Newsletter Netzwerk Recherche, Nr. 173, 27.05.2019

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

“Wir suchen nach einer Frau mit Kind. Sie kommt idealerweise aus einem absolut verschissenen Land. (…) Die Figur für den zweiten Konflikt beschreibt Claas. (…) Dieser Typ wird selbstverständlich Trump gewählt haben.”

“Ein anderer Dokumentar schilderte der Kommission, dass ‘nicht selten’ kurz vor Druck Fakten vom Dokumentar so hingebogen werden sollten, dass ein Text ‘gerade eben nicht mehr falsch ist’, um eine These zu retten, die in einer Konferenz vorgestellt wurde.”

Der Spiegel hat am Freitag seinen 17-seitigen Relotius-Report veröffentlicht. Die oben zitierten Stellen sind für mich zwei der erschreckendsten Passagen. Weil sie zeigen, wie wenig Respekt einige beim Spiegel vor dem haben, was Carl Bernstein einmal “the best obtainable version of the truth” genannt hat – und dass Sound offenbar vor Fakten geht.

Jede Journalistin und jeder Journalist sollte den Relotius-Report lesen (oder zumindest die Zusammenfassung von Stefan Niggemeier). Nicht nur, weil der Report detailliert und schonungslos den Totalschaden Relotius nachzeichnet. Sondern weil er darüber hinaus viele weitere Probleme des Spiegels seziert – und damit auch von Teilen des Journalismus. Weiterlesen

Newsletter Netzwerk Recherche, Nr. 172, 23.04.2019

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

was war das wieder kompliziert. Ein einziger Quälkram, mit viel zu vielen Mails und Missverständnissen.

Dabei haben wir nur ein Motto für unsere Jahrestagung gesucht. Möglichst nur drei Worte, kurz und knapp. Zum Beispiel: “Haltung und Handwerk”. Großes Gemurre: Nicht schon WIEDER was mit Haltung. Lieber sowas wie “Schwere Fracht – Recherche mit klarem Kompass”. Wieder Gemurre: Viel zu lang. Immer so belehrend. So negativ und irgendwie auch altbacken.
Es folgte noch ein Vorschlag und noch ein Vorschlag und noch ein Vorschlag.
Aber nicht einmal darin waren wir uns einig, dass es all das noch nicht war.

Parallel dazu: haben wir nach dem entsprechenden Motiv gesucht, das uns alle Jahre wieder der Illustrator Vincent Burmeister zeichnet. Auch das fast immer ein zermarternder Prozess – vor allem für Günter Bartsch, unseren nr-Geschäftsführer, der unermüdlich zwischen Vorstandsverteiler und Vorstandsverteiler und Vorstandsverteiler und Vincent Burmeister moderiert. Eigentlich ist es ein Wunder, dass Vincent alle Jahre wieder für netzwerk recherche am Start ist, denn wir quälen uns auch auf seine Kosten. Indem wir kaum ein Ende finden in unserem Ringen, WAS die Illustration WIE ausdrücken soll.

Am Ende aber finden wir immer das Glück. In einer großartigen Illustration. Und in der richtigen Erkenntnis. Auch dieses Mal. Für unsere diesjährige Jahrestagung am 14. und 15. Juni in Hamburg stürzen wir uns nun ins “Abenteuer Recherche”. Die Illustration führt uns durch den Urwald, wir bahnen uns unseren Weg durchs dichte Grün. Die Reporter sind auf Spurensuche und dokumentieren, was sie finden und sehen. Noch nie war unser nr-Motto in Wort und Bild so farbenfroh, so aufbrechend und kraftvoll. Weiterlesen

Newsletter Netzwerk Recherche, Nr. 171, 27.03.2019

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

Oslo, München, London oder (zuletzt) Christchurch. Städte, die weltweit für Eilmeldungen und Sondersendungen sorgten. Der SPIEGEL listet diese und andere Städte auf dem Titel seiner aktuellen Ausgabe. Dazu die Schlagzeile, die all diese Orte unfreiwillig verbindet: “Die braune Verschwörung – Das globale Netzwerk rechter Terroristen”

Nach jedem dieser furchtbaren Verbrechen Schockzustände, Verzweiflung, Anteilnahme und auch Ohnmachtsgefühle. Und für uns Journalisten und Journalistinnen immer wieder die große Herausforderung: Wie sollen, wie können wir darüber berichten? Was haben wir aus den Erfahrungen nach all den vergleichbaren Verbrechen der vergangenen Jahre gelernt?

