Newsletter Netzwerk Recherche, Nr. 161, 22.05.2018

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

die #MeToo-Debatte wird in Deutschland nicht mehr nur abstrakt geführt. Nach den Enthüllungen über Dieter Wedel in der “Zeit” berichten unsere Kollegen auch über andere Fälle – in der Kulturbranche und im Journalismus. Es ist ein gesellschaftlicher Fortschritt, dass sexuelle Belästigung nicht länger als Bagatelle abgetan wird und dass Journalisten Hinweise auf solche Vorfälle sorgfältig recherchieren. Aber es brauchte vorher den Fall Weinstein. Also vor allem mutige Frauen, die bereit waren, ihre Vorwürfe öffentlich zu erheben. Und Journalistinnen und Journalisten, die aus deren Aussagen, aus Schweigevereinbarungen, aus vielen Interviews ein Bild zusammensetzten, das Verhaltensmuster von Belästigern offenbarte.

Einige der jetzt beschuldigten Männer haben sich teils jahrzehntelang auffällig verhalten, ohne dass Vorwürfe laut wurden. Es waren offenbar Führungskräfte in den Redaktionen nötig, die Recherchen über Belästigung und Missbrauch ermutigen und unterstützen, es war eine Kampagne von Frauen auf Twitter nötig, die ihrer Empörung Ausdruck verliehen und es war offenbar ein verändertes Verständnis davon nötig, was sexuelle Belästigung ausmacht und wie sie zu ahnden ist.

Die Gesellschaft blickt heute anders auf das Thema sexuelle Belästigung als noch vor einem Jahr. Das ist auch das Verdienst von Journalisten, die solche Recherchen betrieben haben, aber es ist gleichzeitig ein bisschen entmutigend, dass die Zeit für diese Veränderung erst jetzt zusammen mit der #MeToo-Welle reif war. Weiterlesen

Stipendien abgeschlossen: Garnelenzucht in Vietnam & Handel mit exotischen Arten

Josephine Pabst hat ihr von Olin gefördertes und von nr betreutes Stipendium abgeschlossen. Sie recherchierte in Vietnam über die Probleme in der Garnelenzucht, die gegenwärtig im Lande einen Boom erlebt, weil sich beim Export gute Gewinne erzielen lassen. Wie bei allen Aquakulturen kommt es jedoch auch hier zum massiven Einsatz von Antibiotika, um die Verbreitung von Krankheitskeimen zu verhindern. Das Ergebnis der Recherchen von Josephine Pabst wurde bei Zeit Online veröffentlicht.

Auch Andrea Rehmsmeier hat ihr von Olin gefördertes und von nr betreutes Stipendium abgeschlossen. Sie recherchierte über den illegalen Handel mit exotischen Arten aus Madagaskar, der nicht selten unter dem Deckmantel offizieller Papiere erfolgt. Mit Chamäleons und anderen nur auf Madagaskar lebenden Reptilien lassen sich durch den Schmuggel in Deutschland horrende Preise erzielen. Die Recherchen von Andrea Rehmsmeier wurden im Spiegel Nr. 15/2018 veröffentlicht.

nr-Jahresbericht 2017

Der Jahresbericht 2017 von Netzwerk Recherche kann als pdf-Datei (8 MB) heruntergeladen werden.

Newsletter Netzwerk Recherche, Nr. 160, 19.04.2018

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

es ist schon ein paar Jahre her, aber heute kommt es mir plötzlich vor, als sei es gestern gewesen: Auf der Bühne des Deutschen Schauspielhauses wurden die Großen des Journalismus geehrt. Die besten Schreiber, die besten Reporter, die besten Rechercheure, sie alle wurden ausgezeichnet mit dem Henri-Nannen-Preis. Im Jahr 2012, also vor sechs Jahren ergab sich dabei ein Bild, was schon damals nicht mehr ganz zeitgemäß wirkte: Ein Mann nach dem anderen betrat die Bühne und bekam die Trophäe. In der Kategorie Dokumentation wurden sogar gleich zwölf Kollegen, also zwölf Männer, ausgezeichnet. Unter Frauen schwankten wir im Small-Talk danach zwischen Wüten und Witzeln: ein Mann hätte es wohl alleine nicht geschafft, es mussten gleich zwölf sein. Aber genau das war das Bittere: es wirkte wie ein closed shop, als würden die Männer es im Vorfeld unter sich ausmachen. Frauen gehörten einfach nicht dazu, keine Chance.

Heute ist das anders. Denkt man. Dachte ich. Nach dem Nannen-Preis aber bin ich mir gar nicht mehr so sicher, ob und was genau eigentlich anders ist. Dabei hat sich der Preis seit 2012 geschüttelt und grundlegend verändert: Frauen in der Jury, weniger Chefs, mehr Macher und Macherinnen, vor allem in der Vorjury. Es gab ja auch in diesem Jahr wie in anderen Jahren zuvor überragende Frauen unter den Preisträgerinnen. Herzlichen Glückwunsch, Caterina Lobenstein! Herzlichen Glückwunsch, Souad Mekhennet! (Und herzlichen Glückwunsch allen anderen 15 ausgezeichneten Kollegen!)

