Lieber Deniz

Gemeinsame Eröffnungsrede zur nr-Jahreskonferenz 2017

Doris Akrap, taz
Lieber Deniz,
seit Februar sitzt Du in einem türkischen Gefängnis. Im Vertrauen auf ein rechtsstaatliches Verfahren hast Du Dich freiwillig den türkischen Behörden gestellt. Seitdem hoffst Du, aber auch wir, auf einen fairen Prozess. Bislang vergebens.

Markus Grill, Correctiv
Die konkreten Vorwürfe gegen Dich wurden bis heute nicht veröffentlicht, geschweige denn belegt. Stattdessen behaupten der türkische Präsident Erdogan und die ihm nahestehenden Medien, Du seist kein Journalist, sondern ein „Terrorhelfer“ und „Spion“.

Hajo Seppelt, Sportjournalist
Deine Texte, Interviews und Reportagen haben der türkischen Regierung nicht gefallen. Doch die Pressefreiheit ist keine Geschmacksfrage. Sie ist ein in der UN-Charta von 1948 verbrieftes Menschenrecht. Es ist Dein Recht. Es ist unser Recht.

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Ehren-Leuchtturm für Hans Leyendecker

Unser Ehren-Leuchtturmpreisträger Hans Leyendecker. Gezeichnet von Dieter Hanitzsch

Unser Ehren-Leuchtturmpreisträger Hans Leyendecker. Gezeichnet von Dieter Hanitzsch

Der Journalist Hans Leyendecker wird mit einem Ehrenpreis für seine Verdienste um die Recherche und den Qualitätsjournalismus geehrt. Die Journalistenvereinigung netzwerk recherche zeichnet ihn im Rahmen ihrer am Freitag beginnenden Jahrestagung auf dem NDR-Gelände in Hamburg aus, zu der mehr als 700 Teilnehmerinnen und Teilnehmer erwartet werden. Die Laudatio für den glühenden BVB-Fan Leyendecker wird der Geschäftsführer des Vereins, Hans-Joachim Watzke, halten.

Hans Leyendecker hat in seiner 50-jährigen Journalistenkarriere durch intensive Recherchen viele Skandale enthüllt, die die deutsche Republik nachhaltig beschäftigten. Dazu zählen u.a. die Flick-Affäre, die CDU-Spendenaffäre, der Korruptionsskandal bei Siemens und die von Helmut Kohl angelegten „Schwarzen Kassen“.

Wichtiger noch als seine Enthüllungen sind aber nach Ansicht von netzwerk recherche die Impulse für das professionelle Selbstverständnis der Journalisten und für die Organisation der Redaktionen, die Leyendecker gegeben hat. Er engagiert sich seit Jahrzehnten mit Vorträgen und Seminaren in der Journalistenausbildung und ist Mitbegründer von netzwerk recherche. Er ist mit seinem Beharren auf sauberem Handwerk und seiner selbstkritischen Haltung auch zum eigenen Tun zu einem Vorbild und einem Mentor für eine ganze Journalistengeneration geworden.

Bei der Süddeutschen Zeitung hat Hans Leyendecker nicht nur das renommierteste Rechercheressort im deutschen Journalismus aufgebaut, sondern es vor allem verstanden, jungen Journalisten dort eine Chance zu geben. Sie konnten unter seiner Leitung neue Wege erproben – wie etwa den Datenjournalismus oder große internationale Kooperationen. Daraus sind wegweisende Rechercheprojekte entstanden wie Luxemburg Leaks oder die Panama Papers. Diese Enthüllungen über Finanzskandale stehen zugleich für eine Qualität der Recherche, die über das Aufdecken einzelnen Fehlverhaltens hinaus die Strukturen einer ganzen Branche ausleuchtet – und immer wieder Anlass für politische Reaktionen sind.

Hans Leyendecker wurde Ende Mai eine besondere Ehre zuteil: Er wurde zum Präsidenten des Evangelischen Kirchentags gewählt, der 2019 in Dortmund stattfindet.

Da Leyendecker schon viele Journalistenpreise erhalten und deshalb viele journalistische Laudatoren erlebt hat, bat netzwerk recherche den BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke die Würdigung für den Ehren-Leuchtturm zu übernehmen. Der sagte sofort zu. Weiß er doch, dass dieser BVB seit mehr als 60 Jahren die große Leidenschaft von Hans Leyendecker ist.

E-Book zu Datenjournalismus erschienen

Datenjournalismus '14 - netzwerk rechercheWas sind das für Menschen, die mit Zahlen und Daten Geschichten erzählen wollen?
Welche Herausforderungen stellen sich für den Datenjournalismus – und wo sind dessen eigene Grenzen vor dem Hintergrund jüngster Datenskandale?

