Newsletter Netzwerk Recherche, Nr. 164, 27.08.2018

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

“Sie begehen eine Straftat, sie begehen eine Straftat!” Der Demonstrant, der das ZDF-Team um Arndt Ginzel erst bepöbelt und dann die Polizei eingeschaltet hat, arbeitet also selbst bei der Polizei. Und die Polizei, die die Journalisten rund 45 Minuten lang mit Ausweiskontrollen schikaniert hat, steht nun noch dümmer da, als sie es von Beginn an tat. Die Aufnahmen, wie die Beamten mehrfach den Presseausweis kontrollieren und feststellen, er sei “in Ordnung” offenbaren eine sonderbare Hilflosigkeit der Polizisten. Denn sie wissen nicht genau, was sie tun sollen, außer die Journalisten von der Arbeit abzuhalten. Und dass ein Presseausweis, der fast für jeden zugänglich ist, als Beleg dafür herhalten muss, dass es sich um “echte” Journalisten handelt, ist auch nicht ohne Komik. Andererseits ist die Unsicherheit der Beamten das Schlimme an der Situation. Denn natürlich sind sie qua Amtes am längeren Hebel und haben die Macht, die Arbeit der Kollegen einfach zu stoppen, trotz ihrer offenkundigen Hilflosigkeit.

Warum sind Journalisten ausgerechnet während einer Pegida-Demonstration für die Polizei das glaubwürdigere Feindbild als pöbelnde Demonstranten? Das ist die Frage, die durch die Äußerungen des Ministerpräsidenten Michael Kretschmer, CDU, noch verstärkt wird. Denn auch für ihn war der Fall sofort klar und er twitterte: “Die einzigen, die in diesem Video seriös auftreten, sind Polizisten.” Gerade weil das nicht stimmte, ist es eine sonderbare Bekräftigung. Dass nun ausgerechnet ein LKA-Mann in seiner Freizeit der Auslöser des Gemenges war, lässt den Tweet erst recht absurd erscheinen. Der Innenminister hat klare Worte gefunden für das Verhalten des LKA-Beschäftigen: Er erwarte von allen Bediensteten ein korrektes Verhalten, auch wenn sie sich privat in der Öffentlichkeit aufhielten. Weiterlesen

Grow-Stipendien: Bewerbungsfrist verlängert!

Wir vergeben in diesem Jahr wieder bis zu drei Grow-Stipendien für Gründerinnen und Gründer im gemeinnützigen Journalismus. Wir haben seit der Ausschreibung im Sommer schon spannende Bewerbungen erhalten, möchten aber noch mehr! Deshalb haben wir die Bewerbungsfrist verlängert – bis Mittwoch, 29.08.2018. Wir freuen uns auf weitere Projektideen im Nonprofitjournalismus.

Die in diesem Jahr auf je 3.000 Euro aufgestockten Grow-Stipendien werden vergeben an journalistische Start-ups, die einen klaren Recherche-Schwerpunkt haben und nicht profitorientiert sind. Wir vermitteln den Stipendiatinnen und Stipendiaten Know-how und Kontakte, damit der Start gelingen und das Projekt wachsen kann. Ermöglicht wird das Stipendienprogramm von der Schöpflin Stiftung. Hier gibt es mehr Informationen zu den Bedingungen, zum Ablauf des Bewerbungsverfahrens und zur Jury.

Newsletter Netzwerk Recherche, Nr. 163, 31.07.2018

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

Was lernen wir aus Mesut Özils vorläufigem Rücktritt und dem unter #MeTwo geteilten Alltagsrassismus? Ich lerne vor allem, dass wir zwar viel Meinung zu lesen bekommen, dass wir aber noch immer viel zu wenig zu Rassismus im Alltag recherchieren. Das liegt daran, dass es in Deutschland zu wenige Kollegen im investigativen Journalismus gibt, die das könnten. Weil zu wenige von uns solche Alltagserfahrungen machen.

#MeTwo zeigt genau wie #MeToo, wie viele Geschichten seit Jahren unter der Oberfläche schlummern, aber von Medien bisher nicht Ernst genommen wurden. Diese Themen beschäftigen viele Menschen jeden Tag, sie betreffen ganz besonders ohnehin benachteiligte Gruppen – und sie können schwere Schäden hinterlassen. Genau das, wonach investigative Reporter bei Themen stets suchen. Weiterlesen

Wegweiser Nonprofitjournalismus: Neues Informationsportal für gemeinnützigen Journalismus

Netzwerk Recherche stellt mit dem Wegweiser Nonprofitjournalismus ein neues Informationsportal für gemeinnützigen Journalismus vor.