Aber: im Investigativen waren es wieder fast ausschließlich Männer unter den letzten dreien. Es waren immerhin insgesamt 17 nominiert in der Sparte “Investigative Leistung” – 16 Männer, eine Frau. Es liegt nicht an der Jury, es fehlt schon an den Einreichungen. Viel weniger Frauen reichen ihre Arbeiten ein. Und noch davor: Viel weniger Frauen arbeiten überhaupt in den investigativen Teams. Warum bloß?

Wir haben so viele Frauen im Journalismus. Es starten mehr Frauen in den Beruf als Männer, weil beim Nachwuchs die Frauen besser sind als Männer. Es gibt ganz und gar überragende Investigativ-Frauen, die in der Spitze mitspielen. Auch können wir regelmäßig lesen, wie froh Medien sind, Frauen in der Führung vorzuzeigen. Aber in der Breite der Investigativ-Ressorts ändert sich letztlich offenbar wenig. Warum bloß? Weiterlesen

Newsletter Netzwerk Recherche, Nr. 159, 26.03.2018

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

es ist wieder passiert. Mitten in Europa – im EU-Land Slowakei. Ein Journalist wird ermordet. Ján Kuciak mit einem Schuss in den Bauch, seine Freundin Martina Kusnirova mit einem Schuss in den Hinterkopf. Es war eine Hinrichtung.

Ján Kuciak recherchierte – wie auch seine im Dezember letzten Jahres im EU-Land Malta ermordete Kollegin Daphne Caruana Galizia – über Korruption und organisierte Kriminalität in den politischen Führungszirkeln. Auch wenn in beiden Fällen weder Auftraggeber noch alle Details der Morde feststehen, ist eines gewiss: Weder Daphne Galizia noch Ján Kuciak sind “Zufallsopfer” eines schlimmen Verbrechens. Beide sind tot, weil sie manchen Leuten wohl zu neugierig waren. Weil sie mutige Journalisten waren. Weil sie ihren Beruf liebten.

Einen Beruf, den der langjährige – mittlerweile zurückgetretene – Ministerpräsident der Slowakei, Robert Fico, verachtete und bekämpfte. Kritische Journalisten waren für ihn “schleimige Schlangen”, “dreckige Huren” oder “dumme Hyänen”. Der Sozialdemokrat (!!!) attackierte verbal, andere (vielleicht dadurch ermutigt?) jetzt mit tödlicher Gewalt.

Diese verbalen Brandstifter gibt es in vielen Ländern. Regierungen in Polen, Ungarn, Russland oder den USA und vielen anderen Ländern haben keinerlei Skrupel, wenn sie gegen Journalisten hetzen. Und auch bei uns gehört diese Hetze offenkundig zur politischen DNA einiger Kreise – u.a. der AfD (“Lügenpresse”) oder Pegida (“Regierungshuren”). Erschreckend, dass sich auch einige (nicht nur ehemalige) Journalisten an dieser Treibjagd beteiligen.

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Bündnis Transparentes Hessen: Gesetzentwurf zu Datenschutz und Informationsfreiheit völlig unzureichend

Der Gesetzentwurf zu Datenschutz und Informationsfreiheit, der am morgigen Donnerstag im Innen- und Unterausschuss Datenschutz des Hessischen Landtags behandelt wird, ist in der jetzigen Form völlig unzureichend. So lautet das Urteil des Bündnisses „Transparentes Hessen“, das sich für einen besseren Informationszugang von Bürgerinnen und Bürgern an Verwaltungsinformationen einsetzt. Der Zusammenschluss zivilgesellschaftlicher Organisationen sieht das im Koalitionsvertrag versprochene offene und transparente Verwaltungshandeln nicht erfüllt. Weiterlesen

Newsletter Netzwerk Recherche, Nr. 158, 21.02.2018

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

am 4. März will die SPD verkünden, ob sie eine GroKo möchte. Die Inhalte sind längst auf dem Tisch, der 177-seitige Entwurf für einen Koalitionsvertrag ist öffentlich; er wird das Leben von mindestens 80 Millionen Menschen für die nächsten vier Jahre bestimmen. Doch wer sich die Berichterstattung der vergangenen Wochen ansieht, der liest, hört, sieht vor allem Beiträge über Posten und Personen, nicht über Inhalte.

Wer bei den Verhandlungen den Längeren zieht, wie der neue Finanzminister heißt, wer Vorsitzende wird – das betrifft die meisten Bürger kaum. Viel spannender wären Recherchen und Analysen zu den großen Projekten der GroKo. Was wird für wen besser, was schlechter? Dieser Fokus auf den Bürger ist aufwändig, er braucht Fachwissen, Ausdauer und Recherche. Diesen Fokus gibt es viel zu selten.

