Journalismus aus, damit noch mehr Projekte Wurzeln schlagen und wachsen können. Gemeinsam werden wir uns auf die Suche nach nachhaltigen Finanzierungsmodellen für den Recherche-Journalismus machen. Für die Vielfalt, für die Entwicklung neuer Ideen, gegen stetig bröckelnde Konzepte der Vergangenheit.

Gemeinnützige Medien seien wie „Pionierpflanzen, die das digitale Ökosystem von morgen mitgestalten“, sagt Volker Stollorz, Leiter des Sience Media Centers, das wir in unserer Newsletter-Rubrik „Rendezvous“ vorstellen. Ein treffendes Bild: In der Biologie werden jene Bäume und Sträucher als Pionierpflanzen bezeichnet, die unwirtliche Gegenden besiedeln. Sie sind besonders robust, erschaffen nach und nach einen vielfältigen Lebensraum – und sind ein wichtiger Helfer beim Küstenschutz.

Herzlichst

Thomas Schnedler

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STIPENDIEN FÜR GEMEINNÜTZIGEN JOURNALISMUS VON NETZWERK RECHERCHE UND SCHÖPFLIN STIFTUNG

Hast Du eine spannende Idee für ein journalistisches Projekt? Möchtest Du wissen, wie Du es finanzieren und organisieren kannst? Könnte Dein Projekt gemeinnützig sein? Möchtest Du von anderen Gründer:innen erfahren, wie sie ihre Idee erfolgreich umgesetzt haben?

Wir unterstützen Dich und Dein Projekt! Bewirb Dich jetzt!

Alle Informationen zum Grow-Stipendium und zum Bewerbungsverfahren findest Du hier.

NEWS

+++ Zeit Online baut für seine Dialog-Plattform „My Country Talks“, die aus der Aktion #DeutschlandSpricht entstanden ist, eine eigene gemeinnützige Organisation auf. „Wir hatten buchstäblich hunderte von internationalen Kooperationsanfragen, die wir bei Zeit Online nicht mehr bewältigen können“, erklärte Chefredakteur Jochen Wegner auf unsere Anfrage hin. Deshalb hole das neue Unternehmen in den kommenden Monaten ein kleines Team an Bord. Wie das Tochterunternehmen der Zeit heißen wird und welche Stiftungen es unterstützen werden, verrät der Verlag allerdings noch nicht. Einstweilen sucht er für die Leitung des Projekts noch Personal. +++

+++ Noch eine interessante Gründung: Das Verbraucherportal Finanztip ist jetzt Teil der neuen Finanztip Stiftung. Über die Stiftung sollen die Überschüsse von Finanztip in gemeinnützige Projekte zu Finanz- und Verbraucherthemen fließen, zum Beispiel in die Bildungsinitiative Finanztip Schule. +++

+++ Das globale Journalist:innen-Netzwerk Hostwriter bietet einen neuen Vermittlungsservice an: Redaktionen können über den COVID-19 Collaboration Wire Kontakt zu Journalist:innen auf der ganzen Welt knüpfen, die beim Fact-Checking helfen oder über die Situation vor Ort berichten können. Unterstützt wurde die Entwicklung des Tools vom Fast-Mover-Programm der Initiative Next Media Hamburg. +++

+++ Anfang Juli 2020 soll ein Report zu den Potenzialen des gemeinnützigen Journalismus in Deutschland erscheinen. Die Publikation möchte zudem einen Überblick über die wichtigsten Akteure im Nonprofitjournalismus liefern, funktionierende Geschäftsmodelle vorstellen und konkrete Handlungsempfehlungen für die Verantwortlichen in Politik und Stiftungswelt herausarbeiten. Verfasst wurde der Report vom Beratungsunternehmen Phineo, initiiert und finanziert von der Rudolf Augstein Stiftung, der Schöpflin Stiftung und Luminate. Das kostenlose Werk kann hier vorbestellt werden. +++

+++ Das Forum Gemeinnütziger Journalismus, das von Netzwerk Recherche mitgegründet wurde, hat Leitlinien veröffentlicht, die Antworten geben auf die Frage: Was ist gemeinnütziger Journalismus eigentlich? In dem Papier werden Transparenz, Selbstlosigkeit und ein redlicher Umgang mit Recherchen und Veröffentlichungen gefordert. +++

