Umfrageergebnisse sehen in den Säulendiagrammen eindeutig aus, sind es aber ganz und gar nicht. Eine Checkliste, worauf Journalisten bei Berichten über Wahlumfragen achten müssen. Von Ramona Drosner (DJS) und Marco Karp (ifp)

Deutschland vor der Wahl

Bei „Deutschland vor der Wahl“ diskutierten Journalisten und Forscher über die Frage, wie Medien mit Meinungsumfragen umgehen können. Foto: Jonas Walzberg

1. Umfrageergebnisse geben eine Spanne an, keinen Punkt.

Auch bei Umfragen von großen Instituten gibt es statistische Fehler. Die errechneten Umfragewerte können leicht höher oder tiefer liegen. Ein Tipp von Katharina Brunner von der Süddeutschen Zeitung: Auf wahlrecht.de Vergleichswerte anschauen. wahlrecht.de

2. Umfrageergebnisse sind keine Prognosen

Vielmehr stellen Umfrageergebnisse die Gegenwart dar. Einen Ausblick auf künftige Zustände bieten sie nicht.

3. Umfragen können gefährlich werden – vor allem kurz vor der Wahl

Ein Stimmungsbild über aktuellere Umfragen, kurz vor der Wahl ist vielleicht genauer, kann aber gefährlich sein. Wenn Wähler z.B. wegen der letzten Umfragen strategisch wählen und die Wahl ganz anders ausgeht, als die Umfragen vermutet haben. Dazu kommen viele verschiedene Effekte, die die Wahlergebnisse beeinflussen können, warnt Thorsten Faas, Wahlforscher an der Universität Mainz.

4. Auch hohe Zahlen verbergen große Unsicherheiten.

80 Prozent klingt viel, trotzdem stecken hinter den verbliebenen 20 Prozent auch sehr viele Wähler. Ein Beispiel: „Einer Verhütungsmethode, die zu 80 Prozent sicher ist“, sagt Gregor Aisch von der New York Times, „würde ich ja auch nicht trauen.“ Diese Unsicherheiten resultieren aus statistischen und systematischen (Befragter kann z.B lügen) Fehlern. Sie sollten in der Berichterstattung transparent gemacht werden.

5. Eigene Umfragen müssen transparent gemacht werden.

Von der Redaktion durchgeführte, nicht repräsentative Umfragen oder VoxPops geben ein verzerrtes Bild ab. Das sollten Redakteure und Redakteurinnen unbedingt in der Berichterstattung deutlich machen.

6. Über Wahlkampf wird berichtet, als wäre es ein Pferderennen.

Wenn Journalisten über aktuelle Meinungsumfragen berichten, „verwenden sie häufig Sportmetaphern“, sagt Faas. Den Trend zu sportaffiner Berichterstattung über Wahlkampf macht er vor allem an der Wortwahl fest. Häufig ausgeborgte Wörter aus der Sportwelt: aufholen und zurückfallen.

7. Wahrnehmung von Umfragen variiert

Vier bis fünf Wochen vor der Wahl haben Meinungsumfragen den größten Effekt. Dann nehmen laut Studien 60 bis 70% der Wähler die Umfragen wahr.

Ramona Drosner (DJS) und Marco Karp (ifp) auf Twitter: @ramonadrosner, @Marco_Karp