Das in Kooperation mit epubli entstandene E-Book „Datenjournalismus ’14 und weitere Schwerpunkte der nr-Jahreskonferenz“ kann auf der epubli-Seite eingesehen und erworben werden. Weiterlesen

#nr14 Tweets, Pad, Social Media Wall…

Die Begleitmedien der nr-Jahreskonferenz 2014 im Überblick:

nr14: You’ll never walk alone

Viel Kompetenz und Prominenz bei der 13. Jahrestagung von netzwerk recherche auf dem NDR-Gelände in Hamburg

„You’ll never walk alone“ – so lautet in diesem Jahr das Motto der Jahreskonferenz von netzwerk recherche am 4. und 5. Juli 2014 auf dem NDR-Gelände in Hamburg. Damit nimmt die Konferenz von Journalisten für Journalisten gleich zwei journalistische Trends ins Visier: Zum einen die „Pressefreiheit in Zeiten der Massenüberwachung“, zum anderen aber auch die Tendenz zur Kooperation, Zusammenarbeit und Vernetzung von Journalisten – national, aber auch weltweit.

Auf die rund 600 Teilnehmer/innen warten knapp 100 Veranstaltungen. Mehr als 200 Referentinnen und Referenten, davon auch viele aus dem Ausland, versprechen spannende Vorträge und Diskussionen. Weiterlesen

Rede von Silke Burmester auf der nr13

Kriegsreporterin bei den (wahren) Helden der Gegenwart

von Silke Burmester, freie Journalistin und Dozentin in Hamburg

(Foto: Franziska Senkel)

(Foto: Franziska Senkel)

Auszüge aus der Rede zur Lage des Journalismus – gehalten auf der Jahreskonferenz 2013, am 15.06.2013 beim NRD in Hamburg:

Meine Damen und Herren, manchmal passiert es, dass Silke Burmester um einen Termin bittet. Für einen Artikel oder ein Interview. Und dass der Angefragte dann, meist so ein wenig verunsichert, fragt, ob sie denn mit ihrem Helm käme. Und dann muss Silke Burmester sagen, nein, ich will ja mit Ihnen über Ihre neue Geschirrlinie sprechen oder über den Ausbau von Kitaplätzen in Köln-Ost. Oder sie sagt, nein, dieser Artikel ist für Mare, das hat mit der taz nichts zu tun. Den Helm habe ich nur auf, sagt sie dann, wenn ich als taz-Kriegsreporterin unterwegs bin. Meist sind dann die Leute recht erleichtert.
Sie, meine Damen und Herren, sollten nicht erleichtert sein, denn ich bin, zu meiner Freude, als Kriegsreporterin hierher eingeladen. Ich darf, ja ich soll mit Helm kommen und das ist mir eine ganz besondere Freude. Ich glaube, ich fühle mich ein wenig so wie Eckart von Hirschhausen, nachdem er seine Arztpraxis verlassen durfte, um auf den Bühnen des Fernsehens herumzuturnen: Es ist eine Ehre, ich fühle mich befreit von den Zwängen eines 3500 Zeichen großen Kastens und freue mich, Sie 20 Minuten lang in Grund und Boden reden zu dürfen.
Als Thema hat man mir „Die Lage des Journalismus“ gegeben, was nicht nur ähnlich konkret ist, wie über das transatlantische Verhältnis zu reden oder über die Meere im Wandel der Zeit, es umgeht auch die charmante Gefahr, das Thema zu verpassen. Egal, was jetzt kommt, so lange es nur irgendwie mit dem zu tun hat, was wir tun, passt es hier her. Cherno Jobatey hat neue Schuhe? Steht in der Bunten, passt also. Horst Seehofer spricht nicht mehr. Schon gar nicht mit der Presse? Passt. Erster Cicero-Redakteur beim Twittern erwischt? Passt auch. Und, was auch ganz toll ist: Es ist mein Lieblingsthema. Ich kann mir quasi nichts Schöneres vorstellen, als zu gucken wie die Lage ist. Im Journalismus. Dafür habe ich einen Feldstecher und einen Helm, und wenn ich aktuell gaaaaanz weit nach Süden gucke und das Augenmerk auf Griechenland richte, dann muss ich sagen: Die Lage ist beschissen.
Da wurde mir nix dir nix, von jetzt auf eben im wahrsten Sinne des Wortes, dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk der Stecker gezogen. Von jetzt auf eben, 5 Fernsehsender, 29 Radiostationen abgeschaltet. Bums aus, Sendeschluss. Ist ja nur der öffentlich-rechtliche Sender. Es sei, so hat jemand gesagt, als schalte man die BBC ab. Also, mal ehrlich, das halte ich jetzt für ein wenig übertrieben, schließlich kann ich mich nicht daran erinnern, irgendwelche grandiosen griechischen Fernsehserien gesehen zu haben oder preisgekrönte Tier-Dokus. Nicht einmal auf Phoenix oder Bibel-TV. Und so ein richtig fetter Missbrauchsskandal, bei dem sich ein Starmoderator über Jahrzehnte im Schutze seiner Kollegen des ihn anhimmelnden, jugendlichen Publikums sexuell bedient hat, ist mir auch nicht zu Ohren gekommen. Aber selbst wenn es stimmt, dass ERT ein verschlafener, ultralangweiliger Sender war, der über die geschmackliche Attraktivität von Rezina nicht hinauskommt, ein Hammer ist das schon.
Und jetzt stelle ich mir vor, wie es wäre, wenn man hier in Deutschland den Stecker zöge. Allein hier beim NDR. Schließen Sie, verehrtes Publikum, für einen Moment die Augen und sehen Sie sie vor sich, die Redakteure und Techniker, die Programmplaner, die Intendantenassistentinnen und Moderatoren, die Kameraleute und Abteilungsleiter, wie sie verzweifelt, verwirrt über die Flure irren, den Schalter suchend, mit dem das Ganze wieder los geht. Wie sie, wie nach einem Erdbeben, nicht fassen könnten, was da geschehen ist und etwas greifen möchten, das nicht zu greifen ist. Und dann stelle ich mir vor, wie sie alle vor dem Gebäude stehen und im Angesicht des Aufgabenverlustes auch die Bedeutung weg ist. Und wie egal es auf einmal ist, dass eben noch jemand die Tagesthemen moderiert hat oder das Recht hatte, am Programm rumzumosern und unliebsame Beiträge rauszunehmen. Dass eben einer noch Tom Buhrow, Judith Rakers war oder Frank Beckmann ist völlig egal, wenn er oder sie jetzt neben der Cutterin Karin Schulze steht und beide keine Aufgabe mehr haben, weil es ihren Sender nicht mehr gibt.
Diese Vorstellung gefällt mir natürlich sehr gut. Und dann hört es auch schon auf. Dann nämlich mache ich es mir bewusst, was es heißt, wenn in einem Land, das uns sehr nahe ist, weil wir seit Jahrzehnten dort Urlaub machen, weil wir seine Oliven so lieben und so gern beim Griechen Essen gehen, ein Land, dessen Menschen seit 40 Jahren bei uns leben, wenn in diesem Land, in einem Staat der EU, mal so eben der öffentlich-rechtliche Rundfunk abgeschaltet wird. Weil ein Machthaber es so bestimmt.
Und ich dann sehe, was wir deutsche Journalisten tun. Bzw. nicht tun. Dann schäme ich mich. Dann würde ich gern in meinem Beobachtungsgraben verschwinden. Wo, so frage ich, ist unser Aufschrei der Empörung? Wo ist das Entsetzen über so eine Handlung? Wo die Solidarität mit einem Volk, das seine unabhängige Berichterstattung, eine Hüterin der Demokratie, verliert? Müssten nicht gerade wir, wir Journalisten in Deutschland wissen, welche Gefahren darin stecken? Was ist das für eine läppische Berichterstattung die letzten Tage? Ich begreife schlicht nicht, was wir für ein Verständnis von uns und unserem Beruf haben. Es kann doch nicht sein, dass es immer nur darum geht, dass Medienmänner in teuren Anzügen sich mit Phantasien wie dem Verschwinden der Media-Agenturen oder Bezahlung nach Klicks vor die Kameras drängen. Was sind wir für komische Leute, die wir hier sitzen und über „Traumjob Journalist“ reden, anstatt den Kolleginnen und Kollegen unsere Solidarität zu beweisen? 1340 Zeichen ist die Solidaritätsbekundung, die der DJV als Pressemitteilung irgendwo hingeschickt hat, lang. Na super.

