Newsletter Netzwerk Recherche, Nr. 163, 31.07.2018

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

Was lernen wir aus Mesut Özils vorläufigem Rücktritt und dem unter #MeTwo geteilten Alltagsrassismus? Ich lerne vor allem, dass wir zwar viel Meinung zu lesen bekommen, dass wir aber noch immer viel zu wenig zu Rassismus im Alltag recherchieren. Das liegt daran, dass es in Deutschland zu wenige Kollegen im investigativen Journalismus gibt, die das könnten. Weil zu wenige von uns solche Alltagserfahrungen machen.

#MeTwo zeigt genau wie #MeToo, wie viele Geschichten seit Jahren unter der Oberfläche schlummern, aber von Medien bisher nicht Ernst genommen wurden. Diese Themen beschäftigen viele Menschen jeden Tag, sie betreffen ganz besonders ohnehin benachteiligte Gruppen – und sie können schwere Schäden hinterlassen. Genau das, wonach investigative Reporter bei Themen stets suchen. Weiterlesen

Newsletter Netzwerk Recherche, Nr. 162, 25.06.2018

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

am kommenden Freitag ist es mal wieder soweit: Bereits zum 17. Mal treffen sich hunderte Journalistinnen und Journalisten zur Jahrestagung von Netzwerk Recherche. Was im Jahr 2002 unter dem Motto “Wege zu einer neuen Recherche-Kultur” ganz klein begann, hat sich längst zu einem der wichtigsten Medienkongresse entwickelt. Gab es zu Beginn einen Raum und sechs Panels, gibt es heute 10 Räume und 110 Panels. Gab es damals 18 Referenten, gibt es heute rund 250 Referenten und Referentinnen.

Unverändert geblieben ist das NDR-Gelände als Veranstaltungsort und der NDR als großzügiger Gastgeber. Unverändert auch der Anspruch, den das Netzwerk Recherche als Veranstalter hat: Die Förderung des Recherche-Journalismus. Der konstruktive Streit um aktuelle Probleme, aber auch Chancen unserer Branche. Die Vermittlung von Handwerk und Haltung. Wir wollen motivieren und neue Impulse geben. Und noch etwas hat sich nicht verändert: Diese Konferenz wird ehrenamtlich organisiert: Von Journalisten. Mit Journalisten. Für Journalisten.

Doch etwas hat sich verändert: 2002 gab es 16 männliche Referenten, lediglich zwei Kolleginnen waren auf den Podien vertreten – Susanne Fischer und Patricia Schlesinger. Solch männerlastige Podien gibt es bei vielen, leider zu vielen Medientagungen auch heute noch. Umso erfreulicher die (vorläufige) Bilanz unserer jetzt beginnenden Tagung: Rund 40 Prozent der ReferentInnen sind Frauen, gar mehr als 80 Prozent der Moderationen liegen in weiblicher Hand. Vergleichbare Werte gab und gibt es auf keinem anderen Medienkongress. Zugegeben: Es war nicht ganz einfach. Noch immer gibt es nach unseren Anfragen mehr Absagen von Kolleginnen – aus sehr unterschiedlichen Gründen – als von Kollegen. Deshalb dauert die “ausgeglichene” Besetzung vieler Panels meist sehr viel länger, die Bemühungen sind viel größer. Es lohnt sich, darüber mal zu reden. Weiterlesen

Newsletter Netzwerk Recherche, Nr. 161, 22.05.2018

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

die #MeToo-Debatte wird in Deutschland nicht mehr nur abstrakt geführt. Nach den Enthüllungen über Dieter Wedel in der “Zeit” berichten unsere Kollegen auch über andere Fälle – in der Kulturbranche und im Journalismus. Es ist ein gesellschaftlicher Fortschritt, dass sexuelle Belästigung nicht länger als Bagatelle abgetan wird und dass Journalisten Hinweise auf solche Vorfälle sorgfältig recherchieren. Aber es brauchte vorher den Fall Weinstein. Also vor allem mutige Frauen, die bereit waren, ihre Vorwürfe öffentlich zu erheben. Und Journalistinnen und Journalisten, die aus deren Aussagen, aus Schweigevereinbarungen, aus vielen Interviews ein Bild zusammensetzten, das Verhaltensmuster von Belästigern offenbarte.