Nach dem letzten Terrorakt in Christchurch lautet die bittere Antwort leider mal wieder: Manche Journalisten/innen und manche Medien haben überhaupt nichts gelernt. Die Gier nach hohen Auflagen, Einschaltquoten und Klickzahlen ist größer als der immer wieder postulierte Anspruch vom seriösen und verantwortungsvollen Journalismus.

Der Täter in Christchurch wollte, dass die Welt bei seinem Verbrechen zuschauen konnte. Deshalb der Livestream im Netz. Er wollte, dass alle von seiner irren Gedankenwelt erfahren. Deshalb stellte er sein 70 Seiten langes “Manifest” ins Netz. Er suchte die Öffentlichkeit.

Und viele Medien erfüllen seinen Wunsch, machen sich zu seinem Handlanger. Sie zeigen Ausschnitte des Videos. Und liefern dafür auch noch eine Begründung. Unter anderem der Chefredakteur der BILD-Gruppe, Julian Reichelt: “Erst die Bilder verdeutlichen uns die erschütternde menschliche Dimension dieser Schreckenstat”. Tatsächlich? Brauchen wir zu dieser Erkenntnis dieses Video? Doch damit nicht genug: “Durch Journalismus wird aus einem Ego-Shooter-Video ein Dokument, das Hass demaskiert und aufzeigt, was der Terrorist von Christchurch ist: Kein Kämpfer, kein Soldat. Sondern bloß ein niederträchtiger, feiger Mörder, der unschuldige, wehrlose Menschen massakriert hat.” Eine Rechtfertigung für die Publizierung des Videos, eine Definition von Journalismus, die viele – nicht nur Journalisten/innen – irritiert und verwirrt. Und auch wütend macht. Weiterlesen

Newsletter Netzwerk Recherche, Nr. 170, 20.02.2019

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

wo werden wir in zehn Jahren noch Recherchen lesen? Und wer wird es sich noch leisten können, diese Recherchen zu lesen? Das frage ich mich seit einigen Wochen immer häufiger. In den USA haben innerhalb weniger Tage mehr als 2000 Journalisten ihren Job verloren. Und auch in Deutschland kürzen die Verlage, zuletzt zum Beispiel die Funke Mediengruppe.

Besonders problematisch finde ich die vielen Entlassungen bei BuzzFeed, bei Vice und bei der HuffPo. Nicht, weil ich selbst für BuzzFeed arbeite oder den Journalismus der drei Genannten besser fände als den anderer Medien. Sondern weil die Probleme dieser drei Digital-Angebote zeigen, wie schwierig es ist, im Internet (vor allem) mit Anzeigen genug Geld für teuren Journalismus zu verdienen.

Im Gegensatz zu anderen großen Medien stellen BuzzFeed, Vice und HuffPo ihren Journalismus weiterhin frei ins Netz. Immer mehr andere Medien machen dagegen dicht, verlangen von den Nutzern Geld für ihre Arbeit. Das ergibt aus Sicht der jeweiligen Medien Sinn. Doch wenn immer weniger Medien ihre Recherchen für alle zugänglich machen, haben viele Menschen irgendwann überhaupt keinen Zugriff mehr auf guten Journalismus. Menschen, die sich 19,99 Euro im Monat für Spiegel+ nicht leisten können.

