Newsletter Netzwerk Recherche, Nr. 182, 20.02.2020

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

die Rheinzeitung hat angekündigt, ihre Lokalredaktionen zu schließen. Stattdessen soll es nur noch drei sogenannten Regionaldesks geben [1]. Und die Westdeutsche Zeitung will in Zukunft ihre Inhalte für den Düsseldorfer Lokalteil nicht mehr selbst produzieren [2].

Zwei Meldungen aus den vergangenen vier Wochen, die – sollten die Einsparungen nicht für neue Recherche-Teams genutzt werden – einen seit Jahren andauernden Trend fortsetzen: Es gibt immer weniger Journalismus im Lokalen, von Recherche gar nicht erst zu reden. Das ist bitter, denn im Lokalen ist unsere Arbeit besonders direkt erleb- und überprüfbar. Wo, wenn nicht dort, sollen wir Vertrauen in unsere Arbeit bewahren oder wieder erkämpfen?

Wer investiert überhaupt noch in Recherchen vor Ort? Welche Modelle haben Zukunft? Das netzwerk recherche hat vor kurzem mit einer Reihe von Partnern das “Forum Gemeinnütziger Journalismus” mitgegründet [3]. Aber reicht das?

Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass wir mit weniger Inhalten am Ende mehr Leser an uns binden können – wenn die Inhalte gut genug sind [4]. Für mich ist das eine unglaublich ermutigende Nachricht. Was folgt darauf? Warum probieren wir nicht mehr aus, veröffentlichen nur noch sehr viel weniger Artikel, schaffen Print ab und verschicken nur noch einen ausführlichen Newsletter? Wo sind die radikalen Modelle im Lokalen? Vielleicht ist der Druck auch einfach noch nicht groß genug.

Wer Ideen für Recherchen im Lokalen hat, aber keine redaktionelle Unterstützung dafür: Wir beim netzwerk recherche fördern nichts lieber als gute Ideen für lokale Recherchen. Egal ob Umweltkriminalität, Arbeiterausbeutung, extremistische Zellen oder eine illegale Postenvergabe im Landratsamt – meldet Euch gerne bei uns, wir unterstützen Eure Ideen mit bis zu 5000 Euro [5].

Und: Auch auf unserer Jahreskonferenz werden wir wieder ausführlich über Recherche im Lokaljournalismus diskutieren. Bis zum 29. Februar gibt es die Tickets für die Konferenz noch zum vergünstigten „Early Bird“-Tarif [6].

Und: Unterstützt Reporter*innen, die zu Rechtsextremismus recherchieren.

Es grüßen

Daniel Drepper,
Albrecht Ude Weiterlesen

Newsletter Netzwerk Recherche, Nr. 181, 27.01.2020

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

seit siebeneinhalb Jahren lebt Wikileaks-Gründer Julian Assange nicht mehr in Freiheit. Im Juni 2012 floh er aus Furcht vor einer Auslieferung in die USA in die ecuadorianische Botschaft in London. Nachdem Ecuador 2019 den Aufenthalt in der Botschaft beendete, nahm die britische Polizei ihn fest, er sitzt im Hochsicherheitsgefängnis Belmarsh, bis vor wenigen Tagen offenbar in Einzelhaft. Die USA verlangen seine Auslieferung, in wenigen Wochen, Ende Februar, soll die Verhandlung darüber vor einem Londoner Gericht beginnen. Schweden hat die Ermittlungen wegen Vergewaltigungsvorwürfen gegen Assange im November 2019 eingestellt, weil sich die Beweislage deutlich abgeschwächt habe, da die Vorwürfe schon so lange zurückliegen.

Die US-Regierung hat Assanges Auslieferung schon länger betrieben. Nach seiner Verhaftung wurde die bis dahin geheime Anklageschrift der USA bekannt. Zunächst ging es um den Vorwurf, er habe dem Whistleblower Chelsea Manning geholfen, Passwörter zu überwinden.