Einige der jetzt beschuldigten Männer haben sich teils jahrzehntelang auffällig verhalten, ohne dass Vorwürfe laut wurden. Es waren offenbar Führungskräfte in den Redaktionen nötig, die Recherchen über Belästigung und Missbrauch ermutigen und unterstützen, es war eine Kampagne von Frauen auf Twitter nötig, die ihrer Empörung Ausdruck verliehen und es war offenbar ein verändertes Verständnis davon nötig, was sexuelle Belästigung ausmacht und wie sie zu ahnden ist.

Die Gesellschaft blickt heute anders auf das Thema sexuelle Belästigung als noch vor einem Jahr. Das ist auch das Verdienst von Journalisten, die solche Recherchen betrieben haben, aber es ist gleichzeitig ein bisschen entmutigend, dass die Zeit für diese Veränderung erst jetzt zusammen mit der #MeToo-Welle reif war. Weiterlesen

Newsletter Netzwerk Recherche, Nr. 160, 19.04.2018

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

es ist schon ein paar Jahre her, aber heute kommt es mir plötzlich vor, als sei es gestern gewesen: Auf der Bühne des Deutschen Schauspielhauses wurden die Großen des Journalismus geehrt. Die besten Schreiber, die besten Reporter, die besten Rechercheure, sie alle wurden ausgezeichnet mit dem Henri-Nannen-Preis. Im Jahr 2012, also vor sechs Jahren ergab sich dabei ein Bild, was schon damals nicht mehr ganz zeitgemäß wirkte: Ein Mann nach dem anderen betrat die Bühne und bekam die Trophäe. In der Kategorie Dokumentation wurden sogar gleich zwölf Kollegen, also zwölf Männer, ausgezeichnet. Unter Frauen schwankten wir im Small-Talk danach zwischen Wüten und Witzeln: ein Mann hätte es wohl alleine nicht geschafft, es mussten gleich zwölf sein. Aber genau das war das Bittere: es wirkte wie ein closed shop, als würden die Männer es im Vorfeld unter sich ausmachen. Frauen gehörten einfach nicht dazu, keine Chance.

Heute ist das anders. Denkt man. Dachte ich. Nach dem Nannen-Preis aber bin ich mir gar nicht mehr so sicher, ob und was genau eigentlich anders ist. Dabei hat sich der Preis seit 2012 geschüttelt und grundlegend verändert: Frauen in der Jury, weniger Chefs, mehr Macher und Macherinnen, vor allem in der Vorjury. Es gab ja auch in diesem Jahr wie in anderen Jahren zuvor überragende Frauen unter den Preisträgerinnen. Herzlichen Glückwunsch, Caterina Lobenstein! Herzlichen Glückwunsch, Souad Mekhennet! (Und herzlichen Glückwunsch allen anderen 15 ausgezeichneten Kollegen!)

Aber: im Investigativen waren es wieder fast ausschließlich Männer unter den letzten dreien. Es waren immerhin insgesamt 17 nominiert in der Sparte “Investigative Leistung” – 16 Männer, eine Frau. Es liegt nicht an der Jury, es fehlt schon an den Einreichungen. Viel weniger Frauen reichen ihre Arbeiten ein. Und noch davor: Viel weniger Frauen arbeiten überhaupt in den investigativen Teams. Warum bloß?

Wir haben so viele Frauen im Journalismus. Es starten mehr Frauen in den Beruf als Männer, weil beim Nachwuchs die Frauen besser sind als Männer. Es gibt ganz und gar überragende Investigativ-Frauen, die in der Spitze mitspielen. Auch können wir regelmäßig lesen, wie froh Medien sind, Frauen in der Führung vorzuzeigen. Aber in der Breite der Investigativ-Ressorts ändert sich letztlich offenbar wenig. Warum bloß? Weiterlesen

Newsletter Netzwerk Recherche, Nr. 159, 26.03.2018

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

es ist wieder passiert. Mitten in Europa – im EU-Land Slowakei. Ein Journalist wird ermordet. Ján Kuciak mit einem Schuss in den Bauch, seine Freundin Martina Kusnirova mit einem Schuss in den Hinterkopf. Es war eine Hinrichtung.

Ján Kuciak recherchierte – wie auch seine im Dezember letzten Jahres im EU-Land Malta ermordete Kollegin Daphne Caruana Galizia – über Korruption und organisierte Kriminalität in den politischen Führungszirkeln. Auch wenn in beiden Fällen weder Auftraggeber noch alle Details der Morde feststehen, ist eines gewiss: Weder Daphne Galizia noch Ján Kuciak sind “Zufallsopfer” eines schlimmen Verbrechens. Beide sind tot, weil sie manchen Leuten wohl zu neugierig waren. Weil sie mutige Journalisten waren. Weil sie ihren Beruf liebten.

