SEED Nr.5

Februar 2021

SEED Newsletter zum Nonprofitjournalismus
Der Newsletter zum Nonprofitjournalismus
von Netzwerk Recherche

HERZLICH WILLKOMMEN BEIM SEED-NEWSLETTER!

Liebe Leser:innen,

kürzlich haben wir bei Netzwerk Recherche über unsere Jahresplanung gesprochen. In diesem zweiten Corona-Jahr ist es besonders schwierig, Termine festzulegen, Meilensteine zu definieren, eine Vorstellung vom Vereinsleben zu entwickeln. Wann wird man sich endlich wieder persönlich treffen können? Welche Fragen treiben unsere Mitglieder um? Welche digitalen Angebote werden wirklich gebraucht? Die Unsicherheit ist groß, weil niemand genau sagen kann, was dieses Jahr bringen wird – das ist nicht nur bei uns so, sondern auch im Journalismus und in der Gesellschaft.

„Je weniger Halt man in der Gegenwart hat, desto weniger kann die Zukunft geplant werden.“ Dieser kluge Satz stammt vom Soziologen Zygmunt Bauman, formuliert in seinem Buch „Flüchtige Moderne“, lange bevor die Pandemie unser Leben auf den Kopf stellte. Vor ein paar Jahren habe ich mir von Bauman ein Buch signieren lassen, als er Gast der Digitalkonferenz re:publica war. In Berlin wurde der hochbetagte Wissenschaftler fast wie ein Popstar begrüßt, füllte die größte Halle, nach seinem Vortrag umringten ihn die Fans, um ein paar Worte mit ihm zu wechseln, um Selfies mit ihm zu schießen, um Autogramme zu bekommen.

Vor vier Jahren ist Zygmunt Bauman, der schon zu Lebzeiten als Klassiker der Soziologie galt, im Alter von 91 Jahren gestorben. Nun habe ich mir das Buch mal wieder zur Hand genommen, denn seine Analyse passt so gut, um unsere Situation zu verstehen. Unsere Zeit charakterisiert er als „liquid modernity“, als eine „Kombination von Unsicherheit (der eigenen Position, der Ansprüche und des Lebensunterhalts), Ungewissheit (in Bezug auf die Stabilität des Status quo) und der Sorge um die Unversehrtheit (des eigenen Körpers, der eigenen Person und aller Dinge, die daran hängen: Eigentum, Nachbarschaft, das weitere soziale Umfeld der ‚community‘).“

Die Ungewissheit erleben Journalist:innen derzeit sehr konkret: Werde ich meine Recherche vor Ort machen können? Ist gerade jetzt ein guter Moment, um mit meinem Medienprojekt zu starten? Kann ich mein Netzwerk bei einer Konferenz erweitern? (Nun ja, zumindest auf diese Frage gibt es schon ein paar Antworten: Das International Journalism Festival, das traditionell im Frühling im italienischen Perugia stattfindet – für 2021 ersatzlos gestrichen. Die Dataharvest, das europäische Gipfeltreffen der Daten- und Investigativjournalist:innnen – erneut nur digital. Die Jahreskonferenz von Netzwerk Recherche, unser Jahreshöhepunkt – vielleicht im Herbst (1./2. Oktober), bis dahin treffen wir uns online (z. B. 26. Juni).

Zur Ungewissheit gesellen sich existenzielle Sorgen, die sich um die Zahlung von angemessenen Honoraren, um die Stabilität der Arbeitsplätze in den Redaktionen oder um Förderzusagen im gemeinnützigen Journalismus drehen. Wie kann man als Medienprojekt in dieser prekären Situation bestehen? Unser Dachverband, das Global Investigative Journalism Network, hat in einem sehr lesenswerten Artikel Tipps der Fundraising-Expertin Bridget Gallagher und anderer Fachleute zusammengefasst.

