Newsletter Netzwerk Recherche, Nr. 153, 19.09.2017

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

vor ein paar Tagen waren wir in Dortmund, beim ersten Campfire-Festival fuer Journalismus, das vom gemeinnuetzigen Recherchezentrum Correctiv organisiert wurde. Das Festival war der Gegenentwurf zu steifen Fachkonferenzen: Auf einer Campus-Wiese stand ein Zeltdorf, Gummistiefel und Regenjacke waren unentbehrlich, die Workshops waren kostenlos und offen fuer alle. Das Festival war ein Experiment, aus dem vielleicht tatsaechlich ein Lagerfeuer des Journalismus werden kann. Ein Ort, an dem Geschichten erzaehlt, wo Plaene geschmiedet werden, wo der Journalismus sich von seiner besten Seite zeigt.

Klar, wir sind befangen, wir engagieren uns ja selbst fuer den Non-Profit-Journalismus. netzwerk recherche hatte deshalb sechs Medienprojekte nach Dortmund eingeladen, die sich zuvor um ein Grow-Stipendium fuer Gruender im gemeinnuetzigen Journalismus beworben hatten. In einem Pitch traten sie gegeneinander an, unsere Jury kuerte vor Ort drei Stipendiaten. Ihre Projekte sind so vielfaeltig wie der gemeinnuetzige Journalismus: Das Projekt „MedWatch“ will medizinische ‚Fake News‘ entlarven, das „Ihme-Zentrum“ moechte Buerger fuer sein Medienprojekt in Hannover gewinnen, und das Portal „120minuten“ will mehr Recherche zum Thema Fussball ermoeglichen. Mehr zu den Vorhaben unserer Stipendiaten im Newsletter weiter unten.

Die Finanzierung durch Stifter und Spender ist aber laengst nicht mehr nur ein Geschaeftsmodell fuer kleine Journalismus-Projekte und Medien-Start-ups. Juengst haben die altehrwuerdige New York Times und der britische Guardian angekuendigt, mit eigenen gemeinnuetzigen Organisationen in den USA um das Geld der Foerderer zu werben. Sie wollen sich so eine weitere Geldquelle erschliessen. Gruenden nun bald auch „Der Spiegel“ oder die „Sueddeutsche Zeitung“ gemeinnuetzige Tochter-Organisationen? Natuerlich, die Rahmenbedingungen in Deutschland unterscheiden sich stark von den USA. Aber wir sind sicher, dass deutsche Medienhaeuser und Stiftungen nun sehr genau beobachten werden, welche Erfahrungen die neuen Akteure in Amerika machen werden. Weiterlesen

Recherchen im Darknet: nr-Stammtisch mit Daniel Moßbrucker

Datum: Mittwoch, 27. September 2017, 18:15 Uhr
Referent: Daniel Moßbrucker
Thema: Journalistische Recherche im Darknet
Ort: Correctiv (Singerstr. 109, 10179 Berlin).

Recherchen im Darknet

Stammtisch-Logo-Facebook-EventDas Darknet ist einer der letzten Teile des Internets, in dem Menschen noch immer anonym und geschützt vor geheimdienstlicher Überwachung kommunizieren können. Das lockt Gut und Böse an: Im Darknet gibt es unzählige Drogenshops, Waffenhändler bieten unverhohlen Schusswaffen an und Perverse tauschen kinderpornografische Bilder und Videos aus. Gleichzeitig nutzen Journalisten, Menschenrechtsaktivisten und politisch Verfolgte das Darknet, um sich zu schützen und Proteste zu organisieren- gerade in Ländern wie China, in denen das Internet nahezu vollständig überwacht wird. Zum nr-Stammtisch gibt Daniel Moßbrucker Einblicke ins Darknet: Wie kommt man überhaupt ins Darknet? Wie aufwändig ist es, dort zu recherchieren? Und wie überzeugt man Menschen, die jahrelang unter Pseudonymen im Darknet auftreten, ihre Maske fallen zu lasen und sich im echten Leben mit Journalisten zu treffen?

Daniel Moßbrucker arbeitet als freier Journalist und Referent für Internetfreiheit bei Reporter ohne Grenzen. Er befasst sich vor allem mit den Themen Netzpolitik, Überwachung und Datenschutz. Daniel Moßbrucker hat gemeinsam mit der ARD-Journalistin Annette Dittert sieben Monate lang im Darknet recherchiert und im Januar eine 45-minütige „Story im Ersten“ über diese verborgene Welt veröffentlicht: „Das Darknet: Reise in die Digitale Unterwelt

Der nr-Stammtisch findet im Anschluss an den Correctiv-Workshop „Zwischen Kriminellen und Freiheitskämpfern: Journalistische Recherche im Darknet“ mit Daniel Moßbrucker statt (Anmeldung noch möglich).

