Julius Tröger, Datenjournalist bei der Berliner Morgenpost. Foto: Franziska Senkel

Julius Tröger, Datenjournalist bei der Berliner Morgenpost. Foto: Franziska Senkel

Von Marie-Louise Timcke

Mit einem Klick verwandelt sich der Bildschirm in die dreidimensionale Skyline von Berlin. Der Fernsehturm, der Alexanderplatz, die Spree. Mit Maus und Pfeiltasten geht es auf Erkundungstour durch die virtuelle Hauptstadt: Wo stehen die größten Gebäude, wie sah der Kiez 1990 aus, wie wird sich die Skyline in Zukunft verändern?  Kurze Texte und Geschichten informieren über geplante Wolkenkratzer, Videos zeigen Berlins Stadtbildwandel im Zeitraffer und die Meinung von Passanten zu den Bauplänen. Seit Anfang 2015 leitet Julius Tröger das Ressort Interaktiv-Team der Berliner Morgenpost, mit dem er die virtuelle Entdeckungsreise umgesetzt hat.


Er und sein Team versorgen die Berliner regelmäßig mit lokalem Datenjournalismus. Dafür ist der 32-Jährige stets auf der Suche nach interessanten Datensätzen – und neuen Möglichkeiten, sie interaktiv umzusetzen. Doch nicht nur die Berliner haben etwas davon: Gemeinsam mit anderen Journalisten, Programmierern und einem Designer setzt Tröger Projekte um, die auch im Ausland Zuspruch finden. Mehrfach schon wurden sie ausgezeichnet, unter anderem mit einer Special Citation von der Jury des Data Journalism Awards. Obwohl das Team vor allem lokalen Datenjournalismus betreibt, werden einige Projekte ins Englische übersetzt. „Wir haben das Glück, dass Berlin ja international ziemlich bekannt und beliebt ist und sich die Leute weltweit für manche Berlin-Themen interessieren“, sagt Tröger.

Julius Trögers journalistische Wurzeln liegen indes weit weg von der Weltstadt Berlin: Man hört es ihm kaum an, aber er ist im Süden Baden-Württembergs aufgewachsen. Sein erster Berufswunsch: Astronaut. Bereits in der Grundschule schrieb er kleine Programme mit Turbo Pascal, später begeisterten ihn Worte noch mehr als der Code. „Ich habe mich dann für den Journalismus entschieden. Heute habe ich das Glück, beides zusammenzubringen“, sagt er. Nach der Schule studierte Tröger Medienwirtschaft und Journalismus an der dualen Hochschule in Ravensburg und arbeitete als Online-Redakteur beim Schwarzwälder Boten. Anfang 2008 kam er als Videojournalist zur Berliner Morgenpost in die Hauptstadt, wechselte bald aber ins Online-Team. Den Zugang zum kleinen Lokalgeschehen hat sich der Schwabe auch in der Hauptstadt bewahrt.  An seiner Wahlheimat gefällt ihm besonders, dass die Berliner sich selbst nicht zu ernst nehmen.

„Wir haben das einfach selbst probiert“

Außer in einem Statistikkurs an der Uni hatte Tröger keine Berührungspunkte mit Daten, als er im Jahr 2009 an einem Berliner Datenjournalismustreffen teilnahm. Nur wenig später setzte er mit seinem Kollegen André Pätzold die erste interaktive Karte um. „Da gab es ja noch keine Programmierer in der Redaktion, also haben wir das einfach selbst probiert.“ Das Experiment kam sehr gut an bei Lesern, Kollegen und in der Chefetage; seither sind es viele Datenprojekte mehr geworden: zu Berlins Mietpreisen, den Bundestagswahlen oder der Lärmbelästigung durch Flugzeuge. Um mehr über Daten im Newsroom zu lernen, nahm Tröger sich im Herbst 2012 sogar unbezahlten Urlaub, ging in die USA zu ProPublica und zum Guardian US. „Anfangs habe ich von dem ganzen Nerdkram dort so gut wie nichts verstanden, aber ich wollte das unbedingt können. Am Ende konnte ich dann sehr viel aus dieser Zeit mitnehmen.“

Inzwischen leitet er sein eigenes interdisziplinäres Team.  „Mein Chefredakteur hat sich früh dafür eingesetzt, dass wir mit Programmierern direkt in der Redaktion zusammenarbeiten und mit neuen Recherchemethoden und Formaten experimentieren.“ Deshalb konnten auch ungewöhnliche Projekte wie das vielgelobte Datenstück über die Buslinie M29 entstehen.

Als Ressortleiter entwickelt Julius Tröger nun vor allem Ideen für Geschichten, besorgt die Daten und koordiniert die Projekte. An der Programmierung der interaktiven Anwendungen ist er selbst weniger beteiligt. Dafür versucht er von anderen  Programmieraufgaben so viele wie möglich selbst zu erledigen – wenn sie, wie etwa das automatisierte Sammeln oder „Scrapen“ von Daten aus dem Internet, mit der direkten Recherchearbeit zu tun haben.

Studium neben dem Vollzeitjob

Um seine Kenntnisse weiter auszubauen, studiert  er neben dem Vollzeitjob in der Redaktion an der Universität in Bamberg Wirtschaftsinformatik im Master. „Dort lerne ich Grundlagen der Programmierung und belege Kurse in ‚User Centered Web Design‘ und ‚Analyse sozialer Netzwerke‘. Ich finde das einfach wahnsinnig spannend und kann das für meinen Job ja auch direkt in der Praxis einsetzen.“ Lange Nächte nach stressigen Arbeitstagen nimmt er dafür gerne in Kauf.

Wie viele andere Datenjournalisten lebt er den Open-Source-Gedanken und veröffentlicht Daten und Methoden seiner Projekte, verrät Tricks und gibt in seinem Blog Tipps zum Selbermachen. „Alles, was wir machen, ist nur möglich, weil Programmierer ihren Code und Journalisten oder Designer ihre Erfahrungen mit anderen teilen. Und so machen wir das eben auch mit Blogbeiträgen oder ganzen Anwendungen wie der Mietkarte, die wir frei ins Netz gestellt haben.“

Teams statt Multifunktionsjournalisten

Obwohl Julius Tröger selbst mehr Programmieren lernen will und ihm das hilft, interdisziplinäre Teams zu koordinieren, glaubt er nicht, dass es  Voraussetzung für datenjournalistisches Arbeiten ist. „Natürlich muss man Spaß an der Arbeit mit Daten haben. Wenn man etwas Ahnung von Statistik und Informatik hat, ist das auch super“, sagt er. Trotzdem müsse ein Datenjournalist keine eierlegende Wollmilchsau sein. Kreativität und Teamfähigkeit seien gefragt, und die Kunst, sich mit Programmierern und anderen Technik-Experten zu verständigen. Fragt man Julius Tröger, ob er sich nicht auch schon selbst zu den Computer-Geeks zählt, erhält man trotzdem eine eindeutige Antwort: „Klar bin ich ein Nerd.“