Im April erhob die US-Regierung 17 weitere Vorwürfe nach dem sogenannten Espionage Act von 1917. Im Kern drehen sich diese Punkte darum, dass Assange amerikanische Geheimdokumente erhalten und veröffentlicht haben soll. Auch die New York Times, der Guardian und Der Spiegel veröffentlichten damals Dokumente, aus denen etwa hervorging, dass die USA die Zahl der zivilen Opfer im Irak als deutlich zu niedrig angegeben hatten und die Kriegsverbrechen nahelegten. Ein Video zeigt die Tötung unbewaffneter Zivilisten aus einem Hubschrauber heraus. Assange wird also etwas vorgeworfen, das die Aufgabe investigativer Reporter ist: Informationen zu beschaffen und zu veröffentlichen, die zeigen, dass die Regierung ihren Bürgern nicht die Wahrheit sagt.

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Newsletter Netzwerk Recherche, Nr. 180, 19.12.2019

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

als vor gut zwei Jahren die maltesische Journalistin Daphne Caruana Galizia nahe ihres Hauses mittels einer Autobombe ermordet wurde, war das ein Schock. Besonders für andere Journalisten: In der Europäischen Union wurde eine Reporterin wegen ihrer Arbeit getötet, ein barbarisches Verbrechen. Vier Monate später starb der slovakische Journalist Jan Kuciak, der zur organisierten Kriminalität in seinem Heimatland recherchiert hatte, er wurde zusammen mit seiner Freundin erschossen.

Die beiden Fälle zeigten, wie sehr auch in Europa die Pressefreiheit bedroht ist, dass auch hier Journalisten um ihr Leben fürchten müssen, weil sie ihre Arbeit gut machen. Welchen Preis sie für ihre Arbeit gezahlt haben, kann nur Ansporn für uns in Deutschland sein, unsere Aufgabe als Recherchejournalisten ernst zu nehmen und die Möglichkeiten, die wir haben, zu nutzen, um wichtige Themen in Angriff zu nehmen. Es muss uns motivieren, gegen Einschränkungen der Pressefreiheit gemeinsam vorzugehen und solidarisch mit denjenigen zu sein, die in Gefahr sind. Hierzulande sind das etwa Kolleginnen und Kollegen, die über Rechtsradikale, Pegida oder die NPD berichten. Und viel zu viele andere Kollegen in Europa und weltweit.

Dass die Solidarität von Kollegen etwas bewirken kann, auch dafür ist der Fall Daphne Caruana Galizia ein Beleg. Achtzehn Medienorganisationen vor allem aus Europa haben sich, unter der Führung der gemeinnützigen Rechercheplattform “Forbidden Stories” zusammengeschlossen, um die Arbeit von Galizia weiterzuführen, und zu zeigen, dass brutale Gewalt, einen einzelnen Reporter zum Schweigen bringen kann, nicht aber die Recherchen stoppt, die diese Journalisten gemacht haben. In den vergangenen Wochen ist überdeutlich geworden, welchem Ausmaß an Korruption in Malta Daphne auf der Spur war und dass der Büroleiter des Premierministers zum Kreis der Verdächtigen in ihrem Mord gehört. Weiterlesen

Newsletter Netzwerk Recherche, Nr. 179, 20.11.2019

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

schweigen oder berichten? Soll man eine Provokation der NPD durch Berichterstattung relevant machen oder durch Nichtbeachten ins Leere laufen lassen? Eine Frage, die in den letzten Tagen in mancher Redaktion diskutiert wurde. Es geht um den Aufruf der NPD zu einer Demonstration gegen missliebige Journalisten, die nächsten Samstag (23. November) in Hannover stattfinden soll. Deren Motto lautet:
“Schluss mit steuerfinanzierter Hetze! Feldmann in die Schranken weisen!”

