Zum Spannungsverhältnis von Journalisten und Politikern

Rede von Jürgen Leinemann (DER SPIEGEL) auf der Jahrestagung des Netzwerk Recherche am 4. Juni 2005 beim NDR in Hamburg

 

„Wir jagen sie“ – In ihrem spannungsgeladenen Verhältnis zu den Politikern geraten auch die Medien in Gefahr, die Bodenhaftung zu verlieren.

Vor zwei Wochen ist Carl Bernstein hier in Hamburg gewesen, der berühmte Kollege von der Washington Post, der zwischen 1972 und 1974 zusammen mit Bob Woodward die Watergate-Affäre aufdeckte, die den Präsidenten Richard Nixon schließlich sein Amt kostete. Ich war damals Korrespondent in Washington, zunächst bei der dpa, später beim SPIEGEL, und ich verfolgte geradezu fiebrig die Ergebnisse der beharrlichen Recherchen dieser beiden Kollegen, die noch jünger waren als ich.

Ja, so müsste eine freie Presse funktionieren, die sich als vierte Macht im Staat verstand. Mein Respekt, ach, meine Bewunderung für die investigative Leistung der beiden Reporter und die aufrechte Haltung der Washington Post hatte fast schwärmerisches Format.

Und nun kommt derselbe Carl Bernstein her und redet vom „Triumph der Idiotenkultur“, wenn er den Zustand der US-Medien beschreibt. Nicht mehr Wahrheitssuche sei häufig der Antrieb für die Berichterstattung im amerikanischen Journalismus, sagt er, sondern Gerüchte, Prominente und Sensationen. Viel zu oft berichte die Presse ohne gesellschaftlichen Kontext, setze auf Klatsch und Tratsch und widme sich aufgeblasenen Debatten. Bernstein wundert es nicht, dass 45 Prozent der Amerikaner nichts oder nur noch wenig von dem glauben, was in der Zeitung stehe.

Was sind wir doch fein raus. In Deutschland halten – Umfragen zufolge – immerhin noch 80 Prozent der Menschen wenigstens die Zeitungen für glaubwürdig. Und Stern-Chefredakteur Andreas Petzold wird mit dem triumpfierend klingenden Satz zitiert „Wir können hier in einer offeneren Atmosphäre arbeiten, und das deutsche Publikum goutiert die Wahrheitsfindung“.

Das mag so sein. Wer könnte auch was gegen Wahrheitsfindung haben? Allerdings bezweifele ich, dass tatsächlich noch allzu viele unserer geneigten Leser die Wahrheit ausgerechnet in den Medien zu finden hoffen.

Seit Monaten tingele ich nun mit meinem Buch „Höhenrausch“ zu Lesungen und Diskussionen durch die Lande. Und ob in Trier oder Weimar, Lüneburg, Bottrop oder Regensburg – immer sind sich die Zuhörer ganz schnell darüber einig, dass es zwei Schurken gibt im politischen Spiel – die Politiker und die Medienmenschen. Die Bürger, die zu solchen Veranstaltungen kommen, ältere zumeist, sind politisch interessiert, informationshungrig, ziemlich gebildet – und absolut verunsichert

Nein, sie trauen uns nicht wirklich mehr, glaube ich.

Und haben sie nicht Gründe genug? Es ist ja nicht nur der Bundeskanzler, der auch im deutschen Journalismus „einen Trend in Richtung Boulevardisierung, Personalisierung und auch Skandalisierung“ feststellt. Dass auch in der Bundesrepublik die Medien in der Krise stecken, wird seit Jahren überall beklagt und diskutiert, nicht zuletzt von uns selbst.

Über die strukturellen Ursachen – den technischen Wandel, die Abhängigkeit von Auflagen und Quoten, von Anzeigen und Werbespots und der daraus resultierende Kostendruck – will ich heute nicht reden. Darüber wissen andere hier besser Bescheid. Ich möchte mich stattdessen auf uns beschränken – auf uns Journalisten – und auf die Frage, wieviel wir wohlmöglich als Personen zum dramatischen Qualitätsverfall im Journalismus beitragen, über den sich beispielsweise die Politiker parteiübergreifend einig sind.

Und ich frage mich, ob es uns wirklich soviel anders ergeht als denen, über deren Gefährdung durch die Macht ich mich in meinem Buch ausgelassen habe.

