Newsletter Netzwerk Recherche, Nr. 158, 21.02.2018

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

am 4. März will die SPD verkünden, ob sie eine GroKo möchte. Die Inhalte sind längst auf dem Tisch, der 177-seitige Entwurf für einen Koalitionsvertrag ist öffentlich; er wird das Leben von mindestens 80 Millionen Menschen für die nächsten vier Jahre bestimmen. Doch wer sich die Berichterstattung der vergangenen Wochen ansieht, der liest, hört, sieht vor allem Beiträge über Posten und Personen, nicht über Inhalte.

Wer bei den Verhandlungen den Längeren zieht, wie der neue Finanzminister heißt, wer Vorsitzende wird – das betrifft die meisten Bürger kaum. Viel spannender wären Recherchen und Analysen zu den großen Projekten der GroKo. Was wird für wen besser, was schlechter? Dieser Fokus auf den Bürger ist aufwändig, er braucht Fachwissen, Ausdauer und Recherche. Diesen Fokus gibt es viel zu selten.

Wie wichtig es ist, dass (Recherche-)Redaktionen sich auf die Anliegen aller Bürger konzentrieren, dass sie divers aufgestellt sind, dass sie nicht von weißen, in der Oberschicht sozialisierten Männern dominiert werden – das zeigt auch #metoo. In Deutschland reden wir fast ausschließlich über den Fall Dieter Wedel. Die Diskussion zu sexualisierter Gewalt ist verglichen mit den USA meilenweit zurück. Das liegt auch daran, dass hier bislang kaum jemand harte Recherchen dazu veröffentlicht hat. Ich bin der festen Überzeugung, dass dies anders wäre, hätten wir mehr Frauen im investigativen Journalismus – und mehr Frauen in journalistischen Führungspositionen. Auf der Jahreskonferenz des netzwerk recherche werden wir uns am 29./30. Juni diesen Herausforderungen widmen.

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Newsletter Netzwerk Recherche, Nr. 157, 24.01.2018

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

es ging mal wieder alles rasend schnell – die Nachricht von Thomas Leifs Tod, sie zischte durch die Medien. In die Welt gesetzt durch einen Tweet – ausgerechnet. Hauptsache Erster sein, eine Todesnachricht zu verbreiten? Es ist befremdlich, erst recht, weil der Tod von Thomas Leif ja schon ein paar Tage zurücklag und nichts näher lag als die Frage, warum die Information darüber bislang nicht veröffentlicht worden war. Alle, die frühzeitig vom Tod erfahren hatten, schwiegen und respektierten den Wunsch der Familie, den Zeitpunkt der Nachricht selbst zu bestimmen. Das Gute ist – am Ende ist der Tweet unwichtig und vergessen. Was dagegen hängen bleibt, sind wie immer die wahren Würdigungen und die präzisen Porträts, die wir lesen durften.

Wir trauern um Thomas Leif, unseren Gründer, der uns mit dem netzwerk recherche etwas Großes hinterlassen hat.

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Newsletter Netzwerk Recherche, Nr. 156, 20.12.2017

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

es ist zwar nur eine kleine Geste, hat aber dennoch eine große Symbolkraft: "Saal Daphne Caruana Galizia" - so heißt jetzt der Raum, in dem sich das Europäische Parlament den Fragen der Journalisten stellt. So soll die Erinnerung an unsere Kollegin aus Malta wachgehalten werden, die durch eine Autobombe ermordet wurde. Sie recherchierte seit vielen Jahren über Korruption in ihrem Heimatland, prangerte auf ihrem Blog immer wieder Filz und Amtsmissbrauch nicht nur der Regierenden im EU-Land Malta an. Furchtlos und ausdauernd. Es war beeindruckend und auch bewegend, wie die Abgeordneten im EU-Parlament parteiübergreifend ihre Arbeit würdigten und mit harschen Worten von Maltas Regierung die Aufklärung dieses Verbrechens forderten.

Daphne Caruana Galizia ist eine von 52 Journalisten, die bislang in diesem Jahr ermordet wurden - weil sie Journalisten waren. 179 sind aktuell im Gefängnis - weil sie Journalisten sind.

