G20-Akkreditierungen: Versagen und Willkür

netzwerk recherche hat das Versagen des Bundespresseamts, des Bundeskriminalamtes und anderer Sicherheitsbehörden beim Entzug von Presseakkreditierungen während des G20-Gipfels scharf kritisiert:

„Sechs Wochen nach dem Gipfel werden Abgründe im Umgang der Sicherheitsbehörden mit den Rechten von Journalisten sichtbar – und ein erstaunliches Maß an Verachtung rechtsstaatlicher Prinzipien“, sagt Julia Stein, Vorsitzende von netzwerk recherche.

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Newsletter Netzwerk Recherche, Nr. 152, 18.08.2017

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

ich komme nicht hinweg ueber eine Geschichte, die Ende Juni fuer ein paar kleine, aber immerhin bundesweite Schlagzeilen gesorgt hat: Eine franzoesische Familie, im Wohnmobil in Schleswig-Holstein unterwegs, wollte gern nach Sylt fahren. Statt den Zug zu nehmen, entschieden sich die vier, lieber selbst mit dem Fahrrad zu fahren. Der Fahrradweg ueber den Hindenburgdamm war immerhin bei Google Maps angegeben. Quasi einmal durchs Meer radeln, was fuer ein Abenteuer! Auch als die Familie ihre Mountainbikes ueber das Zufahrtstor der Strecke hieven musste, wunderte sie sich kaum. Selbst dann nicht, als sie auf dem mehr als 11 Kilometer langen Betriebsweg gar keine anderen Fahrradfahrer trafen. Sondern erst, als sie in Westerland von der Bundespolizei begruesst wurden. Smartphone ist Smartphone. Was kuemmert einen da die Realitaet?

Was hat das mit Journalismus zu tun? Natuerlich nichts, ausser, dass das auf den ersten Blick eine lustige Geschichte ist, die erzaehlt werden will. Bei der man kurz im Internet versackt, weil man auf viele weitere ulkige Google-Fehler und Anekdoten stoesst: Offenbar ist es naemlich gar nicht so aussergewoehnlich, dass Menschen dem Smartphone oder Google mehr Vertrauen schenken als ihrem gesunden Menschenverstand. Und als ihren eigenen Augen. Weiterlesen

M100 Colloquium 2017 mit Can Dündar

Can Dündar (Chefredakteur Cumhuriyet) Foto: Raphael Hünerfauth

Can Dündar auf der nr-Jahreskonferenz 2016. Foto: Raphael Hünerfauth

„Demokratie oder Despotie? Die Renaissance der dunklen Maechte“ ist das Thema des M100 Sanssouci Colloquiums 2017. Eröffnungsredner ist nr-Leuchtturmpreisträger Can Dündar, Chefredakteur der türkisch-deutschen Nachrichtenplattform „Özgürüz“ und ehemaliger Chefredakteur der Zeitung „Cumhuriyet“. Preisträgerin des M100 Media Awards 2017 ist Natalja Sindejewa, Gründerin und Geschäftsführerin von Doshd TV.

Teile des Programms werden auf Facebook live gestreamt, außerdem gibt es ein Liveblog.

Zuvor, von 8. bis 14. September, findet der M100 Young European Journalists Workshop „How to finance independent Journalism – Education, Platforms, Business Models“ statt. An dem Workshop nehmen 15 Journalisten zwischen 18 und 27 Jahren aus den Ländern der Östlichen Partnerschaft und Russland teil. Im Rahmen des Programms „Campus für gemeinnützigen Journalismus“ unterstützte netzwerk recherche die Vorbereitung des Workshops.

nr bewirbt sich um die Ausrichtung der Global Investigative Journalism Conference 2019

GIJC-BewerbungIn Hamburg könnte 2019 die wichtigste internationale Recherchejournalismus-Konferenz stattfinden: Gemeinsam mit der Interlink Academy for  International Dialog and Journalism, dem Recherchezentrum Correctiv und mit der Unterstützung zahlreicher Partner werfen wir unseren Hut in den Ring  und bewerben uns um die Ausrichtung der Global Investigative Journalism Conference.