Rede von Armin Wolf auf der nr13

Traumjob Journalist – eine Liebeserklärung

von Armin Wolf, stellvertretender Chefredakteur des Österreichischen Rundfunks.

(Foto: Ruben Neugebauer)

(Foto: Ruben Neugebauer)

Diese Rede hielt Armin Wolf auf der Jahreskonferenz 2013, am 14. Juni 2013 beim NDR in Hamburg:

Im November 1989 war ich 23 und seit knapp zwei Jahren freier Mitarbeiter in der Außenpolitik-Redaktion des ORF-Hörfunks in Wien. Am Montag, dem 20. November sollte ich nach Karl-Marx-Stadt fahren, das hieß damals noch so, für eine Reportage aus der noch existierenden DDR, wenige Tage nach dem Mauerfall. Weiterlesen

Das nr13-Pad

Das nr13-Pad – Links, Tipps & Tricks

Dieses Pad soll helfen, all die spannenden Geschichten, nützlichen Links, Tipps, Tricks und Empfehlungen der nr-Jahreskonferenz 2013 zu notieren und mit anderen zu teilen.

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Verklick dich mal! Tipps und Tricks für die Personenrecherche im sozialen Netzwerk „Facebook“
von Claudia Jentsch

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Eine Reise an und hinter die Ränder der Wikipedia : Wikipedia als Recherche- und Navigationsinstrument
von Albrecht Ude
Eine Reise an und hinter die Ränder der Wikipedia von Albrecht Ude [PDF, 24 S., 61 KB]

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Verschlüsselt kommunizieren (Boris Kartheuser und Marco Maas)
Mailen und Chatten mit PGP und OTR

Diese Liste enthält die relevanten Hyperlinks auf Programme und deren Dokumentationen für Verschlüsselung von Daten
und Kommunikation.

Alle genannten Programme sind freie und quelloffene Software.

GPG4win
Die Programmsammlung bietet einfach zu bedienende Windows-Tools rund um die Verschlüsselung von Mails

Download:
http://www.gpg4win.de

Anleitung:
http://gpg4win.de/handbuecher/einsteiger.html

GPGTools
Das Äquivalent für Apple-Betriebssysteme

Download:
https://gpgtools.org

Thunderbird
E-Mail-Programm der Mozilla Foundation.

