Erklärung des Vorstands von Netzwerk Recherche e.V. zu den Vorgängen bei Ippen und Springer

Der Vorstand von Netzwerk Recherche e.V. fordert den Verlag Ippen auf, die Unabhängigkeit seiner Redaktionen zu respektieren, und solidarisiert sich mit dem verlagseigenen Investigativ-Team und dessen Leiter Daniel Drepper, der seit Oktober Erster Vorsitzender von Netzwerk Recherche ist. Daniel Drepper war am Aufsetzen und Veröffentlichen dieser Erklärung nicht beteiligt.

Das kurzfristige Stoppen einer aufwendigen Recherche auf Weisung des Verlegers Dirk Ippen stellt eine nicht hinnehmbare Einmischung in redaktionelle Abläufe und eine gefährliche Aushöhlung der redaktionellen Unabhängigkeit dar. Dirk Ippen habe vermeiden wollen, durch eine Veröffentlichung die wirtschaftlichen Interessen eines Wettbewerbers zu schädigen, hieß es in einer Mitteilung des Verlags. Ippen hat damit eine Grenze überschritten und der Pressefreiheit Schaden zugefügt.

Wir möchten auf diesem Weg unsere Solidarität mit dem Team von Ippen Investigativ und unserem Ersten Vorsitzenden, Daniel Drepper, ausdrücken. Es ist richtig und wichtig, dass die Rechercheabteilung umgehend Protest gegen die Entscheidung des Verlegers eingelegt hat. Jetzt ist es an Dirk Ippen, seinen Fehler einzugestehen, sich bei der Redaktion zu entschuldigen und seine Entscheidung zu revidieren.

Weil zu befürchten ist, dass auch Kolleginnen und Kollegen in anderen Medienhäusern vergleichbare Eingriffe in ihre redaktionelle Arbeit erleben, bieten wir allen betroffenen Journalistinnen und Journalisten unsere volle Unterstützung an und bitten um entsprechende Hinweise.

Neben aller berechtigter Kritik an Ippen dürfen wir aber auch den Gegenstand der zurückgehaltenen Recherche nicht aus den Augen verlieren. Die Vorgänge im Springer-Verlag und das Verhalten von Bild-Chefredakteur Julian Reichelt sind mit dem verlagsinternen Compliance-Verfahren keinesfalls erschöpfend aufgearbeitet, wie die aktuelle Berichterstattung der New York Times zeigt. Hier hätte Ippen gut daran getan, mit der Recherche zur Aufklärung beizutragen und Missstände in der eigenen Branche klar zu benennen.

Sachsen will Transparenzgesetz verabschieden – mit Schwächen

Die Landkarte der Informationsfreiheit weist derzeit noch drei weiße Flecken auf: In Sachsen, Niedersachsen und Bayern gibt es nach wie vor keinen allgemeinen Anspruch auf Zugang zu Informationen öffentlicher Stellen. Das soll sich unter der sächsischen Regierungskoalition von Union, SPD und Grünen nun ändern: Ein Kabinettsentwurf für ein Transparenzgesetz liegt vor und ist in die Phase der Anhörungen gegangen. Netzwerk Recherche begrüßt den Schritt, endlich auch in Sachsen mehr Transparenz zu wagen, sieht aber an vielen Stellen Nachbesserungsbedarf. Weiterlesen

Verleihung des Friedensnobelpreises: „Starkes Signal für den Journalismus und die Pressefreiheit weltweit“

„Wir beglückwünschen Maria Ressa und Dmitri Muratow zum Friedensnobelpreis und danken ihnen für die wichtige Arbeit, die sie gemeinsam mit ihren Redaktionen in einem schwierigen Umfeld Tag für Tag leisten. Die Ehrung ist aber nicht nur eine persönliche Würdigung ihrer Arbeit, sondern ein starkes Signal für den Journalismus und die Pressefreiheit weltweit“, sagte der Erste Vorsitzende von Netzwerk Recherche e. V. (nr), Daniel Drepper, über die Entscheidung aus Oslo.

