Künstler, Forscher und Journalisten im Bann der Netzwerke

Ein Netzwerk von Personen, die in Archivdokumenten des Völkerbundes gemeinsam genannt werden. (Quelle: Wiki Commons / Martin Grandjean)

Ein Netzwerk von Personen, die in Archivdokumenten des Völkerbundes gemeinsam genannt werden. Bild: Wiki Commons/Martin Grandjean

Von Moritz Zajonz

Manche sehen aus wie Käfer, andere wie Routen von Flugzeugen: „Narrative Structures“ nannte der Künstler Mark Lombardi seine Werke. Der New Yorker zeichnete von Hand mit großer Präzision sogenannte Soziogramme, Darstellungen sozialer Beziehungen. Seine Datenbank: Eine Sammlung von 14.000 eigens beschrifteten Karteikarten mit Informationen zu Personen, Institutionen und deren Verbindungen. Mit Geodreieck und Stift brachte er die Netzwerke auf Papier; zeigte insbesondere den Fluss des Geldes zwischen mächtigen Menschen und fragwürdigen Organisationen.

Dabei war er meist vorausschauender als die Geheimdienste seines Landes. So tauchte bereits vor dem 11. September 2001 der Name „Osama bin Laden“ in einem seiner Kunstwerke auf, über Zwischenstopps verbunden mit dem Namen „George W. Bush jr.“. Es verwundert daher wenig, dass Lombardi nicht nur positive Aufmerksamkeit auf sich zog – seine Werke zierten zahlreiche Museen –, sondern mit der Zeit auch mehr und mehr in den Fokus der Geheimdienste geriet.

Die Verstrickungen der Mächtigen und Reichen

Nur kurze Zeit nach dem 11. September 2001 versuchte das FBI Erkenntnisse über die Anschläge auf das World Trade Center aus seinen Kunstwerken zu gewinnen. Der Künstler war zu dem Zeitpunkt allerdings schon tot. Im Jahr 2000 wurde er erhängt in seinem Studio aufgefunden; an der offiziellen Todesursache „Selbstmord“ herrschen hier und da bis heute Zweifel. Fakt ist, dass Lombardi mit seinen Zeichnungen den Menschen die Augen öffnete für die Verstrickungen der Mächtigen und Reichen.

Ein Soziogramm von Mark Lombardi auf der dOCUMENTA 13 in Kassel. (Quelle: Flickr / Hans Oloffson)

Ein Soziogramm von Mark Lombardi auf der dOCUMENTA 13 in Kassel. Bild: Flickr/Hans Oloffson

„Mark Lombardi hat sich gezielt politische Verbindungen herausgesucht. Es ging ihm weniger um eine wissenschaftliche Analyse der Netzwerke, als darum, eine bestimmte Message rüberzubringen“, meint die Informatik-Professorin Katharina Anna Zweig. An der TU Kaiserslautern hat sie den Studiengang Sozioinformatik auf die Beine gestellt; ihr besonderes Augenmerk liegt auf der Netzwerkanalyse.

Wenn sie die Anfrage bekommt, ein bestimmtes Datengeflecht zu untersuchen, geht sie von einer Leitfrage oder Hypothese aus, anhand derer sie die Netzwerkstruktur genauer unter die Lupe nimmt. „Ich muss jedes Mal wieder überlegen, was genau das Netzwerk konstituiert: Was ist ein Knoten, was ist eine Kante?“, sagt Zweig. Knoten, das können zum Beispiel Personen sein, aber auch Rechner eines Netzwerks oder einzelne Gehirnzellen. Die Kanten zeigen Beziehungen zwischen ihnen an, etwa ob zwei Personen miteinander verwandt oder Rechner über das Internet vernetzt sind.

„Haben Person x und y wirklich miteinander gesprochen?“

„Ein Netzwerk aufzustellen ist nur der erste Schritt“, sagt die Informatikerin, „danach muss es von Fehlern bereinigt werden: ‚Haben Person x und y wirklich miteinander gesprochen oder waren sie nur zur selben Zeit am selben Ort?‘ wäre beispielsweise eine Überlegung.“  Um herauszufinden, wie die Struktur des Netzes mit seiner Funktion zusammenhängt, berechnet Zweig aus den Eigenschaften des Netzwerks bestimmte Maßzahlen. Diese können zum Beispiel Hinweise darauf geben, wer die aktivsten Akteure sind. Wie das Netzwerk aufgebaut ist, wie es bereinigt werden muss und welche Berechnungen etwas über seine Funktion aussagen können, überlegt Zweig sich immer wieder aufs Neue, sagt sie, da jeder Datensatz eine andere Herangehensweise erfordert.

