SEED-Newsletter Nr. 39

veröffentlicht von Netzwerk Recherche | 15. Oktober 2026 | Lesezeit ca. 9 Min.

SEED-Newsletter

Unsere Themen:

  • Kooperation: Im Westen was Neues
  • Lichtpunkt: Im Osten was Neues
  • Lesekrise: Umfangreiche Recherche

Liebe Leser:innen,

der September ist mittlerweile der Konferenzmonat schlechthin in meinem Veranstaltungskalender. Ein Event reiht sich an das nächste. Zu viele, um sie alle zu besuchen. Zum Glück fiel die Auswahl in diesem Jahr verhältnismäßig leicht, denn die Premiere des Breakwater Festivals in Danzig wollte sich die SEED-Redaktion nicht entgehen lassen. Zurecht.

Mit Breakwater haben Wojciech Cieśla, Peter Matjašič und Amund Trellevik das Konzept „Journalismus-Konferenz“ zwar nicht neu erfunden. Ihre Leistung ist vielmehr, dem Selbstgespräch unserer Branche wichtige Perspektiven aus Skandinavien, Osteuropa und dem Balkan hinzuzufügen. Wer sich – wie ich – seit einigen Jahren auf europäischen Branchentreffen tummelt, traf im beeindruckenden European Solidarity Centre (in dem nicht nur die Veranstaltung, sondern auch das Solidarność-Museum untergebracht ist) erfrischend wenig bekannte Gesichter.

Meine Kollegin Choni Flöther stellte in der gut besuchten Gesprächsrunde „It’s (not) All About the Money“ die Ergebnisse unseres Journalism Value Reports vor. Die Studie analysiert die Lage des gemeinwohlorientierten Journalismus in Europa und sucht Antworten auf die Frage, wie Medienorganisationen langfristig überleben können. Auch im Festivalprogramm beschäftigte sich eine Vielzahl von Veranstaltungen mit dem Thema. Im Gedächtnis geblieben ist vor allem Peter Erdelyis Vorstellung von „Capital Stacks of Journalism“.

Dafür hat der Medienexperte mit seinem Co-Autor Milo Tesselaar 21 erfolgreiche Mediengründungen in Europa aus den vergangenen 15 Jahren untersucht. Ihre These: „Investing in journalism is not always like setting your money on fire.“ Weil „not always“ für potenzielle Investoren, und an die richten sich die Autoren in erster Linie, nur wenig beruhigend klingt, zeichnen Erdelyi und Tesselaar die unternehmerische Entwicklung der 21 Medien vom Zeitpunkt ihrer Gründung an nach. Wie viel Kapital war nötig? Wann erreichten sie die Gewinnzone? Womit verdienen sie heute ihr Geld?

Auch Gründer:innen finden in dem Report spannende Aspekte (z. B. zur Zahlungsbereitschaft des Publikums). Sie sollten die Untersuchung wegen der methodischen Beschränkung auf relativ wenige erfolgreiche Projekte allerdings nicht als Blaupause verstehen, sondern eher als Inspirationsquelle.

Letzteres war Breakwater auf jeden Fall.

Beste Grüße

Malte Werner

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Wir unterstützen Dich bei Deiner Recherche

Der Support Desk Lokale Recherche unterstützt freie und festangestellte Lokaljournalist:innen bei Recherchefragen – kostenlos, vertraulich und praxisnah. Unter und 030-41935563 gibt es Beratung rund um Handwerk, Methoden und Tools, aber auch zu ethischen Fragen. Und unter dem Motto „Wie macht Ihr das eigentlich?“ treffen wir uns alle drei Monate zu einem Online-Austausch unter Lokaljournalist:innen, zum Beispiel zum Berichten über geschlossene Milieus oder über die AfD. Mehr Infos dazu findest du unter und im gerade erschienenen medienpolitischen Magazin „Menschen machen Medien“ ab Seite 16.