Lightning-Talk-Runde: Ihr habt ein aktuelles Projekt oder eine aktuelle Recherche, die Ihr gern anderen vorstellen möchtet? Dann sendet uns eine Mail mit Eurem Thema. Pro Stammtisch können bis zu 3 Projekte/Ideen/Recherchen vorgestellt werden. Jeder Vortragende hat 3,5 Minuten Zeit + 1,5 Minuten für Fragen.

Die Grow-Stipendiaten 2017: MedWatch, Ihme-Zentrum und 120minuten

Grow-Gewinner und -Jurymitglieder 2017 (von links): Hinnerk Feldwisch-Drentrup (MedWatch), Christian Humborg (Wikimedia Deutschland), Nicola Kuhrt (MedWatch), Lukas Harlan (Schöpflin Stiftung), Constantin Alexander (Ihme-Zentrum), Tabea Grzeszyk (Hostwriter), Thomas Schnedler (netzwerk recherche / Correctiv), Alexander Schramm (120minuten), Katharina Wiegmann (Perspective Daily). Foto: Ivo Mayr

Grow-Gewinner und -Jurymitglieder 2017 (von links): Hinnerk Feldwisch-Drentrup (MedWatch), Christian Humborg (Wikimedia Deutschland), Nicola Kuhrt (MedWatch), Lukas Harlan (Schöpflin Stiftung), Constantin Alexander (Ihme-Zentrum), Tabea Grzeszyk (Hostwriter), Thomas Schnedler (netzwerk recherche / Correctiv), Alexander Schnarr (120minuten), Katharina Wiegmann (Perspective Daily). Foto: Ivo Mayr

Drei journalistische Projekte sind am 7. September 2017 beim Campfire-Festival in Dortmund mit dem Grow-Gründer-Stipendium von netzwerk recherche und der Schöpflin Stiftung ausgezeichnet worden: das gesundheitsjournalistische Portal MedWatch, das hyperlokale Medienprojekt Ihme-Zentrum und die Fußball-Plattform 120minuten. Die Gewinner erhalten jeweils eine Starthilfe von 2.000 Euro sowie Know-How- und Vernetzungsangebote.

MedWatch heißt das gemeinnützige Online-Portal der Wissenschafts- und Medizinjournalisten Nicola Kuhrt und Hinnerk Feldwisch-Drentrup. Es steht für kritischen Gesundheitsjournalismus und will aufwändige Recherchen ermöglichen, zum Beispiel zu unseriösen Wundermitteln. Ein Fachbeirat unterstützt die Arbeit der beiden Gründer, sie orientieren sich am Leitbild der evidenzbasierten Medizin.

Der zweite Stipendiat kommt aus Hannover: Constantin Alexander. Er startet rund um das Ihme-Zentrum ein hyperlokaljournalistisches Medienprojekt. Das Ihme-Zentrum ist ein Beton-Stadtviertel in Hannover, das in den 1970er-Jahren erbaut wurde und in der Stadtentwicklung als Problemfall gilt. Constantin Alexander, der selbst im Ihme-Zentrum lebt, will gemeinsam mit den Bewohnern und anderen Journalisten ein partizipatives Journalismus-Format zur Zukunft des Ihme-Zentrums entwickeln. Träger des Projekts ist der Verein Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum.

Das dritte Stipendium ging an das Projekt 120minuten, hinter dem Alexander Schnarr, Endreas Müller und Christoph Wagner stehen. Die Webseite versteht sich als Plattform für Longreads über Fußball, für hintergründige und rechercheintensive Texte von verschiedenen Autorinnen und Autoren. Mit dem Grow-Stipendium wollen die Gründer ihr Projekt professionalisieren und neue Finanzierungsmöglichkeiten erkunden. Über Steady suchen sie bereits nach Unterstützern. Weiterlesen

Neue Suchmaschine für Plenarprotokolle des Bundestags: online-recherche.info

Was haben Abgeordnete im Parlament gesagt? Darüber geben die Plenarprotokolle des Deutschen Bundestags Auskunft.