Dass auch die dritte Dimension, die Zygmunt Bauman nennt – die Sorge um die körperliche Unversehrtheit – eine so wichtige Frage unserer Berufswirklichkeit geworden ist, erschreckt mich sehr. Reporter:innen werden bei Querdenken-Demonstrationen bedroht und bespuckt, Kamerateams des öffentlich-rechtlichen Fernsehens müssen sich von Bodyguards begleiten lassen. Die Zahl derartiger Vorfälle hat sich im vergangenen Jahr mehr als verdoppelt. In diesem Klima gerät die Pressefreiheit unter Druck.

Ungewissheit, Existenzangst, Schutzlosigkeit – das ist ein ziemlich bedrückender Dreiklang. Leider. Ich glaube aber, wir können dem etwas Starkes entgegensetzen: unsere Gemeinschaft, unsere Solidarität, unser Netzwerken. Was wenig hilft, sind flüchtige Spektakel und Events, betont Bauman in seinem Buch. Was wir brauchen, sind gemeinsame Anliegen, stetiger Austausch, Kollaborationen. Dieses Miteinander zu organisieren und zu ermöglichen, das ist unser wichtigster Antrieb in diesem außergewöhnlichen Jahr.

Herzliche Grüße

Thomas Schnedler

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STIPENDIEN FÜR GEMEINNÜTZIGEN JOURNALISMUS VON NETZWERK RECHERCHE UND SCHÖPFLIN STIFTUNG

Updates aus den von uns geförderten Projekten:

Lokalblog Nürnberg im Portrait: Der Bayerische Rundfunk widmet dem Lokalblog Nürnberg fast fünf Minuten Sendezeit. Der Beitrag erzählt die Geschichte hinter der Gründung, erläutert den besonderen (lösungsorientierten) Zugang der Redaktion zu den gewählten Themen und geht auf die finanziellen Herausforderungen eines Start-ups ein.

Karakaya Talks meldet sich mit frischen Inhalten zurück: Seit Januar stehen auf dem YouTube-Kanal der Sendung Gespräche zum Thema Wachstumskritik. Am Vorabend des Jahrestages des rassistischen Terroranschlags in Hanau veröffentlichen Esra Karakaya und ihr Team außerdem ein Gespräch mit Çetin Gültekin, dem Bruder des ermordeten Gökhan Gültekin, sowie dem Journalisten und Buchautor Mohamed Amjahid (18. Februar, 18 Uhr). Karakaya Talks sucht übrigens gerade Verstärkung im Bereich Community Management.

Reflekt zieht Bilanz für 2020: Die Schweizer Recherche-Redaktion entfachte mit ihren Artikeln Diskussionen über das Geschehen auf internationalen Finanzmärkten, Migration oder Textilproduktion und gewann zwei renommierte Schweizer Journalistenpreise. Aber das Team ruht sich nicht auf diesen Lorbeeren aus, sondern macht sich im Jahresbericht Gedanken zur Struktur der Organisation und darüber, wie sich etwa das Fundraising optimieren lässt.

NEWS

+++ Gemeinschaft im Verein: Das Forum Gemeinnütziger Journalismus hat einen Verein gegründet. Zehn Organisationen aus dem von Netzwerk Recherche mit aufgebauten Bündnis zur Stärkung des Nonprofitjournalismus gehören zu den Gründungsmitgliedern. An der Spitze des Vereins stehen Tabea Grzeszyk (Hostwriter), Oliver Moldenhauer (Investigate Europe) und David Schraven (Correctiv). Der Verein fordert die rechtliche Anerkennung von gemeinnützigem Journalismus in der Abgabenordnung. So könnten sich gemeinwohlorientierte, nicht kommerzielle Angebote neue Finanzierungsmöglichkeiten erschließen und die Medienvielfalt in Deutschland würde gestärkt. Langfristiges Ziel des Vereins ist es, den gemeinwohlorientierten Journalismus als Ergänzung zum privatwirtschaftlichen Journalismus und dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk im Mediensystem zu verankern. Netzwerk Recherche wird die Arbeit des Vereins als Mitglied des Beirats begleiten. +++

