E-Book zu Datenjournalismus erschienen

Datenjournalismus '14 - netzwerk rechercheWas sind das für Menschen, die mit Zahlen und Daten Geschichten erzählen wollen?
Welche Herausforderungen stellen sich für den Datenjournalismus – und wo sind dessen eigene Grenzen vor dem Hintergrund jüngster Datenskandale?

Das in Kooperation mit epubli entstandene E-Book „Datenjournalismus ’14 und weitere Schwerpunkte der nr-Jahreskonferenz“ kann auf der epubli-Seite eingesehen und erworben werden. Weiterlesen

#nr14 Tweets, Pad, Social Media Wall…

Die Begleitmedien der nr-Jahreskonferenz 2014 im Überblick:

nr14: You’ll never walk alone

Viel Kompetenz und Prominenz bei der 13. Jahrestagung von netzwerk recherche auf dem NDR-Gelände in Hamburg

„You’ll never walk alone“ – so lautet in diesem Jahr das Motto der Jahreskonferenz von netzwerk recherche am 4. und 5. Juli 2014 auf dem NDR-Gelände in Hamburg. Damit nimmt die Konferenz von Journalisten für Journalisten gleich zwei journalistische Trends ins Visier: Zum einen die „Pressefreiheit in Zeiten der Massenüberwachung“, zum anderen aber auch die Tendenz zur Kooperation, Zusammenarbeit und Vernetzung von Journalisten – national, aber auch weltweit.

Auf die rund 600 Teilnehmer/innen warten knapp 100 Veranstaltungen. Mehr als 200 Referentinnen und Referenten, davon auch viele aus dem Ausland, versprechen spannende Vorträge und Diskussionen. Weiterlesen

Rede von Silke Burmester auf der nr13

Kriegsreporterin bei den (wahren) Helden der Gegenwart

von Silke Burmester, freie Journalistin und Dozentin in Hamburg

(Foto: Franziska Senkel)

(Foto: Franziska Senkel)

Auszüge aus der Rede zur Lage des Journalismus – gehalten auf der Jahreskonferenz 2013, am 15.06.2013 beim NRD in Hamburg:

Meine Damen und Herren, manchmal passiert es, dass Silke Burmester um einen Termin bittet. Für einen Artikel oder ein Interview. Und dass der Angefragte dann, meist so ein wenig verunsichert, fragt, ob sie denn mit ihrem Helm käme. Und dann muss Silke Burmester sagen, nein, ich will ja mit Ihnen über Ihre neue Geschirrlinie sprechen oder über den Ausbau von Kitaplätzen in Köln-Ost. Oder sie sagt, nein, dieser Artikel ist für Mare, das hat mit der taz nichts zu tun. Den Helm habe ich nur auf, sagt sie dann, wenn ich als taz-Kriegsreporterin unterwegs bin. Meist sind dann die Leute recht erleichtert.
Sie, meine Damen und Herren, sollten nicht erleichtert sein, denn ich bin, zu meiner Freude, als Kriegsreporterin hierher eingeladen. Ich darf, ja ich soll mit Helm kommen und das ist mir eine ganz besondere Freude. Ich glaube, ich fühle mich ein wenig so wie Eckart von Hirschhausen, nachdem er seine Arztpraxis verlassen durfte, um auf den Bühnen des Fernsehens herumzuturnen: Es ist eine Ehre, ich fühle mich befreit von den Zwängen eines 3500 Zeichen großen Kastens und freue mich, Sie 20 Minuten lang in Grund und Boden reden zu dürfen.
Als Thema hat man mir „Die Lage des Journalismus“ gegeben, was nicht nur ähnlich konkret ist, wie über das transatlantische Verhältnis zu reden oder über die Meere im Wandel der Zeit, es umgeht auch die charmante Gefahr, das Thema zu verpassen. Egal, was jetzt kommt, so lange es nur irgendwie mit dem zu tun hat, was wir tun, passt es hier her. Cherno Jobatey hat neue Schuhe? Steht in der Bunten, passt also. Horst Seehofer spricht nicht mehr. Schon gar nicht mit der Presse? Passt. Erster Cicero-Redakteur beim Twittern erwischt? Passt auch. Und, was auch ganz toll ist: Es ist mein Lieblingsthema. Ich kann mir quasi nichts Schöneres vorstellen, als zu gucken wie die Lage ist. Im Journalismus. Dafür habe ich einen Feldstecher und einen Helm, und wenn ich aktuell gaaaaanz weit nach Süden gucke und das Augenmerk auf Griechenland richte, dann muss ich sagen: Die Lage ist beschissen.
Da wurde mir nix dir nix, von jetzt auf eben im wahrsten Sinne des Wortes, dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk der Stecker gezogen. Von jetzt auf eben, 5 Fernsehsender, 29 Radiostationen abgeschaltet. Bums aus, Sendeschluss. Ist ja nur der öffentlich-rechtliche Sender. Es sei, so hat jemand gesagt, als schalte man die BBC ab. Also, mal ehrlich, das halte ich jetzt für ein wenig übertrieben, schließlich kann ich mich nicht daran erinnern, irgendwelche grandiosen griechischen Fernsehserien gesehen zu haben oder preisgekrönte Tier-Dokus. Nicht einmal auf Phoenix oder Bibel-TV. Und so ein richtig fetter Missbrauchsskandal, bei dem sich ein Starmoderator über Jahrzehnte im Schutze seiner Kollegen des ihn anhimmelnden, jugendlichen Publikums sexuell bedient hat, ist mir auch nicht zu Ohren gekommen. Aber selbst wenn es stimmt, dass ERT ein verschlafener, ultralangweiliger Sender war, der über die geschmackliche Attraktivität von Rezina nicht hinauskommt, ein Hammer ist das schon.
Und jetzt stelle ich mir vor, wie es wäre, wenn man hier in Deutschland den Stecker zöge. Allein hier beim NDR. Schließen Sie, verehrtes Publikum, für einen Moment die Augen und sehen Sie sie vor sich, die Redakteure und Techniker, die Programmplaner, die Intendantenassistentinnen und Moderatoren, die Kameraleute und Abteilungsleiter, wie sie verzweifelt, verwirrt über die Flure irren, den Schalter suchend, mit dem das Ganze wieder los geht. Wie sie, wie nach einem Erdbeben, nicht fassen könnten, was da geschehen ist und etwas greifen möchten, das nicht zu greifen ist. Und dann stelle ich mir vor, wie sie alle vor dem Gebäude stehen und im Angesicht des Aufgabenverlustes auch die Bedeutung weg ist. Und wie egal es auf einmal ist, dass eben noch jemand die Tagesthemen moderiert hat oder das Recht hatte, am Programm rumzumosern und unliebsame Beiträge rauszunehmen. Dass eben einer noch Tom Buhrow, Judith Rakers war oder Frank Beckmann ist völlig egal, wenn er oder sie jetzt neben der Cutterin Karin Schulze steht und beide keine Aufgabe mehr haben, weil es ihren Sender nicht mehr gibt.
Diese Vorstellung gefällt mir natürlich sehr gut. Und dann hört es auch schon auf. Dann nämlich mache ich es mir bewusst, was es heißt, wenn in einem Land, das uns sehr nahe ist, weil wir seit Jahrzehnten dort Urlaub machen, weil wir seine Oliven so lieben und so gern beim Griechen Essen gehen, ein Land, dessen Menschen seit 40 Jahren bei uns leben, wenn in diesem Land, in einem Staat der EU, mal so eben der öffentlich-rechtliche Rundfunk abgeschaltet wird. Weil ein Machthaber es so bestimmt.
Und ich dann sehe, was wir deutsche Journalisten tun. Bzw. nicht tun. Dann schäme ich mich. Dann würde ich gern in meinem Beobachtungsgraben verschwinden. Wo, so frage ich, ist unser Aufschrei der Empörung? Wo ist das Entsetzen über so eine Handlung? Wo die Solidarität mit einem Volk, das seine unabhängige Berichterstattung, eine Hüterin der Demokratie, verliert? Müssten nicht gerade wir, wir Journalisten in Deutschland wissen, welche Gefahren darin stecken? Was ist das für eine läppische Berichterstattung die letzten Tage? Ich begreife schlicht nicht, was wir für ein Verständnis von uns und unserem Beruf haben. Es kann doch nicht sein, dass es immer nur darum geht, dass Medienmänner in teuren Anzügen sich mit Phantasien wie dem Verschwinden der Media-Agenturen oder Bezahlung nach Klicks vor die Kameras drängen. Was sind wir für komische Leute, die wir hier sitzen und über „Traumjob Journalist“ reden, anstatt den Kolleginnen und Kollegen unsere Solidarität zu beweisen? 1340 Zeichen ist die Solidaritätsbekundung, die der DJV als Pressemitteilung irgendwo hingeschickt hat, lang. Na super.

