Mit dem Leuchtturm-Preis ausgezeichnet: Ulrich Chaussy. Foto: Wulf Rohwedder

Musste “Jahre der Resignation” durchstehen: Preisträger Ulrich Chaussy. Foto: Wulf Rohwedder

Von Fabienne Kinzelmann, ifp/JONA

Seit mehr als drei Jahrzehnten recherchiert Ulrich Chaussy zum Oktoberfestattentat. Erst ein Spielfilm über seine Arbeit sorgte für ein kleines Wunder. Jetzt erhielt der Münchner für seine Hartnäckigkeit den Leuchtturm-Preis.

Am Anfang sei ihm Benno Fürmann ja zu taff vorgekommen, sagt Ulrich Chaussy. Jetzt ist er froh, dass Fürmann ihn, den jungen Reporter, gespielt hat. Der Spielfilm „Der blinde Fleck“ zeigt Chaussys jahrzehntelange Recherche zum Oktoberfestattentat 1980. Der Fall galt damals schnell als abgeschlossen, die Behörden machten allein Gundolf Köhler verantwortlich für den Terroranschlag, bei dem 13 Menschen starben und mehr als 200 verletzt wurden. Ein Einzeltäter ohne politische Motive, so hieß es im offiziellen Bericht.

Wie sehr die Ermittler irrten, zeigen Chaussys Recherchen. Er glaubt nicht an einen Einzeltäter und vermutet eine rechtsmotivierte Tat. Bereits 1985 veröffentlicht der freie Mitarbeiter des Bayerischen Rundfunks sein Buch „Oktoberfest. Das Attentat. Wie die Verdrängung des Rechtsterrors begann“. Doch die Resonanz bleibt gering. Die öffentliche Diskussion wird mit den Ermittlungen bereits vier Wochen nach dem Anschlag eingestellt. Selbst einen tonnenschweren Findlingsstein, der an das Attentat erinnern sollte, ließ die Stadt München schnellstmöglich entfernen.

Jahrzehntelang hartnäckig

„Die Weltstadt mit Herz hat sich damals hartherzig gezeigt“, sagt Chaussy. Er wollte den Terroranschlag nicht abhaken, recherchiert bis heute. Jetzt hat ihm netzwerk recherche den Leuchtturm für besondere publizistische Leistungen verliehen. „Der Mut und die Ausdauer von Ulrich Chaussy ist wohl einmalig im investigativen Journalismus in Deutschland“, sagt Oliver Schröm, scheidender Vorsitzender von netzwerk recherche.

Chaussy ist ein Rechercheur der alten Sorte: Freundlich im Umgang mit Zeugen, rechtssicher, wenn er mit Behörden zu tun hat. Außerdem findet er Archive „ja schon ziemlich geil“. Er liebe es, stundenlang alte Dokumente zu durchforsten.

In der Laudatio sagte SZ-Gerichtsreporterin Annette Ramelsberger, Chaussy sei schon immer ein „Dickbrettbohrer“ gewesen, das habe er auch mit seinen Recherchen über Rudi Dutschke, die Zerstörung eines Bergdorfes auf dem Obersalzberg und zur Widerstandsgruppe der Weißen Rose bewiesen: „Er liebt das Gebrochene, die Wahrheit hinter der Wahrheit, die zweite Ebene.“

Ermittlungen wieder aufgenommen

Oliver Schröm und Annette Ramelsberger gratulieren Preisträger Ulrich Chaussy. Foto: Wulf Rohwedder

Oliver Schröm und Annette Ramelsberger gratulieren Preisträger Ulrich Chaussy. Foto: Wulf Rohwedder

Chaussy ist sichtlich gerührt von diesem Kollegenlob, auf das er lange warten musste. Nach „Jahren der Resignation“ habe erst der Film über seine Recherchen alles verändert: Neue Zeugen meldeten sich, die Beweise gegen eine Einzeltäterschaft Köhlers verdichteten sich.

Am 11. Dezember 2014 teilte der Generalbundesanwalt mit, dass die Ermittlungen zum Attentat wieder aufgenommen werden. Chaussy konnte es kaum glauben. „Wir saßen gerade an der Produktion einer Doku und haben darüber geredet, ob wir als Aufhänger nehmen, dass die Ermittlungen eventuell wieder aufgenommen werden. Aber wir wollten bei den Hinterbliebenen und Opfern keine falschen Hoffnungen wecken.“

Die Anerkennung, die Chaussy jetzt für seine Arbeit bekommt, mache ihm auch bewusst, dass er Glück gehabt habe – Glück, dass der Film mit Fürmann, der 2013 in die Kinos kam, dem Thema neue Aufmerksamkeit brachte: „Es gibt ja viele Kollegen, die genauso zäh sind und sich in ein Thema verbeißen. Aber da guckt halt wieder kein Schwein.“