SEED-Newsletter Nr. 37

veröffentlicht von Netzwerk Recherche | 22. Juni 2026 | Lesezeit ca. 11 Min.

SEED-Newsletter

Unsere Themen:

  • Medienförderung: Es tut sich was
  • Digitalsteuer: Impuls aus Münster 
  • Inspiration Day: Jetzt anmelden!

Liebe Leser:innen,

das Freibad in Schleiz ist ein Ort zum Wohlfühlen. Mit großen Becken, langer Rutsche, Beach-Volleyball-Feld und schattigen Wiesen hat das Freibad im Südosten Thüringens alles für einen schönen Sommertag, so dass ich dort vor einiger Zeit auf einer Reise mit meiner Familie Rast gemacht habe. Glaubt man der AfD, sieht die Lage in den Freibädern des Landes allerdings ganz anders aus. Dreck und Gewalt bestimmen angeblich das Bild.

Im Parteiblatt „Blauer Mut“, einer Beilage der in Schleiz erscheinenden Gratiszeitung „Bürgerzeit aktuell“, illustrieren mehrere Bilder die angebliche Situation im Freibad. Das erste Foto („Früher“) zeigt eine idyllische Sommerszene mit lachenden blonden Kindern am Beckenrand und fröhlichen Badegästen im Wasser. Das zweite Foto („Heute“) zeigt denselben Beckenrand, aber diesmal liegt überall Müll herum. Polizisten sind in eine aggressive Auseinandersetzung mit einer großen Gruppe Jugendlicher verwickelt, die so aussehen, wie sich die AfD Migranten vorstellt. Die Fotos sind offenbar KI-generiert, ein Hinweis darauf fehlt. 

Die rassistische Botschaft der Bilderstrecke bekommen die Menschen in Thüringen frei Haus. Für das Anzeigenblatt „Bürgerzeit aktuell“ ist die AfD ein willkommener Werbekunde. Die Themen der rechtsextremen Partei finden sich aber auch im Blatt selbst. In der Ausgabe vom 8. Mai 2026 schreibt Michael Hauke, selbst Verleger von Anzeigenblättern, mehrere Texte. Er beklagt sich zum Beispiel über die GEZ (sie heißt seit 2013 offiziell „Beitragsservice“) sowie die „Hetze und die Ausfälle eines Jan Böhmermann, die ich am eigenen Leibe erfahren durfte“. Was der Autor meinen dürfte: Jan Böhmermann hielt im ZDF Magazin Royale im September 2024 ein Exemplar der „Bürgerzeit aktuell“ in die Kamera, als er eine Versorgungslücke beim Lokaljournalismus in Ostdeutschland diagnostizierte. Die kostenlosen Anzeigenblätter seien dort, wo die Auflagen der Lokalzeitungen sinken, publizistische Lückenfüller.

„Lückenfüller“ – unter diesen Titel haben wir auch unseren aktuellen Greenhouse Report gestellt, mit dem wir vor einer weiteren Schwächung des Lokaljournalismus im ländlichen Raum warnen (s. Auslese). Auch die Landespolitik ist alarmiert. Thüringens Innenminister Georg Maier (SPD) warnte jüngst vor den Gefahren für unser Gemeinwesen, die von den AfD-nahen Anzeigenblättern ausgehen. In seiner Antwort auf eine Kleine Anfrage im Thüringer Landtag schrieb er Ende April: „Über das Medium der Anzeigenblätter findet, sofern diese extremistische Inhalte enthalten, eine schleichende Diskursverschiebung statt, die durch die vermeintliche Autorität einer unparteiischen Publikation entstehen kann.“ Die Reichweite der Anzeigenblätter eröffne die Möglichkeit, damit in die Mitte der Gesellschaft vorzudringen und so über Beilagen oder Beiträge extremistischer Akteure verfassungsfeindliche Ansichten zu platzieren.