Rede von Armin Wolf auf der nr13

Traumjob Journalist – eine Liebeserklärung

von Armin Wolf, stellvertretender Chefredakteur des Österreichischen Rundfunks.

(Foto: Ruben Neugebauer)

(Foto: Ruben Neugebauer)

Diese Rede hielt Armin Wolf auf der Jahreskonferenz 2013, am 14. Juni 2013 beim NDR in Hamburg:

Im November 1989 war ich 23 und seit knapp zwei Jahren freier Mitarbeiter in der Außenpolitik-Redaktion des ORF-Hörfunks in Wien. Am Montag, dem 20. November sollte ich nach Karl-Marx-Stadt fahren, das hieß damals noch so, für eine Reportage aus der noch existierenden DDR, wenige Tage nach dem Mauerfall. Weiterlesen

Das nr13-Pad

Das nr13-Pad – Links, Tipps & Tricks

Dieses Pad soll helfen, all die spannenden Geschichten, nützlichen Links, Tipps, Tricks und Empfehlungen der nr-Jahreskonferenz 2013 zu notieren und mit anderen zu teilen.

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Verklick dich mal! Tipps und Tricks für die Personenrecherche im sozialen Netzwerk „Facebook“
von Claudia Jentsch

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Eine Reise an und hinter die Ränder der Wikipedia : Wikipedia als Recherche- und Navigationsinstrument
von Albrecht Ude
Eine Reise an und hinter die Ränder der Wikipedia von Albrecht Ude [PDF, 24 S., 61 KB]

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Verschlüsselt kommunizieren (Boris Kartheuser und Marco Maas)
Mailen und Chatten mit PGP und OTR

Diese Liste enthält die relevanten Hyperlinks auf Programme und deren Dokumentationen für Verschlüsselung von Daten
und Kommunikation.

Alle genannten Programme sind freie und quelloffene Software.

GPG4win
Die Programmsammlung bietet einfach zu bedienende Windows-Tools rund um die Verschlüsselung von Mails

Download:
http://www.gpg4win.de

Anleitung:
http://gpg4win.de/handbuecher/einsteiger.html

GPGTools
Das Äquivalent für Apple-Betriebssysteme

Download:
https://gpgtools.org

Thunderbird
E-Mail-Programm der Mozilla Foundation.

Download:
http://www.mozilla.org/de/thunderbird

Anleitung:
http://www.verbraucher-sicher-online.de/anleitung/mozilla-thunderbird-3-fuer-sichere-e-mail-kommunikation-einrichten
(deutsch)

Enigmail
Ein Addon (Zusatzprogramm) für Thunderbird, mit dem die Verschlüsselungssoftware GnuPG in das
Mailprogramm eingebunden wird. Damit wird Mailverschlüsselung richtig einfach.

Download:
https://addons.mozilla.org/de/thunderbird/addon/enigmail

Thunderbird und GnuPG mit Enigmail

Anleitung:
http://www.verbraucher-sicher-online.de/anleitung/e-mails-verschluesseln-in-mozilla-thunderbird-mit-enigmail-und-gnu-privacy-guard
(deutsch)

Pidgin
Chatprogramm für Windows-PCs

Download:
http://www.pidgin.im/download

Anleitung:
http://www.investigativerecherche.de/eine-anleitung-zum-sicheren-chatten-mit-truecrypt-und-pidgin-otr-2
(deutsch)

Adium
Chatprogramm für Apple-Macintosh Computer

Download:
http://adium.im

Anleitung:
http://www.macjabber.de/anleitung-adium/

OTR-Plugin für Pidgin und Adium
„Off-the Record Messaging“, ein Zusatzprogramm, um die Verschlüsselung in die Chat-Clients einzubinden.

Download:
http://www.cypherpunks.ca/otr/index.php#downloads

Anleitung:
http://www.investigativerecherche.de/eine-anleitung-zum-sicheren-chatten-mit-truecrypt-und-pidgin-otr-2
(deutsch)

Digitaler Selbstschutz – Daten sichern mit Truecrypt und Co.

Truecrypt
Programm zum Verschlüsseln ganzer Festplatten oder von Teilen davon. Kann auch auf portablen Speichermedien wie USB-Sticks verwendet werden.

Download:
http://www.truecrypt.org/downloads

Anleitung:
http://www.investigativerecherche.de/eine-anleitung-zum-sicheren-chatten-mit-truecrypt-und-pidgin-otr-2
(deutsch)

Keepass
Password-Manager (mit portabler Version)

Download:
http://keepass.info/download.html

Hintergrundwissen

Das Cryptoparty-Handbuch: http://booki.cc/cryptoparty-handbook/how-to-cryptoparty/

Computersicherheit

Qualifizierter Selbstschutz : 11 Schritte zum sicheren Rechner.
von Albrecht Ude – 07.12.2011
Computersicherheit von Albrecht Ude [PDF; 66 KB]

Grußwort von Thomas Krüger (2010)

Das Gewissen unserer Zeit – von Thomas Krüger

Grußwort beim Jahrestreffen des netzwerk recherche 2010: „Fakten für Fiktionen. Wenn Experten die Wirklichkeit dran glauben lassen“,
9./ 10.Juli 2010 in Hamburg

„Nichts ist mehr so, wie es einmal war“ – mit diesem geflügelten Wort beschreiben Menschen seit dem 11. September gelegentlich Zäsuren von weltpolitischem Ausmaß. Es ließe sich aber ebenso gut auf die mediensystemischen Verwerfungen anwenden, die wir aktuell erleben: Die Wirtschaftskrise hat offenkundig Spuren hinterlassen – und sie ist nicht vorüber, jedenfalls noch nicht ganz.

Die Zeiten ändern sich radikal, auch und vor allem im Journalismus. Und lassen Sie mich dazu eines gleich vorwegschicken: Die Revolution durch das Internet ist keine Schimäre – und sie war es auch nie. Sie ist plötzlich greifbar geworden, überaus konkret und nicht mehr so abstrakt wie noch vor einigen Jahren. Wir merken inzwischen stärker am eigenen Leib, wie uns diese Veränderungen im Alltag begegnen: am Arbeitsplatz, auf Reisen, im Supermarkt, in der Behörde, aber auch in der täglichen Kommunikation mit unseren Freunden. Das Netz ist also längst kein Nebenthema mehr, sondern es prägt jeden Bereich unseres Lebens – im Positiven wie im Negativen.