Ein mögliches Gegenmittel ist der gemeinnützige Journalismus. Für diesen setzt sich auch das netzwerk recherche mit seiner Non-Profit-Initiative ein. Ich habe als Mitgründer und ehemaliger Reporter des Recherchezentrums Correctiv viel Sympathie für gemeinnützigen Journalismus und finde, dass er noch viel stärker gefördert werden sollte – aber er wird wohl niemals all das ersetzen können, was schon weggebrochen ist und noch wegbrechen wird.

Anzeigen finanzieren weniger Journalismus als erhofft. Verlage legen ihre Recherchen zunehmend hinter Bezahlschranken. Gemeinnütziger Journalismus ersetzt keine wegbrechenden Institutionen. Was bleibt? Der öffentlich-rechtliche Rundfunk. Weiterlesen

Newsletter Netzwerk Recherche, Nr. 169, 24.01.2019

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

2019 wird ein besonderes Jahr für netzwerk recherche, wir arbeiten nicht nur auf unsere Jahreskonferenz im Juni hin, sondern auch auf die Global Investigative Journalism Conference im September, die wir zusammen mit dem GIJN (Global Investigative Journalism Network) und der Interlink Academy in Hamburg ausrichten. Es sind also gleich zwei große Projekte in diesem Jahr. Vergangenes Wochenende haben wir im Vorstand, mit Partnern und interessierten Kollegen zusammengesessen und über die Programme für beide Konferenzen gesprochen. Für die Jahreskonferenz sind schon einige Themen eingeplant.

Beschäftigt hat uns natürlich auch der Fall Claas Relotius und welche Lehren nicht nur der SPIEGEL daraus ziehen muss. Die Affäre könnte auch ein Moment für die Branche sein, Entwicklungen zu hinterfragen: Dass viele Zeitungen unter finanziellem Druck ihre Auslandskorrespondenten eingespart haben, dass die packende Reportage in etlichen Redaktionen mehr zu gelten scheint als die Enthüllungsgeschichte, wie groß der Druck auf freie Journalisten ist.

Auch internationale Kooperationen und die extrem schwierigen Bedingungen, unter denen viele Kolleginnen und Kollegen etwa in Osteuropa arbeiten müssen, waren Gesprächsthemen bei und am Rande unserer Vorstandssitzung. Die Stipendiaten von netzwerk recherche und der Olin-Stiftung recherchieren ihre Projekte oft in fernen Ländern – sehr häufig geht es darum, dass Entscheidungen in  Unternehmen und Regierungen in Industrieländern wie Deutschland Auswirkungen auf das Leben der Bürger dort haben. Das sind wichtige Geschichten. Weiterlesen

Newsletter Netzwerk Recherche, Nr. 168, 20.12.2018

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

eigentlich sollte an dieser Stelle, passend zum Jahresende, eine kleine Bilanz über unsere Branche gezogen werden. Über tolle Recherchen, die durch die vertrauensvolle Kooperation verschiedener Medien eine besonders große Aufmerksamkeit erregten. Egal ob MeToo, Football-Leaks, der Skandal um gefährliche Implantate und viele andere Enthüllungen – all das hat eindrucksvoll bewiesen, wie wichtig seriöser Journalismus ist, was er bewirken kann.

Zu dieser Bilanz hätte natürlich auch gehört, wie Verlage nach erfolgreichen Geschäftsmodellen für die Zukunft suchen, wie sich viele Kolleginnen und Kollegen angesichts sinkender Auflagen und Werbeeinnahmen um ihre Zukunft sorgen oder wie man auf die immer aggressiveren Beschimpfungen gegen unsere Arbeit angemessen reagieren kann.

Ja, so war es eigentlich gedacht. Und hätte sich auch gelohnt. Aber dann verkündete der SPIEGEL “in eigener Sache” am Mittwoch eine Affäre, die nicht nur ihn noch auf lange Zeit beschäftigen wird: Ihr Autor Claas Relotius hat in mehreren Reportagen Interviews mit Protagonisten frei erfunden, Erlebnisse beschrieben, die es nicht gab, Personen beschrieben, die er nie getroffen hat – er hat gelogen und das, wie der SPIEGEL schreibt, auch mit “krimineller Energie”.