+++ Europaweite Mailing-List gestartet: Auf dem Weg zu einem europäischen Netzwerk von Nonprofit-Medien haben Arena for Journalism in Europe und Netzwerk Recherche, wie in SEED Nr. 4 angekündigt, eine Mailing-List für interessierte Journalist:innen gestartet. Die Austauschplattform ist in erster Linie für Redaktionen gedacht. Diese müssen nicht unbedingt steuerrechtlich als gemeinnützig anerkannt sein. Vielmehr zeichnet die Gruppe ihr gemeinsamer „non-profit-state-of-mind“ aus – eine Abkehr von traditionellen Geschäftsmodellen und ein Fokus auf gemeinwohlorientierte Berichterstattung. Wer Teil der Mailing-List werden möchte, kann sich hier eintragen. +++

+++ Erfolgreiche Kampagne: Die Zukunft von Deine Korrespondentin ist (vorerst) gesichert. Das Online-Magazin hatte Ende vergangenen Jahres um Spenden und Mitgliedsbeiträge geworben (siehe SEED Nr. 4), als „letztes Aufbäumen“ vor dem drohenden Aus. Offenbar mit Erfolg. Jetzt geht es an die Zukunftsplanung, in deren Zentrum ein stärkerer Austausch mit der Community steht. Was Pauline Tillmann bei der Etablierung des Online-Magazins und in der Szene der Medien-Start-ups gelernt hat, gibt sie nun in einem neuen Coaching-Programm für Gründer:innen im Journalismus weiter. „Mach dein Ding“ beinhaltet Einzelcoachings und Gruppentreffen zur Vernetzung. Das Programm wird – wie auch dieser Newsletter – von der Schöpflin Stiftung unterstützt und kooperiert mit dem Team des Podcasts „Was mit Medien“. Wer also in Zukunft sein Ding machen möchte, sollte sich rasch bewerben – die Frist läuft nur bis Sonntag, 21. Februar 2021. +++

+++ Die etwas andere Chefredaktion: Mit Journalismus auf Instagram möchte das neue Medienprojekt die_chefredaktion aus Österreich ein junges und vor allem diverses Publikum erreichen. „Menschen mit Migrationsbiografie und junge Menschen schaffen es normalerweise nicht in die Chefredaktion, jetzt haben sie eine eigene“, erklärt die frühere ORF-Journalistin Melisa Erkurt das von ihr geleitete Projekt. Finanziert wird die Arbeit der multikulturell besetzten Redaktion durch eine Stiftung, später sollen auch die Nutzer:innen für das neue Format spenden können. +++

+++ Letzter Ausweg Gemeinnützigkeit: In den USA setzen Lokalzeitungen verstärkt auf den Nonprofit-Status. Das erste große Blatt, das 2019 den Wechsel wagte, war The Salt Lake Tribune. Aktuell sammelt eine Zeitungsgruppe aus New Jersey Gelder, um den Wandel zu finanzieren. Auch in Chicago erhoffen sich viele lokale Medien von der Gemeinnützigkeit langfristig bessere Überlebenschancen. Experten sehen darin eine Möglichkeit, neue Finanzierungsquellen zu erschließen, warnen aber vor zu großen Erwartungen. +++

+++ Die Zeit ist reif: Ein neuer Report der Konrad-Adenauer-Stiftung verspricht nicht weniger als die Rettung des Journalismus. In Saving Journalism: A Vision for the Post-Covid World macht die Medienexpertin Anya Schiffrin von der Columbia University vier Kernbereiche einer nachhaltigen Finanzierungsstrategie für Nachrichten aus: Zahlungen von Internetkonzernen, staatliche Fördermittel, neue Geschäftsmodelle und Stiftungsgelder (siehe dazu auch Lese-Tipp: Aus der Wissenschaft). Vor allem die ersten beiden Vorschläge dürften in Deutschland für medienpolitische Diskussionen sorgen. Das Papier endet mit einem dringenden Appell: „Now is the time for donors and governments to spend heavily, coordinate, and push forward with efforts aimed at leveling the playing field with tech companies.“ +++