Das Internet hat unsere Gesellschaft inzwischen fest im Griff. Ob wir diesen nun als Würgegriff empfinden oder ihn uns als Griff einer Tür vorstellen, hinter der sich Welten mit unglaublichen Möglichkeiten verbergen, liegt wie so oft im Auge des Betrachters. Es hängt aber zu einem wesentlichen Teil auch davon ab, ob dieser Betrachter einen professionellen Bezug zum Internet hat oder nicht.

Der Journalismus gehört zu jenen Berufen, die von den Umwälzungen durch das Internet mit Abstand am Stärksten betroffen sind. Dass sich dieser Wandel zum jetzigen Zeitpunkt in erster Linie negativ auf die ökonomische Situation der Medien auswirkt, ist zum Teil sicher fremdverschuldet. Der ökonomische Negativtrend ist allerdings kein Naturgesetz, sondern auch eine Konsequenz der Unterlassungssünden von Verlagen und Medienunternehmen. Die Verleger und Medienunternehmen haben es versäumt, frühzeitig Bezahlmodelle für ihre Online-Inhalte zu etablieren, um damit eine eigenständige Online-Qualität ihrer Angebote zu sichern. Jetzt müssen die Journalisten plötzlich zusehen, wie sie sich in Zukunft gegenüber nicht-journalistischen Informations- und Unterhaltungsangeboten behaupten, und müssen sich arg verspätet damit befassen, wie sich der technologische Wandel insgesamt auf das mediale und damit unser politisches System auswirken könnte.

In meiner Wahrnehmung ist es ein Paradoxon, dass heute zwar gerne und viel von Medienkonvergenz geredet wird, aber dass das Verständnis darüber, was das konkret bedeutet und welche Regeln gelten, im Journalismus erst schwach ausgebildet ist. Das, was jahrzehntelang getrennt war, wächst im Internet zwangsläufig zusammen. Und weil sich Journalisten jahrzehntelang entweder mit Wort, mit Ton oder Bild beschäftigt haben, neigen sie häufig dazu, die Probleme des Journalismus nicht im Großen und Ganzen zu betrachten, sondern aus ihren jeweils unterschiedlichen Gattungen – ob Presse, Radio oder Fernsehen – heraus zu interpretieren. Im Netz aber vermischen sich die hergebrachten Medien und darin liegt auch eine immense Chance, den Journalismus weiterzuentwickeln.

Ich gehöre jedenfalls nicht zu denjenigen, die das Internet und diejenigen, die es nutzen, per se verteufeln. Die Hybris, die manche Journalisten an den Tag legen, wenn sie wahllos auf Blogger oder Kommentatoren schimpfen, ist nicht nur töricht, sondern auch gefährlich: Wer die Bedürfnisse der Nutzer und Leser nicht ernst nimmt, wird sie auf Dauer verlieren. Es ist ja kein Geheimnis mehr, dass sich das Kräfteverhältnis zwischen Produzenten und Konsumenten zugunsten der Letzteren verschiebt – und damit müssen Sie als Journalisten umgehen.

Der Siegeszug des Internets hat den Printjournalismus in eine Identitätskrise gestürzt – an der die Branche jedoch eine Mitschuld trägt. Denn ob das Internet nun gut oder schlecht für den Journalismus ist, hängt ja davon ab, ob und wie man es professionell einsetzt. Es kann aber, soviel ist sicher, durch seine spezifische Beschaffenheit im Vergleich zu anderen Medien, das Erscheinungsbild journalistischer Angebote und deren handwerkliche Qualität entscheidend aufwerten.

Es gibt natürlich auch die Kehrseite des Internet, die Sie alle aus Ihrer beruflichen Praxis kennen: Die subkutanen Einflüsse auf den Journalismus durch gesteuerte PR-Informationen häufen sich und gefährden die journalistische Integrität. Die zunehmende Verschmelzung von Informations- und Entertainment-Industrie bleibt auch für den Journalismus nicht folgenlos – mitunter sind diese beiden Ebenen kaum mehr trennscharf; und nichtsdestoweniger hat das Internet auch die Expertenkultur revolutioniert, indem immer häufiger Informationen von selbst ernannten Experten an die Adresse der so genannten „seriösen Medien“ gelangen und von dort ungeprüft weiter verbreitet werden.

Die Tagung des Netzwerk Recherche behandelt also ein hochsensibles, statisch aufgeladenes Reizthema, das alle genannten Problemzonen des Journalismus – von der Bequemlichkeit der Journalisten über die PR-Durchdringung bis hin zur Experteninflation – streift und über das nicht immer gerne gesprochen wird.

Sie kennen vielleicht noch die unrühmliche Anekdote über einen renommierten Politikwissenschaftler, der kurz nach dem 11. September 2001 von einem Praktikanten interviewt werden sollte: Der Praktikant, der für eine große deutsche Sendeanstalt arbeitete, wurde mit einem Kamerateam in das Büro des Politikwissenschaftlers geschickt, um einige O-Töne für einen Beitrag einzufangen. Die erste Frage des Praktikanten an den Politikwissenschaftler vor laufender Kamera lautete: „Ich bin nur der Praktikant des Senders. Haben Sie einen Vorschlag, was ich Sie fragen könnte?“ Der Politikwissenschaftler antwortete: „Was wollen Sie denn wissen, junger Mann?“ Der Praktikant entgegnete: „Ich habe keine Ahnung. Man hat mich hergeschickt, weil niemand sonst Zeit hatte.“

Diese Geschichte hat sich inzwischen bestimmt schon hundertfach in allen möglichen Nuancierungen wiederholt, vielleicht in mehr oder weniger drastischer Ausprägung. Nun war es in jenem Fall so, dass der Politikwissenschaftler auch wegen der Erfahrung mit seinen Studenten souverän mit der Situation umgegangen ist und der Praktikant schließlich doch mit guten O-Tönen zurück in die Redaktion kehren konnte. Ich hielte es aber für ein Signal höchster Alarmstufe, wenn heute noch auf diese Weise O-Töne im Hauptabendprogramm der großen Fernsehsender platziert werden könnten. Was wäre, wenn der Praktikant keinen Politikexperten interviewt hätte, sondern ein Mitglied von Al-Kaida oder einen Scientologen? Das hätte im einen wie im anderen Fall ganz böse ins Auge gehen können.

Ich will Ihnen noch eine andere kurze Begebenheit erzählen, diesmal aus der Presse: Ein bekannter Terrorexperte hat mir berichtet, er sei Ende 2005 von einer überregionalen Tageszeitung zu einem kurzen Interview zur Entführung von Susanne Osthoff im Irak gebeten worden. Damals ging bei einem Mitarbeiter der ARD in Bagdad eine Videobotschaft ein, in dem die Osthoff-Entführer von der Bundesregierung ein Ende der deutschen Unterstützung für den Irak forderten – mit einem Ultimatum von drei Tagen nach Ausstrahlung des Films im deutschen Fernsehen. Sie erinnern sich vielleicht, dass die ARD das Video damals nur als Standbild gezeigt hat, um sich nicht zum Mittäter des Geschehens machen zu lassen.