Ausgerechnet Claas Relotius. Der 33-Jährige war einer der Besten nicht nur beim SPIEGEL. Mit Preisen und Ehrungen überhäuft, von vielen Kolleginnen und Kollegen geachtet und geschätzt. Trotzdem immer bescheiden und zurückhaltend, sympathisch und gewinnend. Kein Wichtigtuer oder Besserwisser wie manch anderer in unserer Zunft. Von einem “Schock” schreibt der SPIEGEL, von einem “Tiefpunkt” der SPIEGEL-Geschichte. Er will jetzt aufklären, warum die zahlreichen – und immer wieder als vorbildlich geltenden – Kontrollmechanismen versagt haben.

Er wird auch Antworten liefern müssen, warum er frühzeitige Hinweise auf die Lügengeschichten des Kollegen ignorierte, den Tippgeber abkanzelte und ihn behandelte wie einen lästigen Störenfried. Denn es gibt in diesem ganzen Skandal einen Aufrechten, dem die Wahrheit wichtiger war als die toll geschriebene Reportage für den nächsten Journalistenpreis. Es ist der SPIEGEL-Autor Juan Moreno. Er hat, wie der SPIEGEL zugeben muss, unter “Gefährdung seines Jobs” auf eigene Faust und Kosten unermüdlich recherchiert, bis auch die SPIEGEL-Verantwortlichen endlich aktiv wurden. Der Rest ist bekannt: Claas Relotius gestand seine Erfindungen. Sein (angebliches) Motiv: Angst vor dem Versagen. Weiterlesen

Newsletter Netzwerk Recherche, Nr. 167, 26.11.2018

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

das Netzwerk Recherche hat einen Konferenz-Marathon hinter sich – und noch vor sich! Gerade erst haben wir in Berlin zur Fachkonferenz zum Verbraucherjournalismus eingeladen, wenige Wochen vorher hatten wir ebenfalls in Berlin unsere Tagung zum Nonprofit-Journalismus mit der Vergabe der Grow-Stipendien realisiert. Und zu Beginn des kommenden Jahres beginnen wir mit den Planungen für unsere Jahreskonferenz in Hamburg (14./15. Juni). Zwischen alldem geht es nun bald jeden Tag um die Vorbereitung der Global Investigative Journalism Conference 2019 im kommenden September. Es sind Zeiten voller Tatkraft für unseren Verein, die Mitarbeiter der Geschäftsstelle und den Vorstand.

Bei der GIJC19 wird sicher auch eine Rolle spielen, warum im Journalismus für diejenigen, die unsere Gesellschaft größtenteils ausmachen, häufig kein Platz ist.

Als Journalist strengt man sich stets an, mehr zu wissen als andere. Man strebt zudem danach, sprachlich brillant zu sein, handwerklich herausragend und besonders gut und vielfältig verbunden zu sein. Damit darf man keinen Tag aufhören.

Allerdings: Diejenigen, die unsere Gesellschaft auch ausmachen, sind vielleicht sprachlich nicht brillant. Nicht besonders gut verbunden. Nicht Teil dieser intellektuellen Elite. Sie finden kaum Zutritt in die Medienwelt.

Jeder vierte Mensch in Deutschland hat einen Migrationshintergrund. Das sind 19,3 Millionen. Sie selbst oder mindestens eines ihrer beiden Elternteile wurde ohne deutsche Staatsangehörigkeit geboren. Diese Zahlen, zuletzt im August dokumentiert vom Bundesamt für Statistik, sind gestiegen mit der Ankunft der Flüchtlinge 2015.

Nicht jeder vierte Journalist hat einen Migrationshintergrund. Natürlich nicht. Es liegen also Welten zwischen unserer Medien-Elite und den Menschen, die hier leben. Zwischen der Medien-Elite und der Gesellschaft, die wir sind.