Drei Gründe hat der ehemalige tschechische Staatspräsident Vaclav Havel einmal für die Sehnsucht eines Menschen nach politischer Macht aufgeführt: die Vorstellung von einer besseren Gesellschaftsordnung, Selbstbestätigung und Privilegien. Sollten diese Kategorien nicht auch in unserem beruflichen Selbstverständnis eine Rolle spielen?

Sind es denn wirklich nur die Politiker, die ihre enormen Möglichkeiten auskosten, sich selbst zu bestätigen , indem sie – wie Havel sagt – „weithin sichtbare Abdrücke der eigenen Existenz“ hinterlassen? Und behaupten nur sie, dass die vielen Privilegien, die notwendiger- und erfreulicherweise ihr Berufsleben begleiten, nichts anderes seien, als quasi unvermeidliche Zugaben zur hehren Gemeinwohl-Aufgabe?

Es gehörte für mich zu den unerwünschten Folgen und Nebenwirkungen der Watergate- Affäre vor mehr als dreißig Jahren, dass Richard Nixons verzweifelter und erbarmungsloser Kampf um sein Amt mich zum ersten Mal auf solche Parallelen aufmerksam machte. O ja, ich vermochte mich so gut einzufühlen in die Lebenslügen des gehetzt wirkenden amerikanischen Präsidenten, dass ich sein Scheitern früh voraussagte. Aber warum? Heute weiß ich, was ich damals verdrängte – ich tickte wie er und die meisten politischen Karrieristen.

Ich teilte ihren unersättlichen Hunger nach Anerkennung und Bestätigung. Wie sie sah auch ich mich bald nicht nur auf der Erfolgsleiter, sondern zugleich auf der Flucht vor der immer unangenehmer werdenden Realität aus Selbstzweifeln, Furcht vor dem Scheitern und quälenden Fragen nach dem persönlichen Preis für die Karriere. Aus bescheidenen Verhältnissen stammend war ich schnell weit gekommen. Mit 34 Jahren wurde ich Büroleiter des SPIEGEL in der amerikanischen Hauptstadt.

Da war damals zwar noch nicht viel zu leiten, aber zu viel für mich: ich begann zu ahnen, dass ich meinem Aufstieg nur unzureichend gewachsen war. Zwar hatte ich gelernt, die Erwartungen meiner Umwelt zu erkennen, und ich war auch talentiert und fleißig genug, sie zu erfüllen. Doch meinem äußeren Aufstieg fehlte das innere Gegengewicht. Ich brauchte Erfolg, um meine Selbstzweifel zu kompensieren. Ich war hungrig nach Lob und Zustimmung, um meine Ängste zu ersticken. Und ich arbeitete bis zur Bewusstlosigkeit, um meinen Aufstieg zu rechtfertigen und meinem Leben einen Sinn zu geben.

Dabei half mir zunächst, dass ich – ohne je ein Journalismusseminar besucht zu haben – eine ziemlich verlässliche Vorstellung von den Erfordernissen und Regeln meines Berufes zu haben glaubte. In meinen Phantasien sah ich mich auf der Tribüne des Weltgeschehens sitzen, aufmerksam und objektiv die Ereignisse protokollieren und diese Informationen an urteilsfähige, mündige Bürger weitergeben. Keiner sollte mich manipulieren können, strikt wollte ich der Wahrheit dienen – kurz, ich hatte ein so kitschig edles Selbstbild von mir und meinem Beruf, dass ich eigentlich nur scheitern konnte. Und das passierte ja auch.

Ich versackte in Depressionen, quälte mich beim Schreiben und versuchte, meine Ängste mit Alkohol zu betäuben. Erst nach einer intensiven und schmerzhaften Therapie, mit deren Hilfe ich mein Leben – und meine Arbeit – anders zu gestalten lernte, konnte ich neu anfangen.