Der Terrorexperte erzählte mir jedenfalls, er sei vom stellvertretenden Chefredakteur der Tageszeitung angerufen worden, der ihn um ein kurzes Mail-Interview zu diesem Erpressungsversuch bat, das am Folgetag auf Seite eins als Beisteller zu einem größeren Aufmacher erscheinen solle. Der Experte hatte schon einige Statements zu ähnlichen Themen gegeben, daher betrachtete er die Anfrage als keine große Sache. Der stellvertretende Chefredakteur schickte ihm also einige Fragen per Mail, und der Terrorexperte beantwortete diese innerhalb kürzester Zeit. Nachdem er seine Mail abgeschickt hatte, erhielt er 10 Minuten später einen Anruf des Chefredakteurs der Zeitung, der ihn fragte, ob er denn die Sache wirklich so sehe wie beschrieben, denn man müsse doch das und das noch bedenken. Und ob er nicht etwas mehr zu den Umständen sagen könne, wie Terroristen die Medien eigentlich für ihre Zwecke benutzten. Der Experte sagte: „Nein, das sehe ich tatsächlich so, und wenn ich Ihnen noch mehr darüber erzähle, wie Terroristen Medien instrumentalisieren, besteht doch die Gefahr, dass es Nachahmungstäter gibt, und deshalb möchte ich das nicht.“ Der stellvertretende Chefredakteur gab sich aber mit der Antwort nicht zufrieden und insistierte: Wenn es bei der Aussage bliebe und er nicht mehr dazu sagen wolle, müsse er sich möglicherweise nach einem anderen Experten umschauen. Dem Terrorexperten wurde das nun allmählich zu bunt, und er sagte dem stellvertretenden Chefredakteur: „Wenn Sie wirklich in einem Interview Anleitungen für Terroristen abdrucken wollen, handeln sie grob fahrlässig und verantwortungslos. Außerdem werde ich Ihre Recherchemethoden publik machen und meine Kollegen warnen.“ Der stellvertretende Chefredakteur legte schweigend auf, das Interview erschien am nächsten Tag in der Originalfassung.

Dieses Beispiel hat es in sich. Es verdeutlicht zum einen, dass sich Journalisten hin und wieder die Realität zurechtbiegen, wenn sie ihnen nicht passt – und das nicht nur auf Ebene von Praktikanten, sondern offenbar an höchster Stelle. Das Ganze nennt man wohl Thesenjournalismus, wenn Redaktionen wild herumtelefonieren, um geeignete Statements einzusammeln, die die These eines Beitrags stützen oder widerlegen können. Zum anderen finde ich den beinahe aggressiven Ton, der hier angeschlagen wurde und die Drohung, das Interview nicht zu publizieren, wenn dessen Aussagen nicht geändert werden, alles andere als professionell. Es muss auf den Experten ja so wirken, als dürfe er seine Meinung nicht unabhängig äußern, weil er ansonsten damit rechnen muss, dass sie bei Widerworten gar nicht erst publiziert wird – obwohl er ja angefragt wurde. Ich glaube, es wird an diesem Beispiel klar, dass sich Experten auf gar keinen Fall zum Spielball journalistischer Interessen umfunktionieren lassen dürfen, weil sie sonst ihre Glaubwürdigkeit verlieren.

Mein drittes und letztes Beispiel ist kurz. Es geht um all die Verlockungen und Halbwahrheiten im Internet, die eine neue Recherchekultur haben entstehen lassen. Sie alle erinnern sich noch an die Geschichte um den „falschen Wilhelm“, den ein Scherzbold als elften Vornamen des ehemaligen Bundeswirtschafts- und heutigen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg frei erfunden und in die Enzyklopädie Wikipedia eingegeben hatte. Mich hat damals erstaunt, wie viele so genannte „seriöse Medien“ diesen elften Vornamen ungeprüft übernommen haben, ohne zusätzliche Quellen zu konsultieren.

Bei diesem Beispiel handelt es sich keineswegs um eine Bagatelle. Denn dieser Hoax, also eine Falschmeldung oder ein Irrläufer, der über das Internet gestreut wird, sollte uns zweierlei zu denken geben: Dass das Wissen der Massen gelegentlich überprüft werden muss, weil die Möglichkeiten zur Manipulation im Internet schier grenzenlos sind. Und dass es heute umso mehr glaubwürdige, professionelle Informationsquellen geben muss, denen ich als Nutzer vertrauen kann. Die Vielstimmigkeit im Netz ist zwar urdemokratisch und stellt grundsätzlich einen Mehrwert dar – aber im Falle von wichtigen Nachrichten gilt umso mehr die Devise „Viele Hobby-Köche verderben den Brei“.

Das Ernüchternde aber ist: Auch im Journalismus selbst wird manipuliert, und zwar jeden Tag und in fast jeder Redaktion. Es hat mich nicht überrascht zu hören, dass es in vielen deutschen Redaktionen „Giftlisten“ gibt mit Namen von Experten, die nicht zu Wort kommen dürfen, weil ihre Meinung nicht der Redaktionslinie entspricht oder der Chefredakteur sie persönlich nicht leiden kann. Während einige Experten für Ihre Auftritte etliche hundert Euro Honorar bekommen, können andere noch nicht einmal einen feuchten Händedruck erwarten für die Bereitschaft, dem Publikum Auskunft zu geben. Jedes Jahr werden hunderte von Expertengesprächen geführt, von denen viele nicht gedruckt oder gesendet werden, weil sie den Redaktionen später aus inhaltlichen Gründen nicht mehr in den Kram passen oder ein anderer O-Ton prägnanter war. Viele Experteninterviews werden so lange frisiert und zurechtgestutzt, bis vom ursprünglichen Gespräch nur noch ein entstellter Korpus übrig bleibt. Ich weiß, dass viele Reporter von den Redaktionen mit dem Auftrag vor die Tür geschickt werden, um Statements einzuholen, die eine bestimmte These stützen sollen. Ich habe gehört, dass es in vielen Fernseh-Talkshows B- und C-Listen für Experten gibt, die zur Sicherheit von den Redaktionen angefragt, aber gleich wieder ausgeladen werden, sobald ein A-Listen-Experte zugesagt hat. Und schließlich kommt es auch vor, dass Experten letztlich auch den platten technischen Widrigkeiten zum Opfer fallen, weil das Licht falsch gesetzt oder der Kopf nicht richtig angeschnitten war.

Ich kann nur mutmaßen, dass einige Journalisten solche Redaktionsgeheimnisse gar nicht mehr schockieren, weil viele von ihnen das in ihren Redaktionen genau so praktizieren. Das sollte es aber, denn es verdeutlicht, wie unredlich manche Medien zunehmend arbeiten. Es zeigt nicht nur, dass die Performance und Sprachgewalt in der Expertenauswahl wichtiger sind als Kompetenz und Reflexionsniveau, sondern auch, dass sich Journalisten mitunter die Wirklichkeit zum Untertan machen wollen. Und ich meine damit nicht unbedingt die einschlägigen Medien der Boulevardfraktion – nein, es geht auch und gerade um die so genannten Qualitätsmedien. In vielen Redaktionen rangiert Prominenz heute weit vor Kompetenz. Es ist ein bedenkliches Signal, wenn hier sogenannte „Gesichtsbekannte“ – so der Journalisten-Jargon – Experten, Politiker und andere Akteure den Vorrang erhalten. Hier ist es Zeit zum Umdenken. Im Zentrum der Expertenauswahl muss künftig das nachgewiesene Erfahrungswissen, die abgeklärte Substanz und die Validität der jeweiligen Analysen stehen.

Worauf ich hinaus will: Ich finde es wichtig und richtig, dass sich das Netzwerk Recherche selbstkritisch dieses heißen Themas angenommen hat. Der Journalismus genießt nicht mehr das Vertrauen, das er einmal hatte, das er sich über viele Jahrzehnte hart erarbeitet hat. Sein Publikum hat ihm großen Glauben geschenkt, und dieser Verantwortung sollte er sich bei jeder Zeile und Sendeminute bewusst sein. Journalisten sollten sich nicht als „Hohepriester“ der Information aufspielen, wie es der Internet-Experte Jeff Jarvis neulich im Interview mit Focus Online ausdrückte. Sie sollten niemals Begebenheiten und Ereignisse nach ihren Vorstellungen formen, sondern berichten, was Sache ist. Und sie sollten niemals die Privilegien ihres Berufes missbrauchen, indem sie sich durch ihr Herrschaftswissen Vorteile erschleichen. Wenn Journalisten dies nicht beherzigen, laufen Sie Gefahr, das in sie gesetzte Vertrauen endgültig zu verspielen.

