Newsletter Netzwerk Recherche, Nr. 175, 25.07.2019

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

Zitate verfälschen, Fakten verdrehen, Argumente unterschlagen und Artikel manipulieren – das ist die (eigentlich vernichtende) Bilanz eines Journalisten, der von 1989 bis 1994 als Korrespondent des “Daily Telegraph” aus Brüssel berichtete. Und dessen journalistische Karriere danach nicht etwa zu Ende ging, sondern bis 1999 als Herausgeber des konservativen Wochenblatts “The Spectator” eine unrühmliche Fortsetzung erfuhr. Der Name des (ehemaligen) Journalistenkollegen: Boris Johnson.

Mit den gleichen Methoden wie damals als Journalist – also lügen, fälschen, manipulieren – gelang ihm der Aufstieg als Politiker. Seit dem 24. Juli ist er britischer Premierminister.

Da können wir nur hoffen, dass solche Karrieren die absolute Ausnahme sind und bleiben. Doch gefährliche Populisten wie Johnson sind auch in Deutschland allgegenwärtig – und manche mittlerweile auch sehr erfolgreich. Irritierend und frustrierend, dass sich so viele (ehemalige) Journalisten, also angebliche Kollegen von uns, in diesem rechten Lager tummeln. Vielleicht aber auch erklärbar: Journalisten mit den gleichen Methoden wie Boris Johnson gibt es leider auch bei uns. Nicht nur in politischen Redaktionen.

Zum Beispiel in der Branche der sogenannten Regenbogenpresse. Auch sie nennen sich Journalisten, missachten aber allzu oft alle ethischen und juristischen Maßstäbe. Erfundene Interviews, falsche Behauptungen, irreführende Schlagzeilen, reißerische Aufmacher – das alles sind die üblichen Zutaten für die Jagd nach Käufern am Kiosk und Klicks im Netz. Ein Blick auf die online auffindbaren Titel zeigt häufig gerichtlich verfügte schwarze Flächen, wo zuvor knallige Titelgeschichten um Aufmerksamkeit buhlten. Schmerzensgelder und Gerichtskosten sind für die Verlage offenbar kein Anlass, ihr offenbar sehr lukratives Geschäftsmodell zu überdenken.

Johnson-Methoden aber auch in vielen Blogs der rechten Szene. Egal ob Journalistenwatch (bis vor kurzem gemeinnützig) oder PI-news (Politically Incorrect) und wie sie alle heißen: Verbale Tiraden gegen seriöse Kollegen, die “Gesicht zeigen”, ihre Haltung gegen rechts nicht verbergen. Hetze gegen Sendungen, Beiträge und Redaktionen, die den selbsternannten (rechten) Gesinnungswächtern missfallen. Keine Verschwörungstheorie ist ihnen zu abstrus, keine Lüge zu dreist, um sie nicht gegen Andersdenkende zu benutzen. Wer dies alles als das Werk von einigen “rechten Spinnern” kleinreden will, täuscht sich gewaltig. Es sind solche (häufig sehr erfolgreiche) Blogs, die wesentlich zum immer wieder kritisierten Klima von “Hass und Hetze” im öffentlichen Diskurs beitragen. Und die Betreiber und Autoren dieser Blogs – auch sie nennen sich “Journalisten”.

Die Liste der Bereiche, wo Journalisten mit den Johnson-Methoden erfolgreich sind, lässt sich um einige verlängern. Weiterlesen

Newsletter Netzwerk Recherche, Nr. 174, 24.06.2019

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

nach der Konferenz ist in diesem Jahr vor der Konferenz. Gerade sind wir gemeinsam durch das “Abenteuer Recherche” gegangen, unsere Jahreskonferenz in diesem Sommer. Wir haben darüber gestritten, was Haltung im Journalismus bedeutet, überlegt und diskutiert, was man aus den Fälschungsfällen im Journalismus lernen muss. In vielen Veranstaltungen zum journalistischen Handwerk haben wir Anregungen bekommen, wie wir besser werden können, so dass Fehler am besten gar nicht erst passieren. Uns freut besonders, dass gut ein Drittel der Teilnehmer der Konferenz Nachwuchsjournalisten in der Ausbildung waren. Es ist ein Zeichen dafür, wie sehr sich die jungen Kollegen für unsere Inhalte interessieren.

Für die angeregten Diskussionen, die lebhafte Beteiligung und auch die Angebote, bei der nächsten Jahreskonferenz mit anzupacken, vielen Dank.

Aber davor gibt es in diesem Jahr ja noch ein ganz besonderes Ereignis: die Global Investigative Journalism Conference vom 26. bis 29. September in Hamburg. Die Konferenz ist die weltweit größte Zusammenkunft investigativ arbeitender Journalisten und wir sind sehr stolz, dass wir sie in diesem Jahr in Hamburg mit unseren Partnern ausrichten. Weiterlesen

nr-Jahresbericht 2018

Der Jahresbericht 2018 von Netzwerk Recherche kann als pdf-Datei (7 MB) heruntergeladen werden.