Einen Beruf, den der langjährige – mittlerweile zurückgetretene – Ministerpräsident der Slowakei, Robert Fico, verachtete und bekämpfte. Kritische Journalisten waren für ihn “schleimige Schlangen”, “dreckige Huren” oder “dumme Hyänen”. Der Sozialdemokrat (!!!) attackierte verbal, andere (vielleicht dadurch ermutigt?) jetzt mit tödlicher Gewalt.

Diese verbalen Brandstifter gibt es in vielen Ländern. Regierungen in Polen, Ungarn, Russland oder den USA und vielen anderen Ländern haben keinerlei Skrupel, wenn sie gegen Journalisten hetzen. Und auch bei uns gehört diese Hetze offenkundig zur politischen DNA einiger Kreise – u.a. der AfD (“Lügenpresse”) oder Pegida (“Regierungshuren”). Erschreckend, dass sich auch einige (nicht nur ehemalige) Journalisten an dieser Treibjagd beteiligen.

Weiterlesen

Newsletter Netzwerk Recherche, Nr. 158, 21.02.2018

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

am 4. März will die SPD verkünden, ob sie eine GroKo möchte. Die Inhalte sind längst auf dem Tisch, der 177-seitige Entwurf für einen Koalitionsvertrag ist öffentlich; er wird das Leben von mindestens 80 Millionen Menschen für die nächsten vier Jahre bestimmen. Doch wer sich die Berichterstattung der vergangenen Wochen ansieht, der liest, hört, sieht vor allem Beiträge über Posten und Personen, nicht über Inhalte.

Wer bei den Verhandlungen den Längeren zieht, wie der neue Finanzminister heißt, wer Vorsitzende wird – das betrifft die meisten Bürger kaum. Viel spannender wären Recherchen und Analysen zu den großen Projekten der GroKo. Was wird für wen besser, was schlechter? Dieser Fokus auf den Bürger ist aufwändig, er braucht Fachwissen, Ausdauer und Recherche. Diesen Fokus gibt es viel zu selten.

Wie wichtig es ist, dass (Recherche-)Redaktionen sich auf die Anliegen aller Bürger konzentrieren, dass sie divers aufgestellt sind, dass sie nicht von weißen, in der Oberschicht sozialisierten Männern dominiert werden – das zeigt auch #metoo. In Deutschland reden wir fast ausschließlich über den Fall Dieter Wedel. Die Diskussion zu sexualisierter Gewalt ist verglichen mit den USA meilenweit zurück. Das liegt auch daran, dass hier bislang kaum jemand harte Recherchen dazu veröffentlicht hat. Ich bin der festen Überzeugung, dass dies anders wäre, hätten wir mehr Frauen im investigativen Journalismus – und mehr Frauen in journalistischen Führungspositionen. Auf der Jahreskonferenz des netzwerk recherche werden wir uns am 29./30. Juni diesen Herausforderungen widmen.

Weiterlesen

Newsletter Netzwerk Recherche, Nr. 157, 24.01.2018

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

es ging mal wieder alles rasend schnell – die Nachricht von Thomas Leifs Tod, sie zischte durch die Medien. In die Welt gesetzt durch einen Tweet – ausgerechnet. Hauptsache Erster sein, eine Todesnachricht zu verbreiten? Es ist befremdlich, erst recht, weil der Tod von Thomas Leif ja schon ein paar Tage zurücklag und nichts näher lag als die Frage, warum die Information darüber bislang nicht veröffentlicht worden war. Alle, die frühzeitig vom Tod erfahren hatten, schwiegen und respektierten den Wunsch der Familie, den Zeitpunkt der Nachricht selbst zu bestimmen. Das Gute ist – am Ende ist der Tweet unwichtig und vergessen. Was dagegen hängen bleibt, sind wie immer die wahren Würdigungen und die präzisen Porträts, die wir lesen durften.

Wir trauern um Thomas Leif, unseren Gründer, der uns mit dem netzwerk recherche etwas Großes hinterlassen hat.