Der Journalismus sollte sich stattdessen auf seinen kulturgeschichtlichen Stellenwert, seine ureigenen Talente, Tugenden und Techniken zurückbesinnen: der Recherche, der unabhängigen Prüfung von Quellen, der Hartnäckigkeit, Politikern auf den Fersen zu bleiben und der Fähigkeit, den Bürgern unsere komplizierte Welt näherzubringen und die Mitglieder unserer Gesellschaft zu integrieren, vor allem aber der wahrheitsgetreuen Darstellung, Spiegelung und Kommentierung von Gewesenem, Aktuellem und Kommendem. Journalisten sollten das sein, was sie schon immer waren: das Gewissen unserer Zeit – eine Instanz, der wir unser Vertrauen schenken und in dessen Hand wir die öffentliche Kontrolle und Kritik der Mächtigen unseres Landes aus Politik, Wirtschaft und Kirche legen können. Wenn Sie als Journalisten das weiterhin schaffen, brauchen wir uns vor einer Krise der Expertenkultur nicht zu fürchten.

Experten: Zehn Thesen von Prof. Holger Wormer

Beitrag zur Jahreskonferenz 2010
Fr./Sa., 09./10. Juli 2010, Hamburg

von Holger Wormer, Professor für Wissenschaftsjournalismus an der TU Dortmund

1. Experten nehmen eine zentrale Rolle in der journalistischen Berichterstattung ein. Ebenso zentral ist daher die Fähigkeit, geeignete Experten zu finden, zu bewerten und kritisch zu hinterfragen.

2. Expertenurteile dienen häufig als Surrogat für eine echte Auseinandersetzung mit komplexen Themen. Tatsächlich entbinden Expertenurteile Journalisten nicht von der Pflicht, sich selber in ein Thema einzuarbeiten. Eigenrecherche senkt die Abhängigkeit von reinen Expertenaussagen.

3. Der Respekt vor Experten und der Gültigkeit ihrer Aussagen ist zu groß. Journalisten fehlt aber häufig das notwendige Wissen und die Fähigkeit, die Rolle von Experten einzuschätzen. Dabei bietet gerade das Internet Chancen, Experten schnell richtig einzuordnen, weitere geeignete Experten zur Überprüfung zu finden sowie umgekehrt Expertennetzwerke und Abhängigkeiten zu analysieren.

4. Der Anspruch an einen Experten hängt auch von der Tragweite seiner Aussagen ab. An den Fußballexperten oder den „Erklärbär“ für physikalische Phänomene auf der Basis von Schulwissen sind andere Anforderungen zu stellen als an den Gesundheitsexperten, der weit reichende Empfehlungen gibt, die über Heilung und Krankheit, unter Umständen über Leben oder Tod entscheiden können.

5. Ist ein „Experte“ einmal als solcher in den Medien präsent, kommt es schnell zum Recycling der immer gleichen Köpfe auf allen Kanälen. Nicht selten mutiert der Experte auf einem hochspeziellen Gebiet dabei zu einer Art „Universalexperten“ für vieles.

6. Ein Experte muss nicht zwangsläufig Wissenschaftler sein; ein international erfahrener Fußballtrainer hat durchaus Expertenstatus auf seinem Gebiet. Für Zuschauer, Zuhörer und Leser muss aber jederzeit klar sein, worin die Kompetenzen und Grenzen eines präsentierten Experten liegen. Wird der Anschein von Wissenschaftlichkeit erweckt, so muss der Experte auch über eine wissenschaftliche Expertise auf dem entsprechenden Gebiet verfügen. Ein Unternehmensberater ist kein wissenschaftlicher Experte, auch wenn er gerne als solcher auftritt.

7. Journalistische Grundregeln wie das Einholen einer Gegenmeinung können im Falle von Expertenstatements zu Verzerrungen führen („balance as bias“). Ohne entsprechende Einordnung bekommen wissenschaftliche Außenseitermeinungen oft ein überproportionales Gewicht in der Berichterstattung: Es entsteht der Eindruck eines großen Expertenstreits, obwohl unter den eigentlichen Experten ein praktisch vollständiger Konsens herrscht (Beispiel Klimawandel).

8. Die Wissenschaft selbst hat formale Kriterien für die Bewertung von Experten entwickelt, die auch Journalisten für einen ersten „Experten-Check“ unbedingt nutzen sollten. Dazu gehören Fachpublikationen (in angesehenen Verlagen und möglichst begutachteten („peer reviewed“) Fachzeitschriften), Zitierhäufigkeit in der jeweiligen scientific community, Ruf der Person und seiner Institution unter Fachkollegen, Drittmittel, Forschungspreise, Patente und Lehrerfahrung. Wenngleich diese Kriterien nur Anhaltspunkte geben und zum Teil ambivalent sind (z.B. Drittmittel), ließen sich damit bereits die meisten Scharlatane erkennen.

9. Der Staat gefährdet mit einer an ökonomischer Prinzipien ausgerichteten Forschungspolitik, einem mitunter absurden Wettbewerb bei gleichzeitig fortschreitender Unterfinanzierung der Hochschulen eine zumindest prinzipielle Unabhängigkeit wissenschaftlicher Experten. Die zunehmend nur zeitlich befristete Förderng von Projekten, die Forderung nach Medienpräsenz der Institution und der Zwang zur Verwertbarkeit möglichst vieler Forschungsergebnisse erhöht den Drittmitteldruck auf Wissenschaftler und zerstört ihre relative Unabhängigkeit. In Bereichen wie der Medizin gibt es kaum noch einen „unabhängigen Experten“.

10. Umgekehrt funktioniert der verbreitete journalistische Reflex „Wissenschaftler xy erhält auch Projektmittel von Unternehmen z und ist deshalb nicht glaubwürdig“ in dieser einfachen Form nicht mehr. In vielen Fällen – etwa bei Ingenieuren – sind Drittmittel aus der Industrie sogar ein besonderes Zeichen für Expertise auf einem bestimmten Gebiet. Voraussetzung ist dabei ein transparenter Umgang des Experten mit solchen Finanzierungen und ggf. die Erklärung eines „conflict of interest“.

Grußwort von Lutz Marmor (2010)

Grußwort des NDR-Intendanten Lutz Marmor auf der Jahrestagung 2010: „Fakten für Fiktionen. Wenn Experten die Wirklichkeit dran glauben lassen“,
9./ 10.Juli 2010 in Hamburg

 

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,

auch von mir: Herzlich Willkommen zur Jahrestagung von Netzwerk Recherche! Wir sind zum neunten Mal in Folge Gastgeber der Konferenz. Das freut mich, denn ich schätze diese Veranstaltung. Sie passt gut zum NDR.

Der NDR hat in diesem Jahr sein Engagement noch einmal verstärkt. Wir freuen uns, Ihr Gastgeber zu sein!

Vielerorts wird mit großem Aufwand versucht, Medienkongresse zu initiieren, ich nenne nur den Internationalen Mediendialog in Hamburg. Die Jahrestagung von Netzwerk Recherche – eine Veranstaltung von Journalisten für Journalisten in den Räumen des NDR – ist fest etabliert. Darauf können Sie stolz sein. Ein Blick auf das Programm zeigt, dass es auch in diesem Jahr wieder gelungen ist, interessante Themen zu finden und hochkarätige Referenten zu gewinnen.

Je schwieriger die Zeiten werden, desto wichtiger ist es, in die Qualität der eigenen Arbeit zu investieren. Recherche – jedenfalls dann, wenn Sie über den zweiten Telefonanruf hinausgeht – macht Arbeit und sie kostet Geld. Doch die Investition lohnt sich – Ihnen brauche ich das nicht näher zu erläutern.