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Podcast, Online-Magazin, Recherche-Tool: Grow-Stipendien vergeben

Die Gewinner der Grow-Stipendien für Gründer und Gründerinnen im Nonprofitjournalismus stehen fest. Drei Projekte wurden im Rahmen der Jahreskonferenz von Netzwerk Recherche am 15. Juni 2019 in Hamburg mit den mit 3.000 Euro dotierten Stipendien ausgezeichnet. Die Jury kürte erstens das Online-Magazin dis:orient, das von Anna-Theresa Bachmann präsentiert wurde. Das Magazin ist aus dem Blog Alsharq entstanden und widmet sich Themen aus Nordafrika und Westasien. Es wird von einem gemeinnützigen Verein getragen und möchte sich jetzt weiter professionalisieren.

Julia Stein, Hristio Boytchev, Anna-Theresa Bachmann, Thomas Schnedler und Tabea Grzeszyk (von links) bei der Auszeichnung. Nicht im Bild: Anja Krieger (Foto: Wulf Rohwedder).

Das zweite Stipendium ging an das Projekt Follow the Grant von Hristio Boytchev. Er entwickelt derzeit mit einem Team aus Datenjournalisten und Web-Entwicklern eine Datenbank, in der Interessenkonflikte in Wissenschaft und Forschung erfasst werden sollen. Sie nutzen dafür jene Publikationen, die ihre Autorinnen und Autoren verpflichten, mögliche Interessenkonflikte bei der Publikation wissenschaftlicher Artikel offenzulegen. Die Datenbank soll wissenschaftsjournalistische Recherchen erleichtern und perspektivisch von einem Verband gepflegt und betrieben werden.

Die Journalistin Anja Krieger ist die dritte Stipendiatin im Grow-Programm. Sie produziert den Plastisphere Podcast rund um das Umweltthema Plastikmüll, ist Teil der RiffReporter-Gemeinschaft und möchte im Rahmen der Grow-Förderung eine möglichst nachhaltige Finanzierungsstrategie für ihren Arbeitsschwerpunkt entwickeln. Der englischsprachige Podcast mit halbstündigen Episoden wird von Hörerinnen und Hörern aus mehr als 50 Ländern gehört.

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Bayerische Staatsregierung erhält Verschlossene Auster 2019

Die Verschlossene Auster 2019 geht an die Bayerische Staatsregierung. Mit dem Negativpreis zeichnet die Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche (nr) den Informationsblockierer des Jahres aus. Die Begründung des nr-Vorstands: Die Staatsregierung, getragen von einer Koalition aus CSU und Freien Wählern, blockiert weiterhin die Einführung eines Informationsfreiheitsrechts, wie es in den meisten Bundesländern schon existiert. Außer in Bayern fehlt das Recht zur Einsicht in behördliche Akten nur noch in Sachsen und Niedersachsen – dort ist es aber immerhin in Planung.

„Vor allem die CSU wehrt sich beständig dagegen, die Aktenschränke der Exekutive zu öffnen. Dabei geht es natürlich um Macht“, sagte Arne Semsrott, Projektleiter für FragDenStaat.de bei der Open Knowledge Foundation Deutschland, in seiner Laudatio auf den Preisträger. Vor einem halben Jahr hätte die frisch gewählte bayerische Regierung die Möglichkeit gehabt, ihr Dasein als Transparenzschlusslicht zu beenden, so Semsrott: „Die Koalitionspartner der CSU, die Freien Wähler, hatten in ihrem Wahlprogramm ein Informationsfreiheitsgesetz versprochen. Am Ende der Verhandlungen gab es im Koalitionsvertrag allerdings eine Leerstelle.“

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Bundesrat: Initiative zur Anerkennung der Gemeinnützigkeit von Journalismus

Die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen hat einen Gesetzentwurf in den Bundesrat eingebracht, mit dem die Rahmenbedingungen für gemeinnützigen Journalismus verbessert werden sollen. Konkret geht es in dem Antrag darum, die für die Anerkennung der Gemeinnützigkeit ausschlaggebende Abgabenordnung des Bundes so zu ändern, dass Journalismus dort als eigener Förderzweck aufgenommen wird. Dies ist bisher nicht der Fall.

NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) verwies in seiner Rede im Bundesrat auf das Recherchenetzwerk Correctiv, das den Status der Gemeinnützigkeit über den Förderzweck „Volksbildung“ erlangt hat. „Das ist nach unserer Auffassung auf Dauer nicht rechtssicher“, sagte Laschet.