Die Suchfunktionen sind allerdings beschränkt: Die Plenarprotokoll-Übersicht enthält Filter für Wahlperioden, Sitzungen und Zeiträume – ergänzt durch eine Suche mit Google-Operatoren kommt man hier schon ganz schön weit, beispielsweise lässt sich aus der URL-Struktur eine Suche mit dem site-Operator erstellen:

Journalismus site:dip21.bundestag.de/dip21/btp/18/

Das Suchergebnis enthält die Protokolle aus der 18. Wahlperiode, in denen der Begriff „Journalismus“ vorkommt. Zwar könnte man auch den Namen eines Abgeordneten in die Suche aufnehmen, dann wären allerdings auch solche Protokolle im Suchergebnis enthalten, in denen der Abgeordnete zum Beispiel nur mit einem Zwischenruf auftaucht.

Das Dokumentations- und Informationssystem für Parlamentarische Vorgänge (DIP) enthält verschiedene Suchfunktionen – eine Kombination aus Volltext- und Rednersuche ist jedoch nicht möglich.

Diese Lücke schließt nun die Suchmaschine online-recherche.info des Entwicklers Thomas Trocha:

Unter online-recherche.info lässt sich die Stichwortsuche nach Person, Fraktion, Wahlperiode und Datum filtern, die Suchergebnisse werden direkt angezeigt und auch ein Abspielen der Video-Mitschnitte ist möglich. Ein nützliches Recherche-Tool – nicht nur in Wahlkampfzeiten.

Freiheit für Deniz

denizkorso14 journalistische Organisationen fordern in einem Offenen Brief an den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan die sofortige Freilassung von Deniz Yücel und den anderen aus politischen Gründen inhaftierten Journalistinnen und Journalisten in der Türkei. Yücel sitzt am 10. September bereits 209 Tage in Haft. Es ist sein 44. Geburtstag.

Die Unterzeichner, darunter die Recherche-Verbände journalists.network, netzwerk recherche und Correctiv sowie der Verein n-ost und die Gewerkschaft DJV, vertreten mehrere zehntausend Journalistinnen und Journalisten weltweit. Die Organisationen engagieren sich für unabhängigen und ausgewogenen Journalismus, fördern Recherchen und journalistische Reisen im In- und Ausland. Weiterlesen

G20-Akkreditierungen: Versagen und Willkür

netzwerk recherche hat das Versagen des Bundespresseamts, des Bundeskriminalamtes und anderer Sicherheitsbehörden beim Entzug von Presseakkreditierungen während des G20-Gipfels scharf kritisiert:

„Sechs Wochen nach dem Gipfel werden Abgründe im Umgang der Sicherheitsbehörden mit den Rechten von Journalisten sichtbar – und ein erstaunliches Maß an Verachtung rechtsstaatlicher Prinzipien“, sagt Julia Stein, Vorsitzende von netzwerk recherche.

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Newsletter Netzwerk Recherche, Nr. 152, 18.08.2017

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

ich komme nicht hinweg ueber eine Geschichte, die Ende Juni fuer ein paar kleine, aber immerhin bundesweite Schlagzeilen gesorgt hat: Eine franzoesische Familie, im Wohnmobil in Schleswig-Holstein unterwegs, wollte gern nach Sylt fahren. Statt den Zug zu nehmen, entschieden sich die vier, lieber selbst mit dem Fahrrad zu fahren. Der Fahrradweg ueber den Hindenburgdamm war immerhin bei Google Maps angegeben. Quasi einmal durchs Meer radeln, was fuer ein Abenteuer! Auch als die Familie ihre Mountainbikes ueber das Zufahrtstor der Strecke hieven musste, wunderte sie sich kaum. Selbst dann nicht, als sie auf dem mehr als 11 Kilometer langen Betriebsweg gar keine anderen Fahrradfahrer trafen. Sondern erst, als sie in Westerland von der Bundespolizei begruesst wurden. Smartphone ist Smartphone. Was kuemmert einen da die Realitaet?

Was hat das mit Journalismus zu tun? Natuerlich nichts, ausser, dass das auf den ersten Blick eine lustige Geschichte ist, die erzaehlt werden will. Bei der man kurz im Internet versackt, weil man auf viele weitere ulkige Google-Fehler und Anekdoten stoesst: Offenbar ist es naemlich gar nicht so aussergewoehnlich, dass Menschen dem Smartphone oder Google mehr Vertrauen schenken als ihrem gesunden Menschenverstand. Und als ihren eigenen Augen. Weiterlesen

M100 Colloquium 2017 mit Can Dündar

Can Dündar (Chefredakteur Cumhuriyet) Foto: Raphael Hünerfauth

Can Dündar auf der nr-Jahreskonferenz 2016. Foto: Raphael Hünerfauth

„Demokratie oder Despotie? Die Renaissance der dunklen Maechte“ ist das Thema des M100 Sanssouci Colloquiums 2017. Eröffnungsredner ist nr-Leuchtturmpreisträger Can Dündar, Chefredakteur der türkisch-deutschen Nachrichtenplattform „Özgürüz“ und ehemaliger Chefredakteur der Zeitung „Cumhuriyet“. Preisträgerin des M100 Media Awards 2017 ist Natalja Sindejewa, Gründerin und Geschäftsführerin von Doshd TV.