Dazu ein Foto des NDR-Journalisten Julian Feldmann, der u.a. für das Politikmagazin PANORAMA in den Themenfeldern Innere Sicherheit, Terrorismus und Rechtsextremismus recherchiert. Namentlich erwähnt wird auch David Janzen, der u.a. für den “Störungsmelder” von Zeit Online über die rechte Szene schreibt.

Dass die Rechtsradikalen ihre empörende Menschenjagd mit dreisten Lügen begründen, sei nur am Rande erwähnt. Einige wurden mittlerweile von Gerichten untersagt, andere finden sich noch immer auf der Homepage der NPD Niedersachsen. Dass sie in ihrer Attacke speziell gegen die öffentlich-rechtlichen Anstalten den Kampfbegriff “steuerfinanzierte Hetze” verwenden, dokumentiert nicht nur ihre Ahnungslosigkeit, sondern belegt auch ihre grundsätzliche Verachtung für seriösen Journalismus. Aber damit sind sie leider nicht allein, wie etliche Reden, Tweets und Auftritte u.a. auch von AfD-Politikern erschreckend zeigen. Das “Feindbild Journalismus” gehört in diesen rechten Kreisen längst zum Mainstream.

Viele Medien haben sich entschieden, im Vorfeld dieser NPD-Demonstration nicht zu schweigen, sondern zu berichten. Wissend, dass dies auch eine ungewollte PR für die NPD sein kann.

Aber zu schweigen wäre falsch. Es könnte missverstanden werden. Nämlich dass es uns nicht interessiert, uns nicht tangiert. Das Gegenteil ist richtig: Es empört uns! Weiterlesen

Newsletter Netzwerk Recherche, Nr. 178, 23.10.2019

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

ein Editorial ist ja eher ein Ort, an dem es darum geht, nach vorn zu blicken. Aber dieses Mal lohnt es sich, in die Vergangenheit zu schauen: Unsere große globale Konferenz liegt hinter uns, 1700 Journalisten aus 130 Ländern waren da, mehr als 400 Referenten berichteten von ihrer Arbeit und teilten ihre Erfahrungen. Für uns als Geschäftsstelle und Vorstand von netzwerk recherche war es ein einmaliges Erlebnis, so eine Riesenveranstaltung auszurichten – und wir sind überwältigt von den begeisterten Rückmeldungen, die wir bislang bekommen haben. Besonders froh waren wir, dass auch viele Vereinsmitglieder und regelmäßige Gäste unserer Jahreskonferenz dabei waren, als Referenten und als Teilnehmer.

Jeder Konferenzbesucher hat wohl Momente, die ihn besonders bewegt haben. Von den Kolleginnen und Kollegen aus den Philippinen und aus Pakistan, aus Osteuropa, aus Lateinamerika zu hören, mit welchen Problemen sie kämpfen, wie sie mit Rechtspopulisten, Autokraten und Regierungen umgehen müssen, die die Pressefreiheit mit Füßen treten und die recherchierende Journalisten diffamieren, macht zwei Dinge klar: Einerseits, unter welchen ungleich schwierigeren Umständen viele Kollegen arbeiten müssen, etliche in berechtigter Sorge um die eigene Sicherheit. Und dass andererseits die Struktur der Probleme, mit denen die Kollegen kämpfen, durchaus denen ähnelt, mit denen der Journalismus auch in Deutschland konfrontiert ist: ein Vertrauensverlust in Medien, gezielte Desinformation, eine auch durch soziale Medien fragmentierte Öffentlichkeit.