Mit dem Reporterpool von NDR Info haben wir ein Modell zur Verbesserung von Recherche gefunden, das inzwischen andere Unternehmen – zum Beispiel die WAZ Mediengruppe – kopieren. Damit verlieren wir vielleicht ein Alleinstellungsmerkmal, aber wir sind dennoch froh über diese Entwicklung. Guter Journalismus nützt allen und ist im digitalen Zeitalter wichtiger denn je.

Er bleibt, das gebe ich gerne zu, eine ständige Herausforderung. Sie brauchen die richtigen Leute, einen langen Atem, die nötigen finanziellen Mittel – und – das wird immer wichtiger – eine gute Rechtsabteilung. Je mehr Sie recherchieren, desto größer wird die Anzahl an juristischen Verfahren. Immer öfter versuchen Firmen oder Privatpersonen mit juristischen Mitteln unliebsame Berichterstattung zu verhindern. Oft geht es dabei nicht um den Kern der Sache, sondern um Nebensächlichkeiten. Wird ein Teilerfolg errungen, wird das öffentlichkeitswirksam per Pressemitteilung verkündet, obwohl der Kern der Berichterstattung davon unberührt bleibt.

Solche Fälle erleben wir häufig. Deshalb möchte ich an Sie appellieren: Übernehmen Sie diese Pressemitteilungen von Unternehmen nicht ungeprüft! Natürlich auch nicht die des Senders. Fragen Sie zumindest beide Seiten und bilden Sie sich ein eigenes Urteil!
Allzu oft feiern Unternehmen einen Sieg, den sie gar nicht errungen haben. Das geschieht mit Hilfe von Journalistinnen und Journalisten, die sich ihre Arbeit zu einfach machen – man könnte auch sagen: sich gar keine Arbeit machen.

Die häufigen Klagen zeigen auch: Die Anforderungen an die Journalistinnen und Journalisten, bis in die Details sorgfältig zu arbeiten, steigen.

Wir verlangen von unseren Leuten korrekte und sorgfältige Arbeit. Wenn etwas Falsches behauptet wurde, muss das im Programm richtig gestellt werden. Auch das gehört zur journalistischen Sorgfaltsplicht. Der Druck finanzstarker Lobbyisten darf umgekehrt aber nicht dazu führen, Berichterstattung zu verhindern!

In Anlehnung an das Zitat von Wilhelm Busch auf Ihrem Programmheft könnte man auch sagen: „Manche Prozesse sollen nicht, manche brauchen nicht, manche müssen geführt werden.“

Die Entwicklung, mit juristischen Mitteln gegen Journalistinnen und Journalisten vorzugehen, ist nicht neu – bei mir weckt sie den Kampfgeist. Auch das gehört zur journalistischen Ehre: Wenn wir Recht haben, werden wir auch dafür streiten, Recht zu bekommen.

Ich weiß, dass nicht jedes Medium die finanziellen und personellen Kapazitäten hat, sich so zu wehren wie der NDR. Ein großer Verlag darf aber genau so wenig wie ein öffentlich rechtlicher Sender klein beigegeben, wenn versucht wird, mit juristischen Mitteln Journalismus zu verhindern.

Wir werden das Verhalten von Unternehmen auch in unseren Sendungen thematisieren – in der Hoffnung, damit die Hürde für Klagen auch gegen andere zu erhöhen.

Abmahnungen und einstweiligen Verfügungen sind immer wieder auch Thema der Jahreskonferenz von Netzwerk Recherche. Vielleicht bietet es sich an, im nächsten einen Blick darauf zu werfen, was aus den zahlreichen Verfahren in diesem Jahr geworden ist.
Ich biete Ihnen gerne an, auch im nächsten Jahr die Jahreskonferenz von Netzwerk Recherche zu unterstützen.

Jetzt wünsche ich Ihnen gute Gespräche, interessante Diskussionen und vor allem auch viel Spaß hier in Hamburg!

Eröffnungsrede von Carolin Emcke auf der nr10

Zur Lage des Journalismus – von Carolin Emcke

Eröffnungsrede auf der Jahrestagung 2010: „Fakten für Fiktionen. Wenn Experten die Wirklichkeit dran glauben lassen“, 9./ 10.Juli 2010 in Hamburg

Um gleich mit einer Enttäuschung zu beginnen:

Über die „gegenwärtige Lage des Journalismus“ werde ich nicht oder nicht vornehmlich sprechen. Davon verstehen andere mehr.

Aber ich dachte mir: hier bin ich nur einmal eingeladen, da kann ich auch gleich die Gelegenheit nutzen, und von dem sprechen, wovon ich was verstehe. Wo ich jetzt schon mal da bin, kann ich potentiell nur noch für die nächste Jahrestagung ausgeladen werden.

Deswegen gebe ich auch gleich zu Anfang zu: die ewig selben Konferenzen auf der Suche nach der ganz neuen Art, Geschichten zu erzählen, haben mich meist gelangweilt, das narzistisch gekränkte Klagen über die Entwicklung des Journalismus durch Blogger und Vjs im Netz ebenso.

Mehr als das Internet schreckt mich die zunehmende Neigung unserer Zunft, sich angstvoll mit sich selbst zu beschäftigen, und darüber die Auseinandersetzung mit der Welt zu vernachlässigen. Diese Tendenz, die Wirklichkeit nur noch als Material für Texte oder Filme zu verstehen, also letztlich „Armut“ bloß für eine Rubrik zu halten, gehört zu den beunruhigendsten Deformationen des gegenwärtigen Journalismus und scheint mir schädlicher als jeder Konkurrenzdruck der Netzgemeinde.

Weil mich aber die soziale Welt mit ihren politischen, ethischen und existentiellen Fragen interessiert und der Journalismus nur in seiner kritischen Funktion im Bezug auf diese Welt, möchte ich stattdessen etwas anderes versuchen heute.

Ich möchte über die gegenwärtige Lage der Welt sprechen und erst in einem zweiten Schritt über den Journalismus, den es braucht, um auf diese Welt zu reagieren, sie abzubilden, zu hinterfragen, zu kritisieren.

Es geht also nicht um eine deskriptive, sondern um eine normative Betrachtung des Journalismus, nicht der Journalismus, den es gibt, ist mein Thema, sondern der, den es braucht, wenn denn Journalismus mehr als nur Journalismus, nämlich Öffentlichkeit sein soll, wenn denn die Öffentlichkeit relevant sein soll für eine demokratische Gesellschaft, die sich darin über ihre Werte oder ihre Lebensweise verständigen will.

Ich glaube allerdings auch, dass nur der Journalismus, der sich dem widmet, was gebraucht wird, seinerseits gebraucht wird, nur der Journalismus, den die existentiellen Fragen der Welt interessieren, eine eigene Existenzberechtigung hat.

Ich möchte drei verschiedene Aspekte der globalisierten Welt herausnehmen, die einerseits kennzeichnend für diesen zeithistorischen Augenblick sind, und die andererseits den Journalismus vor besondere Herausforderungen stellen.

Die globale Welt ist verwoben, verwundbar, vernetzt. Anders ausgedrückt: ich spreche über die kulturelle Dimension der Globalisierung, die politisch-ökonomische und die mediale. Die Globalisierung, die Finanzkrise und den Strukturwandel der Öffentlichkeit.

1. Die globale Welt ist verwoben

Ich ahne schon, dass Sie jetzt gelangweilt in ihren Programmheften blättern wollen, weil Sie denken, Sie wüssten alles über die Globalisierung, aber:

Hören Sie bitte genau zu:

Musik ab!

„Lambarena – Bach to Africa“….Track 2.