Die langjährige Vorsitzende und nun im nr-Vorstand für Internationales kooptierte Julia Stein ergänzte: „Wer Maria Ressa bei der Global Investigative Journalism Conference 2019 in Hamburg erlebt hat, konnte ihren Mut, ihre Kraft und ihre Überzeugung, für eine richtige wie wichtige Sache einzustehen, deutlich spüren. Auch wenn die Attacken, denen sie, genauso wie Dmitry Muratov, ausgesetzt ist, durch die Verleihung des Friedensnobelpreises nicht aufhören – die Auszeichnung ist ein Statement an alle mutigen Kolleginnen und Kollegen weltweit: Ihr seid nicht allein!“

Mehr zum Thema:

Maria Ressas Dankesrede anlässlich der Verleihung des Global Shining Light Awards auf der Global Investigative Conference 2019 in Hamburg als Video und Transkript.

 

 

Grow-Stipendien: Drei Redaktionen ausgezeichnet

Wir gratulieren allen Grow-Gewinner:innen – mit einem Glas Sekt beim Get-together von Netzwerk Recherche am designxport in Hamburg (Foto: Thomas Schnedler).

Die Gewinner:innen der Grow-Stipendien für gemeinnützigen Journalismus und Medienvielfalt stehen fest. Drei Medienprojekte wurden nach einem Online-Pitch mit der mit 3.000 Euro dotierten Förderung von Netzwerk Recherche und Schöpflin Stiftung ausgezeichnet. Die Wahl der Jury fiel auf das investigative Kollektiv Das Lamm aus der Schweiz, das lokaljournalistische Online-Magazin Wokreisel aus Brandenburg und den INKA-Verlag aus Karlsruhe.

Der INKA-Verlag gibt derzeit ein Stadtmagazin, eine Zeitung und ein Online-Magazin heraus. Der Verlag möchte nun im Rahmen der Grow-Förderung prüfen, ob er sich in gemeinnütziger Form reorganisieren kann, um dauerhaft für Medienvielfalt in der Region zu sorgen. Florian Kaufmann, Redakteur im INKA-Team, sagt: “Wir möchten den INKA-Verlag erhalten, die Recherchekompetenzen und unsere Rolle als bürgerschaftliche, alternative und kritische Stimme des Lokaljournalismus ausbauen und zum gemeinnützigen Journalismus inspirieren.”

Ausgezeichnet wurde zudem das Online-Magazin Das Lamm aus Zürich. Die Redaktion, die als journalistisches Kollektiv organisiert ist, widmet sich nicht nur mit kritischem Blick der Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in der Schweiz, sondern recherchiert auch international, zum Beispiel zu sozialen Bewegungen in den Ländern des globalen Südens. Nun möchte das Team mit der Unterstützung des Grow-Stipendiums neue Netzwerke knüpfen, die Zusammenarbeit mit gemeinnützigen Organisationen ausbauen und die Reichweite der Geschichten erhöhen: “Unter unseren Leser:innen sind wir bekannt für unsere fundierten Recherchen. Mit dem Stipendium wollen wir mehr Leute mit diesen Recherchen erreichen”, sagt Malte Seiwerth aus dem Redaktionskollektiv.

Das dritte Stipendium ging an das lokaljournalistische Online-Magazin wokreisel.de aus dem Landkreis Dahme-Spreewald. Die Gründerin Dörthe Ziemer und ihr Team möchten sich in ihrer Berichterstattung dem gesamten Landkreis widmen, durch den nach ihrem Eindruck eine historisch bedingte, unsichtbare Grenze verläuft. Zu diesem Anspruch passt auch der Name des Projekts: Wokreisel ist ein Wortspiel mit dem niedersorbischen Wort für Kreis (wokrejs). Dörthe Ziemer sagt: “Mithilfe des Stipendiums möchte ich meinen journalistischen Horizont gern durch medienunternehmerisches Know-how erweitern und einen intensiven Austausch mit ähnlichen Projekten aufbauen, um den gemeinnützigen (Lokal-)Journalismus gemeinsam voranzubringen.”

Im Pitch-Wettbewerb um die Grow-Stipendien traten die besten fünf Medienprojekte aus dem Kreis der Bewerber:innen gegeneinander an, anschließend kürte die Jury die Gewinner:innen. In der Jury saßen Vanessa Wormer (Netzwerk Recherche/SWR X Lab), Tabea Grzeszyk (Hostwriter), Elisa Simantke (Investigate Europe), Christian Humborg (Wikimedia), Lukas Harlan (Schöpflin Stiftung) und Thomas Schnedler (Netzwerk Recherche). Die Stipendiat:innen werden in den kommenden Monaten an der Realisierung ihrer Ideen arbeiten, begleitet und beraten von Netzwerk Recherche. Die Grow-Stipendien werden seit 2016 von Netzwerk Recherche und der Schöpflin Stiftung vergeben.