Die charismatische philippinische Chefredakteurin Maria Ressa sprach in ihrer Rede zur Verleihung des Shining Global Light Award über die großen Fragen, die unsere Branche berühren: “den Kampf um die Wahrheit, die Rolle der amerikanischen Plattformen der sozialen Medien und was wir tun können”. Der Kampf um die Wahrheit, so sagte Ressa, sei der Kampf unserer Generation, einer in dem es letztlich darum gehe, die Demokratie zu bewahren. “Mit Technologie als Beschleuniger wird eine Lüge, die eine Million Mal erzählt wird, zur Wahrheit.” Sie erklärte, dass Philippinos mehr Zeit in sozialen Medien verbrächten, als Bürger aller anderen Nationen und man deswegen dort etwas über “die dystopische Zukunft der Demokratie” lernen könne. Es lohnt sich diese Rede zu lesen oder noch besser anzuschauen, weil es klar macht, wo auch für deutsche Journalisten eine ganz große Frage liegt.

Eine zweite wichtige Erfahrung der Konferenz: Uns verbinden weltweit nicht nur die Probleme, uns verbindet auch unser Handwerk. Das wurde zum Beispiel klar, als Musikilu Mojeed, Chefredakteur der Premium Times aus Nigeria, darüber sprach, was einen guten Ressortleiter ausmacht und wie man eine investigative Geschichte druckreif bekommt. Oder als Marina Walker vom Konsortium ICIJ, das die Panama Papers enthüllte, auf demselben Panel erzählte, welche Fragen sie stellt, um herauszufinden, ob es sich lohnt, eine aufwendige Recherche zu beginnen. Unsere Werte und Grundprinzipien sind überall auf der Welt gleich und es begeistert, an den Erfahrungen der Kollegen teilhaben zu können. Und nicht zuletzt hat angespornt, wie viele kleine Redaktionen, manche mit weniger als zehn Journalisten, von ihren großartigen Enthüllungen berichten konnten.

Beim netzwerk machen wir jetzt weiter mit unserer Fachkonferenz am 29. und 30. November in Tutzing, “Was Journalismus aus den Täuschungsfällen lernen muss”. Dort wollen wir den Blick auf unsere eigenen Schwachstellen lenken und diskutieren, was wir aus den Skandalen in der Branche lernen können. Anmeldungen sind noch willkommen.

Es grüßen

Cordula Meyer,
Albrecht Ude Weiterlesen

Newsletter Netzwerk Recherche, Nr. 177, 20.09.2019

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

nun sind es nur noch wenige Tage und Nächte, dann endet ein langer Weg für uns, alle Mitarbeiter und Vorstandsmitglieder von netzwerk recherche.

Mehr als 1500 Investigativ-Journalisten aus der ganzen Welt kommen dann nach Hamburg zur Global Investigative Journalism Conference, um gemeinsam Neues zu lernen, sich auszutauschen und um bei 250 Panels und Workshops handwerklich noch besser zu werden. Wir freuen uns auf jede Kollegin und jeden Kollegen!

Mit diesen Andrang – geradezu einem Ansturm – hatte keiner gerechnet, auch nicht unsere erfahrenen Partner vom Global Investigative Journalism Network (GIJN). Alle zwei Jahre richten sie diese Konferenz irgendwo auf der Welt aus, mit ortsansässigen Partnern, dieses Mal also mit der Interlink Academy und dem netzwerk recherche. Nie war die Nachfrage so groß. Die GIJC war quasi in Null Komma nichts ausverkauft, schon in der Early-Bird-Phase gingen die Karten aus. Mehr als 400 Kolleginnen und Kollegen standen zuletzt noch auf der Warteliste. Es brach einem das Herz, wie GIJN-Executive Director Dave Kaplan sagte, sie abweisen zu müssen, denn eigentlich wollen wir ja Rechercheure zusammenbringen und vernetzen, – so steht es geschrieben auch in unserem Namen.