Seit 2001 treffen sich Investigativjournalisten aus der ganzen Welt auf der Konferenz. Die Tagung findet jedes zweite Jahr statt, immer an einem anderen Ort: Kopenhagen, Amsterdam, Toronto, Lillehammer, Genf, Kiew und Rio de Janeiro waren schon Gastgeberstädte. Jeweils mehr als tausend Journalisten nahmen an den zurückliegenden Treffen teil. Im November 2017 findet die Konferenz in Johannesburg statt, wo die Mitglieder des Global Investigative Journalism Network (GIJN) darüber entscheiden, wo die Konferenz als nächstes stattfindet.

Bewerben konnten sich nur Mitglieder des GIJN. In Deutschland sind dies netzwerk recherche, Correctiv und die Interlink Academy. Für die Ausrichtung der Konferenz 2019 sind noch drei weitere Städte im Rennen: Riga, Lima und Dublin.

Die vier Proposals können auf der GIJN-Website unter http://gijn.org/2017/08/07/after-johannesburg-help-us-choose-the-next-global-conference/ abgerufen werden.

Die Global Conference 2017 findet von 16. bis 19. November in Johannesburg statt. Programm und Anmeldung: http://gijc2017.org/

Newsletter Netzwerk Recherche, Nr. 151, 18.07.2017

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

der Gipfel in Hamburg ist vorbei – endlich!
Die politische und juristische Aufarbeitung des Desasters beginnt – hoffentlich!

Es liegt auch an uns Journalisten, dass dieses Thema auf der Agenda bleibt und nicht im Sommerloch verschwindet oder von den verantwortlichen Politikern in Hamburg und Berlin durch Nichtstun oder gegenseitigen Vertrauensbekundungen „beerdigt“ wird. Zu viel ist passiert, zu viele Fragen sind laengst nicht beantwortet, manche noch nicht einmal gestellt. Also, liebe Kolleginnen und Kollegen – dranbleiben!

„Lieber Olaf, wir muessen reden“. Dieses Transparent auf einem Balkon in der Hamburger Schanze kennt mittlerweile jeder. Aber Redebedarf sollte es auch bei und unter uns geben. Denn da ist auch vieles passiert, was diskutiert werden muss.

Dass viele Medien gegen den ploetzlichen Entzug der Gipfel-Akkreditierung fuer 32 Kollegen protestieren – das ist gut. Dass man sich mit den eher hilflosen und vernebelnden Erklaerungen des Bundespresseamtes nicht abspeisen laesst, auch das ist voellig richtig. Allerdings sollten wir vor einem endgueltigen Urteil versuchen, weitere Hintergruende zu recherchieren, Widersprueche aufzudecken, die Verantwortlichen mit bohrenden Nachfragen unter Druck zu setzen. Solidaritaet ja, aber bitte keine vorschnellen Urteile. Unsere Empoerung ersetzt keine Recherche. Weiterlesen

G20-Akkreditierungen: Stellungnahmen von BKA und Bundespresseamt sind unzureichend und stigmatisierend

+ + + Update 12.7.2017, 21:47 Uhr: Journalisten wurden jahrelang beschattet / Verfassungsschutz ist Quelle – siehe Beiträge von SZ und Tagesschau.de in untenstehender Übersicht + + +

Mehrere Tage haben das Bundespresseamt und das Bundeskriminalamt nun gebraucht, um sich zum Entzug von Akkreditierungen während des G20-Gipfels zu erklären. Doch die beiden Stellungnahmen werfen erst recht Fragen auf. Denn sie beantworten nicht, warum einigen Kolleginnen und Kollegen plötzlich ihre Akkreditierungen entzogen wurden. Viel schlimmer: Sie stigmatisieren die Journalistinnen und Journalisten pauschal als Sicherheitsrisiko.

Steffen Seibert, Chef des Bundespresseamtes, verweist in seinem Schreiben darauf, dass es seitens der Sicherheitsbehörden bei 32 bereits akkreditierten Medienvertreterinnen und -vertretern „Sicherheitsbedenken“ gegeben habe. „Mit ihren neuen Stellungnahmen setzen die Behörden das fort, was sie während des G20-Gipfels begonnen haben: Die Betroffenen werden pauschal als Sicherheitsrisiko stigmatisiert“, kritisiert Julia Stein, erste Vorsitzende von netzwerk recherche. Die Namen der Betroffenen standen auf einer „schwarzen Liste“, die sogar aus der Nähe gefilmt werden konnte, wie die Tagesschau berichtete.