Verschlossene Auster 2021 geht an die Hohenzollern

Foto: Raphael Hünerfauth

Die Verschlossene Auster 2021 geht an die Hohenzollern. Mit dem Negativpreis zeichnet die Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche den Informationsblockierer des Jahres aus. Die Organisation begründet die Vergabe des Preises an die Adelsfamilie mit dem Umgang von Georg Friedrich Prinz von Preußen mit Journalist:innen und Wissenschaftler:innen. Diese werden von ihm und seinen Vertretern mit Dutzenden von Klagen überzogen – was die Freiheit der Berichterstattung und die öffentliche Diskussion über grundsätzliche Fragen der deutschen Geschichte bedroht. Der Historiker Martin Sabrow, Direktor des Leibniz-Zentrums für Zeithistorische Forschung (ZZF) in Potsdam bezeichnete das Verhalten der Hohenzollern als „Unkultur der Einschüchterung“.

„Über Gerichte und Anwaltsschreiben versucht der Sprecher der Hohenzollern, Georg Friedrich Prinz von Preußen, Berichterstattung zu beschneiden, die sich um die historisch bedeutsame Frage dreht, ob seine Vorfahren dem Nationalsozialismus erheblichen Vorschub geleistet haben und ob er damit zu Recht oder zu Unrecht auf Entschädigung für enteignete Immobilien und Kunstwerke streitet“, heißt es in der Begründung von Netzwerk Recherche. Die Einladung zur Entgegennahme des Preises auf der nr21–Online-Konferenz – und damit zur Gegenrede –, nahmen die Hohenzollern nicht an. Sie teilten schriftlich mit: „Der Begründung Ihrer Entscheidung ist hinzuzufügen, dass das Vorgehen von Georg Friedrich Prinz von Preußen sich zu keiner Zeit gegen eine Berichterstattung als solche, sondern gegen die Verbreitung von Falschinformationen innerhalb von einzelnen Berichterstattungen richtete, da die Meinungsbildung auf Grundlage korrekter Information ein Privileg unserer demokratischen Gesellschaft darstellt.“

In ihrer Laudatio auf den Preisträger sagte Sophie Schönberger, Professorin für Kunst- und Kulturrecht an der Universität Düsseldorf, über Historiker:innen und Journalist:innen: „Nicht wenige äußern sich mittlerweile lieber gar nicht mehr, aus Sorge sonst Post vom Anwalt zu bekommen und möglicherweise auch gerichtlich belangt zu werden.“ Schönberger hat rund 80 Klagen des Hauses Hohenzollern dokumentiert. Sie sagte, Georg Friedrich Prinz von Preußen habe ein Klima erzeugt, „in dem die freie Meinungsäußerung Selbstbeschränkungen unterliegt“. Sein Fall zeige: Das Recht könne „instrumentalisiert werden, um eine öffentliche Debatte zu ersticken“.

Grow-Pitch: Wer setzt sich im Wettbewerb durch?

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Grow-Pitch: Die Zeit läuft (Foto: Franziska Senkel).

Fünf Medienprojekte haben es in den Pitch um die Grow-Stipendien für gemeinnützigen Journalismus geschafft. Sie werden ihre Ideen nun der Jury persönlich vorstellen; anschließend werden bis zu drei Projekte mit dem Grow-Stipendium von Netzwerk Recherche und Schöpflin Stiftung ausgezeichnet.

Mit dabei ist der INKA-Verlag aus Karlsruhe, der ein Stadtmagazin, eine Zeitung und ein Online-Magazin herausgibt. Der Verlag möchte prüfen, ob er sich in gemeinnütziger Form reorganisieren kann, um dauerhaft für Medienvielfalt in der Region zu sorgen. Florian Kaufmann, Redakteur im INKA-Team, sagt: “Wir möchten den INKA-Verlag erhalten, die Recherchekompetenzen und unsere Rolle als bürgerschaftliche, alternative und kritische Stimme des Lokaljournalismus ausbauen und zum gemeinnützigen Journalismus inspirieren.”

