Carolin Emcke: "Mehr Mut zur Ambivalenz zeigen." Foto: Wulf Rohwedder

Carolin Emcke: “Mehr Mut zur Ambivalenz zeigen.” Foto: Wulf Rohwedder

Von Jan Schmidbauer und Maria Caroline Wölfle, DJS

„Lügenpresse“ ist das Unwort des Jahres 2014. Sind Journalisten selbst Schuld am Unmut der Menschen in Deutschland? Julia Stein, Jakob Augstein, Hans Leyendecker und Carolin Emcke diskutierten diese Frage zum Auftakt der nr-Jahreskonferenz. Vor allem in einem Punkt waren sie sich uneinig: Wie ernst soll man diese Menschen nehmen?

Leyendecker, Leiter des Investigativ-Ressorts der Süddeutschen Zeitung, sieht die Sache eher gelassen. „Das juckt mich gar nicht“, sagte er über beleidigende Kommentare im Internet. Was ihn stört ist, dass viele, die sich über die Presse beschweren, einen „Vorverurteilungswillen“ hätten, Texte also schon mit einer vorgefertigten Meinung lesen würden.

Diese Haltung von Leyendecker bezeichnete Augstein dagegen als „Teil des Problems“. Die meisten Menschen, die sich äußern, hätten ein wirkliches Anliegen, sagte der Chefredakteur des Freitags. „Ich weigere mich, anzunehmen, dass die Leute alle bescheuert sind.“ Die unterschiedlichen Sichtweisen in diesem Punkt zogen sich durch die gesamte Diskussion.

Die Publizistin Carolin Emcke sieht in den Beschimpfungen ein gesellschaftliches und politisches Phänomen, das man ernst nehmen müsse. „Mich treibt das schon um.“ Emcke unterschied dabei zwischen persönlicher Kritik am Journalisten und Kritik am Inhalt einer Geschichte. Mit letzterer könne sie sich besser auseinandersetzen. Die Qualität der Kommentare habe sich in den vergangenen Jahren verändert. Viele Leserbriefe seien nicht mehr anonymisiert. Vor allem anti-intellektuelle, anti-semitische und anti-amerikanische Ressentiments seien salonfähig geworden und würden inzwischen mit kompletter Adresse des Absenders verschickt.

Julia Stein von netzwerk recherche übte Selbstkritik. Viele Journalisten seien gut im Austeilen, aber schlecht im Einstecken. Redaktionen hätten zu spät auf das neue Verhalten der Leser und Zuschauer reagiert. „Das fliegt uns jetzt um die Ohren.“ Besonders für die öffentlich-rechtlichen Sender sei es schwierig, wenn sie zu manchen Themen auf Tausende Zuschriften reagieren müssen.

Dass Selbstkritik im Journalismus notwendig ist, darüber waren sich alle einig. Besonders heftig kritisierte Augstein das Verhalten vieler Journalisten. Er sprach von „Wichtigtuerei, Arroganz und Allmachtsphantasien“. Als ihn die Moderatorin Anna Marohn fragte, wann er zuletzt selbst einen Fehler zugegeben habe, musste Augstein passen.

Um Medien am Pranger ging es im großen Konferenzraum. Foto: Wulf Rohwedder

Um Medien am Pranger ging es im großen Konferenzraum. Foto: Wulf Rohwedder

Was von der Diskussion bleibt: Journalisten sollten gerade jetzt, da sie selbst in der Kritik stehen, ihre eigene Haltung hinterfragen und Fehler zugeben. So können sie ihre Glaubwürdigkeit wieder erhöhen. Und indem sie etwas mehr Mut zur Ambivalenz zeigen, wie Emcke es formuliert. Sie zitierte Jan Ross von der ZEIT, der einen ihrer Texte redigiert hat und danach sagte: „Du gewinnst immer 10:0, kannst Du nicht auch mal 6:4 gewinnen?“