Download:
http://www.mozilla.org/de/thunderbird

Anleitung:
http://www.verbraucher-sicher-online.de/anleitung/mozilla-thunderbird-3-fuer-sichere-e-mail-kommunikation-einrichten
(deutsch)

Enigmail
Ein Addon (Zusatzprogramm) für Thunderbird, mit dem die Verschlüsselungssoftware GnuPG in das
Mailprogramm eingebunden wird. Damit wird Mailverschlüsselung richtig einfach.

Download:
https://addons.mozilla.org/de/thunderbird/addon/enigmail

Thunderbird und GnuPG mit Enigmail

Anleitung:
http://www.verbraucher-sicher-online.de/anleitung/e-mails-verschluesseln-in-mozilla-thunderbird-mit-enigmail-und-gnu-privacy-guard
(deutsch)

Pidgin
Chatprogramm für Windows-PCs

Download:
http://www.pidgin.im/download

Anleitung:
http://www.investigativerecherche.de/eine-anleitung-zum-sicheren-chatten-mit-truecrypt-und-pidgin-otr-2
(deutsch)

Adium
Chatprogramm für Apple-Macintosh Computer

Download:
http://adium.im

Anleitung:
http://www.macjabber.de/anleitung-adium/

OTR-Plugin für Pidgin und Adium
„Off-the Record Messaging“, ein Zusatzprogramm, um die Verschlüsselung in die Chat-Clients einzubinden.

Download:
http://www.cypherpunks.ca/otr/index.php#downloads

Anleitung:
http://www.investigativerecherche.de/eine-anleitung-zum-sicheren-chatten-mit-truecrypt-und-pidgin-otr-2
(deutsch)

Digitaler Selbstschutz – Daten sichern mit Truecrypt und Co.

Truecrypt
Programm zum Verschlüsseln ganzer Festplatten oder von Teilen davon. Kann auch auf portablen Speichermedien wie USB-Sticks verwendet werden.

Download:
http://www.truecrypt.org/downloads

Anleitung:
http://www.investigativerecherche.de/eine-anleitung-zum-sicheren-chatten-mit-truecrypt-und-pidgin-otr-2
(deutsch)

Keepass
Password-Manager (mit portabler Version)

Download:
http://keepass.info/download.html

Hintergrundwissen

Das Cryptoparty-Handbuch: http://booki.cc/cryptoparty-handbook/how-to-cryptoparty/

Computersicherheit

Qualifizierter Selbstschutz : 11 Schritte zum sicheren Rechner.
von Albrecht Ude – 07.12.2011
Computersicherheit von Albrecht Ude [PDF; 66 KB]

Grußwort von Thomas Krüger (2010)

Das Gewissen unserer Zeit – von Thomas Krüger

Grußwort beim Jahrestreffen des netzwerk recherche 2010: „Fakten für Fiktionen. Wenn Experten die Wirklichkeit dran glauben lassen“,
9./ 10.Juli 2010 in Hamburg

„Nichts ist mehr so, wie es einmal war“ – mit diesem geflügelten Wort beschreiben Menschen seit dem 11. September gelegentlich Zäsuren von weltpolitischem Ausmaß. Es ließe sich aber ebenso gut auf die mediensystemischen Verwerfungen anwenden, die wir aktuell erleben: Die Wirtschaftskrise hat offenkundig Spuren hinterlassen – und sie ist nicht vorüber, jedenfalls noch nicht ganz.

Die Zeiten ändern sich radikal, auch und vor allem im Journalismus. Und lassen Sie mich dazu eines gleich vorwegschicken: Die Revolution durch das Internet ist keine Schimäre – und sie war es auch nie. Sie ist plötzlich greifbar geworden, überaus konkret und nicht mehr so abstrakt wie noch vor einigen Jahren. Wir merken inzwischen stärker am eigenen Leib, wie uns diese Veränderungen im Alltag begegnen: am Arbeitsplatz, auf Reisen, im Supermarkt, in der Behörde, aber auch in der täglichen Kommunikation mit unseren Freunden. Das Netz ist also längst kein Nebenthema mehr, sondern es prägt jeden Bereich unseres Lebens – im Positiven wie im Negativen.

Das Internet hat unsere Gesellschaft inzwischen fest im Griff. Ob wir diesen nun als Würgegriff empfinden oder ihn uns als Griff einer Tür vorstellen, hinter der sich Welten mit unglaublichen Möglichkeiten verbergen, liegt wie so oft im Auge des Betrachters. Es hängt aber zu einem wesentlichen Teil auch davon ab, ob dieser Betrachter einen professionellen Bezug zum Internet hat oder nicht.

Der Journalismus gehört zu jenen Berufen, die von den Umwälzungen durch das Internet mit Abstand am Stärksten betroffen sind. Dass sich dieser Wandel zum jetzigen Zeitpunkt in erster Linie negativ auf die ökonomische Situation der Medien auswirkt, ist zum Teil sicher fremdverschuldet. Der ökonomische Negativtrend ist allerdings kein Naturgesetz, sondern auch eine Konsequenz der Unterlassungssünden von Verlagen und Medienunternehmen. Die Verleger und Medienunternehmen haben es versäumt, frühzeitig Bezahlmodelle für ihre Online-Inhalte zu etablieren, um damit eine eigenständige Online-Qualität ihrer Angebote zu sichern. Jetzt müssen die Journalisten plötzlich zusehen, wie sie sich in Zukunft gegenüber nicht-journalistischen Informations- und Unterhaltungsangeboten behaupten, und müssen sich arg verspätet damit befassen, wie sich der technologische Wandel insgesamt auf das mediale und damit unser politisches System auswirken könnte.

