Birgit Schneider

Birgit Schneider ist Vertretungsprofessorin für Medienökologie an der FH Potsdam. Foto: Franziska Senkel

Von Anne Kliem

Immer wieder kreuzt Birgit Schneiders Arbeit den Weg eines Mannes, der seit mehr als 150 Jahren tot ist. Die Historikerin und Medienwissenschaftlerin hat ein Faible für Daten und für grafische Darstellungen rund um das Thema Klima. Das verbindet sie mit Alexander von Humboldt, der vor fast zwei Jahrhunderten die Welt bereiste, erforschte und vor keiner Wissenschaft – auch nicht der Klimatologie – zurückschreckte. Birgit Schneider, Vertretungsprofessorin für Medienökologie an der Universität Potsdam, untersucht die Qualität und Aussagekraft wissenschaftlicher Klimadarstellungen. Mit ihrer Forschung will sie auch das Verständnis von Laien und Journalisten für das Thema schärfen. Dabei richtet sie ihren Blick immer wieder in den Rückspiegel, auf historische Klimavisualisierungen wie die von Humboldt. Denn die, so findet Birgit Schneider, verraten auch einiges über die heutige Zeit.

Bewusst kreuzen die Forschungsreisen von Alexander von Humboldt zum ersten Mal ihre Arbeit, als sich die Historikerin mit einer Isolinien-Karte des Naturforschers beschäftigt. Auf seinen Reisen gilt Humboldts Interesse immer wieder Vegetationszyklen und dem Klima. Er sammelt Temperaturdaten. Auf der Grundlage von 58 spärlich auf dem Globus verteilten Wetterstationen erstellt Humboldt schließlich eine Weltkarte, in die er sogenannte Isolinien einzeichnet. Diese verbinden beispielsweise Orte auf dem Globus miteinander, an denen die gleiche durchschnittliche Jahrestemperatur herrscht. Alexander von Humboldt stellte auf diese Art nicht nur die räumliche Verteilung der Jahres- und Saisondurchschnittstemperaturen auf der Erde dar, sondern auch die der wärmsten und die kältesten Monate des Jahres.

„Gewissermaßen war Humboldt einer der ersten Datenjournalisten“

Isothermen-Karte aus dem Buch "Our Earth and its Story: a popular treatise on physical geography" aus dem Jahr 1893(Quelle: The British Library/Flickr).

Isothermen-Karte aus dem Buch „Our Earth and its Story: a popular treatise on physical geography“ aus dem Jahr 1893. Bild: The British Library/Flickr

Er unternimmt als erster überhaupt eine Einteilung der Welt und Klimazonen und gilt deshalb als Gründervater der Klimadarstellungen. Denn: Die Isolinien-Karten sind auch heute noch eine wichtige Möglichkeit, das Klima zu veranschaulichen. Die Stimme der Historikerin stolpert aufgeregt, als sie feststellt: „Humboldt hat mit seinen Darstellungen Sachverhalte herausgestellt, die seine Zeitgenossen vorher nicht sehen oder wahrnehmen konnten. Er hat das Phänomen Klima durch die Wahl einer neuen Form der Datenvisualisierung überhaupt erst sichtbar gemacht. Gewissermaßen war Humboldt also nicht nur Forscher, sondern auch einer der ersten Datenjournalisten.“

Ein entscheidender Unterschied zwischen den Klimadarstellungen Humboldts und denen, die sich heute in Wissenschaft und Medien finden, treibt Schneider in ihrer Forschung besonders an: „Als Humboldt seine Klimakarten zeichnete, war die Klimaforschung weder problematisch noch politisch relevant. Ganz anders als heute. Kaum ein Thema bestimmt den Diskurs so sehr wie der Klimawandel.“ In diesem Diskurs spielen Klima-Visualisierungen eine zentrale Rolle. Die Berichte des Weltklimarates beispielsweise prägen maßgeblich die gesamte öffentliche Wahrnehmung des Klimawandels. Die große gesellschaftliche Relevanz war für Birgit Schneider ein Grund, diese Bilder zu ihrem Forschungsgegenstand zu machen.

Klimadarstellungen sind geprägt von Interessen

IPCC

Die Berichte des Weltklimarats prägen nachhaltig die öffentliche Wahrnehmung des Klimawandels. Bild: IPCC

Die heutigen Klimadarstellungen seien geprägt von Unsicherheiten und konträren Interessen, sagt sie – und zwar auf Seiten der Wissenschaft genauso wie auf Seiten der Klimawandel-Leugner: „Klimatologen können, wie fast alle Risikoforscher, mit ihrer Forschung und der Darstellung ihrer Forschung großen politischen Einfluss nehmen. Hier verschwimmt die Grenze zwischen Wissenschaft und Politik.“ Das Resultat seien „extrem voraussetzungsstarke“ Bilder. Da die Darstellungen oft sehr vereinfacht seien, setzten sie großes Wissen über die dahinter liegenden Forschungsprozesse, über die Datengrundlage und auch über Interessenkonflikte voraus. „Dieses Wissen bringen Laienöffentlichkeit und insbesondere auch Journalisten nicht mit“, so die Wissenschaftlerin.

Deshalb versucht sie Klarheit zu schaffen und herauszukristallisieren: Welche Daten stecken hinter den Bildern von heute? Welche Unsicherheiten werden ausgedrückt und welche nicht? Wie könnte man es anders, besser machen? Aber auch: Inwiefern unterscheiden sich historische Darstellungen von den heute gängigen Visualisierungen? Auf welcher Datengrundlage zeichnete zum Beispiel Humboldt seine akribischen Isolinien auf die Weltkarte? Wie ging er mit den großen Unsicherheiten um, die die spärliche Datenlage mitbrachte? Die Sammlung moderner und historischer Klimadarstellungen, die Birgit Schneider für die Suche nach diesen Antworten angelegt hat, ist riesig. Sie umfasst Bilder aus Fachartikeln und Fachzeitschriften, aber auch Bildchen aus Magazinen, Zeitungen und Werbung.

Per Webstuhl zur Datenwissenschaft

Dass sie sich heute mit Datenwissenschaften beschäftigt, hat Birgit Schneider einem besonderen Wegweiser zu verdanken: In einer computerhistorischen Sammlung war ein Lochkarten-Webstuhl wie selbstverständlich zwischen alten Rechenmaschinen ausgestellt. Diese scheinbare Absurdität zieht Schneider vor einigen Jahren in den Bann: „Dieser Webstuhl hat Bildcodes der Lochkarten in Muster auf Stoffen übersetzt. Wie ein moderner Computer, allerdings nicht virtuell oder materielos.“ Dieser ungewöhnliche Blickwinkel auf die heute komplexe Datenwissenschaft begeisterte die Historikerin so sehr, dass sie ihre Forschung seitdem der Frühgeschichte des digitalen Bildes widmet. Und wie Humboldt, der Physik und Ethnologie, Astronomie und Ozeanographie, Wirtschaftsgeographie und das Klima erforschte, will Birgit Schneider sich dabei nicht in die Grenzen ihrer Fachdisziplin einpferchen lassen: „Ich bin Historikerin, Geschichte per se interessiert mich aber nicht. Ich will historische Forschung machen, die Antworten auf die Fragen findet, die uns heute beschäftigen.“