Teile des Programms werden auf Facebook live gestreamt, außerdem gibt es ein Liveblog.

Zuvor, von 8. bis 14. September, findet der M100 Young European Journalists Workshop „How to finance independent Journalism – Education, Platforms, Business Models“ statt. An dem Workshop nehmen 15 Journalisten zwischen 18 und 27 Jahren aus den Ländern der Östlichen Partnerschaft und Russland teil. Im Rahmen des Programms „Campus für gemeinnützigen Journalismus“ unterstützte netzwerk recherche die Vorbereitung des Workshops.

nr bewirbt sich um die Ausrichtung der Global Investigative Journalism Conference 2019

GIJC-BewerbungIn Hamburg könnte 2019 die wichtigste internationale Recherchejournalismus-Konferenz stattfinden: Gemeinsam mit der Interlink Academy for  International Dialog and Journalism, dem Recherchezentrum Correctiv und mit der Unterstützung zahlreicher Partner werfen wir unseren Hut in den Ring  und bewerben uns um die Ausrichtung der Global Investigative Journalism Conference.

Seit 2001 treffen sich Investigativjournalisten aus der ganzen Welt auf der Konferenz. Die Tagung findet jedes zweite Jahr statt, immer an einem anderen Ort: Kopenhagen, Amsterdam, Toronto, Lillehammer, Genf, Kiew und Rio de Janeiro waren schon Gastgeberstädte. Jeweils mehr als tausend Journalisten nahmen an den zurückliegenden Treffen teil. Im November 2017 findet die Konferenz in Johannesburg statt, wo die Mitglieder des Global Investigative Journalism Network (GIJN) darüber entscheiden, wo die Konferenz als nächstes stattfindet.

Bewerben konnten sich nur Mitglieder des GIJN. In Deutschland sind dies netzwerk recherche, Correctiv und die Interlink Academy. Für die Ausrichtung der Konferenz 2019 sind noch drei weitere Städte im Rennen: Riga, Lima und Dublin.

Die vier Proposals können auf der GIJN-Website unter gijn.org/2017/08/07/after-johannesburg-help-us-choose-the-next-global-conference/ abgerufen werden.

Die Global Conference 2017 findet von 16. bis 19. November in Johannesburg statt. Programm und Anmeldung: gijc2017.org/

Newsletter Netzwerk Recherche, Nr. 151, 18.07.2017

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

der Gipfel in Hamburg ist vorbei – endlich!
Die politische und juristische Aufarbeitung des Desasters beginnt – hoffentlich!

Es liegt auch an uns Journalisten, dass dieses Thema auf der Agenda bleibt und nicht im Sommerloch verschwindet oder von den verantwortlichen Politikern in Hamburg und Berlin durch Nichtstun oder gegenseitigen Vertrauensbekundungen „beerdigt“ wird. Zu viel ist passiert, zu viele Fragen sind laengst nicht beantwortet, manche noch nicht einmal gestellt. Also, liebe Kolleginnen und Kollegen – dranbleiben!

„Lieber Olaf, wir muessen reden“. Dieses Transparent auf einem Balkon in der Hamburger Schanze kennt mittlerweile jeder. Aber Redebedarf sollte es auch bei und unter uns geben. Denn da ist auch vieles passiert, was diskutiert werden muss.

Dass viele Medien gegen den ploetzlichen Entzug der Gipfel-Akkreditierung fuer 32 Kollegen protestieren – das ist gut. Dass man sich mit den eher hilflosen und vernebelnden Erklaerungen des Bundespresseamtes nicht abspeisen laesst, auch das ist voellig richtig. Allerdings sollten wir vor einem endgueltigen Urteil versuchen, weitere Hintergruende zu recherchieren, Widersprueche aufzudecken, die Verantwortlichen mit bohrenden Nachfragen unter Druck zu setzen. Solidaritaet ja, aber bitte keine vorschnellen Urteile. Unsere Empoerung ersetzt keine Recherche. Weiterlesen

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