Was Sie gehört haben, war die Verschmelzung von dem Chor „Lasset uns den nicht zerteilen“ aus der Johannes Passion von Johann Sebastian Bach mit dem „Sakanda“, einem traditionellen Gesang aus Gabun in der Sprache Obamba.

Warum ich Ihnen das vorspiele? Weil dieser Prozess der Vermischung, der Aneignung einer Tradition durch eine andere, dieses Aufleben einer kanonischen Literatur, Musik, eines Rituals oder einer Idee, genau das ist, was die Globalisierung jenseits der ökonomischen und fiskalischen Dimension bedeutet. Globalisierung, das illustriert diese Musik, bedeutet immer auch Hybridisierung, Vieldeutigkeit, Vielsprachigkeit!

So ist es gerade die Eindeutigkeit, die zu den eindeutigsten Verlierern der Globalisierung gehört. Vermeintlich zweifelsfreie Behauptungen oder einfache Gewissheiten sind seltsam stumpf und fragwürdig geworden. Der Gestus der analytischen Sicherheit wirkt befremdlicher denn je. Ironischerweise taugt ausgerechnet die Globalisierung nicht zur globalen Analyse.

Allgemeine, universale Urteile zielen an der komplexen Wirklichkeit vorbei. Es gibt kaum eine Interpretation der politischen, ökonomischen, sozialen Dynamiken der Globalisierung, die nicht zur Differenzierung genötigt wäre; kaum eine Einschätzung der Vorzüge, die bestimmte Regionen oder Staaten genießen, ohne Hinweis auf die Nachteile für einzelne Landesteile, die davon ausgeschlossen sind; kaum eine Betrachtung der Verluste, die gewisse Bevölkerungsgruppen erleiden müssen ohne Einschränkung, der Norden kann nicht gegen den Süden, Männer können nicht gegen Frauen, Bauern nicht gegen Städter verrechnet werden.

Die intellektuellen Landkarten der Globalisierung können nicht einfach nur internationaler, sie müssen vor allem präziser und kleinteiliger werden. Globalisierung erzählt sich nicht in globalen, sondern in lokalen Geschichten.

Vielleicht hat die verengte Perspektive auf die ökonomische Ebene der globalisierten Welt diese Erkenntnis verzögert. In analytischer Hinsicht ist die Ambivalenz der große Gewinner der Globalisierung. Alle Phantasien von „Reinheit“ zerschellen an einer Wirklichkeit, die sich vor allem durch die dichte Verflechtung, die wechselseitige Abhängigkeit der einzelnen Teile auszeichnet.

Was das bedeutet für den Journalismus?

Es bedeutet zunächst, dass der Konzept-Journalismus, der Geschichten gern in Gewinner und Verlierer aufteilt, der polare Perspektiven aufbereitet, hier das Opfer, da der Täter, dass diese Art von Geschichten zu einfach sind, dass sie nicht mehr stimmen, dass sie zu grobkörnig sind für die Figuren und Strukturen einer so verwobenen Welt.

Es bedeutet auch, dass wir uns von dem so lieb gewonnenen Konzept der „Authentizität“ verabschieden sollten.

Diese Vorstellung, es gäbe das: einen „echten Muslim“, einen „authentischen Juden“, dieses Reinheitsgebot, das in Talkshows und Podien gepflegt wird, nur ein „echter“ Schwuler könne auch die Perspektive der Schwulen repräsentieren, nur eine „echte“ Afghanin könne die Position der Zivilbevölkerung Afghanistans erklären, und dabei klopfen wir uns auf die Schulter und denken, wir seien unglaublich liberal und tolerant, dass wir sie da überhaupt reinlassen, und fühlen uns irgendwie auch weltläufig.

Aber wie ausdifferenziert und bunt gemischt es in diesen Kulturen und Lebensformen zugeht, wie zerstritten und lebendig, widersprüchlich und vielseitig die individuellen Biographien sind, wie sie dieses starre, mediale Bild einer statischen, reinen Kultur oder Lebensform unterwandern – das zeigen wir selten.

Was spräche denn dagegen, zwei Afghanen einzuladen bei einer Diskussion über den Krieg? Was spräche dagegen, zwei Bundeswehr Soldaten aufs Betroffenensofa einzuladen? – und die Konflikte und Kontroversen zwischen ihnen zu zeigen?

Was spräche dagegen, auch mal andere Muslime einzuladen: es gibt nicht nur Necla Kelek und Seyran Attes, sondern auch Hilal Sezgin und Özlem Topcu – um nur mal zwei zu nenen.

Warum sollte in Zeiten der Mobilität und Flexibilität nur Herkunft und Zugehörigkeit zu einer Gruppe entscheidend sein?

Wie sähe die journalistische Landschaft aus, wie sähe unser Bild von der Welt aus, wenn Juden nicht ausschließlich über Israel und den Holocaust ausgefragt würden, wenn Muslime nicht ausschließlich über al Qaeda und Ehrenmorde befragt würden und Schwule nicht ausschließlich über Sex? Da sind sie immerhin in einer besseren Lage als Lesben, die dürfen nicht einmal über Sex reden.

Anders gefragt: zementieren wir mit unserer medialen Politik des Authentischen nicht die Vorstellung von einer Welt, die angeblich auseinanderfällt an den religiösen oder kulturellen Bruchstellen? Spielen wir damit nicht genau den radikalen Dogmatikern und Extermisten zu, die sich exakt diese Konfliktlinien nur wünschen? Und übersehen wir nicht stattdessen all die ökonomischen und sozialen Differenzen, von denen neoliberale Strategen sich wünschen, dass wir sie übersähen? Und verhindern wir nicht auf diese Weise, in dieser Fixierung auf religiöse oder kulturelle Herkunft, dass die eigentlichen Fragen gestellt werden: die nach den Bedingungen von Unterdrückung und Gewalt, nach den Ursachen für Ausbeutung und Demütigung, die nach den Bedingungen sozialer Teilhabe, nach den sozialen Voraussetzungen für Bildung und Erziehung? Verhindert dieser ideologisch anerzogene Blick auf religiöse oder kulturelle Unterschiede das Verständnis für Ähnlichkeiten?

2. Die globale Welt ist verwundbar

Für jemanden wie mich, die den Wirtschaftsteil einer Zeitung nur als Rückseite der Sport-Berichterstattung wahrnimmt, bestand das Beunruhigendste der Finanzkrise eigentlich darin, dass ich auf einmal das Gefühl hatte, ich verstünde etwas von Wirtschaft.

Letztlich hatte jeder Laie sich das doch genau so vorgestellt, dass es bei einer Hypothek einer Immobilie um den Wert dieser Immobilie gehe, dass die Hypothek, wie oft auch immer so zerstückelt und weiterverkauft wird, in ihrem Wert immernoch abhängig ist von dem Wert des Hauses, das für sie bürgt, dass Kredit schon begrifflich etwas mit glauben und vertrauen zu tun hat, und dass eine Finanzwirtschaft, die sich zunehmend entkoppelt von der Realwirtschaft letztlich das ist, was Schopenhauer die „Welt als Wille und Vorstellung“ nannte, eine Finanzwelt also, in der nicht mehr mit materialen Werten von Produkten, Unternehmen oder unternehmerischen Ideen gehandelt wird, sondern in der nurmehr auf Projektionen gewettet wird, in der gehandelt wird mit der Erwartung, was für eine Erwartung andere in ein Produkt, eine Idee, ein Phänomen, ein Unternehmen haben werden.

