Nervös schauen die etablierten Parteien auf den Social-Media-Erfolg der Alternative für Deutschland (AfD), die dort mehr als doppelt so viele Anhänger erreicht, wie sie. Was die Volksparteien besser machen können. Von Mathias Birsens, JONA/KAS

„Wenn man meine Seite öffnet an einem ganz normalen Tag, könnte man denken, man sei auf einer Naziseite“, erzählt SPD-Cheftwitterer Ralf Stegner. Er sei regelrechten Hass- und Drohkampagnen ausgesetzt, bei denen auch seine Familie direkt angegriffen wird. Aufgeben will der stellvertretende Bundesvorsitzende der SPD trotzdem nicht: „Ich glaube auch, dass man sich mit denen prügeln muss. Man darf nicht kapitulieren“. Insbesondere die Alternative für Deutschland (AfD) bausche ihren Einfluss in den sozialen Netzwerken durch Social Bots auf. Diese Computerprogramme posten, liken und verbreiten automatisiert Beiträge zu einem bestimmten Thema weiter. So können wenige Technikversierte den Eindruck erwecken, dass viel mehr Menschen in den sozialen Netzwerken einer Meinung sind, als das tatsächlich der Fall ist. AfD-Anhänger würden zu bestimmten Themen die Kommentarspalten dominieren und die Partei zum Scheinriesen aufblasen, beobachtet der Social-Media-Experte Fiete Stegers vom NDR.

Warum ist AfD in sozialen Netzwerken so erfolgreich?

Mit fast dreimal so vielen Facebooklikes wie die CDU und mehr als doppelt so vielen wie die SPD ist die AfD auf Facebook die erfolgreichste Partei. Das liegt vor allem daran, dass sie sehr emotional postet, erklärt Stegers. Sie ruft bei ihren Followern Wut, Ärger und Angst hervor und generiert so in den sozialen Netzwerken Aufmerksamkeit. Hinzu komme, dass die rechtspopulistische Partei „Aussagen gerade so weit verkürzt, dass ihre Anhänger sie noch weiter verkürzen und damit Sinnentstellen können“. So startet die AfD regelrechte Shitstorms, wie es zuletzt Margot Käßmann wegen eines aus dem Zusammenhang gerissenen Zitates vom Kirchentag erleben musste.

„Die AfD zeigt, was für ein politischer Ort Facebook sein kann“

Der Erfolg der AfD im Internet hängt aber auch damit zusammen, dass die Partei soziale Netzwerke von Anfang an geschickt als Kommunikationsmittel nutze, erklärt Politikberater Martin Fuchs. Anfangs seien die AfD-Anhänger aufs Internet angewiesen gewesen, um Neues über die Partei zu erfahren, weil klassische Medien sie lange ignoriert hätten. Dazu kommt, dass die Rechtspopulisten Facebook erfolgreich genutzt haben, um in kurzer Zeit fast überall in Deutschland Ortsverbände aufzubauen. „Die Partei lebt in den sozialen Netzwerken, die Anderen sind dort sehr professionell aufgestellt, aber sie leben dort nicht“, sagt Fuchs. Doch das Wachstum der AfD stößt bei aktuell rund 324 000 Likes an seine Grenzen

„Die Parteien haben komplett verpennt“

Ganz anders sieht es wiederum bei den etablierten Parteien aus. Diese haben im Online-Wahlkampf noch viel Luft nach oben, insbesondere bei der digitalen Mobilisierung ihrer schon vorhandenen Wählerschaft, wie in der Diskussion immer wieder klar wurde. Parteien seien weder auf Hacks vorbereitet, noch fit im Factchecking oder der schnellen Reaktion, die gerade im kurzlebigen Netz wichtig ist, fasste Martin Fuchs die Situation zusammen.

Netzfeuerwehr gegen Falschinformationen über die Grünen

Wie man seine Wählerbasis richtig einbindet, zeigen die Grünen mit ihrer „Netzfeuerwehr“, die Martin Fuchs bei der Diskussion vorstellte: In dieser Facebookgruppe versammeln sich 2500 Menschen, die Falschinformationen im Internet suchen und an die Parteizentrale melden. Die entscheidet dann, wie die gesamte Gruppe am effektivsten reagiert. Mit Erfolg: Bereits dreimal hat die Netzfeuerwehr Seiten der AfD so lange mit Posts geflutet, bis die falschen Beiträge gelöscht wurden.

„Politiker und Parteien werden am allerwenigsten wegen Inhalten gewählt“

Am Ende werden Politikerinnen und Politiker, genauso wie Parteien selten wegen ihrer Inhalte, sondern viel mehr wegen ihrer Persönlichkeit und den damit verbundenen Emotionen gewählt, so Politikberater Fuchs. „Nur 10 Prozent der Deutschen sind wirklich interessiert an tagesaktueller Politik“, sagt er. Deshalb empfiehlt er Politikern auch persönliche Tweets zwischen die politischen Botschaften einzuflechten – so wie Ralf Stegner es tut. Er twitterte morgens vor der Diskussion unter anderem über ein Fußballspiel zwischen den Salomonen und Papua-Neuguinea, Trump, die Wahlen in Großbritannien und ein Lied von Reinhard Mey. Seine rund 34 600 Follower zeigen, dass die Strategie aufgeht.

Beitrag zum #nr17-Panel „Stimmenfang im Netz – Social Media im Superwahljahr“