+++ Schweizer Zombie-Jäger: Seit der Medienkonzern Tamedia angekündigt hat, die Inhalte von Berner Zeitung und Bund künftig von nur noch einer Redaktion produzieren zu lassen, regt sich in Bern Widerstand gegen die drohende Presseeinfalt. So plant Verleger Norbert Bernhard die Gründung der Neuen Berner Zeitung und die Bürgerbewegung Courage Civil lotet aktuell das Interesse der Berner Bürger:innen an einem neuen Online-Magazin aus, bei dem nicht „Klicks und hohe Renditen“ im Zentrum stehen sollen. „Wir fragen, was ein Online-Magazin bieten muss, damit die Menschen es wertschätzen und Member werden.“ +++

+++ Expert:innen-Suche leicht gemacht: Dank des neuen ExpertExplorer können Journalist:innen jetzt ganz einfach Wissenschaftler:innen finden, die wirklich etwas zu einem Thema zu sagen haben. Das Science Media Center hat die Datenbank gemeinsam mit der Freien Universität Berlin entwickelt. Sie kann nach Stichworten durchsucht werden und spuckt dann eine Liste von Expert:innen aus, sortiert nach der Zahl und dem Impact ihrer Veröffentlichungen. Einziges Manko: Die Suchmaschine ist bisher beschränkt auf Wissenschaftler:innen aus dem Bereich Biomedizin. +++

+++ Freie Stelle für Freiheitsrechte: Die Vorkämpfer in Sachen Informationsfreiheitsrechte vom Portal FragDenStaat suchen Verstärkung für ihre Öffentlichkeitsarbeit und das Social Media-Management. 60 bis 100 Prozent-Stelle. Vergütung nach Tarifvertrag. Nettes Team. Wichtiges Anliegen. Bewerbungsfrist: 8. März 2021 +++

DREI FRAGEN

Für freie Journalist:innen hat die Corona-Pandemie die ohnehin schon oft prekären Arbeitsbedingungen noch einmal verschärft. Die Genossenschaft der RiffReporter erprobt nun eine neue Idee – einen Online-Marktplatz für freien Journalismus. Wir haben Christian Schwägerl dazu befragt.

Lieber Christian, Ihr habt mit den RiffReportern einen Online-Marktplatz für freien Journalismus ins Leben gerufen. Wie genau soll er funktionieren? 

Christian Schwägerl: Viele Publisher wollen ihr Angebot in den Bereichen Umwelt, Gesellschaft, Wissenschaft, Technik und Weltgeschehen verstärken und suchen nach qualitativ hochwertigen Beiträgen. In unserem digitalen Marketplace finden registrierte Publisher dieses Angebot von den mehr als 100 freiberuflichen Journalist:innen bei RiffReporter an einem Ort. Sie können die Beiträge zuerst für interne Diskussionen als PDF herunterladen. Wenn Publisher dann einen Beitrag für ihr Produkt nutzen wollen, können sie die gewünschten Rechte auswählen und die Beiträge zum jeweiligen Preis erwerben. Für Publisher schaffen wir damit eine neue Ressource für Qualitätsjournalismus. Im Gegensatz zu Agenturen gibt es bei uns keine Grundgebühr, bezahlt wird einzeln nach Beitrag.

Inwieweit kann die Lizenzierung ein Weg für freie Kolleg:innen sein, auf andere Standbeine – zum Beispiel in der PR – zu verzichten? 

Früher nannte man es „Bauchladen“, wenn Journalist:innen ihre Beiträge an mehrere Medien verkauften. Wir machen daraus einen komfortablen Marktplatz, mit dem Ziel, dass viele freiberufliche Journalist:nnen mit einer gemeinsamen Vermarktungsstruktur höhere Einnahmen erzielen. Denn die Honorare, die selbst große Medien für Recherche, Factchecking und Verfassen von Beiträgen bezahlen, sind nicht nachhaltig. Das ganze Geschäftsmodell von freiberuflichen Journalist:innen ist bedroht. Indem wir die Arbeit unserer Journalist:innen an einem Ort bündeln, wollen wir für sie neue Kund:innen gewinnen und ihre Verkäufe erhöhen. Was PR anbelangt, setzt unser Kodex ohnehin strikte Grenzen, aber ja, es gibt die Versuchung für Journalist:innen, mit PR das zu verdienen, was der Journalismus nicht abwirft. Es gehört zu unserer Mission, dass unsere Mitglieder ihren Lebensunterhalt durch Journalismus bestreiten können. Der mit Förderung der Digital News Initiative geschaffene Marketplace ist ein wichtiges Tool dafür.