+++ Mehrere Förderprogramme sammeln derzeit Bewerbungen ein: Die Otto Brenner Stiftung vergibt neben ihrem Preis für kritischen Journalismus auch Recherchestipendien – Bewerbungsschluss ist der 30. Juni. Weniger Zeit bleibt allen, die die Zukunft des Journalismus mitgestalten wollen: Nur noch bis Montag (8. Juni) vergibt Next Media Hamburg seine Fast Mover-Förderung und zwei Tage später (10. Juni) läuft die Deadline für das Media Innovation Fellowship der Landesanstalt für Medien NRW ab. Darüber hinaus gewährt das europäische Förder-Konsortium Civitates eine mehrjährige Strukturförderung zur Stärkung von gemeinwohlorientierten Medienorganisationen (bis 30. Juni). Weitere europaweite Ausschreibungen für grenzüberschreitende Rechercheprojekte: das Investigation Support Scheme (14. Juni) und Money-Trail (15. Juni). Spezieller Hinweis für Journalist:innen mit Behinderung: Bewerbungsschluss für die Recherchestipendien der Noah Foundation ist Sonntag, der 7. Juni. +++

RENDEZVOUS

KENNST DU SCHON? DAS SCIENCE MEDIA CENTER

Wissenschaft ist ein weites Feld – von A wie Atomphysik bis Z wie Zoonosen. Weil auch die besten Wissenschaftsjournalist:innen sich nicht in allen Fachgebieten auskennen können, gibt es das Science Media Center Germany (SMC). Die unabhängige Wissenschaftsredaktion unterstützt nach britischem Vorbild Journalist:innen bei der Berichterstattung über Themen mit Wissenschaftsbezug. Das SMC erstellt aktuell kommentierte Listen relevanter Studien über COVID-19, damit sich die Kolleg:innen in den Redaktionen in der Flut an wissenschaftlichen Veröffentlichungen zurechtfinden. Datenreports sollen den mehr als 1.100 registrierten Journalist:innen bei der Einordnung von Statistiken helfen, Factsheets komplexe Themen erklären und (virtuelle) Presse-Konferenzen den Kontakt zu relevanten Forscher:innen vermitteln.

„Wir im SMC begreifen uns ein bisschen als Experten-Experten“, sagt SMC-Redaktionsleiter Volker Stollorz, der in Zeiten hoher Unsicherheit einen immensen Informationsbedarf bei Journalist:innen ausmacht. In der SMC-Datenbank sind mittlerweile mehr als 400 renommierte Forscher:innen gelistet, die bei aktuellen Entwicklungen um Einschätzungen gebeten werden. Ihre Statements können dann ohne Verweis auf das SMC für die Berichterstattung genutzt werden. Bei etwaigen Nachfragen helfen die Mitarbeiter:innen des SMC weiter. „Dieser ganze Service ist kostenlos“, sagt Nicola Kuhrt, Medizinjournalistin und Vorstandsmitglied der Wissenschafts-Pressekonferenz (die das SMC mit Hilfe der Klaus Tschira Stiftung ins Leben gerufen hat). „Ich finde, besser geht es nicht.“ (mw)

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LESE-TIPPS

BESSER ÜBER COVID19 BERICHTEN

Unterstützung für schwierige Recherchen in Krisenzeiten

Das Global Investigative Journalism Network sammelt hilfreiche Tipps für die Berichterstattung über die Corona-Pandemie und stellt interessierten Journalist:innen eine kuratierte Liste zu verschiedenen Themen zur Verfügung. Teil des Angebots ist unter anderem eine Webinar-Reihe (auch als Video-Aufzeichnung abrufbar), die sich mit Fragen zum finanziellen Überleben in der Krise genauso beschäftigt wie mit speziellen Recherchetrainings.

WARTEN AUF EIN WUNDER

Kochsalzlösung gegen Krebs

Mit dieser Methode knöpft ein (Zahn-)Arzt verzweifelten Krebspatient:innen tausende Euro ab. Recherchen von MedWatch deckten auf, dass er sein angebliches Wunderwasser „Powerlight“ offenbar aus Deutschland vertreibt. Weil seine Firma aber laut Impressum in den Niederlanden ansässig ist, droht die Strafverfolgung wegen unklarer Zuständigkeiten der Behörden zu versanden.