Die Fernsehjournalistin Stefanie Helbig entwickelt derzeit ein investigatives YouTube-Format, bei dem das Publikum den journalistischen Arbeitsprozess miterleben kann. “Ich möchte auf einem YouTube-Kanal zusammen mit der Community recherchieren und durch Nachvollziehbarkeit ihre Beziehung zu Journalismus stärken”, so Stefanie Helbig. Die Formatentwicklung mit dem Arbeitstitel “Auf Recherche” wird derzeit im Creator Program for Independent Journalists der Google News Initiative gefördert.

Im Pitch-Wettbewerb wird außerdem das Online-Magazin Das Lamm aus Zürich antreten. Die Redaktion, die als journalistisches Kollektiv organisiert ist, widmet sich nicht nur mit kritischem Blick der Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in der Schweiz, sondern recherchiert auch international, zum Beispiel zu sozialen Bewegungen in den Ländern des globalen Südens. Nun möchte das Team neue Netzwerke knüpfen, die Zusammenarbeit mit gemeinnützigen Organisationen ausbauen und die Reichweite der Geschichten erhöhen: “Unter unseren Leser*innen sind wir bekannt für unsere fundierten Recherchen. Mit dem Stipendium wollen wir mehr Leute mit diesen Recherchen erreichen”, sagt Malte Seiwerth aus dem Redaktionskollektiv.

Ein lokaljournalistisches Projekt aus Brandenburg tritt ebenfalls an – das Online-Magazin wokreisel.de aus dem Landkreis Dahme-Spreewald. Die Gründerin Dörthe Ziemer und ihr Team möchten sich in ihrer Berichtersattung dem gesamten Landkreis widmen, durch den nach ihrem Eindruck eine historisch bedingte, unsichtbare Grenze verläuft. Zu diesem Anspruch passt auch der Name des Projekts, das derzeit im Lokaljournalismus-Programm der Medienanstalt Berlin-Brandenburg gefördert wird: Wokreisel ist ein Wortspiel mit dem niedersorbischen Wort für Kreis (wokrejs). Dörthe Ziemer sagt: “Mithilfe des Stipendiums möchte ich meinen journalistischen Horizont gern durch medienunternehmerisches Know-how erweitern und einen intensiven Austausch mit ähnlichen Projekten aufbauen, um den gemeinnützigen (Lokal-)Journalismus gemeinsam voranzubringen.”

Der fünfte Kandidat ist das Innovationslabor White Lab, das von den beiden Hamburger Journalistinnen Meena Stavesand und Anja Kollruß gegründet wurde. Sie produzieren Podcasts und verschicken einen Newsletter zu Trends und Innovationen im Journalismus. Die beiden Gründerinnen sagen: “White Lab ist unser Herzens-, aber derzeit noch Nebenprojekt. Durch das Grow-Stipendium erhoffen wir uns das Wissen und die Unterstützung aus dem Netzwerk, um unser Innovationslabor professioneller aufzustellen, noch mehr Kolleg:innen zu erreichen und unsere Branche durch die innovativen Inhalte nachhaltiger zu gestalten.” Weiterlesen

20 Jahre Netzwerk Recherche – das Magazin zum Jubiläum

20 Jahre Netzwerk Recherche – das muss gefeiert werden!

Die große Party müssen wir leider später nachholen. Aber das Geburtstagsgeschenk gibt es schon jetzt: ein Magazin zum Jubiläum. Wir blicken zurück und nach vorn – und sind sehr dankbar für die Impulse aller Kolleginnen und Kollegen, die sich mit ihren Beiträgen beteiligt haben.

Jetzt als pdf herunterladen. nr-Mitglieder erhalten ein gedrucktes Exemplar per Post. Wer (noch) kein Mitglied ist, schickt uns bitte einen mit 2,70 € frankierten C4-Rückumschlag an Netzwerk Recherche, Greifswalder Straße 4, 10405 Berlin – oder holt sich ein Exemplar in der nr-Geschäftsstelle ab.

Newsletter Netzwerk Recherche, Nr. 201, 23.09.2021

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

heute schreibe ich zum letzten Mal an dieser Stelle – denn bei unserer nächsten Mitgliederversammlung werde ich nicht mehr zur Wahl antreten. Sechs Jahre lang war ich Erste Vorsitzende des netzwerk recherche, zwei Jahre davor zweite. Nun ist meine Zeit vorbei – wenn ich mich auch immer wieder mit ganzem Herzen fürs Netzwerk engagieren werde.