In meiner Wahrnehmung ist es ein Paradoxon, dass heute zwar gerne und viel von Medienkonvergenz geredet wird, aber dass das Verständnis darüber, was das konkret bedeutet und welche Regeln gelten, im Journalismus erst schwach ausgebildet ist. Das, was jahrzehntelang getrennt war, wächst im Internet zwangsläufig zusammen. Und weil sich Journalisten jahrzehntelang entweder mit Wort, mit Ton oder Bild beschäftigt haben, neigen sie häufig dazu, die Probleme des Journalismus nicht im Großen und Ganzen zu betrachten, sondern aus ihren jeweils unterschiedlichen Gattungen – ob Presse, Radio oder Fernsehen – heraus zu interpretieren. Im Netz aber vermischen sich die hergebrachten Medien und darin liegt auch eine immense Chance, den Journalismus weiterzuentwickeln.

Ich gehöre jedenfalls nicht zu denjenigen, die das Internet und diejenigen, die es nutzen, per se verteufeln. Die Hybris, die manche Journalisten an den Tag legen, wenn sie wahllos auf Blogger oder Kommentatoren schimpfen, ist nicht nur töricht, sondern auch gefährlich: Wer die Bedürfnisse der Nutzer und Leser nicht ernst nimmt, wird sie auf Dauer verlieren. Es ist ja kein Geheimnis mehr, dass sich das Kräfteverhältnis zwischen Produzenten und Konsumenten zugunsten der Letzteren verschiebt – und damit müssen Sie als Journalisten umgehen.

Der Siegeszug des Internets hat den Printjournalismus in eine Identitätskrise gestürzt – an der die Branche jedoch eine Mitschuld trägt. Denn ob das Internet nun gut oder schlecht für den Journalismus ist, hängt ja davon ab, ob und wie man es professionell einsetzt. Es kann aber, soviel ist sicher, durch seine spezifische Beschaffenheit im Vergleich zu anderen Medien, das Erscheinungsbild journalistischer Angebote und deren handwerkliche Qualität entscheidend aufwerten.

Es gibt natürlich auch die Kehrseite des Internet, die Sie alle aus Ihrer beruflichen Praxis kennen: Die subkutanen Einflüsse auf den Journalismus durch gesteuerte PR-Informationen häufen sich und gefährden die journalistische Integrität. Die zunehmende Verschmelzung von Informations- und Entertainment-Industrie bleibt auch für den Journalismus nicht folgenlos – mitunter sind diese beiden Ebenen kaum mehr trennscharf; und nichtsdestoweniger hat das Internet auch die Expertenkultur revolutioniert, indem immer häufiger Informationen von selbst ernannten Experten an die Adresse der so genannten „seriösen Medien“ gelangen und von dort ungeprüft weiter verbreitet werden.

Die Tagung des Netzwerk Recherche behandelt also ein hochsensibles, statisch aufgeladenes Reizthema, das alle genannten Problemzonen des Journalismus – von der Bequemlichkeit der Journalisten über die PR-Durchdringung bis hin zur Experteninflation – streift und über das nicht immer gerne gesprochen wird.

Sie kennen vielleicht noch die unrühmliche Anekdote über einen renommierten Politikwissenschaftler, der kurz nach dem 11. September 2001 von einem Praktikanten interviewt werden sollte: Der Praktikant, der für eine große deutsche Sendeanstalt arbeitete, wurde mit einem Kamerateam in das Büro des Politikwissenschaftlers geschickt, um einige O-Töne für einen Beitrag einzufangen. Die erste Frage des Praktikanten an den Politikwissenschaftler vor laufender Kamera lautete: „Ich bin nur der Praktikant des Senders. Haben Sie einen Vorschlag, was ich Sie fragen könnte?“ Der Politikwissenschaftler antwortete: „Was wollen Sie denn wissen, junger Mann?“ Der Praktikant entgegnete: „Ich habe keine Ahnung. Man hat mich hergeschickt, weil niemand sonst Zeit hatte.“

Diese Geschichte hat sich inzwischen bestimmt schon hundertfach in allen möglichen Nuancierungen wiederholt, vielleicht in mehr oder weniger drastischer Ausprägung. Nun war es in jenem Fall so, dass der Politikwissenschaftler auch wegen der Erfahrung mit seinen Studenten souverän mit der Situation umgegangen ist und der Praktikant schließlich doch mit guten O-Tönen zurück in die Redaktion kehren konnte. Ich hielte es aber für ein Signal höchster Alarmstufe, wenn heute noch auf diese Weise O-Töne im Hauptabendprogramm der großen Fernsehsender platziert werden könnten. Was wäre, wenn der Praktikant keinen Politikexperten interviewt hätte, sondern ein Mitglied von Al-Kaida oder einen Scientologen? Das hätte im einen wie im anderen Fall ganz böse ins Auge gehen können.