Das ist jetzt fast drei Jahrzehnte her. Ich bin noch immer Journalist, aber die Medienlandschaft, zu der ich gehöre, ist eine völlig andere. Sie ist bunt geworden, vielfältig, voller Trallala und Albernheiten, der Werbung nahe und dem Showgeschäft und immer auf Rendite bedacht. Wenn ich heute Publizistikstudenten frage, wie sie sich ihre Zukunft vorstellen, sagt kaum noch einer, dass er Journalist werden möchte. Die meisten wollen „irgendwas mit Medien“ machen. Und das reicht dann vom Sportmoderator bis zum Pressesprecher von Attac oder der Dresdner Bank, vom Filmemacher bis zum Werbetexter. Und viele schwärmen von Medienjobs im Internet, von denen ich noch nie gehört habe.

Gewiss, auch den guten alten klassischen Journalisten gibt es noch, sonst wären wir heute nicht hier. Aber in der Familie der Medienberufe stellen wir – die politisch interessierten, für öffentliche Angelegenheiten engagierten Kolleginnen und Kollegen, die melden, erklären, recherchieren und kommentieren, ob auf Papier , im Radio, im Fernsehen oder online – eine Minderheit dar.

Die coolen Smarties aus der Spasskultur-Branche des Feuilletons und der Frohsinns-Wellen halten uns – Sie werden es erfahren haben, meine Damen und Herren – für ziemlich angestaubt, obwohl es kaum noch ideologische Missionare und Menscheitsbeglücker unter uns gibt. Im Gegenteil, die Neigung , auch Politik vor allem nach ihrem Unterhaltungswert zu beurteilen, wächst auch in seriösen Redaktionen.

Und so ist es wohl kein Wunder, dass selbst die etwas altbackene Minderheit der klassischen Journalisten dort, wo sie Mehrheit ist und als „Meute“ auftritt – in Berlin etwa, in den Landeshauptstädten und wo sonst noch Politik gemacht wird – im Vergleich zu früher ein ziemlich exotischer, bunter, modebewusster Haufen geworden ist. Stil wird nicht nur geschrieben sondern auch getragen.

Wir Journalisten verkaufen uns – nicht einmal immer bewußt – selbst als Ware im Medium, gegelte Frisuren und unübersehbare Dekolletee’s, Designer Anzüge und kunstvoll dekorierte Schlampigkeit sind Markenzeichen von Akteuren, die sich im Promi-Wettbewerb mit den Showstars der Politik erleben.

Sind wir ihnen nicht auch sonst bis zur Austauschbarkeit ähnlich? Ich habe in meinem Buch darzustellen versucht, wie die Wahrscheinlichkeit, dem Suchtsog des Politikbetriebs zu verfallen und damit die Wirklichkeit neben der Karriere aus den Augen zu verlieren, im Nachkriegsdeutschland von Jahrzehnt zu Jahrzehnt gewachsen ist. Hatten die Alten noch noch ein ereignisreiches Leben vor dem Eintritt in die Politik, kennen die Jungen nur noch ihren Weg nach oben.

Im Medienbetrieb ist es nicht sehr viel anders. Die derzeit in Regierung und Opposition tonangebende Politikergeneration von Erfolgs-Junkies hat es in den Führungsetagen der Redaktionen, Sendern und Fernsehanstalten mit Gleichaltrigen zu tun, die der Mode-Guru Wolfgang Joop – Jahrgang 44, so alt wie Gerhard Schröder und nur ein Jahr älter als Ex-Stern-Chefredakteur und Erfolgs-Buchautor Michael Jürgs – einmal so beschrieben hat: „Ohne Verankerung in Vergangenheit oder Zukunft passen wir uns der Chance des Augenblicks an. Unser Ego hat Priorität vor Parteien, Politik und den Parolen von gestern“.

Auch bei den Jüngeren sehe ich keine markanten Unterschiede zwischen Politikern und gleichaltrigen Journalisten. Noch haben die zwischen 1960 und 1980 geborenen Deutschen – ob Ost oder West – keine gemeinsame Physiognomie, allenfalls in ihrer ironisch-larmoyanten Selbstbespiegelung ähneln sie einander. Florian Illies machte diesen Mangel an generationeller Originalität, das fehlende Schicksal, selbst zum zentralen Merkmal der Beschreibung. „Wir sind“, schreibt er, „wahrscheinlich die erste Generation, die ihr Leben nicht mehr als authentisch empfindet, sondern als ein einziges Zitat“. Der Soziologe Heinz Bude äußerte sogar die Sorge, dass diese Generation am Ende einfach wegzudenken sein könnte. Ich zitiere: „Sie ist ganz geschickt, ganz reflexiv, gar nicht blöd – aber spurlos“.