Die guten Nachrichten aber überwiegen: Aus Entwicklungs- und Schwellenländern kommen mit Hilfe von Stipendien 450 Journalistinnen und Journalisten zur Konferenz, ausgewählt aus 1800 Bewerbungen. Möglich ist das dank einer überwältigenden Unterstützung von 65 Stiftern, Partnern und Sponsoren. Allen möchten wir herzlich danken – auch dafür, dass wir irgendwann keine schlaflosen Nächte mehr hatten, weil wir fürchten mussten, dass irgendwann das Geld nicht reichen würde. Weiterlesen

Newsletter Netzwerk Recherche, Nr. 176, 27.08.2019

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

wieviele Adapter halten wir bereit für all diejenigen Journalisten, die sich in Deutschland plötzlich wundern, dass ihr Stecker gar nicht passt? Müssen wir zu jeder Mahlzeit Reis anbieten, wo doch ein großer Teil unserer Gäste aus Asien kommt? Und – wird es den ausländischen Journalistinnen und Journalisten gelingen, sich frei in Hamburg von A nach B zu bewegen, ohne durchgehend im Bus durch die Gegend gekarrt zu werden?

Es sind nicht unbedingt Fragen der Recherche und des Journalismus, mit denen wir uns gerade vorrangig beschäftigen, in unserer netzwerk recherche-Geschäftsstelle. Die Vorbereitung der Global Investigative Journalism Conference (GIJC19) vom 25.-29. September in Hamburg ist dennoch ein Abenteuer und lehrreich. Es ist kurios, welches Journalistenbild hinter all den Fragen steckt, die uns auch mal von unseren erfahrenen Konferenzpartnern des Global Investigative Journalism Network gestellt werden. Journalisten in der Gruppe scheinen demnach nicht unbedingt die Besten darin, sich in der Fremde oder mit Veränderungen zurecht zu finden. Weiterlesen

Newsletter Netzwerk Recherche, Nr. 175, 25.07.2019

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

Zitate verfälschen, Fakten verdrehen, Argumente unterschlagen und Artikel manipulieren – das ist die (eigentlich vernichtende) Bilanz eines Journalisten, der von 1989 bis 1994 als Korrespondent des “Daily Telegraph” aus Brüssel berichtete. Und dessen journalistische Karriere danach nicht etwa zu Ende ging, sondern bis 1999 als Herausgeber des konservativen Wochenblatts “The Spectator” eine unrühmliche Fortsetzung erfuhr. Der Name des (ehemaligen) Journalistenkollegen: Boris Johnson.

Mit den gleichen Methoden wie damals als Journalist – also lügen, fälschen, manipulieren – gelang ihm der Aufstieg als Politiker. Seit dem 24. Juli ist er britischer Premierminister.

Da können wir nur hoffen, dass solche Karrieren die absolute Ausnahme sind und bleiben. Doch gefährliche Populisten wie Johnson sind auch in Deutschland allgegenwärtig – und manche mittlerweile auch sehr erfolgreich. Irritierend und frustrierend, dass sich so viele (ehemalige) Journalisten, also angebliche Kollegen von uns, in diesem rechten Lager tummeln. Vielleicht aber auch erklärbar: Journalisten mit den gleichen Methoden wie Boris Johnson gibt es leider auch bei uns. Nicht nur in politischen Redaktionen.

Zum Beispiel in der Branche der sogenannten Regenbogenpresse. Auch sie nennen sich Journalisten, missachten aber allzu oft alle ethischen und juristischen Maßstäbe. Erfundene Interviews, falsche Behauptungen, irreführende Schlagzeilen, reißerische Aufmacher – das alles sind die üblichen Zutaten für die Jagd nach Käufern am Kiosk und Klicks im Netz. Ein Blick auf die online auffindbaren Titel zeigt häufig gerichtlich verfügte schwarze Flächen, wo zuvor knallige Titelgeschichten um Aufmerksamkeit buhlten. Schmerzensgelder und Gerichtskosten sind für die Verlage offenbar kein Anlass, ihr offenbar sehr lukratives Geschäftsmodell zu überdenken.