Ich will Ihnen noch eine andere kurze Begebenheit erzählen, diesmal aus der Presse: Ein bekannter Terrorexperte hat mir berichtet, er sei Ende 2005 von einer überregionalen Tageszeitung zu einem kurzen Interview zur Entführung von Susanne Osthoff im Irak gebeten worden. Damals ging bei einem Mitarbeiter der ARD in Bagdad eine Videobotschaft ein, in dem die Osthoff-Entführer von der Bundesregierung ein Ende der deutschen Unterstützung für den Irak forderten – mit einem Ultimatum von drei Tagen nach Ausstrahlung des Films im deutschen Fernsehen. Sie erinnern sich vielleicht, dass die ARD das Video damals nur als Standbild gezeigt hat, um sich nicht zum Mittäter des Geschehens machen zu lassen.

Der Terrorexperte erzählte mir jedenfalls, er sei vom stellvertretenden Chefredakteur der Tageszeitung angerufen worden, der ihn um ein kurzes Mail-Interview zu diesem Erpressungsversuch bat, das am Folgetag auf Seite eins als Beisteller zu einem größeren Aufmacher erscheinen solle. Der Experte hatte schon einige Statements zu ähnlichen Themen gegeben, daher betrachtete er die Anfrage als keine große Sache. Der stellvertretende Chefredakteur schickte ihm also einige Fragen per Mail, und der Terrorexperte beantwortete diese innerhalb kürzester Zeit. Nachdem er seine Mail abgeschickt hatte, erhielt er 10 Minuten später einen Anruf des Chefredakteurs der Zeitung, der ihn fragte, ob er denn die Sache wirklich so sehe wie beschrieben, denn man müsse doch das und das noch bedenken. Und ob er nicht etwas mehr zu den Umständen sagen könne, wie Terroristen die Medien eigentlich für ihre Zwecke benutzten. Der Experte sagte: „Nein, das sehe ich tatsächlich so, und wenn ich Ihnen noch mehr darüber erzähle, wie Terroristen Medien instrumentalisieren, besteht doch die Gefahr, dass es Nachahmungstäter gibt, und deshalb möchte ich das nicht.“ Der stellvertretende Chefredakteur gab sich aber mit der Antwort nicht zufrieden und insistierte: Wenn es bei der Aussage bliebe und er nicht mehr dazu sagen wolle, müsse er sich möglicherweise nach einem anderen Experten umschauen. Dem Terrorexperten wurde das nun allmählich zu bunt, und er sagte dem stellvertretenden Chefredakteur: „Wenn Sie wirklich in einem Interview Anleitungen für Terroristen abdrucken wollen, handeln sie grob fahrlässig und verantwortungslos. Außerdem werde ich Ihre Recherchemethoden publik machen und meine Kollegen warnen.“ Der stellvertretende Chefredakteur legte schweigend auf, das Interview erschien am nächsten Tag in der Originalfassung.

Dieses Beispiel hat es in sich. Es verdeutlicht zum einen, dass sich Journalisten hin und wieder die Realität zurechtbiegen, wenn sie ihnen nicht passt – und das nicht nur auf Ebene von Praktikanten, sondern offenbar an höchster Stelle. Das Ganze nennt man wohl Thesenjournalismus, wenn Redaktionen wild herumtelefonieren, um geeignete Statements einzusammeln, die die These eines Beitrags stützen oder widerlegen können. Zum anderen finde ich den beinahe aggressiven Ton, der hier angeschlagen wurde und die Drohung, das Interview nicht zu publizieren, wenn dessen Aussagen nicht geändert werden, alles andere als professionell. Es muss auf den Experten ja so wirken, als dürfe er seine Meinung nicht unabhängig äußern, weil er ansonsten damit rechnen muss, dass sie bei Widerworten gar nicht erst publiziert wird – obwohl er ja angefragt wurde. Ich glaube, es wird an diesem Beispiel klar, dass sich Experten auf gar keinen Fall zum Spielball journalistischer Interessen umfunktionieren lassen dürfen, weil sie sonst ihre Glaubwürdigkeit verlieren.

Mein drittes und letztes Beispiel ist kurz. Es geht um all die Verlockungen und Halbwahrheiten im Internet, die eine neue Recherchekultur haben entstehen lassen. Sie alle erinnern sich noch an die Geschichte um den „falschen Wilhelm“, den ein Scherzbold als elften Vornamen des ehemaligen Bundeswirtschafts- und heutigen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg frei erfunden und in die Enzyklopädie Wikipedia eingegeben hatte. Mich hat damals erstaunt, wie viele so genannte „seriöse Medien“ diesen elften Vornamen ungeprüft übernommen haben, ohne zusätzliche Quellen zu konsultieren.

Bei diesem Beispiel handelt es sich keineswegs um eine Bagatelle. Denn dieser Hoax, also eine Falschmeldung oder ein Irrläufer, der über das Internet gestreut wird, sollte uns zweierlei zu denken geben: Dass das Wissen der Massen gelegentlich überprüft werden muss, weil die Möglichkeiten zur Manipulation im Internet schier grenzenlos sind. Und dass es heute umso mehr glaubwürdige, professionelle Informationsquellen geben muss, denen ich als Nutzer vertrauen kann. Die Vielstimmigkeit im Netz ist zwar urdemokratisch und stellt grundsätzlich einen Mehrwert dar – aber im Falle von wichtigen Nachrichten gilt umso mehr die Devise „Viele Hobby-Köche verderben den Brei“.