Das zu ändern, ist gar nicht so leicht. Denn es ist im Grunde schon ewig so, Deutschland ist ja nicht erst seit 2015 ein Einwanderungsland. Und wenig haben wir dafür getan, dass mehr Kollegen mit Migrationshintergrund in unseren Redaktionen Fuß fassen. Lange Zeit war es gar kein Thema für uns. Genauso wie wir hingenommen haben, dass Journalisten aus Ostdeutschland kaum eine Chance hatten, in überregionalen Medien etwas zu erreichen. Anders als westdeutsche Journalisten, die selbstverständlich immer das Sagen hatten. Und auch mit den Frauen und der Gleichberechtigung an den Redaktionsspitzen war und ist es ein ziemlich zäher Kampf. Medien sind nicht der Schmelztiegel des gesellschaftlichen Fortschritts. Sie haben viel zu große Angst vor Veränderungen. Weiterlesen

Newsletter Netzwerk Recherche, Nr. 166, 25.10.2018

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

belohnt wird, wer dranbleibt, am Besten über Jahre. So wie die Kolleginnen und Kollegen von Panorama, ZEIT und Correctiv, die vergangene Woche gemeinsam mit Partnerteams aus zwölf Ländern aufgedeckt haben, dass Anwälte, Bänker und Superreiche in Europa mindestens 55 Milliarden Euro Steuern erstattet bekommen haben, die sie nie gezahlt hatten.

Die "Cum-Ex-Finanztricks" sind seit Jahren immer wieder Thema von Recherchen, doch politisch hat sich wenig verändert. Im Gegenteil: offenbar laufen ähnliche Tricks unter neuen Namen einfach weiter. Wohl auch deshalb haben sich über Jahre immer wieder Quellen an die Reporter Christian Salewski und Oliver Schröm gewandt. Und Ihnen schließlich einen Stick mit 180.000 Seiten Material übergeben. Die Recherche zeigt, wie wichtig es ist, dass Journalistinnen und Journalisten die Möglichkeit bekommen, über Jahre zu Themen zu recherchieren - und nicht nach der ersten Story weiterlaufen müssen.

Wer mit seinen Recherchen zeigt, dass er mit Informationen verantwortungsvoll umgehen kann - und genug Biss hat, auch über Jahre gegen große Widerstände anzulaufen - der macht es potentiellen Quellen leichter, Informationen weiterzugeben. Ich glaube, dass es häufig nicht an Quellen mangelt, sondern an Reporterinnen und Reportern, denen Quellen ausreichend Kompetenz im Umgang mit ihrem Material zuschreiben. Und die gleichzeitig als Person sichtbar und ansprechbar sind für potentielle Hinweisgeber.

Recherchiert und verbreitet hat die Recherche ein internationales Team aus 19 Redaktionen, koordiniert wurde die Recherche von Correctiv. Das freut mich nicht nur für meine früheren Kolleginnen und Kollegen, sondern zeigt auch: Nicht jede große Recherche-Kooperation muss über das ICIJ laufen. Es gibt jetzt Konkurrenz, wenn es um internationale Kooperationen geht. Konkurrenz belebt auch in diesem Fall hoffentlich die Recherche.

In diesem Sinne grüßen
Daniel Drepper,
Albrecht Ude

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Newsletter Netzwerk Recherche, Nr. 165, 26.09.2018

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

vor einigen Tagen gab es in Deutschland die Aktion “Deutschland spricht”, bei der Bürger aus Deutschland zusammenkamen, und zwar immer zwei, die zu gesellschaftlichen und politischen Fragen ganz unterschiedliche Ansichten haben. Die Aktion, ins Leben gerufen von “Zeit Online” und unterstützt von mehreren Verlagen, scheint zunächst banal: Sind wir in einer pluralen Gesellschaft nicht dauernd umgeben von Leuten, die andere Ansichten haben als wir selbst? Aber offensichtlich ist diese Idee heute geradezu revolutionär, jedenfalls so sehr, dass immerhin der Bundespräsident die Sache unterstützt hat.

