SEED-Newsletter Nr. 38

veröffentlicht von Netzwerk Recherche | 19. August 2026 | Lesezeit ca. 10 Min.

SEED-Newsletter

Unsere Themen:

  • Fellowship: Recherche im Lokalen
  • Neugründungen: Zetland und Fokus Thüringen 
  • Gratulation: Eine Ikone wird 50!

Liebe Leser:innen,

im Kinofilm „Etwas ganz Besonderes“ gibt es eine Szene, die im Gedächtnis bleibt. Da führt die Direktorin des Museums im thüringischen Greiz eine Gruppe von wichtigen Förderpartner:innen durch eine neue Ausstellung, in die die Gäste eine Menge Fördergeld gesteckt haben. Es geht um die Geschichte der Textilindustrie in dem Städtchen, die einst ein bedeutender Wirtschaftsfaktor war. Wohlwollend begutachten die Gäste die Ausstellung, bis sich plötzlich die Mutter der Museumsdirektorin einmischt. Sie hat lange in der Textilfabrik gearbeitet und möchte es nun genau wissen. Immer wieder fragt sie: Wie viele Millionen sind in das Projekt geflossen? Wird das Museum damit den Tourismus ankurbeln? Haben sich die Förderungen wirklich gelohnt?

Mit den Fragen trifft sie ins Schwarze. Aber den Menschen aus der Kulturförderung sind sie sichtlich unangenehm, sie stören die festliche Stimmung, sie sind unüblich in ihrer Direktheit. Es ist ein Clash, den die Regisseurin Eva Trobisch in dieser Szene zeigt. Da prallen die Förderlogik der Kulturszene und der pragmatische Blick einer Greizerin aufeinander, die selbst erlebte, wie nach der Wende Arbeitsplätze verloren gingen, wie das Städtchen vom Niedergang der Textilindustrie getroffen wurde und wie sich nun Leerstand und Verfall ausbreiten. Sie fordert eine ehrliche Bilanz: Helfen die Fördergelder bei den größten Problemen der Gemeinde?

Genau diese Frage müssen wir uns auch stellen, wenn wir über neue Förderprogramme im Lokaljournalismus nachdenken. Und da ist Greiz ein sehr passendes Beispiel, das wir in unserem Lückenfüller-Report genau analysieren. In diesem Report zeigen wir, was es für das Gemeinwesen bedeutet, wenn der Lokaljournalismus schwächelt. Immerhin: In Greiz gibt es noch eine Lokalzeitung vor Ort (das zeigt auch der Film, als ein Lokalreporter zum Foto-Termin mit den Ehrengästen des Museums kommt). Auflagenschwund und die Konkurrenz dubioser Gratis-Medien setzen die Zeitung allerdings stark unter Druck. Wie können wir verhindern, dass den Lokaljournalismus das gleiche Schicksal ereilt wie die Greizer Textilindustrie? Wie können wir die Lokalredaktionen, die noch existieren, stabilisieren? Und wie können wir für mehr Medienvielfalt sorgen?

Etliche Organisationen erarbeiten derzeit Programme, mit denen der Lokaljournalismus gerade in Ostdeutschland gestärkt werden soll. Es ist das Top-Thema in der Welt der Journalismusförderung in Deutschland – und die kommenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern werden die Dringlichkeit wohl noch einmal unterstreichen. Wir bei Netzwerk Recherche setzen, wie könnte es auch anders sein, auf die Kraft der Recherche. Dafür haben wir soeben unser Fellowship Lokale Recherche zum zweiten Mal ausgeschrieben, Bewerbungen sind bis zum 16. September möglich (siehe Kasten). Wer weiß, vielleicht finden sich auch zum Strukturwandel in Thüringen geeignete Recherche-Ideen? Wir sind gespannt.

Herzliche Grüße

Thomas Schnedler

PS: Der von der Kritik sehr gelobte Film „Etwas ganz Besonderes“ hatte seine Premiere im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale, im Juli startete er dann in den deutschen Kinos. Jetzt anschauen!

PPS: Wie lohnend Recherchen zum Erbe der Textilindustrie sein können, hat übrigens meine Kollegin Maria-Mercedes Hering am Beispiel von Augsburg gezeigt. In der fünfteiligen Multimedia-Artikelserie „Der Stoff, aus dem die Stadt gemacht ist“ hat sie für die Augsburger Allgemeine beschrieben, wie die auch dort niedergegangene Textilbranche das Leben in der Stadt bis heute prägt. Möglich wurde das durch das Regionalfellowship-Programm der Deutschen Journalistenschule.