In der aktuellen Pressemitteilung des Bundeskriminalamtes wird die Weitergabe der Namenslisten an Polizeibeamte damit begründet, dass nur so die Sicherheit des Gipfels und seiner Teilnehmer gewährleistet werden konnte. Julia Stein dazu: „Damit werden die Betroffenen sogar nachträglich und identifizierbar als Sicherheitsrisiko benannt. Dabei haben sie bis heute noch nicht erfahren, welche ’sicherheitsrelevanten Erkenntnisse‘ angeblich gegen sie vorliegen.“
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Newsletter Netzwerk Recherche, Nr. 150, 29.06.2017

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

Noch 87 Tage bis zur Bundestagswahl, gut zwoelf Wochen, der Wahlkampf laeuft an. Und wie jedes Mal wird die Politik in den Wochen vor der Wahl versuchen, uns Journalisten ihre Themen aufzudruecken. Mit Pressekonferenzen, mit inszenierten Hausbesuchen, mit Reformkonzepten.

Dem Programm der Politiker zu folgen, das ist einfach, das ist der Weg des geringsten Widerstandes. Und manchmal laesst es sich auch nicht vermeiden. Aber je oefter es uns gelingt, eigene Themen zu setzen, umso besser. Dafuer braucht es Recherche. Dafuer braucht es Haltung. Und dafuer braucht es das Verstaendnis, dass wir als Reporter nicht die Ueberbringer politischer Botschaften sind, sondern die Stellvertreter unseres Publikums.

Armin Wolf zeigt, wie dieses Verstaendnis in der Praxis aussehen kann. Der oesterreichische Fernsehmoderator hat in diesem Jahr vom netzwerk recherche den „Leuchtturm fuer besondere publizistische Leistungen“ verliehen bekommen. Wolf erklaert seine Arbeit in einfachen Worten. Er „konfrontiere Politiker mit kritischen Fragen, Gegenargumenten und Widerspruch. Danach sind wir im Idealfall alle informierter: ueber das Thema und auch den Politiker“. Weiterlesen

netzwerk recherche wählt neuen Vorstand

Gewählt: Gert Monheim, Vanessa Wormer, Marc Widmann, Cordula Meyer, Jonathan Sachse, Renate Daum, Julia Stein, Christina Elmer, Frank Brendel und Daniel Drepper (von links). Foto: Wulf Rohwedder

Gewählt: Gert Monheim, Vanessa Wormer, Marc Widmann, Cordula Meyer, Jonathan Sachse, Renate Daum, Julia Stein, Christina Elmer, Frank Brendel und Daniel Drepper (von links). Foto: Wulf Rohwedder

Die Mitglieder von netzwerk recherche haben in ihrer Jahresversammlung am 9. Juni 2017 einen neuen Vorstand gewählt. Julia Stein (NDR) und Cordula Meyer (Der Spiegel) wurden als erste bzw. zweite Vorsitzende wiedergewählt, ebenso im Amt bestätigt wurde Schatzmeisterin Renate Daum (Stiftung Warentest). Als neuer Schriftführer gewählt wurde Marc Widmann (Die Zeit; bislang kooptiertes Vorstandsmitglied). Die bisherige Schriftführerin Christina Elmer (Spiegel Online) bleibt im Vorstand als Beisitzerin mit dem Schwerpunkt Datenjournalismus aktiv. Neue Beisitzer sind Daniel Drepper (Buzzfeed Deutschland) und Vanessa Wormer (Süddeutsche Zeitung). Als Beisitzer wiedergewählt wurde Gert Monheim (ehem. WDR die story). Als Kassenprüfer bleiben Frank Brendel (freier Journalist) und Jonathan Sachse (Correctiv) im Amt.

Der neu gewählte Vorstand wählte in seiner Sitzung am 11. Juni 2017 die folgenden Kolleginnen und Kollegen als kooptierte Mitglieder des Vorstands: Franziska Augstein (Süddeutsche Zeitung), Kuno Haberbusch (NDR), Egmont Koch (Autor und Produzent, bislang gewähltes Vorstandsmitglied), Vera Linß (Medienjournalistin), Manfred Redelfs (Greenpeace), Thomas Schnedler (Correctiv) und Albrecht Ude (freier Journalist und Recherchetrainer).