Das Ernüchternde aber ist: Auch im Journalismus selbst wird manipuliert, und zwar jeden Tag und in fast jeder Redaktion. Es hat mich nicht überrascht zu hören, dass es in vielen deutschen Redaktionen „Giftlisten“ gibt mit Namen von Experten, die nicht zu Wort kommen dürfen, weil ihre Meinung nicht der Redaktionslinie entspricht oder der Chefredakteur sie persönlich nicht leiden kann. Während einige Experten für Ihre Auftritte etliche hundert Euro Honorar bekommen, können andere noch nicht einmal einen feuchten Händedruck erwarten für die Bereitschaft, dem Publikum Auskunft zu geben. Jedes Jahr werden hunderte von Expertengesprächen geführt, von denen viele nicht gedruckt oder gesendet werden, weil sie den Redaktionen später aus inhaltlichen Gründen nicht mehr in den Kram passen oder ein anderer O-Ton prägnanter war. Viele Experteninterviews werden so lange frisiert und zurechtgestutzt, bis vom ursprünglichen Gespräch nur noch ein entstellter Korpus übrig bleibt. Ich weiß, dass viele Reporter von den Redaktionen mit dem Auftrag vor die Tür geschickt werden, um Statements einzuholen, die eine bestimmte These stützen sollen. Ich habe gehört, dass es in vielen Fernseh-Talkshows B- und C-Listen für Experten gibt, die zur Sicherheit von den Redaktionen angefragt, aber gleich wieder ausgeladen werden, sobald ein A-Listen-Experte zugesagt hat. Und schließlich kommt es auch vor, dass Experten letztlich auch den platten technischen Widrigkeiten zum Opfer fallen, weil das Licht falsch gesetzt oder der Kopf nicht richtig angeschnitten war.

Ich kann nur mutmaßen, dass einige Journalisten solche Redaktionsgeheimnisse gar nicht mehr schockieren, weil viele von ihnen das in ihren Redaktionen genau so praktizieren. Das sollte es aber, denn es verdeutlicht, wie unredlich manche Medien zunehmend arbeiten. Es zeigt nicht nur, dass die Performance und Sprachgewalt in der Expertenauswahl wichtiger sind als Kompetenz und Reflexionsniveau, sondern auch, dass sich Journalisten mitunter die Wirklichkeit zum Untertan machen wollen. Und ich meine damit nicht unbedingt die einschlägigen Medien der Boulevardfraktion – nein, es geht auch und gerade um die so genannten Qualitätsmedien. In vielen Redaktionen rangiert Prominenz heute weit vor Kompetenz. Es ist ein bedenkliches Signal, wenn hier sogenannte „Gesichtsbekannte“ – so der Journalisten-Jargon – Experten, Politiker und andere Akteure den Vorrang erhalten. Hier ist es Zeit zum Umdenken. Im Zentrum der Expertenauswahl muss künftig das nachgewiesene Erfahrungswissen, die abgeklärte Substanz und die Validität der jeweiligen Analysen stehen.

Worauf ich hinaus will: Ich finde es wichtig und richtig, dass sich das Netzwerk Recherche selbstkritisch dieses heißen Themas angenommen hat. Der Journalismus genießt nicht mehr das Vertrauen, das er einmal hatte, das er sich über viele Jahrzehnte hart erarbeitet hat. Sein Publikum hat ihm großen Glauben geschenkt, und dieser Verantwortung sollte er sich bei jeder Zeile und Sendeminute bewusst sein. Journalisten sollten sich nicht als „Hohepriester“ der Information aufspielen, wie es der Internet-Experte Jeff Jarvis neulich im Interview mit Focus Online ausdrückte. Sie sollten niemals Begebenheiten und Ereignisse nach ihren Vorstellungen formen, sondern berichten, was Sache ist. Und sie sollten niemals die Privilegien ihres Berufes missbrauchen, indem sie sich durch ihr Herrschaftswissen Vorteile erschleichen. Wenn Journalisten dies nicht beherzigen, laufen Sie Gefahr, das in sie gesetzte Vertrauen endgültig zu verspielen.

Der Journalismus sollte sich stattdessen auf seinen kulturgeschichtlichen Stellenwert, seine ureigenen Talente, Tugenden und Techniken zurückbesinnen: der Recherche, der unabhängigen Prüfung von Quellen, der Hartnäckigkeit, Politikern auf den Fersen zu bleiben und der Fähigkeit, den Bürgern unsere komplizierte Welt näherzubringen und die Mitglieder unserer Gesellschaft zu integrieren, vor allem aber der wahrheitsgetreuen Darstellung, Spiegelung und Kommentierung von Gewesenem, Aktuellem und Kommendem. Journalisten sollten das sein, was sie schon immer waren: das Gewissen unserer Zeit – eine Instanz, der wir unser Vertrauen schenken und in dessen Hand wir die öffentliche Kontrolle und Kritik der Mächtigen unseres Landes aus Politik, Wirtschaft und Kirche legen können. Wenn Sie als Journalisten das weiterhin schaffen, brauchen wir uns vor einer Krise der Expertenkultur nicht zu fürchten.