Wenn uns die Finanzkrise eines vorgeführt hat, dann dass Globalisierung vor allem wechselseitige Verwundbarkeit bedeutet. Anders noch als der 11. September 2001, der als politisches Ereignis die Verwundbarkeit einer einzelnen Nation vorführte oder anders als die Wirtschaftskrise in Argentinien im Dezember 2001, die uns den fiskalischen Zusammenbruch eines Landes vorführte, gab es bei der Finanzkrise 2008..(und Folgende) kein Aussen mehr, keine Gegend, die nicht betroffen gewesen wäre. Die wechselseitige Verwobenheit entpuppte sich als wechselseitige Verwundbarkeit.

Die Euro-Krise und die Instabilität Griechenlands bedeutet zudem, dass es keine unwichtigen Länder mehr gibt. Die alte geostrategische Landkarte, die politische Ordnung der G8 oder auch der G 20 ist nicht nur moralisch-politisch fragwürdig geworden. Auch ein kleines, politisch schwaches Land kann das gesamte System gefährden.

Was das für den Journalismus heisst? Was für einen Journalismus es brauchte, um auf diese Entwicklungen reagieren zu können?

Ich denke, es bräuchte einen Journalismus, der sich nicht grundlos eine Ideologie zueigen macht, nur weil sie sich gerade durchsetzt. Philosophen nennen das einen „naturalistischen Fehlschluss“, nur weil etwas ist, heisst nicht, dass es gut ist, wie es ist.

Es braucht einen Journalismus, der es wieder wagt, mit guten Gründen zu misstrauen, denn nur so ist eine Krise des Vertrauens, wie sie im Moment besteht, zu vermeiden, in dem wir rechtzeitig und begründet Zweifel äussern, und indem wir, als Journalisten, uns einer Aufgabe besinnen, die etwas aus der Mode gekommen scheint: Ideologie-Kritik als eine Form der Aufklärung, auf die wir uns ansonsten doch so vollmundig berufen.

3. Die globale Welt ist vernetzt

Die Globalisierung, so hat uns Nial Fergusson das formuliert, ist gekennzeichnet durch eine Verdichtung von Raum und eine Beschleunigung von Kommunikation, sie bedeutet letztlich eine „Aufhebung von Distanz“.

Mich interessiert hier nicht die Frage, ob diese Beschleunigung der Kommunikation, die Vernetzung den Untergang des Printjournalismus nach sich zieht.

Mich interessiert, was diese Beschleunigung von Kommunikation und die Entwicklung des Internets für unsere Vorstellung von Demokratie bedeuten.

Demokratie ist im Kern, im Rousseau’schen, aber auch im Kantischen Sinne Selbstgesetzgebung. Demokratie bedeutet, dass diejenigen, die von einer politischen Entscheidung betroffen sind, auch an ihrer Entstehung beteiligt werden. Anders gesagt: die Adressaten des Rechts müssen und dürfen in gewisser Hinsicht immer auch die Autoren des Rechts sein.

Eben für diesen Prozess, diesen Entscheidungsfindungsprozess, in dem die Betroffenen, eine Gesellschaft, eine Region, eine Nation, Rechte und Werte erwägen und erörtern können, eben dafür braucht es in einer Demokratie eine kritische, unabhängige Öffentlichkeit. Es ist nicht wichtig, ob das per Radio oder Fernsehen, in Wochenzeitungen, im Internet oder auf Marktplätzen stattfindet, aber es braucht einen öffentlichen Ort, an dem eine Gesellschaft sich über ihre Werte und Lebensweise verständigen kann.

In dieser Hinsicht stellt die Globalisierung ein riesiges Demokratie-Defizit dar: es sind unendlich viel mehr Menschen von politischen, ökonomischen, ökologischen oder sozialen Entscheidungen betroffen als an ihrer Entscheidung beteiligt sind, ja, die, die an einer Entscheidung beteiligt sind, wissen oftmals noch nicht einmal, wer und wie von dieser Entscheidung betroffen sind.

Und in dieser Hinsicht, braucht es einen Journalismus, der die Anderen nicht immer nur als die Anderen begreift, der Auslandsberichterstattung nicht als Berichte über eine ferne, fremde Welt versteht, sondern es braucht einen Journalismus, der diese Verwobenheit, diese Verwundbarkeit auch abbildet, der die Anderen als Eigene thematisiert, weil sie ein Recht haben, an den Diskussionen beteiligt zu werden, die sie selbst betreffen.

Es braucht einen Journalismus, der die eine globale Welt entwirft, auch wenn sie demokratisch noch nicht existiert, einen Journalismus, der immer mit einem utopischen Vorgriff das Wir einer Öffentlichkeit behauptet, auch wenn die politische Ordnung es noch unterdrückt.

Aus dieser Perspektive, mit einem Blick für die demokratische Funktion einer Öffentlichkeit, als der Ort, an dem eine Gesellschaft über ihre Werte und Lebensweisen diskutieren und streiten kann, aus dieser Perspektive erst wird die Entstehung des Internets interessant.

Wenn es stimmt, dass die Globalisierung und das Internet eine Verdichtung von Raum und Zeit und eine Beschleunigung von Kommunikation bedeuten, dann ist die Frage des Strukturwandels der Öffentlichkeit eine von elementarer politischer Relevanz.

Wenn es stimmt, dass das Internet die Öffentlichkeit zunehmend individualisiert und fragmentiert, was bedeutet das für eine Gesellschaft? Wie gelingen dann noch die demokratisch so wichtigen Selbstverständigungs-Diskurse über Werte und Normen, wenn eine Gesellschaft sich medial immer weiter aufsplittert? Inwiefern vergrößert zwar das Internet die partizipativen Möglichkeiten der Kommunikation, aber verringert möglicherweise die Gemeinsamkeiten, über die kommuniziert werden kann? Wenn eine demokratische Gesellschaft einen öffentlichen Raum zur Selbstverständigung braucht, wie gelingt diese Verständigung noch im Netz, das sich zunehmend in Milieus individualisiert und fragmentiert? Vielleicht muss es das: so wie im 19. Jahrhundert oder auch noch zu Teilen im 20. Jahrhundert die Diskussionen im halb-privaten Raum des Salons geführt wurden, zunächst in kleinen Kreisen und Milieus stattfanden, und erst nach und nach die Kreise der Debatten sich vergrößerten, verzweigten, erweiterten, vielleicht ergänzen sich auch so heute die kleinen Räume der Chatrooms und der Netzgemeinden, verlinken sich und erweitern sich zu größeren Öffentlichkeiten, vielleicht ist eine Öffentlichkeit, die sich über einen derart großen, internationalen Raum erstreckt, anders nicht denkbar.

Wenn ich also zum Schluß sagen darf, was für einen Journalismus es braucht für diese Welt, dann würde ich mir folgendes wünschen:

Einen Journalismus, der misstrauisch ist und zweifelnd daherkommt, nicht besserwisserisch, sondern fragend, ich würde mir Geschichten wünschen, die ambivalent und offen sind, nicht eindeutig und geschlossen und ich würde mir Journalisten wünschen, die leidenschaftlich und nachdenklich zugleich sind, die sich einlassen auf die Wirklichkeit jenseits des Hauptstadtbüros, die teilnehmend, nicht distanziert beobachten, dichte Beschreibungen von Gegenden liefern und den Blick für die feinen Unterschiede behalten, ich würde mir einen Journalismus wünschen, der alle Genres des Internets entdeckt und bespielt, der sich die Räume dort erobert, wo es nötig ist, und sie sein lässt, wo es möglich ist, ich wünsche mir einen Journalismus, der nicht der Wirklichkeit hinterherhetzt, sondern sie kritisch hinterfragt, und, wie hat Henry Kissinger jüngst in einem Interview mit Newsweek gesagt: „You have to know the difference between what is urgent and what is important.“

In diesem Sinne wünsche ich mir einen Journalismus, der weniger am Eiligen als am Wichtigen sich orientiert.

Vielen Dank!

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