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Jetzt bewerben: Fellowship Lokale Recherche zum zweiten Mal ausgeschrieben

Für Recherchen mit Tiefgang brauchen Lokaljournalist:innen Zeit und Expertise. Doch nicht immer ist es im Redaktionsalltag möglich, Tage oder Wochen an einer aufwendigen Recherche zu arbeiten oder sich Zeit für eine intensive Fortbildung zu nehmen. Hier setzt das Fellowship Lokale Recherche an: Damit können sich freie und festangestellte Lokaljournalist:innen weiterbilden und ein eigenes Recherche-Projekt umsetzen. Es wird ermöglicht von der Madsack Stiftung, der Olin gGmbH sowie durch Einzelspenden.

Das Fellowship kann zwischen zwei und sechs Monate dauern. Die Fellows erhalten eine Lebenshaltungskostenpauschale von 3.500 Euro pro Monat, zusätzlich können ggf. Reise- und Recherchekosten übernommen werden. Zwischen Februar und April 2027 finden parallel zur individuellen Recherche Fortbildungen zu den Themen statt, die sich die Fellows wünschen. Außerdem wird jede:r Fellow beim Rechercheprojekt individuell durch eine:n erfahrene:n Mentor:in betreut. Bewerbungsschluss ist am 16. September. Mehr Infos zum Fellowship und zur Bewerbung findest Du hier.


News

+++ Korallensterben verhindert: Die journalistische Genossenschaft Riffreporter hat sich mit einem Crowdfunding Luft verschafft. Mehr als 90.000 Euro kamen zusammen. Damit möchte das Team nun unter anderem mehr Podcasts produzieren und neue Recherchen ermöglichen. Zuvor war das 2015 gegründete Medienprojekt in eine schwere wirtschaftliche Krise geraten, der Fortbestand war fraglich geworden. Die Autor:innen der Riffreporter berichten insbesondere über Wissenschaft, Umwelt und Technik. Für Tierfreund:innen sind die Beiträge eine wahre Fundgrube: Vögel, Insekten, Meerestiere – ihnen allen sind eigene Schwerpunkte gewidmet. +++ 

+++ Aufbauarbeit: Das dänische Erfolgsmedium Zetland kommt nach Deutschland. Community-Journalismus und starke eigene Recherchen sollen im Mittelpunkt stehen, kündigte Simon Berlin im Gespräch mit dem Medium Magazin an. Mit einem Crowdfunding soll im Februar 2027 der Grundstein für den Start gelegt werden. Innerhalb eines Monats möchte das Team dann mindestens 10.000 Gründungsmitglieder gewinnen. Welchen Namen das neue Digitalmedium tragen wird, ist allerdings noch offen. Hinter Zetland steht der schwedische Medienkonzern Bonnier, der im Herbst 2025 das dänische Start-up übernommen hat und nun international neue Märkte erschließen möchte. Ableger gibt es bereits in Finnland, Norwegen und Österreich. +++ 

+++ Wachstumsförderung: Für Medien, die auf dem Markt schon etwas etablierter sind als der geplante Zetland-Ableger, startet das International Press Institute wieder seinen Transition Accelerator. Das achtmonatige Förderprogramm hilft unabhängigen Medien dabei, eine Wachstumsstrategie zu entwickeln, das eigene Publikum besser zu verstehen und neue Einkommensquellen zu erschließen. Teilnehmende Projekte erhalten bis zu 25.000 Euro, regelmäßige Workshops, individuelle Coachings und vieles mehr. Bewerbungsschluss ist der 9. September. Und für den Bereich des Wissenschafts- und Datenjournalismus vergibt der Media Forward Fund in Kooperation mit der Wissenschaftspressekonferenz wieder Growth Grants von bis zu 400.000 Euro an gemeinwohlorientierte Medien. Interessierte können sich am 7. September über die Ausschreibung informieren. Bewerbungsschluss ist der 18. September. +++

+++ Muttertag: Das US-amerikanische Magazin Mother Jones feiert 50. Geburtstag. Die Mutter aller gemeinnützigen Medienorganisationen tritt damit den lebenden Beweis an, dass Nonprofitjournalismus funktionieren kann. Seit der Gründung 1976 finanziert sich die Redaktion, die nach einer Ikone der amerikanischen Arbeiter:innenbewegung benannt ist, durch das Publikum. Eine bewusste Entscheidung, die aber auch alternativlos blieb – hatte es sich das Magazin wegen seiner investigativen Recherchen zu großen Wirtschaftsunternehmen doch mit den meisten Anzeigenkunden des Landes verscherzt. Chefredakteurin Monika Bäuerlein blickt auf wilde Jahre zurück und erklärt das Erfolgsgeheimnis von Mother Jones so: „journalism by and for ‚the rest of us‘.“ Happy Birthday! +++

+++ Am Start: Mit Fokus Thüringen gibt es ein neues, landesweites Medienangebot im Freistaat. Es richtet sich an alle, „die sich mehr Hintergrund- und Analyse-Journalismus“ wünschen, erklärt Gründer Sebastian Haak. Gemeinsam mit seiner Mitstreiterin Bianca Mirsch will er unter anderem Berichte, Reportagen und Podcasts zur Landespolitik, Polizei, Justiz, Rechtsextremismus, Bildung und Wirtschaft liefern. Die beiden setzen auf ein reines Abo-Modell ohne kostenlose Inhalte. Zentraler Ausspielweg ist die Website sowie Social Media. Wir wünschen alles Gute zum Start! +++