Wenn ich zurückschaue, kommen mir sogleich unendlich viele Bilder und Begegnungen in den Sinn. Von Kolleginnen und Kollegen, die für ihre Arbeit brennen. Vor allem aber hat sich ein ganz bestimmtes Gefühl eingeschrieben und wird für mich immer mit dem Netzwerk verbunden sein: der Drang und die Lust, etwas gemeinsam hinzubekommen.

Ich denke an meine ersten Jahrestagungen vor mehr als 15 Jahren, die ich damals aufgesogen habe wie ein Schwamm. Die Recherchen der anderen, die eigenen Themen, das Ringen um Positionen und die Freude, viele Kolleginnen und Kollegen kennenzulernen und wiederzusehen – das hat mich begeistert. Ich habe alle Jahre wieder mitorganisiert. Es waren Extremsituationen und dennoch war es nicht zehrend, sondern am Ende immer inspirierend und kraftspendend. Danke, lieber Kuno Haberbusch und danke an alle, die Kolleginnen und Kollegen vom NDR, an alle in unserer Geschäftsstelle, die uns immer wieder aufs Neue fantastische Erlebnisse beschert haben. Weiterlesen

Fachtag zur Nachrichtenkompetenz der Generation Z

Fachtag Scoopcamp

Keynote von Pulitzer-Preisträger Alan Rusbridger.

Über welche Formate, Kanäle und Inhalte erreichen seriöse Nachrichten junge Menschen? Wie können Medienschaffende Jugendliche für Nachrichten begeistern? Und wie lässt sich das Verständnis von Journalismus der Generation Z verbessern? Um diese und weitere Fragen ging es beim Fachtag Nachrichtenkompetenz, den nr gemeinsam mit nextMedia.Hamburg und dem Amt Medien der Stadt Hamburg im Rahmen des diesjährigen Scoopcamps veranstaltete. Hier geht es zum Stream der Veranstaltung am 15. September.

Eröffnet wurde die Konferenz durch Carsten Brosda, Hamburgs Senator für Kultur und Medien, und Julia Becker, Aufsichtsratsvorsitzende der Funke Mediengruppe. „Nachrichtenkompetenz ist mehr als ein Schlagwort im Bildungsdiskurs. Sie ist gleichermaßen für die informierte Öffentlichkeit und die Medienbranche von fundamentaler Bedeutung. Denn wer den Wert seriöser Nachrichten nicht erkennen kann, wird auch nicht bereit sein, dafür zu bezahlen“, so Brosda. Funke-Verlegerin Becker bezeichnete die Aufgabe, junge Menschen zu erreichen, als „die größte Herausforderung, die die Verlage in den kommenden Jahrzehnten beschäftigen wird“. Becker sagte: „Wir müssen nachhaltig darüber nachdenken, wo unsere zukünftigen Zielgruppen unterwegs sind, und wir müssen sie dort ansprechen und nicht nur über sie sprechen.“

„Why should they believe us?“ lautete der provokante Titel der Keynote von Pulitzer-Preisträger Alan Rusbridger. „Jede Generation ist anders, aber die Generation Z scheint besonders anders zu sein“, so der ehemalige Guardian-Chefredakteur. Aufgewachsen mit 9/11, Finanzkrise, Klimakrise und Coronakrise seien die „born digitals“ von Unsicherheit geprägt und hätten nur wenig Vertrauen in die etablierten Institutionen. Die klassischen Medien unterschätzten, wie sehr auch ihnen als Teil der herrschenden Eliten misstraut werde, warnte Rusbridger und forderte alle Medienschaffenden auf: „Try to get inside the mind of generation Z!“

Wie das gelingen kann, diskutierten Isabell Beer (funk), Annelie Naumann (ZDF Magazin Royale), Achim Pollmeier (ARD-Magazin Monitor) und Steffen P. Walz (Game-Designer) auf dem Panel „Tagesschau statt Fortnite – Wie erreicht seriöser Journalismus das junge Publikum?“. Beer plädierte dafür, die eigene Rolle als Journalistin neu zu denken. Durch mehr Nahbarkeit und direkte Einblicke in die eigene Arbeitsweise könnten Journalistinnen und Journalisten Vertrauen schaffen und nebenbei sogar die Medienkompetenz ihres Publikums verbessern. Kritik übte Beer an der Journalistenausbildung, die dafür sorgt, dass Berufseinsteiger zu Beginn ihrer Laufbahn eigentlich schon zu alt seien, um die jungen Zielgruppen zu verstehen. Ihre Empfehlung an die traditionellen Medien: „Holt junge Leute, die selbst schon im Netz erfolgreich sind, ins Team.“

