Der Bereich des Datenjournalismus hat sich in den vergangenen Jahren zu einem lebendigen Schwerpunkt im Netzwerk Recherche entwickelt. Der intensive Austausch zwischen Datenjournalisten und Investigativen, ob auf der Jahreskonferenz, unseren Fachkonferenzen oder innerhalb großer Rechercheprojekte, hat immer wieder gezeigt, wie sehr sich die Felder bereichern und ergänzen. Wir sind überzeugt, dass die datenbasierte Recherche den Journalismus entscheidend vorantreiben kann – gerade auch vor dem Hintergrund einer fortschreitenden und umfassenden Digitalisierung, die den öffentlichen Raum prägt, immer mehr relevante Datenquellen hervorbringt und die Entwicklung neuer Methoden im Journalismus forciert.

Seit Herbst 2020 verstärken wir daher unser Engagement im Bereich des Datenjournalismus innerhalb einer Fachgruppe. Sie wurde gegründet, nachdem sich mehr als hundert Datenjournalist:innen aus dem deutschsprachigen Raum mehrheitlich für das Netzwerk Recherche als Dachorganisation entschieden haben. Diesem Auftrag folgend begreifen wir uns als allgemeine Interessenvertreter:innen für den gesamten Datenjournalismus und alle seine Ausprägungen.

Das wollen wir erreichen

Wir sind überzeugt, dass es in einer zunehmend digitalisierten Gesellschaft einen starken Datenjournalismus braucht. Nur dann können Medien auch sehr umfangreiche digitale Quellen in ihre Recherchen einbeziehen, strukturierte Informationen nach eigenen Fragestellungen auswerten und technologische Entwicklungen kritisch begleiten. Das ermöglicht große investigative Recherchen, stärkt aber auch die tagesaktuelle Arbeit im Newsroom. Die Fachgruppe Datenjournalismus im Netzwerk Recherche fördert den Datenjournalismus im deutschsprachigen Raum primär in diesen Feldern:

  • Offenes Netzwerk: Viele Datenjournalist:innen arbeiten in sehr kleinen Teams oder als Einzelkämpfer. Wir bieten die nötigen Räume für eine bessere Vernetzung der Branche – intern und mit Vertretern angrenzender Fachbereiche. Je mehr Methodenwissen wir teilen, desto wirksamer können unsere Projekte sein.
  • Mehr Sichtbarkeit: Wir geben dem Datenjournalismus eine starke Stimme in öffentlichen Debatten – etwa zu Informationsfreiheit und Datenschutz im Allgemeinen, aber auch für bessere Zugänge zu bestimmten Datenquellen. Unser Ziel ist es, diese Themen im Sinne der Datenjournalist:innen streitbar und konstruktiv zu beeinflussen.
  • Data Literacy: Wir fördern durch Wissenstransfer, Veranstaltungen und vielseitige Vernetzung den Aufbau von Kompetenzen, digitalem Mindset und datengetriebenen Rechercheansätzen unter Journalist:innen. Unser Ziel ist es, dass in den Redaktionen der Umgang mit großen Datenquellen und das nötige Handwerk dazu selbstverständlich werden.
  • Evidenzbasierte Recherche: Wir setzen uns dafür ein, datenjournalistische Methoden noch besser und tiefgreifender im Journalismus zu verankern. Daher engagieren wir uns als Berater:innen, Referent:innen oder Trainer:innen für Weiterbildungsangebote – ob übergreifend oder in einzelnen Redaktionen, für Anfänger und Profis.
  • Offene Daten: Datenjournalist:innen müssen nutzbare Zugänge zu strukturierten Informationen erhalten, die im öffentlichen Interesse sind. Wir unterstützen die Bemühungen um Open Data und arbeiten eng mit den in diesem Bereich aktiven Organisationen und Initiativen zusammen.
  • Diverse Perspektiven: Wir sind überzeugt, dass es im Datenjournalismus eine größere Diversität braucht, um gesellschaftliche Themen in ihrer Vielfalt angemessen erfassen, analysieren und hinterfragen zu können. Wir engagieren uns deshalb besonders für die Belange und die Förderung von Gruppen, die im Datenjournalismus derzeit unterrepräsentiert sind.

