Autor: Rowan Philp

Im Rahmen der GIJN-Serie My Favorite Tools (auf Englisch), in der es um die Lieblingstools von Journalist:innen geht, haben wir u. a. mit Elie Guckert gesprochen. Der Franzose arbeitet als freiberuflicher Journalist und berichtet hauptsächlich über rechtsextreme Gruppierungen und bewaffnete Konflikte. Seine Arbeit wurde u. a. bei Mediapart (ein Interview mit dem Gründer findest du hier) und Bellingcat veröffentlicht.

Gemeinsam mit zwei Kolleg:innen deckte Guckert im November 2020 auf, wie eine französische Wohltätigkeitsorganisation enge Beziehungen zu christlichen Milizen in Syrien aufbaute, die Präsident Bashar al-Assad unterstützen, und Hilfsgüter bereitstellte, die letztendlich von Warlords verwendet wurden, die wegen Kriegsverbrechen angeklagt sind.

Foto: Privat, mit freundlicher Genehmigung von Elie Guckert

Um Neonazis und andere Rechtsextremist:innen aufzuspüren, werden laut Guckert im Journalismus immer häufiger Open-Source-Tools verwendet. Er verweist auf eine Recherche seines Kollege Sébastian Bourdon. Bourdon hatte eine Vielzahl an verschiedensten Tools eingesetzt, um im Rahmen eines Mediapart-Beitrags 50 Extremist:innen innerhalb der französischen Streitkräfte zu identifizieren.

Im Vergleich dazu, sagt Guckert, seien seine eigenen Recherchen „tendenziell Low-Tech.“ Sie stützen sich auf neue, vor allem für Geo-Lokalisierung entwickelte Open-Source-Tools und konzentrieren sich ansonsten auf Methoden, die sich auf das charakteristische Verhalten rechtsextremer Gruppen beziehen.

Ironischerweise, sagt Guckert, sind die nützlichsten Quellen, um die Absichten von rechtsextremen Gruppen herauszufinden, häufig deren eigene Propaganda. „Das wirkt erstmal unlogisch, aber Propaganda kann einem viele gute Informationen liefern“, erklärt er. „Auf rechtsgerichteten Websites, in Foren oder in Magazinen schreiben rechtsextreme Gruppen oft unverblümt, was sie tatsächlich tun. Bei unseren Syrien-Recherchen haben wir einen Artikel auf der russischen Nachrichtenseite Sputnik gefunden, in dem die [französische Wohltätigkeitsorganisation] klar und deutlich erklärt, dass sie ‚diejenigen, die kämpfen‘ mit Lebensmitteln versorgt. Das allein verstößt schon gegen humanitäre Grundsätze.“

Als Guckert im Rahmen der Syrien-Recherche auf Instagram nach Bildern gesucht hat, hat er Fotos von der Hochzeit eines hochrangigen Mitglieds der französischen Hilfsorganisation gefunden. Auf den Fotos war zu erkennen, dass unter den Gästen sowohl der Sohn eines Milizen-Kriegsherrn als auch ein Soldat der Pro-Assad-Miliz National Defence Forces (NDF) waren. Ein weiteres Bild zeigte den Generaldirektor der Hilfsorganisation, die 2013 von zwei rechtsextremen französischen Aktivisten gegründet wurde, bei der Besichtigung eines Artilleriepostens der Miliz im Westen Syriens.

„Natürlich ist es kein Verbrechen, rechtsextrem zu sein“, stellt Guckert fest. „Genau das gibt diesen Gruppen die Sicherheit, Aspekte wie die eigenen Finanzen offenzulegen. Doch dann wiederum gibt es Situationen wie den Sturm auf das Kapitol in Washington D.C. am 6. Januar, bei denen es wirklich zu Straftaten kommt. Eine unserer Methoden, ist es, auf LinkedIn, ehemalige Mitglieder – nicht die ganz großen Fische – dieser Gruppen anzuschreiben. Dabei achten wir sehr genau darauf, die Konversation mit allgemeinen Fragen zu beginnen und den Eindruck zu vermitteln, dass wir erstmal nur etwas mehr wissen wollen.“

Guckert sagt, es lohnt sich, Crowdsourcing (also das Auslagern von Teilaufgaben an Freiwillige) und Datenbanken von Anti-Hate-Speech-Aktivistengruppen, wie beispielsweise den Sleeping Giants, in Anspruch zu nehmen. Während es den Aktivist:innen darum gehe, Druck auf Unternehmen auszuüben, damit diese beispielsweise Werbeanzeigen von extremistischen Kanälen und Websites entfernen, können Journalist:innen ihren Fokus auf die Inhalte der Websites und deren Anhänger legen.