Er machte deutlich, dass mit dem Antrag nicht der gesamte Journalismus gemeinnützig werden solle. Aber: „Die gemeinnützigen Journalisten, die tätig sind, brauchen nach Auffassung des Landes Nord rhein-Westfalen eine bessere Rechtsgrundlage.“ Profitieren sollen nur diejenigen, die „den Pressekodex der deutschen Medien einhalten und die sich der Beschwerdeordnung des Deutschen Presserats verpflichten“, sagte Laschet. Dies sei kein Eingriff in den Wettbewerb, weil die, die gemeinnützig seien, Journalismus eben nicht mit Gewinnstreben betreiben sollten.

Der Gesetzentwurf wird nun in den Fachausschüssen diskutiert, federführend ist der Finanzausschuss des Bundesrats.

Newsletter Netzwerk Recherche, Nr. 173, 27.05.2019

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

“Wir suchen nach einer Frau mit Kind. Sie kommt idealerweise aus einem absolut verschissenen Land. (…) Die Figur für den zweiten Konflikt beschreibt Claas. (…) Dieser Typ wird selbstverständlich Trump gewählt haben.”

“Ein anderer Dokumentar schilderte der Kommission, dass ‘nicht selten’ kurz vor Druck Fakten vom Dokumentar so hingebogen werden sollten, dass ein Text ‘gerade eben nicht mehr falsch ist’, um eine These zu retten, die in einer Konferenz vorgestellt wurde.”

Der Spiegel hat am Freitag seinen 17-seitigen Relotius-Report veröffentlicht. Die oben zitierten Stellen sind für mich zwei der erschreckendsten Passagen. Weil sie zeigen, wie wenig Respekt einige beim Spiegel vor dem haben, was Carl Bernstein einmal “the best obtainable version of the truth” genannt hat – und dass Sound offenbar vor Fakten geht.

Jede Journalistin und jeder Journalist sollte den Relotius-Report lesen (oder zumindest die Zusammenfassung von Stefan Niggemeier). Nicht nur, weil der Report detailliert und schonungslos den Totalschaden Relotius nachzeichnet. Sondern weil er darüber hinaus viele weitere Probleme des Spiegels seziert – und damit auch von Teilen des Journalismus. Weiterlesen

nr-Leuchtturm 2019 für Juan Moreno

Netzwerk Recherche verleiht den Leuchtturm für besondere publizistische Leistungen 2019 an Juan Moreno. Die Journalistenvereinigung würdigt damit die Aufdeckung der Relotius-Manipulationen durch den freien Spiegel-Reporter. „Juan Moreno hat seinen journalistischen Kompass und seine Unabhängigkeit beispielhaft bewiesen. Er hat hartnäckig und mutig gegen Widerstände im eigenen Haus recherchiert und dabei viel riskiert – um schließlich zu enthüllen, was lange niemand wahrhaben wollte“, so Julia Stein, Vorsitzende von Netzwerk Recherche.

Juan Moreno und Laudatorin Julia Friedrichs bei der Preisverleihung. Foto: Nick Jaussi

Moreno hatte 2018 gemeinsam mit Relotius an einer Reportage über eine Bürgerwehr gegen Flüchtlinge in Arizona gearbeitet: Moreno recherchierte in Mexiko, den US-amerikanischen Part übernahm Claas Relotius. In dem unter dem Titel „Jaegers Grenze“ am 16. November im Spiegel erschienenen Beitrag entdeckte Moreno Ungereimtheiten – und sprach die Ressortleitung darauf an. Die vertraute jedoch zunächst Relotius’ Erklärungen – und so entschied sich Moreno, auf eigene Faust und auf eigene Kosten in den USA zu recherchieren. Er wies nach, dass sein Co-Autor die Protagonisten nie getroffen hatte. Es war der Anfang einer einzigartigen Enthüllung, im Zuge derer die systematischen Fälschungen des Claas Relotius nach und nach aufgedeckt wurden. Weiterlesen

Thüringen will Informationsfreiheitsgesetz zum Transparenzgesetz weiterentwickeln

Die rot-rot-grüne Regierung in Thüringen will das eher mittelmäßige Informationsfreiheitsgesetz des Landes zu einem Transparenzgesetz weiterentwickeln, das mehr Verpflichtungen zur automatischen Veröffentlichung enthält. Die Gesetzesvorlage soll als eines der Reformprojekte noch vor den Wahlen im Oktober 2019 verabschiedet werden. Netzwerk Recherche hat dazu im Mai an einer Sachverständigenanhörung im Landtag teilgenommen und eine detaillierte schriftliche Stellungnahme zu dem Gesetzentwurf vorgelegt (Stellungnahme von Netzwerk Recherche). Weiterlesen

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, lieber Hans Leyendecker!

Foto: Franziska Senkel | Zeichnung: Dieter Hanitzsch | Lorbeerkranz: jungsang (Noun Project)

Von der Gründung des Vereins im Jahr 2001 bis 2011 war Hans Leyendecker Zweiter Vorsitzender von Netzwerk Recherche. Heute feiert er seinen 70. Geburtstag. Der Vorstand und das Team von Netzwerk Recherche senden herzliche Geburtstagsgrüße!

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