Tipps aus dem Lokalen: Berichten über geschlossene Milieus
Wie können wir im Lokalen zu denen recherchieren, die am liebsten unter sich bleiben? Das wollten Ende September über 30 Teilnehmende bei einem Online-Austausch voneinander wissen. Die Lokaljournalist:innen Patricia Huber, Alexander Kalski und Steffen Krapf stellten ihre Recherchen zwischen Esoterik und Rechtsextremismus vor und diskutierten mit den Teilnehmenden, was dabei wichtig und hilfreich ist.
Reporterin Patricia Huber von OVB Media (u.a. Oberbayerisches Volksblatt) hat sich für den Podcast „Die andere Wahrheit – zwischen Vernunft und Verschwörung“ (u.a. auf Podigee) mit gesellschaftlicher Spaltung beschäftigt. Sie ist beim sogenannten Glücksbringer-Kongress im bayerischen Bad Aibling in eine Welt voller Glücksversprechen eingetaucht und konnte zeigen, wie das scheinbar harmlose Event durchaus Berührungspunkte mit der rechtsesoterischen Szene hat.
Alexander Kalski hat für die Ostsee-Zeitung recherchiert, wie die völkisch-esoterische Anastasia-Bewegung eine Schulneugründung in Mecklenburg-Vorpommern unterwandern wollte. Die Recherche wurde von Netzwerk Recherche mit dem Fellowship Lokale Recherche gefördert.
Ebenso im Fellowship Lokale Recherche hat der freie Journalist Steffen Krapf untersucht, wie fränkische Neonazis die deutsche Kampfsportszene durchdringen. Die Recherche ist u.a. in den Nürnberger Nachrichten erschienen.
Recherchieren in geschlossenen Milieus: Der Aufwand lohnt sich
Mit der Recherche geht ein großer Aufwand einher. Alle drei sagen aber: Der lange Atem lohnt sich. Denn solche aufwendigen Recherchen geben den Leser:innen, Zuhörer:innen oder Zuschauer:innen in der Region tiefe Einblicke, die sie sonst nicht erhalten könnten. Aus einer umfangreichen Recherche können auch bei neuen Entwicklungen schnell weitere Beiträge werden.
Tipps zur Recherche
Diese Tipps haben wir für alle gesammelt, die über geschlossene Milieus berichten wollen:
- Was muss ich wissen? Wer über Gruppen berichtet, die lieber unter sich bleiben, sollte Codes und Erkennungszeichen aus der Szene, Schauplätze, Aktivitäten und Narrative kennen.
- Wie fange ich an? Wer sich in einem Recherchefeld noch nicht auskennt und sich mit geschlossenen Milieus beschäftigt, kann Expert:innen um eine erste Einführung ins Thema bitten. Für die drei Referent:innen waren Mobile Beratungen ein guter Einstieg.
- Personen kennen: Wer sind die wichtigsten Personen, welchen Hintergrund haben sie? Diese Informationen sind für Alexander Kalski auch wichtig, um eine Gefahrenanalyse zu erstellen.
- Netzwerke erkennen: Steffen Krapf rät, sich solche Netzwerke ähnlich wie Firmenorganigramme vorzustellen. Wer führt eine Gruppe an, wer die gesamte Organisation? Wer leitet welche Abteilung, wer welche Filiale? So wird durch Recherchieren, Gruppieren und Strukturieren aus einer bloßen Namensliste mit der Zeit ein Netzwerk, in dem man sich bei der Recherche zurechtfinden kann.
- Zeitstrahl erstellen: Was ist wann passiert? Das kann auch relevant werden, um Aussagen von Protagonist:innen gegenzuchecken.
- OSINT nutzen: Für die Personen- und Netzwerkrecherche empfehlen Alexander Kalski und Steffen Krapf eine ausgiebige OSINT-Recherche. Über Social Media, Google-Bewertungen und andere offene Quellen werden die Personen und ihre Verbindungen greifbar.
- Für Sicherheit sorgen: Vor Beginn der Recherche sollte eine Gefahrenanalyse erfolgen: Welchen Gefahren setze ich mich als Reporter:in aus und wie kann ich mich schützen? Wer Veranstaltungen besucht, sollte wenn möglich nicht alleine gehen oder Vertrauenspersonen über Ablauf und Standort informieren und Notfallkontakte ausmachen. Alexander Kalski und Steffen Krapf empfehlen außerdem, eine Melderegisterauskunftssperre zu beantragen.
Wie viel Aufmerksamkeit erzeugt die Berichterstattung?
Zum Glücksbringer-Kongress diskutierten die Teilnehmenden des Online-Treffens: Erzeugen Journalist:innen durch die Berichterstattung Aufmerksamkeit für Akteur:innen und Gruppen, die sonst eher in Nischen ihre Narrative verbreiten? In diesem Sinne würde auch kritische Berichterstattung Aufmerksamkeit für die Macher:innen und ihre Botschaften erzeugen.
Patricia Huber hat diese Diskussionen vor ihrer Berichterstattung zum Glücksbringer-Kongress selbst geführt. Sie rät, dass Redaktionen das individuell diskutieren und Alternativen abwägen sollten. So könnten sie zum Beispiel beschließen, keine Vorberichterstattung zu einer Veranstaltung zu machen.
Zu beachten sei aber: Oft erzeugen nach Hubers Erfahrung polarisierende Veranstaltungen von selbst Aufsehen und Diskussionen in der Region, zum Beispiel durch Werbeplakate. Das Thema sei dadurch ohnehin schon in der Stadtgesellschaft präsent. Die Diskussionen im Vorfeld zu begleiten, ist eine wichtige Aufgabe von Journalist:innen im Lokalen. So war es auch bei Patricia Huber.

Mentale Gesundheit bei belastender Recherche
Gemeinsam sprachen die Teilnehmenden auch über mentale Gesundheit: Wer sich so tief einarbeitet und gegebenenfalls lange und intensiv mit Verschwörungserzählungen und Extremismus auseinandersetzt, kann das als sehr belastend erleben. Hier heben Huber, Kalski und Krapf hervor, dass sie sich nicht ausschließlich mit diesen Recherchen beschäftigen, sondern oft auch tagesaktuell arbeiten und ganz anderen Recherchefragen nachgehen. Zudem hilft es den drei Lokaljournalist:innen, auch von denjenigen Menschen zu erzählen, die sich gegen eine Spaltung der Gesellschaft einsetzen und damit zu einem guten Miteinander beitragen. Dieser Perspektivwechsel ist demnach nicht nur für das Publikum wertvoll, sondern auch für die Lokaljournalist:innen selbst.
Hinweis zum Thema mentale Gesundheit: Bei mentalen Belastungen ist die Helpline von Netzwerk Recherche für Journalist:innen da. Wie Journalist:innen und Redaktionen mit Belastungen im Redaktionsalltag umgehen können, zeigt außerdem der neue Ratgeber „Stark unter Druck“.

Die Veranstaltung gehört zum Angebot des Support Desks Lokale Recherche, gefördert von der Zeit Stiftung Bucerius. Der Support Desk ist eine Anlaufstelle für Lokaljournalist:innen mit Recherchefragen und organisiert unter dem Motto „Wie macht Ihr das eigentlich?“ Austauschrunden zu Themen, die Lokaljournalist:innen beschäftigen.