Mit diesen Tools arbeitet Elie Guckert am liebsten:

Liveuamap

„Ein interessantes Tool für Geo-Lokalisierungen ist Liveuamap“, sagt Guckert. Der Name der Website ist eine Abkürzung für Live Universal Awareness Map. „Wer ein Abo abschließt, kann beispielsweise sehen, wie sich die militärische Front im Syrienkrieg über die Jahre verändert hat. Auch zu Regionen wie der Ukraine gibt es Informationen. Außerdem haben Nutzer:innen die Möglichkeit, selbst Ereignisse und Vorfälle zu melden, die auf der Karte eingezeichnet werden. Sowas wie: ‚An diesem Tag gab es hier einen Selbstmordanschlag mit drei Toten.‘ Die meisten dieser Meldungen sind über Quellen gesichert. Das hat mir unter anderem dabei geholfen, die Behauptungen der [NDF-]Miliz zu prüfen, sie seien angegriffen worden, oder Aussagen über [vermeintliche] Kriegsverbrechen, wobei sich jedoch herausgestellt hat, dass Leute schlicht zurückgeschossen hatten.

Liveuamap bietet Zugriff auf solche Meldungen von 2016 bis heute. Das ist vor allem hilfreich, wenn man zu Themen recherchiert, über die bislang kaum berichtet wurde. In der kostenlosen Variante von Liveuamap reicht die Datenbank nur wenige Monate zurück. Die Bezahlversion mit dem vollständigen Archiv kostet ca. 15 US-Dollar.“

Die Liveuamap-Karte zeigt den Verlauf der Front im Syrienkrieg. Oftmals, sagt Guckert, enthalten die Karten auch Berichte über Vorfälle (rechts im Bild), die von Nutzer:innen der Liveuamap-Community beigesteuert wurden. Bild: Screenshot

Wikimapia

„Dieses Tool ist eine Mischung aus Google Maps und Wikipedia“, erklärt Guckert. „Wer auf Google Maps eine unbekannte Stadt sucht, findet selten detaillierte Informationen. Die gibt es jedoch häufig bei Wikimapia. Leute geben Infos weiter: Das ist eine Kirche, das ist eine Moschee usw. Wenn man diese Informationen noch um Zeugenaussagen und Fotos ergänzt, kann man sich in der Regel ein gutes Bild von einer Region oder einem Ereignis machen.“

Aktivistische Gruppen

„Die Bürgerbewegung Sleeping Giants beispielsweise kämpft gegen Hass im Internet, indem sie sich dafür einsetzt, dass Rechtsextremen Werbemittel gekürzt werden“, hält Guckert fest. „Wer über den Aktivismus-Anteil dieser Gruppen hinausblickt, erkennt schnell, dass sie oft auch eine Art von journalistischer Arbeit betreiben – und zwar indem sie Informationen sammeln, die wir dann verwenden können. Die Mitarbeiter:innen verbringen ganze Tage damit, Nachrichten auf Telegram-Kanälen und rechtsextremen Websites zu scannen. In der Regel geben sie uns Journalist:innen auch bereitwillig Auskunft über ihre Arbeit.“

Google Earth Pro

„Ich bin ein großer Fan von Geo-Lokalisierung“, sagt Guckert. „Für die Syrien-Geschichte haben wir uns gefragt: Stellen christliche Milizen ihre Artillerie in der Nähe von Kirchen auf? Ich habe ein paar Tage damit verbracht, eine ganz bestimmte Kirche zu finden. Dafür gibt es ein einfaches Tool in Google Earth Pro: Man klickt auf ein Symbol mit einer Uhr und bekommt eine Zeitleiste angezeigt. Wenn man diese Leiste verschiebt, kann man quasi durch die Zeit reisen und sehen, wie sich ein Ort verändert hat. So habe ich tatsächlich herausgefunden, dass mehrere gepanzerte Militärfahrzeuge in der Nähe dieser Kirche stationiert waren.“

Dieses Bild von Google Earth Pro zeigt Guckert zufolge, wie die Pro-Assad-Miliz eine Kirche als „Propaganda-Schutzschild“ für gepanzerte Militärfahrzeuge außerhalb eines syrischen Klosters nutzte. Guckert hat die Zeitleiste des Tools (rot hervorgehoben) genutzt, um zu veranschaulichen, wie die Miliz ihre Artillerie um das Kloster herum stationierte. Bild: Screenshot

Geduldiges Scrollen auf Social Media

Trotz zahlreicher Tools für rückwärtige Bildersuche (beispielsweise Yandex) und Gesichtserkennungs-Apps wie Pimeyes, findet Guckert, dass „geduldiges Scrollen“ durch soziale Netzwerke ihm bislang immer die besten Ergebnisse geliefert hat:

„Ich habe ganze Nachmittage auf Facebook und Instagram für die Syrien-Recherche verbracht. Womöglich hätten wir mit einer Gesichtserkennungssoftware schneller Bilder finden können. Aber wir haben vor allem von menschlichem Wissen zu den Fotos profitiert, denn wir kannten die Personen auf den Bildern. Eines Tages bin ich an einem Foto hängengeblieben: ‚Das ist der Chef der Miliz!‘ Als ich mir Datum und Ort der Aufnahme angesehen habe, sind mir alle Verbindungen klar geworden.“

Der Autor

Rowan Philp ist GIJN-Reporter. Zuvor war er Chefreporter der südafrikanischen Sunday Times. Als Auslandskorrespondent hat er aus mehr als zwei Dutzend Ländern der Welt über Nachrichten, Politik, Korruption und Konflikte berichtet.

Dieser Text wurde übersetzt von Florian Sturm. Redaktion: Greta Linde.