Die Website nonprofitjournalismus.de beantwortet Fragen rund um die Themen Gemeinnützigkeit, Gründen sowie Vernetzung und stellt eine Vielzahl nützlicher Ressourcen – z.B. Best-Practice-Beispiele, kommentierte Linklisten oder Trainingsangebote – zur Verfügung.

Begleitet wird der Relaunch der Internetseite von einer kompakten Broschüre (auch zum Download), in der die wichtigsten Punkte noch einmal zusammengefasst sind.

Wer mehr wissen möchte: Netzwerk Recherche und die Schöpflin Stiftung laden am 21. September in Berlin zu einer Konferenz über gemeinnützigen Journalismus, neue Finanzierungsideen und das Verhältnis von Journalismus und Stiftungen.

Ermöglicht wurde die Erstellung des Wegweisers durch die folgenden Partner und Förderer: Die Schöpflin Stiftung, die Stiftung Mercator, die GLS Treuhand, die Medienstiftung Hamburg-Schleswig-Holstein, die JournalistenAkademie der Friedrich-Ebert-Stiftung und die LfM-Stiftung für Lokaljournalismus Vor Ort NRW.

nr18: Trainingscamp, Diskussionsforum, Eckkneipe

Einen Preis für MeToo-Berichterstattung, einen Preis für einen verschlossenen Bürgermeister und jede Menge Workshops, Debatten und Gespräche – das war die nr18.

Ein Rückblick von Jonathan Gruber

Der verstorbene Mitbegründer des Netzwerks Recherche Thomas Leif sagte einmal, recherchierende Journalistinnen und Journalisten seien keine einsamen Wölfe, sondern zögen ihre Stärke aus der Arbeit im Team. Ende Juni traf sich dieses Team mal wieder zur Netzwerk-Recherche-Jahreskonferenz (nr18) in Hamburg.

In über 100 Veranstaltungen diskutierten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer unter anderem über Frauen im Journalismus, die Zukunft des Lokaljournalismus und die Nähe zur Politik, lernten in Workshops etwas über investigative Recherche und Datenjournalismus und begegneten dabei allerlei bekannten und neuen Gesichtern.

Vor allem neue weibliche Gesichter. Netzwerk-Recherche-Vorstandsmitglied Kuno Haberbusch erzählte, dass bei der ersten Konferenz vor 18 Jahren alle Referenten männlich gewesen seien. In diesem Jahr lag der Frauenanteil auf den Podien immerhin bei 42 Prozent. Es war eines der großen Themen der nr18: die Rolle der Frau im Journalismus. Laut Angabe der Initiative Pro Quote war noch vor sechs Jahren bei der Süddeutschen Zeitung nur knapp jede 25. Führungsperson eine Frau, mittlerweile sei es jede Fünfte. In der ARTE-Programmkonferenz sind die acht stimmberechtigten Mitglieder dagegen immer noch allesamt männlich. Pro Quote drängt auf ein 50:50-Verhältnis in den Führungspositionen. Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer sagte, sein Magazin habe genau solchen Druck von außen gebraucht, um sich zu verändern und mehr Frauen Verantwortung zu übertragen (mehr zum Thema im Beitrag von Isolde Fugunt).  Weiterlesen

Gleichberechtigung fängt in der Journalistenausbildung an

Foto: Nick Jaussi

Ein Gastbeitrag von Isolde Fugunt

Ein Frauenanteil von 45 Prozent auf den Podien – und mehr Moderatorinnen als Moderatoren. Darauf waren die Organisatoren der Jahreskonferenz von Netzwerk Recherche in Hamburg stolz. Haben wir jetzt also alles erreicht? Können wir das Thema Gleichberechtigung damit abhaken? Noch nicht ganz, findet Journalistenausbilderin Isolde Fugunt (ifp):