So verstehen wir Datenjournalismus

Wer datenjournalistisch arbeitet, nutzt Daten als Recherchequelle und verwendet dabei Analysewerkzeuge, die bislang nicht zum Repertoire im Journalismus gehörten. Nicht selten entstehen dabei interaktive Grafiken, die einen tieferen Einstieg in die Ergebnisse der Recherche ermöglichen. Um die mitunter vielschichtigen Analyseschritte nachvollziehbar zu halten, engagieren sich Datenjournalist:innen für eine möglichst große Transparenz ihrer Quellen und Methoden. Das umfasst auch ein starkes Interesse, gesellschaftlich relevante Daten im Sinne von Open Data öffentlich zugänglich zu machen und zu halten.

Datenjournalismus reicht vom Tagesaktuellen bis zum Großprojekt, von einer kleinen Wahlanalyse bis zum Leak aus Millionen Dokumenten. Und auch Projekte, die gar nicht primär auf Datenquellen basieren, profitieren davon, wenn diese in die Recherche einbezogen werden können – etwa um Entwicklungen einzuordnen, regionale Unterschiede zu identifizieren oder Fakten zu prüfen, die von Interviewpartnern behauptet werden. So wird ein evidenzbasierter Journalismus möglich, der auch umfangreiche Datenquellen selbst analysieren kann, anstatt sich auf die Auswertungen anderer verlassen zu müssen.

Den Datenjournalismus charakterisieren seine Schnittmengen. Mit der Wissenschaft teilt er das Ziel, intersubjektiv nachvollziehbare und valide Ergebnisse hervorzubringen. Zudem nutzen Datenjournalist:innen Methoden aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen, etwa der Informatik und Mathematik, der Geowissenschaften und dem Informationsdesign. Zugleich sind sie aber in das System des Journalismus eingebunden, was vor allem die Auswahl der Themen beeinflusst, aber auch ihre Prozesse und die Aufbereitung der Ergebnisse. Man kann daher beim Datenjournalismus von einer hybriden Disziplin sprechen – verankert im Journalismus, aber durchaus mit dem Anspruch einer möglichst wissenschaftlichen Vorgehensweise.

Datenjournalist:innen sind wirksam, wenn sie diese Methoden zusammenführen und datenbasierte wie auch qualitative Elemente in ihre Recherchen einbeziehen. Daher ist Datenjournalismus immer interdisziplinär: In den Redaktionen werden datenbasierte Recherchen gemeinsam mit Fachressorts vorangetrieben, in Datenteams arbeiten Journalist:innen mit Entwickler:innen und Designer:innen zusammen und Kooperationen mit externen Partnern und der Wissenschaft sind eher die Regel als eine Ausnahme. Diese Impulse sorgen dafür, dass der Datenjournalismus methodisch fundiert und am Puls der Zeit bleibt. Er entwickelt sich also zugleich in die Tiefe und in die Breite, indem datenjournalistische Werkzeuge stetig verfeinert und in den herkömmlichen Journalismus eingebunden werden. Beides ist wichtig, stellt aber eine besondere Herausforderung dar.

Beitritt zur Fachgruppe

Mitglieder von Netzwerk Recherche schicken eine kurze Mail an info@netzwerkrecherche.de, mehr braucht es nicht.

Alle anderen können sich direkt mit dem Mitgliedsantrag fürs Netzwerk Recherche auch der Fachgruppe zuordnen – dafür genügt ein Häkchen in der Checkbox “Fachgruppe Datenjournalismus”.

Unsere Ansprechpartner

Auftakttreffen der Fachgruppe Datenjournalismus am 14.12.2020

David Hilzendegen, Vanessa Wormer und Christina Elmer vertreten die Fachgruppe im Vorstand von Netzwerk Recherche. Sie engagieren sich mit Marvin Milatz, Natalie Sablowski und Johannes Schmid-Johannsen in einer Taskforce dafür, die Fachgruppe aufzubauen und bei ihrer Selbstorganisation zu unterstützen. Das Ziel: Zu Schwerpunktthemen im Datenjournalismus möchten wir innerhalb der Fachgruppe Chapter bilden, die spezifische Aspekte vorantreiben – kontinuierlich (Coding, Open Data…) oder auch zu aktuellen Anlässen (Covid, Wahljahr…).

Im besten Fall entsteht so ein lebendiges Netzwerk, in dem sich Interessierte zu unterschiedlichen Aspekten des Datenjournalismus vernetzen und ihre Themen wirksam vorantreiben können – als Teil der Fachgruppe im Netzwerk Recherche.

Wir sind jeweils erreichbar unter Vorname [punkt] Nachname @ netzwerkrecherche.de