Auch andere Gründer:innen versuchen gerade, eine solche Infrastruktur aufzubauen, zum Beispiel das Münchner Start-up „The Story Market“. Wenn Redaktionen aber an unterschiedlichen Orten, auf mehreren Marktplätzen nach Geschichten suchen müssen, frisst das Ressourcen. Verliert die Idee des Marktplatzes dann nicht an Attraktivität? 

Unser Marketplace ist bereits im Testbetrieb und geht bald für alle Publisher live. Es ist doch ein gutes Zeichen, wenn mehr als ein solches Angebot entsteht. Wir bauen den Marketplace für die Mitglieder unserer Genossenschaft. Er ist eingebunden in unsere weiteren Aktivitäten, die eigene Publikations-Webseite mit Bezahlmodellen, den Service für Veranstalter:innen, Speaker:innen zu finden, und die stiftungsgeförderten Recherchen. Diese vier Bereiche zusammen sollen das Geschäftsmodell freiberuflicher Journalist:innen stärken und die Gesellschaft mit gutem Journalismus versorgen. Wenn andere Angebote zum Beispiel internationale Vermarktung betreiben, ist das eine zusätzliche spannende Dimension von Syndikation. Wir glauben, dass wir auf einem durchaus großen Markt ein starkes Angebot machen.

Christian Schwägerl ist Journalist, Buchautor sowie Mitgründer und Vorstand der RiffReporter eG. Der studierte Biologe war Feuilletonkorrespondent der FAZ und Politikkorrespondent des Spiegel. Seit 2012 ist er freier Journalist. Für seine Arbeit hat er den Holtzbrinck-Preis für Wissenschaftsjournalismus und zahlreiche weitere Auszeichnungen erhalten. (ts)

RENDEZVOUS

Kennst Du schon? Belltower.News – Netz für digitale Zivilgesellschaft

Die Zweifel von damals wirken heute sonderbar. Als Simone Rafael, die heutige Chefredakteurin von Belltower.News, Anfang des neuen Jahrtausends für die Amadeu Antonio Stiftung an den ersten journalistischen Projekten zum Rechtsextremismus arbeitete, hörte sie immer wieder die gleichen Fragen: Warum berichtet ihr über Rechtsextremismus? Gibt es das überhaupt noch?

Es folgten die Mordserie des NSU, rechtsextreme Terroranschläge wie in Hanau oder Halle und der Aufstieg der AfD. Heute weiß Rafael, dass die Idee von damals „ziemlich richtig“ war, denn „das Thema ist seit 2002 eher größer geworden als kleiner“.

Rafael baute in Kooperation mit dem Stern die Seite www.mut-gegen-rechte-gewalt.de auf. Später entstand in Zusammenarbeit mit der Zeit das Netz gegen Nazis, der Vorläufer ihres aktuellen Projekts. Seit 2017 ist sie Chefredakteurin von Belltower.News.

„Wir wollen der Watchblog sein für alle demokratiegefährdenden Strömungen in unserer Gesellschaft“, sagt Rafael. So umfasst das Themenspektrum des Watchblogs mit dem Watchdog im Logo unter anderem auch Rechtspopulismus, Antisemitismus, Rassismus, Homo- und Transfeindlichkeit. Zwar finden diese Themen mittlerweile auch verstärkt in der Tagespresse statt, als Fachmedium sieht Rafael die Stärke von Belltower.News aber in der langfristigen Beobachtung der Szene.