Solche Generationsgemeinsamkeiten verstärken natürlich die Gefahr, dass Politiker und Journalisten einander ungebührlich nahe kommen. Bundeskanzler Schröder hat im vergangenen Jahr an dieser Stelle sein Verhältnis zu mir mit dem Satz beschrieben: „We had rocky times in our mariage“, und da kann ich ihm zustimmen, wenngleich der Ehebegriff mir als Bild nicht glücklich erscheint. Nicht, weil Gerd Schröder so oft verheiratet war, sondern weil er eine Intimität suggeriert, die wir beide – bei aller anfänglichen, fast noch jugendlichen Freundschaftlichkeit unserer Beziehung vor dreißig Jahren – nie empfunden haben. Wir haben uns einen vertrauensvollen Abstand erarbeitet.

Zwischen den beiden Flügeln der politischen Klasse hat immer schon ein symbiotisches Verhältnis bestanden, in Bonn wurde es durch die räumliche Nähe zusätzlich begünstigt. Der Kollege Peter Zudeick hat damals vor einem „Schmiergeld namens Nähe“ gewarnt, wobei beide Seiten sowohl als Empfänger wie als Zahler auftreten können. Wer in dieser engen Beziehung wessen Parasit ist, entscheidet sich von Fall zu Fall. Für beide Seiten gilt die schöne amerikanische Faustregel: „If you can not beat them – join them“. Wobei es natürlich immer viel schöner ist, den anderen zu besiegen, als sich an ihn ranzuwanzen.

Nicht nur die Schröders, Fischers und Stoibers betrachten die Art ihrer Medienpräsenz als eine schiere Machtfrage. Auch Journalisten in verantwortlicher Position – und ich spreche jetzt natürlich über alle außer den SPIEGEL – bekennen sich heute ungenierter den je zu ihrem Anspruch, im politischen Geschäft als gleichberechtigter Macht-Mitstreiter agieren zu wollen, obwohl sie von niemanden gewählt und legitimiert sind.

Sie fühlen sich „im Zentrum der Macht“, wie der Leiter eines Berliner Zeitungsbüros einen Kollegen wissen ließ, der sich dessen Meinungsschelte verbat. Und sie leiten daraus Jagdrechte ab. Ein erfahrener Auslandskorrespondent, der seinen Bürochef um Genehmigung für ein Politiker-Porträt bat, erfuhr von dem herablassend, dass die Zeiten, in denen Reporter Politiker begleiteten, um sie beobachten, verstehen und beschreiben zu können, nun wirklich vorbei seien. Ach, sagte da der Berlin-Neuling, und was machen wir jetzt? Antwort: „Wir jagen sie“.

Der Herausgeber der New York Times, Arthur Sulzberger, hat als Rezept gegen solchen Hochmut vorgeschlagen, dass kein Nachwuchsjournalist das College verlassen sollte, ohne wenigstens einmal selbst von den Medien an den Pranger gestellt zu werden.

Politiker fürchten solche Treibjagd-Kampagnen nicht wirklich. Sechzehn Jahre lang hat uns Helmut Kohl ausgelacht, jetzt mopst sich Joschka Fischer: „Zwölfeinhalb Stunden Primetime-Fernsehen, der Traum jedes Politikers“ .

Was ihnen die Stars der Medien inhaltlich entgegenzusetzen haben – detaillierte Kenntnisse von Sachverhalten und Personen, politische Urteilsfähigkeit und Erfahrung, schreckt die Schröders, Westerwelles , Pflügers und Co auch nicht. Ego-Gerangel sind sie gewohnt.

Aber dass die Medienfuzzis darüber hinaus mit Schlagzeilen, Bildschirmpräsenz und Sendezeiten locken, vergiftet das Klima. Denn damit sind sie nicht nur aufdringliche Konkurrenten beim Promi- Schaulaufen, sondern leider auch die Vertreiber der unverzichtbaren Wichtigkeitsdroge „öffentliche Aufmerksamkeit“. Dass sie davon abhängig sind, verzeihen die Politiprofis den Medienmenschen nie.