Mit der grafischen Darstellung von Netzwerken wird auch im Journalismus immer mehr experimentiert, etwa in einem Beitrag von Spiegel Online über die Vernetzung gewaltbereiter Islamisten in Deutschland. Das Projekt, zuletzt aktualisiert im Juni 2015, zeigt ein Netzwerk von 539 Personen, die sich offen zum gewalttätigen Islamismus bekennen oder von Behörden als gefährliche Islamisten eingestuft wurden. Die zugrunde liegenden Daten haben Mitarbeiter des Spiegel über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren hinweg aus öffentlichen und vertraulichen Quellen zusammengetragen.

In einer interaktiven Netzwerk-Grafik zeigt Spiegel Online die Verstrickungen gewaltbereiter Islamisten in Deutschland. (Quelle: www.spiegel.de)

In einer interaktiven Netzwerk-Grafik zeigt Spiegel Online die Verstrickungen gewaltbereiter Islamisten in Deutschland. Bild: www.spiegel.de

Die Grafik gibt auf einfache Weise einen Überblick über die Verstrickungen der deutschen Islamisten: Blaue Punkte stellen Personen dar. Linien verbinden die Punkte miteinander, wenn eine „persönliche Beziehung“ zwischen den Personen besteht. Je stärker eine Einzelperson vernetzt ist, desto größer ist ihr Punkt. Was genau eine Verbindung zwischen zwei Personen ausmacht, lässt sich aus der Grafik nicht direkt erkennen. Christina Elmer, Leiterin des Datenjournalismus-Teams bei Spiegel Online, erläutert: „Persönliche Beziehungen stehen im Netzwerk für direkten Kontakt zwischen zwei Personen, ob persönlich oder telefonisch.“  Per Mausklick lassen sich die Punkte hin und her bewegen. Das sei bewusst so gestaltet, sagt Elmer, „um zu demonstrieren, dass es sich nicht um ein starres Netz handelt, bei dem wir genau sagen können, welche Akteure wie weit voneinander entfernt sind.“ Das Ganze sei eine Annäherung, basierend auf den bislang bekannten Informationen.

Die Methodik hinter dem Stück mag weniger detailliert sein als bei einer wissenschaftlichen Netzwerkanalyse, dennoch lässt die Grafik auf den ersten Blick wichtige Informationen erkennen: Neben einigen Islamisten, die eng in Gruppen wie etwa der „Wolfsburger Gruppe“ vernetzt sind, gibt es zahlreiche Einzelpersonen, die keinerlei Beziehungen zu anderen gewaltbereiten Islamisten pflegen.

Kunst und Wissenschaft als Inspiration für Journalisten

Solche komplexen Beziehungen möglichst verständlich, ansprechend und wahrheitsgemäß aufzubereiten, fasziniert Journalisten, Wissenschaftler und Künstler gleichermaßen. Dass sie alle sich für Netzwerke interessieren, mag auch an ihren zum Teil ähnlichen Zielen liegen: Insbesondere Kunst und Journalismus wollen der Öffentlichkeit eine Nachricht überbringen. Und sowohl Wissenschaftler als auch Journalisten sind – im Idealfall – an der bestmöglichen Darstellung der Wahrheit interessiert.

In Kunst und Journalismus, wo es ein großes Publikum zu erreichen gilt, scheint jedoch die visuell ansprechende Aufbereitung besonders wichtig zu sein. Wissenschaftlern geht es wohl eher um Sorgfalt und methodisch korrekte Analyse. Journalisten können profitieren, indem sie sich von beiden Seiten inspirieren lassen: Ihre Werke dürfen spielerisch und experimentell sein wie die Lombardis. Bei der Analyse jedoch sollten sie sich an den Werten der Wissenschaft orientieren.