Die rassistischen KI-Freibad-Bilder und die dubiosen Beiträge in den Anzeigenblättern sind deshalb für uns eine Mahnung: Wir müssen Wege finden, qualitätsvollen Lokaljournalismus zu stärken. Für uns bei Netzwerk Recherche steht dabei – wie könnte es anders sein – die gründliche Recherche im Mittelpunkt. Geld und Support sind der Schlüssel, wie die Journalist:innen aus unserem Fellowship Lokale Recherche gerade beweisen (siehe Auslese). Mit ihren aktuellen Veröffentlichungen zeigen sie, welche Kraft fundierter Lokaljournalismus haben kann.

Herzliche Grüße

Thomas Schnedler

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„Wie macht Ihr das eigentlich?“ Einladung für Lokaljournalist:innen

Wie kommen Lokaljournalist:innen weg vom Schreibtisch – hin zu den Menschen vor Ort? Das wollen wir bei unserem nächsten Zoom-Treffen unter dem Motto „Wie macht Ihr das eigentlich?“ diskutieren. Mit Anna Niere von RUMS aus Münster und Benjamin Brumm vom Südkurier aus Konstanz sprechen wir über neue Ideen und Formate. Außerdem wollen wir mit allen Teilnehmenden Tipps und Hinweise sammeln, wie Lokaljournalist:innen wieder mehr mit den Menschen vor Ort in Kontakt kommen. Die Veranstaltung findet am 9. Juni um 17 Uhr auf Zoom statt. Die Teilnahme ist kostenlos, zur Anmeldung geht es hier. Weitere Informationen gibt es unter nrch.de/schreibtisch.


News

+++ Kasupke im Deutschen Bundestag: Anlässlich des Tags des Lokaljournalismus Anfang Mai haben sich die Abgeordneten in einer Debatte mit der Situation der Lokalmedien beschäftigt. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer empfahl dabei als Vorbild den (fiktiven) Taxifahrer Kasupke, der auf der Titelseite der Berliner Morgenpost schreibt. Der Kolumnist sei einer jener Menschen im Lokaljournalismus, „die jeden Tag in Nahaufnahme ganz genau hinschauen“. In seiner Rede warnte Weimer vor einem „journalistischen Artensterben“, angetrieben durch die digitalen Plattform-Medien. Gegensteuern möchte er mit der Digitalabgabe für Tech-Konzerne, deren Einnahmen gezielt in eine Medienförderung fließen sollen. Kasupke freute sich übrigens sehr über das Lob: „Fühle mir natürlich sehr jeschmeichelt. Ick sag‘ Ihnen ja nu seit bald 25 Jahren jeden Tach, wie et is – und endlich hört ooch die hohe Politik ma zu.“ +++

+++ Was sich die Menschen vom Journalismus wünschen: Die gemeinnützige Initiative More in Common hat in einer Befragung von rund 2.000 Menschen in Deutschland Erstaunliches erfahren. Die gute Nachricht aus Sicht von Netzwerk Recherche: 61 Prozent wünschen sich mehr Watchdog-Journalismus, der Fehlverhalten in Politik und Wirtschaft aufdeckt. Die schlechte Nachricht: Fast die Hälfte der Befragten hat das Gefühl, dass Medien sie in die Irre führen wollen. Im Report „Die Vertrauenslücke“ wurden alle Ergebnisse zusammengefasst. Über die Befunde und Lösungen diskutieren wir unter anderem mit der Report-Autorin Anna Lob im Rahmen der Jahreskonferenz von Netzwerk Recherche. Die Session „‚Lügner, Staatsfunk, Mainstream-Medien!‘ Wie wir das Vertrauen der Menschen wiedergewinnen können“ am 12. Juni wird auch im Live-Stream übertragen. +++

+++ Geht doch: Nordrhein-Westfalen fördert Lokaljournalismus. Zum einen unterstützt das Bundesland das Vorhaben „Local_Vocal“, in dem die dpa, Verlage aus der Region und weitere Partner mithilfe von KI neue lokale Informationsangebote speziell für jüngere Zielgruppen entwickeln wollen. Zum anderen wird NRW Partner des Media Forward Fund. Mit den Landesmitteln wird das Projekt „Media Forward NRW“ gefördert, das sich an gemeinwohlorientierte Medienorganisationen aus NRW in der Start- und Wachstumsphase richtet. Im Rahmen der Förderung nehmen sie an Workshops und anderen Formaten zur Wissensvermittlung wie Coachings und Learning Visits teil. +++