Die Rolle von Influencer*innen und deren Einfluss auf die Meinungsbildung junger Menschen war Thema des Panels „Frenemies der demokratischen Öffentlichkeit?“. Der YouTuber und Journalist Mirko Drotschmann („MrWissen2go“, funk), die Autorin Nena Schink, der YouTuber und Filmkritiker Wolfgang M. Schmitt („Filmanalyse“) und Zeit Online-Chefredakteur Jochen Wegner diskutierten darüber, was Influencer und Journalistinnen voneinander trennt und was sie verbindet. Das Fazit: Eine klare Abgrenzung ist schwierig, die Schnittmengen werden eher größer und beide Gruppen können durchaus voneinander lernen – etwa was die Ansprache eines jüngeren Publikums angeht.

Aber „Was will die Generation Z?“ denn nun wirklich? Darüber diskutierten Etienne Gardé, Mitgrübnder der Rocket Beans TV, Hüdaverdi Güngör, Redaktionsleiter von Salon5, der Jugendredaktion von CORRECTIV, Jan Müller von Snap Inc. und Lucie Pankonin aus dem Projekt #UseTheNews beim Abschlusspanel des Fachtags. Das Ergebnis der Runde: Inhalte, die einen engen Bezug zur Lebenswirklichkeit junger Menschen haben, haben in der Aufmerksamkeitsökonomie die besten Chancen, diese auch wirklich zu erreichen.

Ermöglicht wurde der Fachtag durch die Unterstützung der Schöpflin Stiftung und der Zeit-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius.

Newsletter Netzwerk Recherche, Nr. 200, 25.08.2021

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

es sind verstörende Bilder, die uns täglich die unerträgliche Situation am Flughafen in Kabul vor Augen führen: Wir sehen das Chaos und die Verzweiflung, fühlen die Ohnmacht und die Panik, hören die Schüsse, erfahren von Toten. Und das inmitten von weinenden Kindern und mitfühlenden, aber offenbar überforderten Soldaten. Wir sind weit weg vom Geschehen, aber – wegen der Wucht der Schreckensbilder – gefühlt doch ganz nah dabei.

Doch was wissen wir eigentlich tatsächlich? Die Emotionen sind gewaltig, die überprüfbaren Fakten sehr gering. Das beginnt schon mit den Bildern: Wer hat sie gedreht, wer hat sie bearbeitet, wer hat entschieden, was uns gezeigt werden soll – und was nicht? Quellenangaben (z.B. US-Armee oder Bundeswehr) gibt es nur ganz selten. Die Einordnung der Bilder, die Kommentierung der Lage (nicht nur) für das deutsche Fernsehen erfolgt in aller Regel durch Journalisten, die sich in Taschkent, Dehli oder Istanbul aufhalten. Und auch die Printkollegen sind weit weg. Dies ist kein Vorwurf, sondern lediglich eine Feststellung. Aber führt dennoch zur Frage: Sind wir wirklich ganz nah dabei? Stimmt das alles, was wir sehen, lesen und hören? Oder – noch nachdenkenswerter – was sehen, lesen und hören wir nicht?

“THE WORLD NEEDS JOURNALISTS” – das stand für alle sichtbar auf dem Shirt von Clarissa Ward. Diese mutige Kollegin blieb auch nach dem Sturm der Taliban in Kabul, berichtete mit ihrem Team unerschrocken über all das, was sich außerhalb des Flughafens ereignete. Ihre Bilder zeigten Straßenszenen, wo es praktisch keine Frauen mehr gab. Schaufenster, die von eventuell zu freizügigen Motiven “gereinigt” wurden. Einwohner, die aus Angst nicht mehr reden wollten. Alles kontrolliert von schwer bewaffneten Milizen der Taliban. Doch dann wurde es ihrem Haussender CNN zu gefährlich, er zog sie ab. Also verließ wohl die letzte Journalistin aus dem Westen das Land. Weiterlesen