Nicht zuletzt deswegen ist in Berlin das Verhältnis zwischen den gewählten Amtsinhabern und der „plappernden Zunft“, wie Joschka Fischer die Journalisten abschätzig nennt, zunehmend gespannter geworden. Viele der eingespielten Selbstverständlichkeiten zwischen den beiden Flügeln der politischen Klasse haben sich verflüchtigt, der Ton wurde wechselseitig aggressiver, ja verächtlich.

Das unverkennbare Bedürfnis, es einander wenigstens einmal heimzahlen zu können, lässt nicht nur auf vergangene Kränkungen schließen. Es signalisiert einen Machtkampf. Denn die Medienleute verfügen einerseits über die Bühnen, die selbst Bundeskanzler zu ihrer öffentlichen Inszenierung brauchen. Sie inszenieren andererseits aber auch selbst politisches Geschehen, indem sie komplexe Sinnzusammenhänge in Mini-Dramen zerlegen, durch Personen verkörpern oder in symbolischen Schlüsselszenen gipfeln lassen. Damit geraten sie nahezu unausweichlich in Konflikte mit den Politikern um die Deutungshoheit. „So dürfen Sie das nicht sehen“ heißt deren Standart-Mahnung an Journalisten seit Genschers Zeiten.

Zunehmend wird die Kluft tiefer zwischen den Darstellungen, die Politiker – vor allem die jeweils verantwortlichen – von der Welt und den aktuellen wirtschaftlichen und sozialen Problemen geben, und den Bildern, die Medienmenschen dagegensetzten. Es entstehen getrennte Welten mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten. „Die Langsamkeit der Politik liefert wenig sichtbare Gestaltungskraft“, sagt Wolfgang Thierse. Im hektischen Tempo der Medienwelt nehmen die Bürger das selbst dann als Unfähigkeit war, wenn ihre eigene Erwartung oder die von den Medien suggerierte ganz und gar absurd ist.

Auf die Bildersturzbäche, die täglich über sie hereinbrechen, hochgejazzt zu Sensationen oder eingesülzt als Beiträge zur unterhaltenden Wissensbereicherung, auf die Wortlawinen und Papiermassen, die Internet-Ströme und die Bücherstapel reagieren die Bürger offenkundig mit einer wachsenden inneren Müdigkeit. Viele schalten ab. Oder sie lassen den Informationsstrom durch sich hindurchrauschen.

Das idealisierte „Prinzip Öffentlichkeit“ – seit der Aufklärung gedacht als eine Art übergreifende Gesamtvernunft – funktioniert nicht mehr. Längst hat es seine diskursfördernde und sinnstiftende Funktion für Staat und Gesellschaft verloren und sich aufgelöst in eine neue Unverbindlichkeit unterschiedlicher Teil-Öffentlichkeiten. Das Publikum macht davon nach Belieben seinen eigenständigen Gebrauch.

Dem einzelnen Journalisten, der es nach wie vor ernst meint mit der Funktionsfähigkeit einer demokratischen und sozial gerechten Ordnung, verlangt diese Lage immer aufs Neue den öffentlichen Nachweis seiner professionellen Kompetenz und seiner intellektuellen Redlichkeit ab. Er trägt als Person Verantwortung für das Bild der Welt, das er dem Publikum anbietet. Auf einen etablierten verbindlichen Überbau kann er nicht mehr zurückgreifen. Wenn er im öffentlichen Diskurs mit seinen Informationen und Meinungen gehört oder gesehen werden will, muss er sich und seine Wert- und Zielvorstellungen zu erkennen geben.

Ich selbst bin – davon habe ich in meinem Buch erzählt – bei dem Versuch, meine journalistische Zuschauerposition zu verlassen und mich auch als Zeitgenosse und Bürger zu verstehen, der gegenüber dem Vietnamkrieg, der Rassendiskriminierung und der Watergate -Affäre keineswegs neutral war, in eine lebensbedrohliche Krise geraten. Ich wollte kenntlich werden, aber ich hatte Zivilcourage nie geübt, nur gefordert.

Deshalb rede aus eigener Erfahrung, aber ich spreche nicht nur von mir. Denn ich habe die persönliche Krise durchaus auch zugleich als eine politische und eine journalistische Krise erlebt habe. Und während ich gezwungen war, mich intensiv mit mir selbst, meinen Prägungen, Gefühlen und Erfahrungen zu befassen, habe ich auch viel über andere gelernt. Das hat nicht nur mein Schreiben verändert, sondern auch meinen Blick auf die Politik und auf meine Profession.