Wenn ich jemandem am ersten Tag bei #nr18 erzählte, dass ich dieses Jahr neben Datenjournalismus ganz viele Panels im Bereich Frauen besuchen würde, erntete ich bisweilen mitleidige Blicke – nicht wegen #ddj. Oder bildete ich mir das nur ein? Denn auch mein eigener kleiner Karriere-Teufel verhöhnte mich: Hier gibt’s so viele spannende Themen und Du beschäftigst Dich damit? Mit Journalistinnen-Netzwerken? Mit der gerechten Verteilung von Journalistenpreisen? Mit Frauen in Führungspositionen? Spätestens im Panel zum Thema „Journalistenpreise“ und Frauen hat sich dann bestätigt, dass diese Konzentration eine Dummheit sein könnte: Denn viel zu viele Frauen schreiben über weiche Themen (Frauen, Pflege, Kinder, Familie und so weiter) und überlassen die harten, die die als gesellschaftlich relevant gelten, ihren männlichen Kollegen. Unter anderem deshalb gewinnen Frauen wohl auch weniger Preise. Texte von Frauen und über Frauen wolle ja auch kein Mann lesen, sagte ein Diskussionsteilnehmer. Ich glaube ja eher, dass Männer sehr wohl Texte von Frauen und über Frauen lesen würden, wenn es diese in ausreichender Zahl gäbe. Machen Sie sich mal den Spaß und zählen Sie im Spiegel Nr. 25 (Zufall) die Autorinnen und Autoren (21:80) sowie die abgebildeten Frauen und Männer (31:113). Ich will Spiegel-Chef Klaus Brinkbäumer gerne glauben, dass in den Führungsetagen auf der Ericusspitz seit kurzem alles besser ist. Er müsse schon gar nicht mehr darüber nachdenken, eine Frau zu befördern, hat er im Führungspositionen-Panel gesagt. Die sind jetzt nämlich automatisch immer schon dabei, wenn der Spiegel nach den besten Leuten für einen Job in Führungsposition suche. Aber sein Heft, sorry, ist ein Männer-Heft. Dieses Missverhältnis wird übrigens schon in der Ausbildung eingeübt: Ich muss zugeben, dass unsere Ausbildungsprojekte hinsichtlich der Gesprächspartner auch oft Männer-Dossiers sind. Weiterlesen

nr-Werkstatt Drehbuch der Recherche: Anleitung für investigative Recherche

Mit einer Anleitung für investigative Recherche setzt Netzwerk Recherche die nr-Werkstattreihe fort. Unter dem Titel „Drehbuch der Recherche“ erscheint zur nr-Jahreskonferenz 2018 eine aktualisierte Übersetzung des Handbuchs „The Hidden Scenario“ (dem Nachf0lger des Klassikers “Story-Based Inquiry” von Mark Lee Hunter und Luuk Sengers. Darin erklären die Autoren, wie man eine investigative Recherche plant, ausführt und abliefert – von der Idee bis zur Story. Daniel Drepper, Chefredakteur von BuzzFeed Deutschland und Mitglied im Vorstand von Netzwerk Recherche, schreibt in seinem Vorwort: „Auch wenn ich in meiner täglichen Arbeit längst nicht alle Vorschläge der Autoren umsetze, so hat mir das Buch doch sehr dabei geholfen, mir meiner Recherchetechniken bewusst zu werden und mich zu fokussieren. Recherche ist Handwerk. Sie lässt sich erlernen, sie lässt sich strukturieren, sie lässt sich in vielen Fällen auch aus dem Nichts konstruieren – wenn ich klug vorgehe und etwas Zeit investiere. Das ‚Drehbuch der Recherche‘ gibt eine Anleitung, die vor allem jungen Reporterinnen und Reportern ohne Zugang zu gut vernetzten Quellen helfen kann.“

Die nr-Werkstatt 25 “Drehbuch der Recherche” kann als pdf heruntergeladen und als Broschüre bestellt werden.

Verschlossene Auster 2018 für den Bürgermeister von Burladingen

Der Negativpreis “Verschlossene Auster” von Netzwerk Recherche für den Informationsblockierer des Jahres geht in diesem Jahr an den Bürgermeister von Burladingen in Baden-Württemberg. Der AfD-Politiker Harry Ebert erhält die Auszeichnung für seinen selbstherrlichen und respektlosen Umgang mit der örtlichen Presse.