+++ Ende abgewendet: Eigentlich sollte die traditionsreiche Pittsburgh Post-Gazette Anfang Mai eingestellt werden. Es wäre das Ende der letzten gedruckten Tageszeitung im rund zwei Millionen Einwohner:innen zählenden Großraum Pittsburgh in Pennsylvania, wie epd Medien schreibt. Doch dann übernahm das gemeinnützige Venetoulis Institute for Local Journalism die Zeitung. Zwar verlor im Zuge des Eigentümerwechsels ein großer Teil der Mitarbeitenden ihre Jobs. Dennoch macht die Übernahme Hoffnung: Das erste lokaljournalistische Projekt des Instituts gewann im vergangenen Jahr einen Pulitzer-Preis. +++


andererseits

Freundliche Übernahme

Darf man „behindert“ sagen? Warum ist U-Bahn-Fahren für manche Autist*innen schwierig? Und was bedeutet Schnee für Menschen im Rollstuhl? Lerne Behinderungen besser verstehen im „Freitagmorgen“-Newsletter von andererseits. Über 25.000 Menschen lesen ihn bereits wöchentlich. Jetzt kostenlos anmelden!

In dieser Rubrik stellen wir andere lesenswerte Newsletter vor. Möchtet ihr auch dabei sein? Dann schreibt uns!


Auslese

Kann Münster das auch?

Chicago bittet soziale Netzwerke zur Kasse – eine gute Idee?

Weil der große Wurf bei der Regulierung von Big Tech vorerst nicht zu erwarten ist, nehmen Einzelne ihr Schicksal nun selbst in die Hand. In Chicago müssen soziale Netzwerke für jede:n registrierte:n Nutzer:in aus dem Stadtgebiet monatlich eine Vergnügungssteuer an die Kommune zahlen. „Könnte Münster das auch?“, fragte kürzlich Christian Humborg, einer der Gründer des Lokalmediums RUMS, und ärgerte sich über die Verzagtheit im Umgang mit dieser demokratierelevanten Thematik: „Wir leben in einem Land, […] das die Höhe einer Hecke zum Nachbarn regelt. Aber bei den größten Aufmerksamkeitsmaschinen der Geschichte zucken wir mit den Schultern.“ Auch wenn der juristische Erfolg eines solchen Vorstoßes alles andere als sicher scheint, wäre es „ein Signal“, argumentiert Humborg. „Probieren wir’s doch mal.“ 

Kostenloses Wissensarchiv

Mehr als 30 Gespräche zu Themen rund um Mediengründungen

Der Correctiv StartHub lädt regelmäßig Expert:innen zum Gespräch, die ihr Wissen aus Bereichen wie Mediengründung, Community Management oder Geschäftsmodelle teilen. Mehr als 30 Gespräche aus der Reihe „Know Lunch“ stehen mittlerweile online und die Sammlung wächst weiter. Für alle, die wissen wollen, wie man mehr aus Newslettern herausholt, Mitglieder-Kampagnen organisiert oder Events für sein Projekt nutzen kann, ist das Archiv eine reichhaltige Ressource.

Völkisch-esoterische Gruppe macht Schule

Erste Veröffentlichungen aus dem Fellowship Lokale Recherche

Wollte die völkisch-esoterische Anastasia-Bewegung in Mecklenburg-Vorpommern eine Schule unterwandern? Um das herauszufinden, hat Alexander Kalski im Rahmen seines Fellowship Lokale Recherche undercover an Treffen teilgenommen und monatelang in konspirativen Chatgruppen mitgelesen. Ausgangspunkt ist eine freie Schule, die im Sommer den Betrieb aufnehmen soll. „Auf der eigenen Internetseite wirbt die Schule mit Naturverbundenheit, Sinnhaftigkeit und Selbstwirksamkeit“, schreibt Kalski. Er konnte jedoch zeigen, dass Verbindungen aus dem Planungsgremium der Schule offenbar direkt in die Anastasia-Bewegung hineinreichen, die der Verfassungsschutz als rechtsextremen Verdachtsfall einstuft. Die Recherche ist in der Ostsee-Zeitung erschienen. Auch die Fellows Benjamin Brumm, Anna-Sophie Kächele und Sebastian Fobbe haben ihre Recherchen bereits veröffentlicht, einen Überblick gibt es hier

