Auf gemeinsamer Mission im Daten-Team

Mit Programmierern im Team arbeiten – da müssen Journalisten schon ein bisschen Technik-affin werden. Foto: Flickr/20after4

Mit Programmierern im Team arbeiten – da müssen Journalisten schon ein bisschen technikaffin werden. Foto: Flickr/20after4

Von Verena Mengel

Nenn mir deine Ausbildung und ich sag dir, wer du bist. Für den Datenjournalismus gilt das nur zum Teil: Denn in diesem Berufsfeld tummeln sich nicht nur ausgebildete Journalisten, sondern auch Programmierer und Designer. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die Stefan Weinacht und Ralf Spiller 2014 veröffentlichten. Sie wollten mehr über die Arbeitsroutinen im Datenjournalismus erfahren und interviewten dazu 35 Akteure aus der Branche. Demnach arbeiten Datenjournalisten nur in Ausnahmefällen alleine: „Alles kann ja eh keiner, also müssen wir im Team arbeiten“, zitiert die Studie den Beweggrund der Befragten. Dadurch nähern sich Berufsgruppen an, die vorher in der Regel nichts miteinander zu tun hatten. Und so stellt sich für den Datenjournalismus letztlich die Frage: Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?

Datenjournalismus könne auch von einer Person gemacht werden, sagt Julius Tröger, Journalist und Leiter des Interaktiv-Teams der Berliner Morgenpost. Aber bei größeren Geschichten sei es immer sinnvoll, mit einem Programmierer zusammenzuarbeiten. Laut der Studie von Spiller und Weinacht sind Teams von zwei bis drei Personen unterschiedlicher Fachrichtungen typisch. Es ist also gegenseitiges Verständnis gefragt.

Journalist + Technik = ?

„Programmierer sind in einer Redaktion eigentlich immer noch Fremdkörper“, sagt Tröger. Schließlich konnten viele Journalisten mit Technik lange Zeit so gar nichts anfangen. „Nach meiner Erfahrung hatten Journalisten eigentlich fast immer eine Fünf in Mathe. Vor allem Tageszeitungsjournalisten. Das war der untechnischste Beruf, den es auf der Welt gab.“ Doch das Berufsbild hat sich gewandelt. Und so ist allein schon für die interdisziplinäre Verständigung eine gewisse Technikaffinität notwendig. „Man muss als Journalist schon ein bisschen Nerd werden“, gibt Tröger zu.

Umgekehrt müssen Programmierer Verständnis für die Arbeitsweise der Journalisten aufbringen, sagt Sascha Venohr, Leiter des Datenjournalismus-Teams von Zeit Online. Ein Entwickler, der wutschnaubend seinen Rechner zuknallt und brüllt „macht’s doch euren Scheiß allein und denkt’s doch vorher nach“, sei für einen Newsroom wohl eher ungeeignet. Für die erfolgreiche Zusammenarbeit müsse der Programmierer das Verständnis für den Journalistenalltag „einfach in seiner DNA haben“, vermutet er.

Der Schulterblick zum Programmierer

Neben gegenseitigem Verständnis entscheidet auch die Intensität der Zusammenarbeit  über den Erfolg des Teams: Trifft man sich nur alle paar Wochen zur Besprechung? Oder arbeitet man kontinuierlich vor Ort zusammen? Wenn Venohr am Schreibtisch seinen Kopf nach hinten dreht, sieht er seinen Programmierer einen Meter hinter sich sitzen. „Das geht auch gar nicht anderes“, erklärt er. Im Entstehungsprozess müssten alle zusammen im Team interaktiv denken und einfach zwischendrin sehr viele Schulterblicke austauschen.