Die drei Redakteur:innen (eine vierte Stelle soll in Kürze folgen) berichten nicht nur ereignisbezogen, sondern behalten Entwicklungen im Blick und beleuchten Hintergründe. Ihre Expertise stellt die Redaktion, die von der Amadeu Antonio Stiftung finanziert wird, auch anderen Medien zur Verfügung.

„Wenn man über Rechtsextremismus schreibt, hat man nicht nur Freunde“, sagt Rafael. „Das muss man aushalten können.“ Auch in finanzieller Hinsicht. Der gemeinnützige Journalismus helfe dabei, dem Druck auf die Redaktion besser Stand halten zu können. (mw)

 

Belltower.News

 

LESE-TIPPS

IM RAMPENLICHT

Dossier-Recherche über Red Bull auf Papier und im Theater

Die Recherchen der österreichischen Investigativ-Redaktion Dossier über den Red-Bull-Konzern kommen auf die Bühne. Das Volkstheater Wien inszeniert das Stück mit dem Titel „Die Recherche-Show” als „erlebbare Reportage” und verspricht eine „Symbiose von Journalismus und Entertainment”. Corona sei Dank können auch Nicht-Wiener die Vorstellung besuchen – per Livestream bequem vom Wohnzimmer aus. Wer die aktuellen Recherchen aus der Welt des enorm erfolgreichen Energydrinks und seines Gründers Dietrich Mateschitz lieber nachlesen möchte, kann das neue Magazin der Dossier-Redaktion („Red Bull – Ungesüßte Geschichten“) bestellen und im Online-Dossier stöbern – sei es zur 2020 eingestellten Recherche-Plattform Addendum (siehe SEED Nr. 2) aus der Red-Bull-Medienwelt oder zur Macht des Unternehmens im Profi-Fußball.

HÄUSLICHE GEWALT

Correctiv bündelt lokale Recherche-Power

Correctiv hat mit mehr als einem Dutzend Lokalzeitungen zusammengearbeitet, um deutschlandweit über häusliche Gewalt während der Pandemie zu recherchieren. In dieser neuartigen Form der Kooperation unter der Leitung von Correctiv.Lokal teilten die beteiligten Journalist:innen Rechercheergebnisse miteinander, werteten Daten aus und vermittelten Kontakte für Gespräche. Ein Ergebnis der Recherchen: Viele Frauen und Kinder, die Schutz in Frauenhäusern suchten, wurden abgewiesen, weil die Einrichtungen bereits überfüllt waren.

(WEISS-)RUSSLAND UNTER DER LUPE

Expert:innen von Dekoder behalten aktuelle Entwicklungen im Blick

Die Jagd auf Oppositionelle gehört in Russland und Belarus leider zum Alltag. Gut recherchierte Hintergründe zum Fall Alexej Nawalny oder zu den Protesten gegen Staatspräsident Lukaschenko hat die Redaktion von Dekoder in Themendossiers gesammelt. Um sich ein differenziertes Bild der Lage vor Ort machen zu können, bietet die Plattform Übersetzungen russischsprachiger Medien an und reichert sie mit Expertise aus der Wissenschaft an.

ZIEL VERFEHLT

Buschow vs. Bundespresseförderung

Medienökonom Christopher Buschow nimmt das vierseitige Konzeptpapier zur staatlichen Presseförderung auseinander und lässt kein gutes Haar an den Plänen des Wirtschaftsministeriums. Der darin skizzierte Fördermechanismus lege nahe, dass das Ministerium die ursprünglich geplante Zustellförderung für die Presse zu einer Innovationsförderung umetikettiert habe. Dadurch blieben entscheidende Innovationstreiber außen vor, zum Beispiel gemeinwohlorientierte, häufig stiftungsfinanzierte Non-Profit-Gründungen.