News

+++ Ungleiche Partner: Das kleine Lokalmedium VierNull aus Düsseldorf hat sich mit dem großen Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) aus Hannover verbündet. Gemeinsam haben das Start-up und der Medienriese TachLand gestartet, einen kostenpflichtigen Newsletter mit hintergründiger Berichterstattung aus und für Nordrhein-Westfalen, der dreimal pro Woche erscheint. Das RND liefert die Newsletter-Expertise, von VierNull kommen die Verwurzelung vor Ort und die landespolitische Berichterstattung. Die Kooperation ist ein großer Schritt für das Düsseldorfer Digitalmedium, das vor gut fünf Jahren an den Start gegangen ist: Das Team konnte dank des Projekts zusätzliche Räume anmieten und mehr Leute einstellen. Wir finden: Das Modell sollte Nachahmer:innen finden. +++ 

+++ Goldener Herbst: Vorweihnachtszeit ist Spendenzeit. Aber weil die Konkurrenz dann besonders groß ist, liegt der Gedanke nahe, mit dem Geldeinsammeln früher zu starten. Eine ganze Reihe von Medienorganisationen hat das probiert – (meist) mit Erfolg. Reflekt konnte seine Mitgliederzahl mehr als verdoppeln, Rums verkaufte Beteiligungen am Unternehmen für rund 220.000 Euro, Perspective Daily überzeugte mehr als 1.200 Neumitglieder. Allein andererseits hat das (sehr ambitionierte) Ziel von 7.000 neuen Abos im ersten Anlauf nicht erreicht – die Redaktion versucht es nun bis zum Jahresende weiter. Ein WAV-Crowdfunding für das Recherche-Team in der Schweiz läuft aktuell noch. Bei so vielen Erfolgsnachrichten könnte es also auch im nächsten Jahr wieder ein heißer Spendenherbst werden. +++

+++ Licht an! Gründerin Isabella Aberle hat soeben den ersten Newsletter ihres Online-Magazins Lichtpunkt Jena versendet. Darin präsentiert das Team nicht nur einen Schwerpunkt zum Geburtenrückgang und Kultur-Tipps, sondern auch erste Ergebnisse einer Befragung der Menschen in Jena zu ihren Erwartungen an ein neues Lokalmedium. Eine riesengroße Mehrheit wünsche sich Hintergrund-Artikel zu lokalen Themen, die Einordnung und Lösungsperspektiven bieten, berichtet der Lichtpunkt-Newsletter. Wer das Medienprojekt besser kennenlernen möchte: Bei der Correctiv.Lokal-Konferenz in Magdeburg (16. bis 18. Oktober) sind sie dabei. +++

+++ Ekel-Alarm: Der Begriff „Pink Slime“ kommt aus der Lebensmittelindustrie und bezeichnet Schleim aus Schlachtabfällen, der so tut, als wäre er echtes Fleisch. In der Journalismusforschung wird dieser Begriff übertragen auf kostenlose Nachrichtenangebote, die nur vorgeben, Journalismus zu sein. Eigentlich dienen sie aber ökonomischen oder politischen Interessen und verschleiern diese Ziele, wie Forscherinnen der FH Graubünden in einem aktuellen Report analysieren. Sie beschreiben anhand von Fallbeispielen aus Deutschland und der Schweiz, wie diese Pseudomedien arbeiten. Einer dieser Fälle führt nach Thüringen. Warum sich gerade dort dubiose Gratismedien ausbreiten, erklären wir im aktuellen Greenhouse Report von Netzwerk Recherche unter dem Titel „Lückenfüller – Was kommt, wenn die Lokalzeitung geht?“. +++

+++ Schluss mit der Projektitis! Die European Federation of Journalists (EFJ) kritisiert, dass die Fördermillionen der EU vor allem in Projektfinanzierungen fließen, nicht aber in institutionelle Unterstützungsprogramme für den Journalismus. In einer Analyse der Förderprogramme der vergangenen fünf Jahre zeigt der Verband, dass die Themen-Cluster Desinformation (59 Mio. Euro) und Youth Media (33 Mio. Euro) deutlich vor Investigative Journalism (23 Mio. Euro) und Local and Community Media (10 Mio. Euro) rangieren. Die EFJ fordert, dass die bürokratischen Hürden im Bewerbungsprozess für kleine Lokalmedien gesenkt werden, da sie nicht die Ressourcen von großen paneuropäischen Konsortien haben. Ob die Punkte auch in den laufenden Verhandlungen um Medienförderprogramme als Teil des nächsten EU-Haushalts berücksichtigt werden? +++

Freundliche Übername

Okay, wir sind befangen, denn Daniel Drepper ist nicht nur Gründer von Otter News, sondern auch Vorsitzender von Netzwerk Recherche. Aber wir stellen fest: Sein Plan, eine mitgliederfinanzierte Umwelt- und Klimaredaktion aufzubauen, hat für Aufsehen in der Medienbranche gesorgt. Mit Otter News möchte er zeigen, wie Community und Content Creation wichtige Impulse für den Recherche-Journalismus geben können. Mehr dazu erklärt er in einem Beitrag für das Fachmagazin Journalist.