In jedem Jahr sterben in vielen Teilen der Welt weit über hunderte Kollegen in Kriegen und Folterstätten, weil sie ernsthaft ihren Beruf ausüben, auch Deutsche. Viele werden getötet, weil sie irgendwelchen Machthabern kenntlich wurden als Beobachter der Weltöffentlichkeit. „Zensur durch Mord“ hat Freimut Duve, der Medien-Ombudsmann der Osze, solche Verbrechen genannt – einer wird umgebracht, hunderte schweigen.

Hierzulande ist Kenntlichkeit eher ehrenvoll und einträglich für Journalisten als riskant oder gar lebensgefährlich. Der Medienstar gehört zu den Privilegierten der Gesellschaft.

Unbequem wird Kenntlichkeit bei uns weniger dann, wenn sich ein Journalist als Kritiker gegen die Mächtigen der Regierung hervortut als dann, wenn er den politischen und wirtschaftlichen Interessen seines Arbeitgebers und dessen Freunden schadet. Und unbequem kann es auch sein, die eigenen Freunde zu enttäuschen, von Gegnern Applaus zu bekommen, oder aus konkreten Gründen gegen allgemeine hehre Prinzipien zu verstoßen

Die Journalistische Freiheit wird in der Bundesrepublik heute – davon bin ich nach mehr als vierzig Jahren journalistischer Praxis überzeugt, auch wenn es immer Ausnahmen gibt – viel weniger durch obrigkeitsstaatliche Pressionen bedroht als durch die weiche Knechtschaft einer eitlen Selbstverliebtheit.

György Konrad, der vor dem Fall des Eisernen Vorhangs als ungarischer Dissident Jahrzehnte unter staatlicher Bevormundung gelitten hat und bis vor kurzem der Präsident der Akademie der Künste in Berlin war, behauptet: „Jetzt ist es nicht mehr die Geheimpolizei, die bei den Bürgern Gehirnwäsche betreibt, sondern die als Abfolgen von Moden dahinwogende Oberflächlichkeit“.

Es ist ja wahr, dass die Freiheit der Journalisten – wie der Kollege Siegfried von Kortzfleisch einmal geschrieben hat – „nicht schon dadurch angefochten ist, dass es Versuche gibt, auf sie Einfluss zu nehmen oder ihnen Informationen vorzuenthalten und so fort“. Solche Versuche sind sozusagen normal.

Angefochten wird die Freiheit erst wirklich, wenn Redaktionen oder Journalisten nicht den Anfängen wehren, wenn sie leichtfertig hinnehmen, was man mit ihnen macht oder wenn sie gar in vorauseilendem Gehorsam gegenüber irgendwem vorwegnehmen, was irgendwelche Mächtigen vielleicht tun könnten. Ist nicht die vielbeklagte „Schere im Kopf“ oft eher ein Sofa im Kopf? Ausdruck von Bequemlichkeit und nicht von berechtigter Furcht vor Risiken ?

Ich weiß, liebe Kolleginnen und Kollegen, dass ich nach 35 Jahren Festanstellung beim SPIEGEL leicht reden habe. Aber sie sollten mir auch abnehmen, dass ich nicht wie ein Blinder von der Farbe spreche. Dass Journalismus auch bei uns schon mal einfacher war, ist mir nicht verborgen geblieben. Die Angst um den Arbeitsplatz ermutigt nicht zu Mutproben.

Aber wie auch immer – ein bisschen Selbstbewusstsein sollte schon sein. Wenn wir unsere Arbeit als öffentlichen Auftrag verstehen – und davon gehe ich in diesem Kreis aus – dann kann eine aufrechte Haltung nicht schaden. Redlicher Journalismus ist auch eine Charakterfrage.

Wer sich den aufrechten Gang erhalten will, der braucht ein reflektiertes Verhältnis zu sich selbst und seinen Beruf, einen verantwortlichen, bewussten Umgang mit der eigenen Subjektivität. Sich dem Leben zu öffnen und Erfahrungen zu sammeln, wird nicht auf Universitäten und Journalistenschulen gelehrt, es wird aber auch nicht offiziell behindert.