Womöglich gibt es die vielbesprochenen Filterblasen nicht nur unter Journalisten, sondern auch Bürger umgeben sich lieber mit Menschen, die denken wie sie. Wahrscheinlich suchen und konsumieren etliche dieser Menschen vor allem Informationen, die ihr Weltbild bestätigen. Insofern ist es eine tolle Idee, ins Gespräch zu kommen mit jenen, die anders sind als man selbst, und die Ansichten vertreten, die man vielleicht nicht immer sympathisch findet. Dabei kann man herausfinden, dass es für einen selbst nicht gefährlich ist, erstmal zu versuchen zu verstehen, wie der andere zu seiner Position kommt. Wenn man zugehört hat, bleibt ja Zeit für die eigenen Gegenargumente.

Eine solche Art des Diskurses scheint aus der Mode gekommen zu sein, dafür sind Pöbeleien, Hass und Beschimpfungen häufiger geworden. Kolleginnen und Kollegen werden Zielscheibe solcher Angriffe, manchmal sogar tätlicher Angriffe. Gegen solche Straftaten muss der Staat entschieden vorgehen und Journalisten bei der Ausübung ihres Berufes schützen.
Wir als Journalisten, die es sich zum Beruf gemacht haben, mit anderen zu reden, müssen uns aber auch fragen, ob wir unseren Ansprüchen gerecht geworden sind. Haben wir genug gefragt, erstmal wissen wollen, was los ist, bevor wir Urteile gefällt haben? Haben wir uns überhaupt genug interessiert für die Situation und Stimmungslage anderer? Waren wir überhaupt vor Ort?

Ohne dass es hingeschrieben ist, werden die meisten an die AfD denken und an die Frage, wie Journalisten mit Wählern und Politikern der Partei umgehen sollen. Das ist nicht leicht zu beantworten, die bisherigen Erfahrungen zeigen nur, dass Ignorieren und Zurückpöbeln wenig hilfreiche Strategien sind. Weiterlesen

Newsletter Netzwerk Recherche, Nr. 164, 27.08.2018

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

“Sie begehen eine Straftat, sie begehen eine Straftat!” Der Demonstrant, der das ZDF-Team um Arndt Ginzel erst bepöbelt und dann die Polizei eingeschaltet hat, arbeitet also selbst bei der Polizei. Und die Polizei, die die Journalisten rund 45 Minuten lang mit Ausweiskontrollen schikaniert hat, steht nun noch dümmer da, als sie es von Beginn an tat. Die Aufnahmen, wie die Beamten mehrfach den Presseausweis kontrollieren und feststellen, er sei “in Ordnung” offenbaren eine sonderbare Hilflosigkeit der Polizisten. Denn sie wissen nicht genau, was sie tun sollen, außer die Journalisten von der Arbeit abzuhalten. Und dass ein Presseausweis, der fast für jeden zugänglich ist, als Beleg dafür herhalten muss, dass es sich um “echte” Journalisten handelt, ist auch nicht ohne Komik. Andererseits ist die Unsicherheit der Beamten das Schlimme an der Situation. Denn natürlich sind sie qua Amtes am längeren Hebel und haben die Macht, die Arbeit der Kollegen einfach zu stoppen, trotz ihrer offenkundigen Hilflosigkeit.

Warum sind Journalisten ausgerechnet während einer Pegida-Demonstration für die Polizei das glaubwürdigere Feindbild als pöbelnde Demonstranten? Das ist die Frage, die durch die Äußerungen des Ministerpräsidenten Michael Kretschmer, CDU, noch verstärkt wird. Denn auch für ihn war der Fall sofort klar und er twitterte: “Die einzigen, die in diesem Video seriös auftreten, sind Polizisten.” Gerade weil das nicht stimmte, ist es eine sonderbare Bekräftigung. Dass nun ausgerechnet ein LKA-Mann in seiner Freizeit der Auslöser des Gemenges war, lässt den Tweet erst recht absurd erscheinen. Der Innenminister hat klare Worte gefunden für das Verhalten des LKA-Beschäftigen: Er erwarte von allen Bediensteten ein korrektes Verhalten, auch wenn sie sich privat in der Öffentlichkeit aufhielten. Weiterlesen

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