Weiterlesen

Newsletter Netzwerk Recherche, Nr. 156, 20.12.2017

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

es ist zwar nur eine kleine Geste, hat aber dennoch eine große Symbolkraft: "Saal Daphne Caruana Galizia" - so heißt jetzt der Raum, in dem sich das Europäische Parlament den Fragen der Journalisten stellt. So soll die Erinnerung an unsere Kollegin aus Malta wachgehalten werden, die durch eine Autobombe ermordet wurde. Sie recherchierte seit vielen Jahren über Korruption in ihrem Heimatland, prangerte auf ihrem Blog immer wieder Filz und Amtsmissbrauch nicht nur der Regierenden im EU-Land Malta an. Furchtlos und ausdauernd. Es war beeindruckend und auch bewegend, wie die Abgeordneten im EU-Parlament parteiübergreifend ihre Arbeit würdigten und mit harschen Worten von Maltas Regierung die Aufklärung dieses Verbrechens forderten.

Daphne Caruana Galizia ist eine von 52 Journalisten, die bislang in diesem Jahr ermordet wurden - weil sie Journalisten waren. 179 sind aktuell im Gefängnis - weil sie Journalisten sind.

Weiterlesen

Newsletter Netzwerk Recherche, Nr. 155, 23.11.2017

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

es liegen aufregende Tage hinter uns: bei der Global Investigative Journalism Conference in Johannesburg hat sich Netzwerk Recherche gemeinsam mit der Interlink Academy und Correctiv für die Austragung der nächsten Global Conference 2019 in Hamburg beworben. Und: Wir haben gewonnen! Schon lange hat ein kleines Team des Netzwerks daraufhin gearbeitet, diese Konferenz nach Deutschland zu holen. Jetzt hat es geklappt, wir freuen uns sehr und starten in eine Phase neuer Arbeit. Vielen Dank an all diejenigen, die uns unterstützt haben auf diesem Weg bis hierhin!

Dass sich Dranbleiben lohnt, zeigen auch die „Paradise Papers“: Stimmt, nicht jeder Reporter bekommt große Leaks mit geheimen Steuerdaten auf den Tisch. Aber von der Geschichte hinter der Recherche können wir alle lernen.

Weiterlesen

Newsletter Netzwerk Recherche, Nr. 154, 26.10.2017

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

in den vergangenen Wochen haben "New York Times" und "New Yorker" enthüllt, dass der Filmmogul Harvey Weinstein über Jahrzehnte hinweg offenbar Schauspielerinnen und Mitarbeiterinnen sexuell belästigt hat. Mehrere Frauen haben den Vorwurf erhoben, Weinstein habe sie vergewaltigt. Einige haben, so das Ergebnis von Recherchen, bis zu sechsstellige Summen bekommen, damit sie über Begegnungen mit Weinstein schweigen. Die US-Kollegen haben diese Vorwürfe gesammelt, dokumentiert, es ist frappierend, wie sich all diese Geschichten ähneln. Es gibt sogar einen Mitschnitt, auf dem zu hören ist, wie Weinstein agiert – die New Yorker Polizei hatte ein Model, das Weinstein beschuldigte, mit einem verdeckten Mikrofon ausgestattet.

Es ist dem Mut der Frauen, sich zu äußern, zu verdanken, dass diese Geschichte öffentlich geworden ist, es ist auch eine journalistische Leistung. Weinstein wurde entlassen, er wolle nun versuchen, seine "Dämonen in den Griff zu bekommen", erklärte er, die Vergewaltigungsvorwürfe dementiert er. Ob alles so war wie beschrieben, wird nun wohl auch Gerichte beschäftigen.

Die Enthüllung schmückt die Reporter, aber die Geschichte lässt den Journalismus nicht nur gut aussehen. Offenbar war Weinsteins Verhalten jahrzehntelang ein offenes Geheimnis in Hollywood. In einer Branche, die vom Tratsch lebt, in der es eine Nachricht ist, wenn eine Top-Schauspielerin sich eine Bluse eines neuen Designers kauft, muss es viele Mitwisser gegeben haben. Der Moderator der Oscar-Verleihung Seth Mac Farlane witzelte vor vier Jahren gerichtet an die Nominierten als beste Nebendarstellerin: "Glückwunsch, Ihr fünf Damen müsst nicht mehr so tun, als fühltet Ihr Euch von Harvey Weinstein angezogen." Wissendes, lautes Gelächter im Publikum. Danach passierte: Nichts. Jetzt wird gerätselt, ob Weinsteins Anwälte Medien gedroht hatten, die vor den aktuellen Enthüllungen Vorwürfe publizieren wollten. Der Sender NBC hatte zunächst abgelehnt, die Story jenes freien Autors zu veröffentlichen, die der New Yorker dann brachte. NBC rechtfertigte sich, es hätten da noch nicht alle Fakten vorgelegen.

Weiterlesen

Weiter