Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

Es fing schrecklich an, das journalistische Jahr 2015: am Morgen des 7. Januar riefen zwei schwerbewaffnete maskierte Maenner “Allah ist gross”, dann erschossen sie elf Menschen. Mit ihrem Kugelhagel beerdigten sie auf einen Schlag eine ganze Redaktion, sie quaelten ein ganzes Land und erschuetterten Journalistinnen und Journalisten weltweit. Ueberwaeltigend war die Solidaritaet mit Charlie Hebdo: “Je suis Charlie” – einer fuer alle, alle fuer einen! Aber die Wunde klafft bis heute – und keine Solidaritaet dieser Welt kann sie schliessen. Allenfalls uebertuenchen liessen sich die Schreckensmeldungen von damals, von neuen Nachrichten – so zynisch ist es.

In unserer Solidaritaet aber duerfen wir trotzdem nicht nachlassen. Seit einem Jahr nun sitzt Khadija Ismayilova in Aserbaidschan im Gefaengnis. Die Investigativjournalistin enthuellte Korruptionsfaelle und Amtsmissbrauch der skrupellosen Herrscher ihres Landes. Sie wurde bedroht, schliesslich unter falschen Anschuldigungen festgesetzt und im Septemer zu siebeneinhalb Jahren Haft verurteilt. Oder der saudische Blogger Raif Badawi – der inzwischen seit ueber drei Jahren im Gefaengnis sitzt, verurteilt zu tausend Peitschenhieben. Beide haben gesagt, was sie dachten. Geschrieben, was sie wussten. Sie und all die vielen anderen, die ihr Leben riskieren fuer ihre Arbeit und fuer die Gesellschaft, sind darauf angewiesen, dass wir nicht nachlassen in unserer Solidaritaet. Dass wir immer wieder fuer Oeffentlichkeit sorgen, Druck machen.

Und in Deutschland – alles nur Wattebaeuschchen? Das Jahr 2015 hat uns gemeinsam staunen lassen, als die Behoerden ploetzlich wegen Landesverrats gegen netzpolitik.org ermittelten. Der Aufschrei war gross – Landesverrat! Er war aber auch deshalb so gross, weil alles so aussah, als haetten sich die Behoerden absichtlich einen vermeintlich kleinen Laden vorgeknoepft. Sie hatten nicht damit gerechnet, dass Journalisten derart solidarisch sind und zusammenstehen. Und als sie es merkten, bekamen sie es mit der Angst. Denn immer wenn Journalisten gemeinsam wehrhaft sind, sind sie wirkungsmaechtig. Allerdings, ein Raetsel bleibt bis heute: Wer war es, der Markus Beckedahl und Andre Meister zu Landesverraetern machen wollte? Wer hat den abstrusen Vorwurf eigentlich losgetreten? Das wissen wir bis heute nicht und es wird noch aufzuklaeren sein.

Das Jahr 2015 ist vor allem das Jahr der Fluechtlinge. Sie kamen und mit ihnen kamen unendlich viele Themen. Unser Rollenverstaendnis wurde kraeftig aufgewirbelt: wir reportierten und recherchierten, aber wir halfen auch, packten mit an. Solidarisch, wie so haeufig: Boese Geruechte haben wir flugs zerlegt, mit manchen Fakten aber auch gerungen; sie verschwiegen aus Sorge, der Mob koennte ein gefundenes Fressen darin sehen und aufhetzen. Aber wir brauchen und duerfen nichts zurueckhalten, es ist keine Frage der Solidaritaet – alles muss raus, kann es nur heissen. Der Leser, Zuschauer und Hoerer ist in der Lage, die Welt auszuhalten, so kompliziert sie auch ist.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, es gibt also wieder viel zu tun im neuen Jahr. Beim netzwerk recherche freuen wir uns auf einen ganz ausserordentlichen Konferenzmarathon! Hochkaraetig geht es los im Maerz in Tutzingen mit unserer Tagung “Im Visier der Meute”, u.a. mit Peer Steinbrueck, Susanne Gaschke und Joerg Kachelmann. Und natuerlich arbeiten wir schon an unserem Programm fuer die Jahrestagung, am 8. und 9. Juli in Hamburg, gleich vormerken!

Jetzt kommen Sie aber erstmal gut durch den Winter. Wir wuenschen Ihnen geruhsame Festtage! Mit wenigen Mails und vielen dicken Buechern!

Herzliche Gruesse im Namen des gesamten Vorstands

Julia Stein,
Albrecht Ude

### Inhaltsverzeichnis.

01: Editorial

Abschnitt Eins: In Eigener Sache
02: Beitraege fuer nr-Jahreskonferenz 2016 jetzt einreichen
03: nr-Fachkonferenz “Im Visier der Meute. Journalistische Recherche zwischen Fairness und Exzess”
04: Stipendium abgeschlossen
05: Olin-Stipendium abgeschlossen

Abschnitt Zwei: Veranstaltungen
06: Shit & Candy: Die neue Waehrung fuer den Journalismus? – 29. ver.di-Journalistentag
07: Journalisten als Opfer von rechter Gewalt
08: Crossmedia-Konferenz der HS Magdeburg-Stendal sucht Beitraege
09: Chaos Communication Congress 2015
10: Nominierungen erbeten fuer den Leipziger “Preis fuer die Freiheit und Zukunft der Medien”
11: Aktivkongress 2016
12: Tagung: Verrat oder Aufklaerung? Die Rolle von Whistleblowern fuer Demokratie und Medien
13: Tagung: Big Data und informationelle Selbstbestimmung
14: Fachtagung: Inter Faces — Schnittstellen und Change Management in der Medieninformation

Abschnitt Drei: Nachrichten
15: Erfolgreiche Klage: Bundestag veroeffentlicht Liste der Lobbyisten mit Hausausweis
16: Journalistenpreis “Der lange Atem” an Jost Mueller-Neuhof
17: Zwei deutsche Publikationen bei den Information is Beautiful-Awards ausgezeichnet
18: Digitalcourage Adventskalender
19: Lobbyradar des ZDF kommt unter die Raeder
20: ProRecherche.org veranstaltet ersten Recherche-Workshop Berlin

Abschnitt Vier: Seminare, Stipendien, Preise
21: Journalistische Berufsbildung: Der Haushalt der Gemeinde
22: Seminare mit Recherchebezug

Abschnitt Fuenf: Pressespiegel
23: Journalismus
24: Journalismus und PR
25: Informationsfreiheit
26: Ueberwachung

27: Link-Index
28: Technische Hinweise
29: Impressum

Nr. 132 vom 21.12.2015 [TXT]