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Newsletter Netzwerk Recherche, Nr. 155, 23.11.2017

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

es liegen aufregende Tage hinter uns: bei der Global Investigative Journalism Conference in Johannesburg hat sich Netzwerk Recherche gemeinsam mit der Interlink Academy und Correctiv für die Austragung der nächsten Global Conference 2019 in Hamburg beworben. Und: Wir haben gewonnen! Schon lange hat ein kleines Team des Netzwerks daraufhin gearbeitet, diese Konferenz nach Deutschland zu holen. Jetzt hat es geklappt, wir freuen uns sehr und starten in eine Phase neuer Arbeit. Vielen Dank an all diejenigen, die uns unterstützt haben auf diesem Weg bis hierhin!

Dass sich Dranbleiben lohnt, zeigen auch die „Paradise Papers“: Stimmt, nicht jeder Reporter bekommt große Leaks mit geheimen Steuerdaten auf den Tisch. Aber von der Geschichte hinter der Recherche können wir alle lernen.

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Newsletter Netzwerk Recherche, Nr. 154, 26.10.2017

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

in den vergangenen Wochen haben "New York Times" und "New Yorker" enthüllt, dass der Filmmogul Harvey Weinstein über Jahrzehnte hinweg offenbar Schauspielerinnen und Mitarbeiterinnen sexuell belästigt hat. Mehrere Frauen haben den Vorwurf erhoben, Weinstein habe sie vergewaltigt. Einige haben, so das Ergebnis von Recherchen, bis zu sechsstellige Summen bekommen, damit sie über Begegnungen mit Weinstein schweigen. Die US-Kollegen haben diese Vorwürfe gesammelt, dokumentiert, es ist frappierend, wie sich all diese Geschichten ähneln. Es gibt sogar einen Mitschnitt, auf dem zu hören ist, wie Weinstein agiert – die New Yorker Polizei hatte ein Model, das Weinstein beschuldigte, mit einem verdeckten Mikrofon ausgestattet.

Es ist dem Mut der Frauen, sich zu äußern, zu verdanken, dass diese Geschichte öffentlich geworden ist, es ist auch eine journalistische Leistung. Weinstein wurde entlassen, er wolle nun versuchen, seine "Dämonen in den Griff zu bekommen", erklärte er, die Vergewaltigungsvorwürfe dementiert er. Ob alles so war wie beschrieben, wird nun wohl auch Gerichte beschäftigen.

Die Enthüllung schmückt die Reporter, aber die Geschichte lässt den Journalismus nicht nur gut aussehen. Offenbar war Weinsteins Verhalten jahrzehntelang ein offenes Geheimnis in Hollywood. In einer Branche, die vom Tratsch lebt, in der es eine Nachricht ist, wenn eine Top-Schauspielerin sich eine Bluse eines neuen Designers kauft, muss es viele Mitwisser gegeben haben. Der Moderator der Oscar-Verleihung Seth Mac Farlane witzelte vor vier Jahren gerichtet an die Nominierten als beste Nebendarstellerin: "Glückwunsch, Ihr fünf Damen müsst nicht mehr so tun, als fühltet Ihr Euch von Harvey Weinstein angezogen." Wissendes, lautes Gelächter im Publikum. Danach passierte: Nichts. Jetzt wird gerätselt, ob Weinsteins Anwälte Medien gedroht hatten, die vor den aktuellen Enthüllungen Vorwürfe publizieren wollten. Der Sender NBC hatte zunächst abgelehnt, die Story jenes freien Autors zu veröffentlichen, die der New Yorker dann brachte. NBC rechtfertigte sich, es hätten da noch nicht alle Fakten vorgelegen.

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Newsletter Netzwerk Recherche, Nr. 153, 19.09.2017

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

vor ein paar Tagen waren wir in Dortmund, beim ersten Campfire-Festival fuer Journalismus, das vom gemeinnuetzigen Recherchezentrum Correctiv organisiert wurde. Das Festival war der Gegenentwurf zu steifen Fachkonferenzen: Auf einer Campus-Wiese stand ein Zeltdorf, Gummistiefel und Regenjacke waren unentbehrlich, die Workshops waren kostenlos und offen fuer alle. Das Festival war ein Experiment, aus dem vielleicht tatsaechlich ein Lagerfeuer des Journalismus werden kann. Ein Ort, an dem Geschichten erzaehlt, wo Plaene geschmiedet werden, wo der Journalismus sich von seiner besten Seite zeigt.