In dieser Rubrik stellen wir andere lesenswerte Newsletter vor. Möchtet ihr auch dabei sein? Dann schreibt uns!

Auslese

Warum Kinder so schlecht lesen

Krautreporter veröffentlichen umfangreiche Bildungsrecherche

Jedes vierte Kind in Deutschland kann nicht richtig lesen. Wer meint, den Grund dafür zu kennen, sollte sich die sehr vielseitige, achtteilige Artikelserie der Krautreporter zur deutschen Lesekrise anschauen. Denn ganz so einfach ist die Antwort auf die Frage nach den Ursachen nicht. Neben einem Überblickstext mit Zahlen, Fakten und Erklärungen bietet das Themenspecial ein Interview mit dem ehemaligen Hamburger Bildungssenator Ties Rabe, mutmachende Beispiele aus dem deutschen Schulalltag und eine Auseinandersetzung mit den Folgen der Digitalisierung für die Kulturtechnik Lesen. Für die Recherche haben die Krautreporter mehr als 43.000 Euro von ihrer Community eingesammelt. Wegen der großen gesellschaftlichen Bedeutung des Themas sind alle Artikel frei lesbar.

Vorsicht, Vakuum!

Hör-Tipp: Podcast zur Lage des Lokaljournalismus 

Was passiert, wenn der Lokaljournalismus im ländlichen Raum verschwindet? Mit dieser Frage befasst sich ein rund 40-minütiger Podcast der Heinrich-Böll-Stiftung, in dem es auch um den Lückenfüller-Report geht, den Netzwerk Recherche vor einigen Monaten veröffentlicht hat. Ein Ergebnis des Gesprächs im Podcast: Es entstehen nicht etwa Nachrichtenwüsten, in denen es öde und leer ist. Nein, es gibt nach wie vor lokale Informationen – nur kommen sie dann von Marketing-Kanälen, aus Landratsämtern oder mit Schwurbel-Blättern frei Haus. Warum das nicht reicht für das Zusammenleben vor Ort und was wir nun tun können, erklären Leyla Dogruel (Universität Erfurt), Jens Schmitz (Pressestiftung Baden-Württemberg) und Katharina Binder (Media Forward Fund) in dem Podcast.

(K)eine ernste Angelegenheit

FunFacts warnt vor schwächelndem Lokaljournalismus

„Und wer hat’s aufgeklärt? My man AK von der Ostsee-Zeitung!“ Auf diese Weise wurde Reporter Alexander Kalski – AK – wohl noch nie abgefeiert. Mit seiner Recherche zur völkisch-esoterischen Anastasia-Bewegung in Mecklenburg-Vorpommern zeigt das Comedy-News-Format FunFacts, wie relevant Lokaljournalismus ist. In einer neuen Folge des für den Grimme Online Award nominierten YouTube-Formats, das von Correctiv bei der Recherche unterstützt wird, stehen Nachrichtenwüsten und Wege aus der Medienkrise im Mittelpunkt. Übrigens: „AK von der Ostsee-Zeitung“ konnte seine Recherche mit einem Fellowship von Netzwerk Recherche realisieren.

Öl ins Feuer

Neue Studie: Wie berichten über Polarisierung?

Medien zeigen oft ein stark polarisiertes Bild der Gesellschaft. Diese Darstellung verstärkt dann bei vielen Menschen das Gefühl, dass sich unversöhnliche Positionen gegenüberstehen. Das bestätigten die Wissenschaftler Mike Farjam und Hendrik Meyer aus dem Projekt „Fuel2Fire“, an dem auch Netzwerk Recherche beteiligt ist, in einer neuen Veröffentlichung. In Laborexperimenten fügten sie kurze Hinweise auf Polarisierung in ansonsten authentische Nachrichtenartikel ein. Das Ergebnis: Leser:innen wurden emotional polarisierter und radikaler in ihren Ansichten. Die Autoren raten daher: Journalist:innen sollten vorsichtig sein mit Bildern von verfeindeten Lagern. Wenn Austausch und Kompromisse beiden Seiten nutzen, sollte der Journalismus genau das sichtbar machen.

GROW Greenhouse für gemeinnützigen Journalismus

Der SEED-Newsletter ist Teil des Grow Greenhouse, dem Zentrum für gemeinnützigen Journalismus und Medienvielfalt, das von der Schöpflin Stiftung gefördert wird.

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