Wie wichtig es ist, dass (Recherche-)Redaktionen sich auf die Anliegen aller Bürger konzentrieren, dass sie divers aufgestellt sind, dass sie nicht von weißen, in der Oberschicht sozialisierten Männern dominiert werden – das zeigt auch #metoo. In Deutschland reden wir fast ausschließlich über den Fall Dieter Wedel. Die Diskussion zu sexualisierter Gewalt ist verglichen mit den USA meilenweit zurück. Das liegt auch daran, dass hier bislang kaum jemand harte Recherchen dazu veröffentlicht hat. Ich bin der festen Überzeugung, dass dies anders wäre, hätten wir mehr Frauen im investigativen Journalismus – und mehr Frauen in journalistischen Führungspositionen. Auf der Jahreskonferenz des netzwerk recherche werden wir uns am 29./30. Juni diesen Herausforderungen widmen.

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Grow-Workshop: Stipendiaten berichten über ihre Fortschritte

Gemeinnützigkeit erlangt, öffentliche Diskussion in Gang gebracht, hochklassigen Kolumnisten verpflichtet – die von netzwerk recherche und der Schöpflin Stiftung unterstützten Gründer im gemeinnützigen Journalismus haben in den vergangenen Monaten schon viel erreicht. Bei einem Workshop in Berlin in den Räumen der Friedrich-Ebert-Stiftung und in Kooperation mit der FES-JournalistenAkademie berichteten sie jüngst über Fortschritte und Hürden bei der Realisierung ihrer Projekte.

Das gesundheitsjournalistische Portal MedWatch wurde vom Finanzamt als gemeinnützig anerkannt und hat nun erste Beiträge auf der Website veröffentlicht. Das hyperlokale Medienprojekt Ihme-Zentrum prägt den Diskurs über die Stadtentwicklung in Hannover maßgeblich mit und erregte mit seinen Recherchen überregional Aufmerksamkeit. Und der Fußball-Plattform 120minuten ist es gelungen, den namhaften Sportjournalisten Ronny Blaschke für eine Kolumne zum Thema Fußball und Menschrechte zu gewinnen. Weiterlesen

No Trust, No News: Verfassungsbeschwerde gegen das BND-Gesetz eingereicht

notrustnonewsIm Bündnis mit Journalistenverbänden und Bürgerrechtsorganisationen hat netzwerk recherche Verfassungsbeschwerde gegen das BND-Gesetz eingereicht, in der sich internationale Journalisten gegen Überwachungsbefugnisse des deutschen Auslandsgeheimdienstes wehren. Nähere Informationen auf der No trust, no news Website und in der Pressemitteilung unseres Bündnispartners Reporter ohne Grenzen:

Die Kläger sind überwiegend investigative Journalisten, unter anderem die Trägerin des alternativen Nobelpreises, Khadija Ismajilowa aus Aserbaidschan, und der mexikanische Investigativjournalist Raúl Olmos, der Teil des internationalen Reporter-Teams war, das die Paradise Papers ausgewertet hat. Auch die internationale Organisation von Reporter ohne Grenzen mit Sitz in Paris zählt zu den Klägern, die vor dem Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe eine Verletzung der Pressefreiheit und des Rechts auf geschützte Kommunikation geltend machen.

„Das Gesetz erlaubt es dem Bundesnachrichtendienst, Journalisten im Ausland praktisch schrankenlos zu überwachen und die Informationen mit anderen Geheimdiensten zu teilen. Das ist eine inakzeptable Einschränkung der Pressefreiheit, weshalb wir die Betroffenen bei ihrem Gang vor das Gericht unterstützen“, sagte ROG-Geschäftsführer Christian Mihr. „Projekte wie die Paradise Papers zeigen, dass investigativer Journalismus zunehmend in internationalen Kooperationen entsteht. Wenn der BND ausländische Journalisten überwacht, höhlt er damit auch das Redaktionsgeheimnis in Deutschland aus.“ Weiterlesen

Newsletter Netzwerk Recherche, Nr. 157, 24.01.2018

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

es ging mal wieder alles rasend schnell – die Nachricht von Thomas Leifs Tod, sie zischte durch die Medien. In die Welt gesetzt durch einen Tweet – ausgerechnet. Hauptsache Erster sein, eine Todesnachricht zu verbreiten? Es ist befremdlich, erst recht, weil der Tod von Thomas Leif ja schon ein paar Tage zurücklag und nichts näher lag als die Frage, warum die Information darüber bislang nicht veröffentlicht worden war. Alle, die frühzeitig vom Tod erfahren hatten, schwiegen und respektierten den Wunsch der Familie, den Zeitpunkt der Nachricht selbst zu bestimmen. Das Gute ist – am Ende ist der Tweet unwichtig und vergessen. Was dagegen hängen bleibt, sind wie immer die wahren Würdigungen und die präzisen Porträts, die wir lesen durften.

Wir trauern um Thomas Leif, unseren Gründer, der uns mit dem netzwerk recherche etwas Großes hinterlassen hat.

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