Experten: Zehn Thesen von Prof. Holger Wormer

Beitrag zur Jahreskonferenz 2010
Fr./Sa., 09./10. Juli 2010, Hamburg

von Holger Wormer, Professor für Wissenschaftsjournalismus an der TU Dortmund

1. Experten nehmen eine zentrale Rolle in der journalistischen Berichterstattung ein. Ebenso zentral ist daher die Fähigkeit, geeignete Experten zu finden, zu bewerten und kritisch zu hinterfragen.

2. Expertenurteile dienen häufig als Surrogat für eine echte Auseinandersetzung mit komplexen Themen. Tatsächlich entbinden Expertenurteile Journalisten nicht von der Pflicht, sich selber in ein Thema einzuarbeiten. Eigenrecherche senkt die Abhängigkeit von reinen Expertenaussagen.

3. Der Respekt vor Experten und der Gültigkeit ihrer Aussagen ist zu groß. Journalisten fehlt aber häufig das notwendige Wissen und die Fähigkeit, die Rolle von Experten einzuschätzen. Dabei bietet gerade das Internet Chancen, Experten schnell richtig einzuordnen, weitere geeignete Experten zur Überprüfung zu finden sowie umgekehrt Expertennetzwerke und Abhängigkeiten zu analysieren.

4. Der Anspruch an einen Experten hängt auch von der Tragweite seiner Aussagen ab. An den Fußballexperten oder den „Erklärbär“ für physikalische Phänomene auf der Basis von Schulwissen sind andere Anforderungen zu stellen als an den Gesundheitsexperten, der weit reichende Empfehlungen gibt, die über Heilung und Krankheit, unter Umständen über Leben oder Tod entscheiden können.

5. Ist ein „Experte“ einmal als solcher in den Medien präsent, kommt es schnell zum Recycling der immer gleichen Köpfe auf allen Kanälen. Nicht selten mutiert der Experte auf einem hochspeziellen Gebiet dabei zu einer Art „Universalexperten“ für vieles.

6. Ein Experte muss nicht zwangsläufig Wissenschaftler sein; ein international erfahrener Fußballtrainer hat durchaus Expertenstatus auf seinem Gebiet. Für Zuschauer, Zuhörer und Leser muss aber jederzeit klar sein, worin die Kompetenzen und Grenzen eines präsentierten Experten liegen. Wird der Anschein von Wissenschaftlichkeit erweckt, so muss der Experte auch über eine wissenschaftliche Expertise auf dem entsprechenden Gebiet verfügen. Ein Unternehmensberater ist kein wissenschaftlicher Experte, auch wenn er gerne als solcher auftritt.

7. Journalistische Grundregeln wie das Einholen einer Gegenmeinung können im Falle von Expertenstatements zu Verzerrungen führen („balance as bias“). Ohne entsprechende Einordnung bekommen wissenschaftliche Außenseitermeinungen oft ein überproportionales Gewicht in der Berichterstattung: Es entsteht der Eindruck eines großen Expertenstreits, obwohl unter den eigentlichen Experten ein praktisch vollständiger Konsens herrscht (Beispiel Klimawandel).

8. Die Wissenschaft selbst hat formale Kriterien für die Bewertung von Experten entwickelt, die auch Journalisten für einen ersten „Experten-Check“ unbedingt nutzen sollten. Dazu gehören Fachpublikationen (in angesehenen Verlagen und möglichst begutachteten („peer reviewed“) Fachzeitschriften), Zitierhäufigkeit in der jeweiligen scientific community, Ruf der Person und seiner Institution unter Fachkollegen, Drittmittel, Forschungspreise, Patente und Lehrerfahrung. Wenngleich diese Kriterien nur Anhaltspunkte geben und zum Teil ambivalent sind (z.B. Drittmittel), ließen sich damit bereits die meisten Scharlatane erkennen.

9. Der Staat gefährdet mit einer an ökonomischer Prinzipien ausgerichteten Forschungspolitik, einem mitunter absurden Wettbewerb bei gleichzeitig fortschreitender Unterfinanzierung der Hochschulen eine zumindest prinzipielle Unabhängigkeit wissenschaftlicher Experten. Die zunehmend nur zeitlich befristete Förderng von Projekten, die Forderung nach Medienpräsenz der Institution und der Zwang zur Verwertbarkeit möglichst vieler Forschungsergebnisse erhöht den Drittmitteldruck auf Wissenschaftler und zerstört ihre relative Unabhängigkeit. In Bereichen wie der Medizin gibt es kaum noch einen „unabhängigen Experten“.

10. Umgekehrt funktioniert der verbreitete journalistische Reflex „Wissenschaftler xy erhält auch Projektmittel von Unternehmen z und ist deshalb nicht glaubwürdig“ in dieser einfachen Form nicht mehr. In vielen Fällen – etwa bei Ingenieuren – sind Drittmittel aus der Industrie sogar ein besonderes Zeichen für Expertise auf einem bestimmten Gebiet. Voraussetzung ist dabei ein transparenter Umgang des Experten mit solchen Finanzierungen und ggf. die Erklärung eines „conflict of interest“.

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