Teil dieses Teams ist auch ein Designer. Um im Internet erfolgreich zu sein, müsse eine Geschichte visuell aufbereitet werden, sagt Venohr „Wenn wir eine interaktive Grafik haben, brauchen wir einfach Designkenntnisse. Also Menschen, die auch wirklich Design können und verstehen“, bekräftigt er. „Der Designer muss eine Formsprache anbieten, die auch Lust macht, die Informationen aufzunehmen.“

Auf Whiteboards drauflos kritzeln

Wie funktioniert die Zusammenarbeit konkret? Zunächst müssen die Datensätze geprüft und aufbereitet werden. Danach wird das Team gemeinsam kreativ. Auf Zetteln und Whiteboards wird drauflos gekritzelt. Auf diese Weise untersuchten beispielsweise die Datenjournalisten von Zeit Online Abschiebeflüge der EU-Staaten. Wie bringt man diesen laut Venohr „schlichten, vermeintlich langweiligen Datensatz“ dem Leser näher? Das Team entschied sich für die Platzbuchungsansicht eines Fliegers. Von oben blickt man in die 46 Flugzeuge der interaktiven Grafik. Durch die unterschiedlichen Farben der Sitze wird schnell klar, wie viele Menschen abgeschoben wurden und wie viele Menschen die Abgeschobenen aus Sicherheitsgründen begleiteten.

„Allein die Farbwahl kann den einen abstoßen, den anderen kann sie begeistern“, erklärt Venohr. Zudem müsse man daran denken, dass es Farbkombinationen gibt, die farbenblinde Menschen nicht auseinanderhalten können. Ein Designer muss sich außerdem überlegen, wann und wie ein Nutzer bestimmte Inhalte auf seinem Computerbildschirm anklickt. Die zentrale erste Frage des Designers ist laut Venohr jedoch: „Wie können Geschichten visuell erzählt werden und trotzdem Sinn und Spaß auf dem Smartphone machen?“

Journalisten, Entwickler, Designer – und Wissenschaftler?

Neben Journalisten, Programmierern und Designern gibt es mindestens eine weitere Berufsgruppe, die eine Schnittstelle mit dem Datenjournalismus hat: Immer wieder gibt es Kooperationen von Wissenschaftlern verschiedener Fachrichtungen und Datenjournalisten. Venohr und sein Team etwa arbeiten mit Wissenschaftlern zusammen, um mehr darüber erfahren, wie man Informationen am besten für das Publikum zugänglich macht. Gemeinsam erforschen sie, wie Menschen mit ihrem Fingertipp auf mobilen Geräten Informationen rezipieren.

Auch bei journalistischen Recherchen kann die Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern für das Daten-Team hilfreich sein – etwa bei der Frage, welche Länder sich beim Eurovision Song Contest gegenseitig besonders viele Punkte geben. Eine solche Recherche komplett intern auf die Beine zu stellen, wäre für das Zeit-Online-Datenteam zu zeitaufwendig gewesen. Zum Glück hatten Wissenschaftler aus den Niederlanden die Punktevergabe bereits näher untersucht und so konnte das Team sich auf die Visualisierung der Ergebnisse konzentrieren.

Dass die Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern nicht immer so gut klappt, musste Venohr bei einem anderen Projekt erfahren. Zum 25-jährigen Jubiläum des Mauerfalls wollten er und seine Kollegen vergleichen, wie sich die Auffassung der Menschen in Ost und West zu bestimmten politischen und gesellschaftlichen Fragen entwickelt. Die Daten zu dem Projekt kamen von Sozialwissenschaftlern, die jahrelang Ost- und Westdeutsche zu ihrer Lebenssituation befragt hatten. Doch es kam zu einem Disput, der laut Venohr zwischen Wissenschaftlern und Journalisten nicht selten ist: Die  Wissenschaftler wollten einige Erläuterungen zum Datensatz und zur Systematik voranstellen, damit der Leser mit etwas Vorwissen in die Grafiken einsteigen kann. Venohr fasst zusammen: „Das haben wir gemacht und es hat die Geschichte gekillt.“ Der Erfolg der Story blieb aus.

Auch wenn die Kooperation zwischen Journalisten und Wissenschaftlern ab und zu noch Schwierigkeiten aufweist, so zeigt die gute Zusammenarbeit in den Daten-Ressorts, dass interdisziplinäres Arbeiten funktionieren kann. Die Konstellation Journalist, Programmierer und Designer bildet ein starkes Team. Wer bin ich – und wenn ja, wie viele? Für Datenjournalisten scheint die Antwort derzeit klar zu sein: Drei.