Den ausscheidenden Vorstandsmitgliedern Markus Grill (Correctiv), Bernd Kastner (Süddeutsche Zeitung) und Ulrike Maercks-Franzen (ehem. dju in ver.di) dankten die Mitglieder für ihr jahrelanges ehrenamtliches Engagement.

Verschlossene Auster 2017 für die Regenbogenpresse

Die Verschlossene Auster, der Negativpreis von netzwerk recherche für den Informationsblockierer des Jahres, geht 2017 an drei Verlage der Regenbogenpresse. Ausgezeichnet werden die Funke Mediengruppe (für die Magazine „Die Aktuelle, „Das Goldene Blatt“, „Frau aktuell“), die Hubert Burda Media Holding (für die „Freizeit Revue“) und die Bauer Media Group (für „Das Neue Blatt“, „Freizeitwoche“, „Neue Post“, „Das Neue“). Sie erhalten den Preis auch stellvertretend für die übrigen Verlage der Branche.

Nach Ansicht von netzwerk recherche untergraben die Preisträger das Vertrauen in die Glaubwürdigkeit der Medien: Mit irreführenden Schlagzeilen, falschen oder erfundenen Texten, fehlender Nachfrage bei den Betroffenen, Manipulationen von Fotos und nicht selten der Verletzung von Persönlichkeitsrechten. Die Bereitschaft zur freiwilligen Korrektur von falscher Berichterstattung fehlt häufig.

Mit der Auszeichnung wird auch gewürdigt, dass die Verlage nur äußerst ungern Auskunft geben zu Form, Machart und Inhalt ihrer Magazine. Auf Anfragen von netzwerk recherche haben sie wochenlang nicht geantwortet. Erst wenige Tage vor der Preisverleihung am 10. Juni reagierten sie schriftlich. Ihre Stellungnahmen werden auf der Webseite von netzwerk recherche veröffentlicht. Eine Teilnahme an der Preisverleihung lehnten alle drei Verlage ab.

Die Antworten der „ausgezeichneten“ Verlage:


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Begründung zur Vergabe der Verschlossene Auster 2017

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich möchte Sie darüber informieren, dass der Vorstand von netzwerk recherche am Wochenende beschlossen hat, mit dem jährlich verliehenen Negativ-Preis „Verschlossene Auster“ in diesem Jahr Redaktionen und Verlage zu würdigen, die für die Inhalte der sogenannten „Regenbogenpresse“ verantwortlich sind.

Der Preis geht deshalb (stellvertretend auch für die anderen Verlage und Redaktionen, die in diesem Medienbereich aktiv sind) an

  • die Funke Mediengruppe (für die Magazine „Die Aktuelle“, „Das goldene Blatt“, „Frau aktuell“)
  • die Hubert Burda Media Holding (für das Magazin „Freizeit Revue“)
  • die Bauer Media Group (für die Magazine „Das neue Blatt“, „Freizeitwoche“, „Neue Post“, „Das Neue“).

Mit diesem Preis soll eine breite Öffentlichkeit auf diese u.E. sehr zweifelhafte und umstrittene Form des „Journalismus“ hingewiesen werden, der offenbar das Geschäftsmodell dieser Magazine darstellt – u.a. mit irreführenden Schlagzeilen auf dem Cover, immer mal wieder falschen oder erfundenen Beiträgen im Innenteil, nicht selten Verletzung von Persönlichkeitsrechten, Manipulationen von Fotos, fehlender Nachfrage bei „Betroffenen“, keiner Bereitschaft zur freiwilligen Korrektur bei falscher Berichterstattung.

Die Folgen dieser Art des „Journalismus“ sind bekannt: Hohe Verkaufszahlen am Kiosk für Ihre Blätter. Aber eben auch regelmäßige Beschwerden beim Presserat, gerichtlich erzwungene Gegendarstellungen, wütende und berechtigte Proteste von Personen, die Gegenstand der Berichterstattung sind. Weiterlesen