BLICK IN DIE GLASKUGEL

Die Nieman Lab Predictions zum Nonprofitjournalismus

In den jährlichen Vorhersagen zu aktuellen Entwicklungen im Journalismus hofft Rachel Schallom vom Fortune Magazine auf anhaltendes Wachstum im Bereich gemeinnütziger Medien, weil diese den nötigen Wandel in der trägen Branche voranbrächten. Es sei einfacher, etwas von Grund auf Neues aufzubauen als zu versuchen, ein starres System von innen heraus zu ändern. Wissenschaftler Jesse Holcomb weist in seinem Beitrag auf verschwimmende Grenzen zwischen den News-Nonprofits und dem „public-service journalism“ hin – etwa wenn sich klassische Redaktionen über Stiftungsgelder finanzieren. Eine solche Unschärfe müsse nicht unbedingt schlecht sein, schreibt Holcomb: „One positive outcome might be a sharper focus on mission as the unifier.“

WIEDERBELEBUNG

Wie neue Lokalmedien die Schweizer Presselandschaft bereichern

Wie in den Meldungen bereits geschrieben, tut sich gerade viel in der Schweizer Medienszene. Die Neue Zürcher Zeitung hat einen Blick auf neue, digitale Angebote im Lokaljournalismus geworfen und kommt zu dem Schluss: die jungen Redaktionen besetzen Nischen, ihre Finanzierung bleibt schwierig, Kooperationen machen das (Über-)Leben einfacher.

AUS DER WISSENSCHAFT

Studie „Platforms and Publishers: The Great Pandemic Funding Push“

Im Pandemie-Jahr setzten Facebook und Google große Unterstützungsfonds für die strauchelnde Medienbranche auf. Das Tow Center beobachtet den wachsenden Einfluss der Internetkonzerne auf den Journalismus seit Jahren und warnt in einer aktuellen Studie: „Es könnte gut sein, dass die durch Covid-19 verschärfte Krise dafür sorgt, dass es für eine umfassende Debatte über die Rolle von Google und Facebook im kollabierenden Lokaljournalismus zu spät sein wird.“

CRASH-KURS GEGEN DIE BRUCHLANDUNG

Business-Konzepte: Blabla oder echte Hilfe für Gründer:innen?

Hostwriter-Gründerin Tabea Grzeszyk teilt ihre Erfahrungen aus dem Entrepreneurial Journalism Creators Program der City University of New York. Dazu gehört, die Angst vor dem Business-Gerede („value proposition“) zu überwinden und sich mit den dahinterstehenden Theorien zu befassen: „Business concepts can be learnt, it’s not rocket science and a lot of these concepts are actually useful – why not give them a try?“

MIT NEWSLETTERN GELD VERDIENEN – GEHT DAS WIRKLICH?

Was wir von den Pionieren der Creator Economy lernen können

Thierry Backes, Projektredakteur der Süddeutschen Zeitung, hat zum Potenzial von Newslettern mehr als zwei Dutzend Interviews geführt. Seine Ergebnisse hat er nun für das Media Lab Bayern und im Podcast-Gespräch mit Was mit Medien zusammengefasst. Er resümiert: Allein von den Beiträgen seiner Community zu leben, sei für Journalist:innen sehr schwierig. Es gebe aber einen vielversprechenden Effekt: „Wer einen Newsletter oder einen Podcast betreibt, wird als Expert:in wahrgenommen, kann Vorträge halten oder Webinare geben.“

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Hast Du kürzlich eine spannende Recherche von einer gemeinnützigen Redaktion gelesen? Hast Du Ideen, wie wir SEED weiterentwickeln können? Fehlt etwas? Schreib uns dazu eine E-Mail, wir freuen uns über Hinweise und Feedback.

IMPRESSUM

Herausgegeben von Netzwerk Recherche e.V.

Greifswalder Str. 4, 10405 Berlin

Telefon: 030 49854012
www.netzwerkrecherche.org

Kontakt: seed@netzwerkrecherche.de

Vertretungsberechtigte Vorstandsmitglieder: Julia Stein, Cordula Meyer, Renate Daum

Eingetragen im Vereinsregister des Amtsgericht Charlottenburg, Vereinsnummer VR 32296 B.

Redaktion:
Dr. Thomas Schnedler (ts),
Malte Werner (mw)

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Der SEED-Newsletter ist Teil des NR-Projekts zum Nonprofitjournalismus, das von der Schöpflin Stiftung gefördert wird.