Defekte Schultoiletten und Container-Klassenzimmer

Warum marode Schulen ein Problem für die ganze Gesellschaft sind 

„Wenn man angenehm in Ruhe sitzen möchte, geht man zum Bäcker rüber. Alles wirkt alt, heruntergekommen, düster und dreckig.“ Das schreibt ein:e Schüler:in über das Lernen in einer Konstanzer Schule. Warum sind so häufig in Deutschlands Schulen die Toiletten defekt und Container-Klassenzimmer Dauerzustand? Und was macht das mit Kindern und Jugendlichen? Damit hat sich Michael Lünstroth im Rahmes eines Nina Grunenberg Fellowship Recherche Grant beschäftigt, bei dem Netzwerk Recherche Kooperationspartner ist und das Mentoring übernommen hat. Für die Kontext Wochenzeitung und das Magazin Karla untersucht er, was schief läuft und was helfen könnte. Dabei stellt er die Perspektive von Schüler:innen ins Zentrum. Über 500 von ihnen berichten in seiner Umfrage von Ohnmacht und Mitspracherecht, von großartigen, aber auch von kaum erträglichen Lehrkräften, fehlenden Räumen zum Lernen und für Pausen. So zeigt Lünstroth, welche Probleme es an Konstanzer Schulen gibt – und wie viel Potenzial in einem guten Lernort steckt. 

„Recherchiert doch mal!“

Breites Medienecho zum Lückenfüller-Report von Netzwerk Recherche

Was erwarten Sie von der Lokalzeitung? Im April haben wir die Ergebnisse des Greenhouse Reports Nr. 4 mit Bürgerinnen und Bürgern in der thüringischen Kleinstadt Greiz diskutiert. Was wir dabei erlebt haben, haben wir für epd Medien aufgeschrieben. Was sich die Menschen besonders oft von ihrer Heimatzeitung wünschten, war gründliche lokale Recherche. Über die Ergebnisse unseres Dialogprojekts in Thüringen berichtete zudem der Deutschlandfunk mit einem Interview und einem Feature zur Zukunft des Lokaljournalismus. Hörenswerte Podcasts zum Thema haben zudem BR24 Medien und Übermedien produziert.




Inspiration Day 2026

Inspiration Day: Jetzt anmelden!

Innovationen und Best Practices für den Lokaljournalismus der Zukunft stehen beim Inspiration Day am 9. September im Fokus. Das Medieninnovationszentrum Babelsberg, die Medienanstalt Berlin-Brandenburg und Netzwerk Recherche präsentieren bei dem kostenlosen Workshop-Tag acht Projekte, Tools und Methoden aus ihren Förderprogrammen. 

Für Netzwerk Recherche wird Anna-Sophie Kächele vorstellen, wie verlagsweite Kooperationen bei lokalen investigativen Recherchen helfen. Alexander Kalski zeigt, wie Lokaljournalist:innen verdeckt in geschlossenen Milieus recherchieren können. Maria-Mercedes Hering wird als Projektleiterin Lokaljournalismus einen Workshop geben, bei dem Lokaljournalist:innen gemeinsam Lösungen für herausfordernde Recherchen suchen. Mehr zum Inspiration Day und zur Teilnahme erfahrt ihr hier


GROW Greenhouse für gemeinnützigen Journalismus

Der SEED-Newsletter ist Teil des Grow Greenhouse, dem Zentrum für gemeinnützigen Journalismus und Medienvielfalt, das von der Schöpflin Stiftung gefördert wird.

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