GLOBALER WETTKAMPF UM COVID-19-IMPFSTOFF

Wer bekommt den Impfstoff zuerst – und zu welchem Preis?

Das internationale Recherche-Team von Investigate Europe hat sich gemeinsam mit Medienpartnern wie dem Tagesspiegel und Republik die Finanzierung des Impf­stoffs genauer angeschaut. Weil die zugesagten Milliardenhilfen für die Forschungsunternehmen zu großen Teilen aus öffentlichen Geldern stammen, fordern Beobachter fairen Zugang zum fertigen Medikament. Aber noch knüpfen Regierungen und EU-Institutionen kaum Bedingungen an ihre massiven Finanzhilfen.

AUS DER WISSENSCHAFT I

Eine Einladung an das Publikum

Die US-amerikanische Forscherin Magda Konieczna hat untersucht, welche Rolle das Publikum für die beiden europäischen Recherchebüros Correctiv und das Bureau of Investigative Journalism spielt. Ihre Erkenntnis: Für die beiden Redaktionen hat die Zusammenarbeit mit den Leser:innen eine ähnliche Bedeutung wie für andere Nonprofits die Kooperation mit großen Medienhäusern. Denn ihr Ziel, die durch den Populismus bedrohte Demokratie zu stärken, können sie nur durch Einbindung und Empowerment der Bürger:innen erreichen.

MEDIEN IN DEN USA

Was bedeutet die Krise für den Journalismus?

„Das Immunsystem der Demokratie bricht vor unseren Augen zusammen.“ Monika Bäuerlein, CEO des gemeinnützigen US-Magazins Mother Jones, analysiert die beschleunigte Medienkrise in den Vereinigten Staaten in einem persönlichen Text. Die wirtschaftlichen Verwerfungen träfen den Journalismus just in einer Zeit, in der die Bekämpfung von Desinformation und die Kontrolle der Mächtigen wichtiger denn je seien. Damit die Reporter:innen des Magazins die Herkulesaufgaben des Jahres – die Folgen der Corona-Pandemie, die Unruhen, die Präsidentschaftswahl – bewältigen können, sollen nun bis Ende Juni Spenden in Höhe von 400.000 US-Dollar in der Community der Online-Leser:innen gesammelt werden.

AUS DER WISSENSCHAFT II

Recherche und Impact

Stiftungen, die journalistische Recherchen fördern, erwarten im Gegenzug Impact. Was man darunter genau versteht, hat Anna Driftschröer erforscht und bei Message beschrieben. Sie geht außerdem der Frage nach: Wie lässt sich Wirkung messen? Und was bedeutet die ganze Entwicklung  für Recherchen, deren Impact nicht oder nur schwer messbar ist? Sind sie weniger förderungswürdig? Für ihre Studie hat die Autorin mit führenden Stiftungsvertreter:innen auf dem Gebiet der Journalismusförderung gesprochen und deren Aussagen mit denen von Journalist:innen aus stiftungsfinanzierten Redaktionen verglichen.

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Hast Du kürzlich eine spannende Recherche von einer gemeinnützigen Redaktionen gelesen? Hast Du Ideen, wie wir SEED weiterentwickeln können? Fehlt etwas? Schreib uns dazu eine E-Mail, wir freuen uns über Hinweise und Feedback.

IMPRESSUM

Herausgegeben von Netzwerk Recherche e.V.

Greifswalder Str. 4, 10439 Berlin

Telefon: 030 49854012
www.netzwerkrecherche.org

Kontakt: seed@netzwerkrecherche.de

Vertretungsberechtigte Vorstandsmitglieder: Julia Stein, Cordula Meyer, Renate Daum

Eingetragen im Vereinsregister des Amtsgericht Charlottenburg, Vereinsnummer VR 32296 B.

Redaktion:
Dr. Thomas Schnedler (ts),
Malte Werner (mw)

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Der SEED-Newsletter ist Teil des NR-Projekts zum Nonprofitjournalismus, das von der Schöpflin Stiftung gefördert wird.