Johnson-Methoden aber auch in vielen Blogs der rechten Szene. Egal ob Journalistenwatch (bis vor kurzem gemeinnützig) oder PI-news (Politically Incorrect) und wie sie alle heißen: Verbale Tiraden gegen seriöse Kollegen, die “Gesicht zeigen”, ihre Haltung gegen rechts nicht verbergen. Hetze gegen Sendungen, Beiträge und Redaktionen, die den selbsternannten (rechten) Gesinnungswächtern missfallen. Keine Verschwörungstheorie ist ihnen zu abstrus, keine Lüge zu dreist, um sie nicht gegen Andersdenkende zu benutzen. Wer dies alles als das Werk von einigen “rechten Spinnern” kleinreden will, täuscht sich gewaltig. Es sind solche (häufig sehr erfolgreiche) Blogs, die wesentlich zum immer wieder kritisierten Klima von “Hass und Hetze” im öffentlichen Diskurs beitragen. Und die Betreiber und Autoren dieser Blogs – auch sie nennen sich “Journalisten”.

Die Liste der Bereiche, wo Journalisten mit den Johnson-Methoden erfolgreich sind, lässt sich um einige verlängern. Weiterlesen

Newsletter Netzwerk Recherche, Nr. 174, 24.06.2019

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

nach der Konferenz ist in diesem Jahr vor der Konferenz. Gerade sind wir gemeinsam durch das “Abenteuer Recherche” gegangen, unsere Jahreskonferenz in diesem Sommer. Wir haben darüber gestritten, was Haltung im Journalismus bedeutet, überlegt und diskutiert, was man aus den Fälschungsfällen im Journalismus lernen muss. In vielen Veranstaltungen zum journalistischen Handwerk haben wir Anregungen bekommen, wie wir besser werden können, so dass Fehler am besten gar nicht erst passieren. Uns freut besonders, dass gut ein Drittel der Teilnehmer der Konferenz Nachwuchsjournalisten in der Ausbildung waren. Es ist ein Zeichen dafür, wie sehr sich die jungen Kollegen für unsere Inhalte interessieren.

Für die angeregten Diskussionen, die lebhafte Beteiligung und auch die Angebote, bei der nächsten Jahreskonferenz mit anzupacken, vielen Dank.

Aber davor gibt es in diesem Jahr ja noch ein ganz besonderes Ereignis: die Global Investigative Journalism Conference vom 26. bis 29. September in Hamburg. Die Konferenz ist die weltweit größte Zusammenkunft investigativ arbeitender Journalisten und wir sind sehr stolz, dass wir sie in diesem Jahr in Hamburg mit unseren Partnern ausrichten. Weiterlesen

Newsletter Netzwerk Recherche, Nr. 173, 27.05.2019

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

“Wir suchen nach einer Frau mit Kind. Sie kommt idealerweise aus einem absolut verschissenen Land. (…) Die Figur für den zweiten Konflikt beschreibt Claas. (…) Dieser Typ wird selbstverständlich Trump gewählt haben.”

“Ein anderer Dokumentar schilderte der Kommission, dass ‘nicht selten’ kurz vor Druck Fakten vom Dokumentar so hingebogen werden sollten, dass ein Text ‘gerade eben nicht mehr falsch ist’, um eine These zu retten, die in einer Konferenz vorgestellt wurde.”

Der Spiegel hat am Freitag seinen 17-seitigen Relotius-Report veröffentlicht. Die oben zitierten Stellen sind für mich zwei der erschreckendsten Passagen. Weil sie zeigen, wie wenig Respekt einige beim Spiegel vor dem haben, was Carl Bernstein einmal “the best obtainable version of the truth” genannt hat – und dass Sound offenbar vor Fakten geht.

Jede Journalistin und jeder Journalist sollte den Relotius-Report lesen (oder zumindest die Zusammenfassung von Stefan Niggemeier). Nicht nur, weil der Report detailliert und schonungslos den Totalschaden Relotius nachzeichnet. Sondern weil er darüber hinaus viele weitere Probleme des Spiegels seziert – und damit auch von Teilen des Journalismus. Weiterlesen

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