Klar, wir sind befangen, wir engagieren uns ja selbst fuer den Non-Profit-Journalismus. netzwerk recherche hatte deshalb sechs Medienprojekte nach Dortmund eingeladen, die sich zuvor um ein Grow-Stipendium fuer Gruender im gemeinnuetzigen Journalismus beworben hatten. In einem Pitch traten sie gegeneinander an, unsere Jury kuerte vor Ort drei Stipendiaten. Ihre Projekte sind so vielfaeltig wie der gemeinnuetzige Journalismus: Das Projekt “MedWatch” will medizinische ‘Fake News’ entlarven, das “Ihme-Zentrum” moechte Buerger fuer sein Medienprojekt in Hannover gewinnen, und das Portal “120minuten” will mehr Recherche zum Thema Fussball ermoeglichen. Mehr zu den Vorhaben unserer Stipendiaten im Newsletter weiter unten.

Die Finanzierung durch Stifter und Spender ist aber laengst nicht mehr nur ein Geschaeftsmodell fuer kleine Journalismus-Projekte und Medien-Start-ups. Juengst haben die altehrwuerdige New York Times und der britische Guardian angekuendigt, mit eigenen gemeinnuetzigen Organisationen in den USA um das Geld der Foerderer zu werben. Sie wollen sich so eine weitere Geldquelle erschliessen. Gruenden nun bald auch “Der Spiegel” oder die “Sueddeutsche Zeitung” gemeinnuetzige Tochter-Organisationen? Natuerlich, die Rahmenbedingungen in Deutschland unterscheiden sich stark von den USA. Aber wir sind sicher, dass deutsche Medienhaeuser und Stiftungen nun sehr genau beobachten werden, welche Erfahrungen die neuen Akteure in Amerika machen werden. Weiterlesen

Newsletter Netzwerk Recherche, Nr. 152, 18.08.2017

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

ich komme nicht hinweg ueber eine Geschichte, die Ende Juni fuer ein paar kleine, aber immerhin bundesweite Schlagzeilen gesorgt hat: Eine franzoesische Familie, im Wohnmobil in Schleswig-Holstein unterwegs, wollte gern nach Sylt fahren. Statt den Zug zu nehmen, entschieden sich die vier, lieber selbst mit dem Fahrrad zu fahren. Der Fahrradweg ueber den Hindenburgdamm war immerhin bei Google Maps angegeben. Quasi einmal durchs Meer radeln, was fuer ein Abenteuer! Auch als die Familie ihre Mountainbikes ueber das Zufahrtstor der Strecke hieven musste, wunderte sie sich kaum. Selbst dann nicht, als sie auf dem mehr als 11 Kilometer langen Betriebsweg gar keine anderen Fahrradfahrer trafen. Sondern erst, als sie in Westerland von der Bundespolizei begruesst wurden. Smartphone ist Smartphone. Was kuemmert einen da die Realitaet?

Was hat das mit Journalismus zu tun? Natuerlich nichts, ausser, dass das auf den ersten Blick eine lustige Geschichte ist, die erzaehlt werden will. Bei der man kurz im Internet versackt, weil man auf viele weitere ulkige Google-Fehler und Anekdoten stoesst: Offenbar ist es naemlich gar nicht so aussergewoehnlich, dass Menschen dem Smartphone oder Google mehr Vertrauen schenken als ihrem gesunden Menschenverstand. Und als ihren eigenen Augen. Weiterlesen

Newsletter Netzwerk Recherche, Nr. 151, 18.07.2017

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

der Gipfel in Hamburg ist vorbei – endlich!
Die politische und juristische Aufarbeitung des Desasters beginnt – hoffentlich!

Es liegt auch an uns Journalisten, dass dieses Thema auf der Agenda bleibt und nicht im Sommerloch verschwindet oder von den verantwortlichen Politikern in Hamburg und Berlin durch Nichtstun oder gegenseitigen Vertrauensbekundungen “beerdigt” wird. Zu viel ist passiert, zu viele Fragen sind laengst nicht beantwortet, manche noch nicht einmal gestellt. Also, liebe Kolleginnen und Kollegen – dranbleiben!