Weil Harry Ebert die Berichterstattung der Lokaljournalisten nicht gefiel, überzog er sie mit einem regelrechten Strafkatalog: Er verweigerte sich Interviews, ließ Anfragen unbeantwortet und wies städtische Mitarbeiter an, nicht mit der Presse zu sprechen. Er ließ im Amtsblatt der Stadt gegen die örtlichen Journalisten wettern und drohte mit dem Entzug von Abonnements, falls eine unliebsame Reporterin nicht abgezogen werde. Weiterlesen

Newsletter Netzwerk Recherche, Nr. 162, 25.06.2018

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

am kommenden Freitag ist es mal wieder soweit: Bereits zum 17. Mal treffen sich hunderte Journalistinnen und Journalisten zur Jahrestagung von Netzwerk Recherche. Was im Jahr 2002 unter dem Motto “Wege zu einer neuen Recherche-Kultur” ganz klein begann, hat sich längst zu einem der wichtigsten Medienkongresse entwickelt. Gab es zu Beginn einen Raum und sechs Panels, gibt es heute 10 Räume und 110 Panels. Gab es damals 18 Referenten, gibt es heute rund 250 Referenten und Referentinnen.

Unverändert geblieben ist das NDR-Gelände als Veranstaltungsort und der NDR als großzügiger Gastgeber. Unverändert auch der Anspruch, den das Netzwerk Recherche als Veranstalter hat: Die Förderung des Recherche-Journalismus. Der konstruktive Streit um aktuelle Probleme, aber auch Chancen unserer Branche. Die Vermittlung von Handwerk und Haltung. Wir wollen motivieren und neue Impulse geben. Und noch etwas hat sich nicht verändert: Diese Konferenz wird ehrenamtlich organisiert: Von Journalisten. Mit Journalisten. Für Journalisten.

Doch etwas hat sich verändert: 2002 gab es 16 männliche Referenten, lediglich zwei Kolleginnen waren auf den Podien vertreten – Susanne Fischer und Patricia Schlesinger. Solch männerlastige Podien gibt es bei vielen, leider zu vielen Medientagungen auch heute noch. Umso erfreulicher die (vorläufige) Bilanz unserer jetzt beginnenden Tagung: Rund 40 Prozent der ReferentInnen sind Frauen, gar mehr als 80 Prozent der Moderationen liegen in weiblicher Hand. Vergleichbare Werte gab und gibt es auf keinem anderen Medienkongress. Zugegeben: Es war nicht ganz einfach. Noch immer gibt es nach unseren Anfragen mehr Absagen von Kolleginnen – aus sehr unterschiedlichen Gründen – als von Kollegen. Deshalb dauert die “ausgeglichene” Besetzung vieler Panels meist sehr viel länger, die Bemühungen sind viel größer. Es lohnt sich, darüber mal zu reden. Weiterlesen

Leuchtturm-Preis 2018 für MeToo-Rechercheteam der ZEIT

Der „Leuchtturm für besondere publizistische Leistungen“ der Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche geht in diesem Jahr an das MeToo-Rechercheteam der ZEIT und des ZEITmagazins. Damit würdigt der Verein die Recherchen und Veröffentlichungen der ZEIT zur Affäre um Dieter Wedel.

Jana Simon, Annabel Wahba und Christian Fuchs erhalten – stellvertretend für das gesamte Team – den mit 3.000 Euro dotierten Preis auch für ihren vorbildlichen Umgang mit den Regeln der Verdachtsberichterstattung. Anstatt vorschnell Gerüchte in die Welt zu setzen, recherchierten sie akribisch über Monate hinweg die Vorwürfe der Vergewaltigung und sexuellen Belästigung gegen den Regisseur und Filmproduzenten Dieter Wedel. Die veröffentlichten Texte überzeugten durch ihre sachliche, an den Fakten orientierte Darstellung der Rechercheergebnisse, die in ihrer Dichte eine immense Wucht entfalteten. Dank der Arbeit des ZEIT-Rechercheteams kam die in den USA nach den Enthüllungen rund um Harvey Weinstein gestartete MeToo-Debatte endgültig auch in Deutschland an.

Die Vorsitzende von Netzwerk Recherche, Julia Stein: „Es ist den Autorinnen und Autoren der ZEIT zu verdanken, dass mit ihrer Recherche ein altes Wertesystem ins Wanken geraten ist: Was an Sexismus und bisweilen sogar an Despotismus lange hingenommen wurde, darf nun nicht mehr sein. Für das Unrecht der Vergangenheit gibt es durch diese Veröffentlichung einen neuen Gradmesser. Bemerkenswert – und auch sehr erfreulich – ist, dass an dieser Recherche vor allem Frauen beteiligt waren, die doch im Investigativen sonst meist leider unterrepräsentiert
sind.“ Weiterlesen

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