+++ Vernetzung: Damit sich Mediengründer:innen und Gründungsinteressierte untereinander austauschen und voneinander lernen können, laden die Alfred Toepfer Stiftung und das Correctiv.StartHub 20 Personen zur Lokalkonferenz von Correctiv nach Magdeburg ein. Neben den Kosten für das Konferenzticket wird bei Bedarf auch eine Nacht im Hotel (17. auf den 18. Oktober) übernommen. Bewerbungsschluss ist der 30. August. Und wer sich international vernetzen möchte, dem sei das Breakwater Festival (24. bis 27. September) in Danzig ans Herz gelegt. Ein Schwerpunkt der erstmals stattfindenden Journalismus-Konferenz sind nachhaltige Geschäftsmodelle. Auch wir sind mit unserer Expertise vertreten. +++


Freundliche Übernahme

In seinem Newsletter schreibt das Selbstlaut-Kollektiv monatlich über die Geschichten hinter den Recherchen. Nicht nur für Kolleg:innen, sondern für alle, die sich für einen Journalismus interessieren, der machtkritisch, klischeefrei und kollaborativ sein möchte. Anmelden kann man sich hier. 

In dieser Rubrik stellen wir andere lesenswerte Newsletter vor. Möchtet ihr auch dabei sein? Dann schreibt uns!


Auslese

Ein grantiger Gruß aus der Wiener Küche

Dossier veröffentlicht einen „investigativen Gastro-Guide“

Wir kennen es leider alle: Nennt sich Journalismus, ist aber vor allem Werbetext. Auch bei Gastro-Medien ein verbreitetes Übel, sagt das Dossier-Magazin. Und macht es anders. Die aktuelle Ausgabe des österreichischen Magazins widmet sich ganz der kritischen Recherche in der Gastronomie (fiese Arbeitsbedingungen in Spitzenküchen, Ausbeutung migrantischer Mitarbeiter:innen, Schwarzarbeit, Belästigung, you name it!). Die Recherche zeigt Folgen: 1) Die Finanzbehörden ermitteln gegen Wiener Szenelokale. 2) Ein kritisierter Gastronom zeigt öffentlich Reue – in einem PR-orientierten Branchenpodcast. Gut, dass Dossier der Gastro-Medienkritik einen eigenen Beitrag (€) widmet.

Echte Expertise

Science Media Center baut sein Angebot aus

Soziologie? Vielen Menschen dürfte da schnell Harald Welzer einfallen, den sie aus den Talkshows im Fernsehen kennen. Das Fach hat aber weitaus mehr zu bieten. Das gemeinnützige Science Media Center (SMC) stellt fest: „Häufig sichtbar sind nur Forschende und Organisationen, die gut vernetzt oder öffentlich bekannt sind, während renommierte Fachzeitschriften kaum Aufmerksamkeit erhalten.“ Das SMC möchte dies ändern und baut deshalb nun eine Brücke aus den Sozial- und Geisteswissenschaften in den Wissenschaftsjournalismus. Die Updates zu aktuellen Forschungsergebnissen sind für akkreditierte Journalist:innen kostenlos. Dazu gibt es einen lesenswerten Leitfaden zur sachgerechten Auswahl von Expert:innen. 

Träumen erlaubt

Bündnis fordert lokale Plattform für Journalismus und Teilhabe

Das ist eine überraschende Allianz: Der Bundesverband für Wohnen und Stadtentwicklung, zahlreiche Kommunikationswissenschaftler:innen und einige zivilgesellschaftliche Organisationen haben sich für einen gemeinsamen Appell verbündet. Sie fordern den Aufbau eines neuen lokalen Kommunikationsraums, eines „Local Open Public Space“. Gemeint ist damit eine unabhängige, digitale Plattform, die zum einen lokaljournalistische Angebote und Bürgermedien bündelt. Zum anderen soll sie aber auch Bildungsformate, Serviceangebote wie Tauschbörsen und ein digitales Lokalarchiv enthalten, das politische Prozesse dokumentiert. Das utopische Mega-Projekt soll sich unter anderem aus kommunalen Mitteln, Beiträgen kommerzieller Anbieter und Spenden finanzieren. In einem Gastbeitrag bei epd medien erklärt der Kommunikationsforscher Otfried Jarren, warum eine solche Infrastruktur für die Revitalisierung der Demokratie im Lokalen nötig sei.


GROW Greenhouse für gemeinnützigen Journalismus

Der SEED-Newsletter ist Teil des Grow Greenhouse, dem Zentrum für gemeinnützigen Journalismus und Medienvielfalt, das von der Schöpflin Stiftung gefördert wird.

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