“Lieber Olaf, wir muessen reden”. Dieses Transparent auf einem Balkon in der Hamburger Schanze kennt mittlerweile jeder. Aber Redebedarf sollte es auch bei und unter uns geben. Denn da ist auch vieles passiert, was diskutiert werden muss.

Dass viele Medien gegen den ploetzlichen Entzug der Gipfel-Akkreditierung fuer 32 Kollegen protestieren – das ist gut. Dass man sich mit den eher hilflosen und vernebelnden Erklaerungen des Bundespresseamtes nicht abspeisen laesst, auch das ist voellig richtig. Allerdings sollten wir vor einem endgueltigen Urteil versuchen, weitere Hintergruende zu recherchieren, Widersprueche aufzudecken, die Verantwortlichen mit bohrenden Nachfragen unter Druck zu setzen. Solidaritaet ja, aber bitte keine vorschnellen Urteile. Unsere Empoerung ersetzt keine Recherche. Weiterlesen

Newsletter Netzwerk Recherche, Nr. 150, 29.06.2017

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

Noch 87 Tage bis zur Bundestagswahl, gut zwoelf Wochen, der Wahlkampf laeuft an. Und wie jedes Mal wird die Politik in den Wochen vor der Wahl versuchen, uns Journalisten ihre Themen aufzudruecken. Mit Pressekonferenzen, mit inszenierten Hausbesuchen, mit Reformkonzepten.

Dem Programm der Politiker zu folgen, das ist einfach, das ist der Weg des geringsten Widerstandes. Und manchmal laesst es sich auch nicht vermeiden. Aber je oefter es uns gelingt, eigene Themen zu setzen, umso besser. Dafuer braucht es Recherche. Dafuer braucht es Haltung. Und dafuer braucht es das Verstaendnis, dass wir als Reporter nicht die Ueberbringer politischer Botschaften sind, sondern die Stellvertreter unseres Publikums.

Armin Wolf zeigt, wie dieses Verstaendnis in der Praxis aussehen kann. Der oesterreichische Fernsehmoderator hat in diesem Jahr vom netzwerk recherche den “Leuchtturm fuer besondere publizistische Leistungen” verliehen bekommen. Wolf erklaert seine Arbeit in einfachen Worten. Er “konfrontiere Politiker mit kritischen Fragen, Gegenargumenten und Widerspruch. Danach sind wir im Idealfall alle informierter: ueber das Thema und auch den Politiker”. Weiterlesen

Newsletter Netzwerk Recherche, Nr. 149, 19.05.2017

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

die US-Fernsehserie “The Wire” gehoert zu den grossartigsten Gesellschaftsportraets ueberhaupt. Die fuenfte Staffel aus dem Jahr 2008 handelt vom Niedergang der Zeitungen. In einer Schluesselszene der ersten Folge ruft der Redaktionsleiter die Mitarbeiter im Newsroom zusammen. Er spricht von den sinkenden Anzeigenerloesen, den sinkenden Auflagen, den Sparvorgaben der Eigentuemer. Dann zaehlt er die Auslandsbueros auf, die geschlossen werden, und erwaehnt, dass man in der Personalabteilung Details der Abfindungsangebote erfahren kann. Zum Schluss sagt er: “Wir muessen ganz einfach Wege finden, mehr mit weniger zu tun.”

Der Autor der Serie, David Simon, ein ehemaliger Polizeireporter der “Baltimore Sun”, hat dazu einmal gesagt: “You don’t do more with less. You do less with less.”

Sehr viele Kollegen haben in den vergangenen zehn Jahren deprimierende Situationen wie diese erlebt: Vollversammlungen, auf denen Entlassungen, Stellenkuerzungen, Bueroschliessungen verkuendet wurden, erst kuerzlich beim Focus, bei der Berliner Zeitung und beim Berliner Kurier. Manche Redaktionen sind kaputtgespart worden, und dann ist es kein Wunder, dass Leser wegbleiben.

Keine guten Zeiten fuer guten Journalismus. Erst recht nicht fuer Journalismus, der noch besser werden will. Oder doch?

Weniger Ressourcen bedeutet: weniger Reporter, weniger Freiraum fuer Recherchen, gerade im Lokalen, wo es oft nur noch eine Zeitung vor Ort gibt. Weniger Ressourcen bedeutet auch: weniger Honorare fuer Freie, weniger Zukunftschancen fuer Berufseinsteiger. Weiterlesen

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