Sachkenntnis, Wissen um Zusammenhänge und eine verlässliche Personen- und Institutionen-Kompetenz sind unverzichtbare Voraussetzung für eine gut recherchierte Geschichte. Um sie jedoch erzählerisch „rund“ zu kriegen, sie richtig zu gewichten und einzuklinken in den Lebens- und Verständniskontext der Leser oder Zuschauer sollte noch eine ganz spezielle Fähigkeit zur Urteilskraft hinzukommen, wie sie der britische Philosoph Isaiah Berlin neben guten Reportern auch erfolgreichen Staatsmännern, Dompteuren, Dirigenten, Dichtern und Müttern zuschreibt. „Wirklichkeitssinn“ nennt er diese Gabe. Sie hat eher mit Verstehen zu tun als mit Wissen, und sie ist durch nichts zu ersetzen. Journalisten ermöglicht sie, bewusst oder halbbewusst die Grundmuster menschlicher oder historischer Situationen aufzunehmen und Fakten als Symptome vergangener und zukünftiger Möglichkeiten zu sehen.

Was er damit meint, beschreibt Berlin so: „Es handelt sich um eine gewisse Vertrautheit mit den relevanten Tatsachen, die sie erkennen lässt, was zu einander passt, was unter den gegeben Umständen getan werden könnte und was nicht, welche Mittel in welcher Situation und in welchem Umfang anzuwenden sind, ohne dass sie zwangsläufig erklären können, warum sie dies wissen, oder worin dieses Wissen überhaupt besteht.“ Diese Fähigkeit, die eher eine der Synthese als der Analyse ist, läßt sich nicht am Schreibtisch oder Computer erlernen, wohl aber im richtigen Leben ausbilden.

Und damit komme ich abschließend noch einmal zurück auf die Watergate-Affäre, die sich ja gerade wieder in unser aller Erinnerung zurückgemeldet hat, weil der geheimnisvolle Informant „Deep Throat“ sich selbst enttarnt hat. Bei aller schon anfangs ausgedrückter Bewunderung für die Enthüller des Kriminal-Falls „Watergate“ – dass es den amerikanischen Kollegen an Isaja Berlins Synthese-Fähigkeit gebrach, war mir schon damals aufgefallen. Denn den politischen Stellenwert der Affäre erkannten alle ausländischen Korrespondenten besser als die amerikanischen Kollegen. Die verzettelten sich in der Analyse von Analogien in Einzelaspekten zu früheren Präsidentschaften, alle Ausländer sahen Nixons kriminellen Verschleierungsversuch als eine Art verkappten Staatsstreich, als Versuch , von der Spitze aus die demokratischen Grundregeln außer Kraft zu setzen.

Ich nahm mir daher vor, in Bonn mit dem Abstand eines Auslandskorrespondenten auf das Geschehen zu blicken. Das misslang. Als einheimischer Beobachter muss man einfach dichter an die Akteure heranrücken, weil das Publikum mehr wissen will. Aber die Problematik von Nähe und Distanz habe ich seither verinnerlicht. Nur so konnte ich mich bei meinen Porträts emotional so dicht an die Akteure heranwagen, ohne Sorge zu haben, dass ich den Abstand völlig verlieren würde.

Das ist deshalb meine wichtigste Erfahrung, die ich zur Vervielfältigung anbiete; So wie jeder Mensch die Möglichkeit hat, so sollte es für jeden Journalisten selbst auferlegte Pflicht sein, sich durch reflektierte Erinnerung eine Haltung zu erwerben, eine für ihn ganz persönlich charakteristische bewegliche Beharrlichkeit im Umgang mit dem Leben.

In seiner Haltung hat die Freiheit des Journalisten ihren Rückhalt. Wie er auf Ereignisse und auf Menschen reagiert, wie er sich zur Macht und gegenüber Mächtigen verhält, das ist nicht nur individuell relevant, sondern das hat auch politische Folgen. Für mich sind dabei zwei Sätze leitmotivisch geworden. Der erste heisst: Wirklichkeit ist alles, wo man durch muss. Und der zweite ist eine Gedichtzeile von Peter Rühmkorff: „Bleib erschütterbar und widersteh“.