Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

es sind turbulente, auch erschuetternde Tage, die uns alle in den Wochen nach unserer Jahrestagung in Hamburg aufwuehlen: Attentat in Muenchen, Terror in Nizza, Putschversuch in der Tuerkei, toedliche Schuesse in den USA, der Dopingskandal in Russland oder das Erschrecken ueber die Gewalttat in einem Zug bei Wuerzburg. Und dazu die wichtigen, uns noch lange beschaeftigenden Themen wie Brexit, Fluechtlingspolitik, IS-Terror, Dieselaffaere, TTIP und viele mehr. Wir Journalisten sind gefordert. Wir muessen recherchieren, berichten, einordnen und sollen erklaeren, was manchmal nicht erklaerbar ist. Und das immer ganz schnell, bisweilen viel zu schnell.

Gleichzeitig kaempfen wir um unsere Glaubwuerdigkeit, sind konfrontiert mit Hetzparolen (nicht nur) im Netz, sorgen uns um Finanzierungsmodelle fuer den Journalismus der Zukunft.

Was also tun? Eigentlich ganz einfach: Unseren Job. Wissend, dass in all der Hektik auch Fehler passieren koennen – die wir dann auch transparent korrigieren sollten.
Wissend, dass viele unserer Arbeit misstrauen – aber da geht es manch anderer Berufsgruppe nicht anders.
Wissend, dass es einige bei uns gibt, die bewusst manipulieren, die ihre Gesinnung, ihre Klick- oder Auflagenzahlen zum Massstab ihrer Berichterstattung machen – was wir oeffentlich machen sollten, was wir nicht aus falsch verstandener Kollegialitaet verschweigen sollten.
Wissend, dass es Sorgen um die (zukuenftige) Finanzierung von serioesem Journalismus gibt – was wir nicht kleinreden, sondern als grosse Herausforderung an uns alle betrachten sollten.

Viele dieser Fragen, dieser Probleme haben wir auf der Jahrestagung von netzwerk recherche beim NDR in Hamburg diskutiert. Durchaus kontrovers. Aber in einer Atmosphaere, die viele als motivierend empfanden, als sinnvolle Bereicherung fuer ihren tagtaeglich gelebten Redaktionsalltag. Denn es standen Themen im Mittelpunkt, die uns alle beschaeftigen – die freien Journalisten, Lokalreporter genauso wie die Chefredakteure: Wie gehe ich um mit der “Hetze im Netz” oder mit “Pegida vor der Tuer”? Wie kann ich neue Techniken nutzen, um Themen noch besser zu recherchieren und zu publizieren? Was mache ich, wenn Fehler passieren? Wie kann ich mich gegen Einschuechterungen und Einflussnahme auf meine Arbeit wehren? Wie finanziere ich eigene Recherchen, mit wem kann ich kooperieren?

Natuerlich kann solch eine Tagung den Journalismus nicht veraendern, die aktuellen Probleme nicht loesen. Aber sie kann motivieren. Besonders dann, wenn “Entscheidungstraeger” zugeben, dass auch sie nicht alles wissen. Oder wenn die Teilnehmer sich ueber ihre jeweilige Situation austauschen und dabei viele Ideen entwickeln, neue Kontakte knuepfen. Oder wenn auf den Panels nicht nur Hintergruende zu spektakulaeren Recherchen geliefert werden, sondern auch ueber die Pannen, die Fehler waehrend solcher Recherchen offen geredet wird. Wenn die “Enthueller” sich also nicht nur als “grosse” Journalisten praesentieren, sondern als bisweilen ratlose, suchende, auch zweifelnde Kollegen. Also Situationen beschreiben, die den journalistischen Alltag in vielen Redaktionen, Verlagen und Sendern widerspiegeln.

Wer bei der Tagung dabei war, dem bleiben sicher auch andere Momente in bleibender Erinnerung:
Etwa die Begegnungen und Gespraeche mit all den Fluechtlingen, die heuer erstmals als Gaeste dabei waren.

In Erinnerung bleibt ganz sicher auch die Rede vom Praesidenten des EU-Parlaments, Martin Schulz. Seine klaren Worte zur Situation der Presse in der Tuerkei, aber auch zur “Luegenpressekampagne” in Deutschland beruehrten und begeisterten Viele. Die Reaktion waren Standing Ovations ueber etliche Minuten. Fuer ihn und den diesjaehrigen Preistraeger des Leuchtturms von netzwerk recherche, Can Duendar. Seine Dankesrede, seine Anwesenheit waehrend der Tagung, seine vielen Gespraeche mit den Teilnehmern, seine Bescheidenheit, aber auch sein Charisma – die Begegnungen mit ihm, einem wahren “Helden der Pressefreiheit”, waren ganz sicher der Hoehepunkt fuer alle. Knast und Anschlaege hat er schon hinter sich, wahrscheinlich auch noch vor sich – da relativieren sich manche Probleme, manche Sorgen von uns hierzulande.

Was noch bleibt: Der Dank an unsere Foerderer wie die Rudolf Augstein Stiftung oder die Bundeszentrale fuer politische Bildung. Und an unsere Partner wie Reporter ohne Grenzen oder Correctiv. Auch an die rund 200 Referenten und Moderatoren fuer ihre Kompetenz und Bereitschaft zur Diskussion auf Augenhoehe. Unser Respekt gilt den rund 150 Helfern, die sich um die Logistik genauso kuemmerten wie um den Liveblog und die Tagungszeitung. Unsere Dankbarkeit gebuehrt auch dem NDR als grosszuegigen und idealen Gastgeber unserer Tagung. Und natuerlich unser Kompliment an die rund – ueberwiegend sehr jungen – 600 Teilnehmer aus dem In- und Ausland fuer ihre Disziplin, ihre Begeisterungsfaehigkeit, ihre Gelassenheit und Freundlichkeit. Alles zusammen ergab eine Atmosphaere, die auch fuer uns, die Organisatoren, eine Belohnung war fuer all die Arbeit und den Stress im Vorfeld und auch waehrend dieser Tagung. Die vielen, vielen positiven Rueckmeldungen sind Ansporn und Motivation, jetzt mit den Vorbereitungen fuer die Jahrestagung 2017 zu beginnen.

Es gruessen,
Kuno Haberbusch,
Albrecht Ude

 

Inhaltsverzeichnis.

01: Editorial

Abschnitt Eins: In Eigener Sache
02: Viel zu scrollen und zu klicken – Dokumentation der nr-Jahreskonferenz
03: Leuchtturm-Preis fuer Can Duendar
04: “Verschlossene Auster” an Facebook
05: Medienkodex des Netzwerk Recherche
06: netzwerk gruendet Arbeitskreis Lokaljournalismus
07: “Grow” – Stipendien fuer Gruender im Non-Profit-Journalismus ausgeschrieben

Abschnitt Zwei: Veranstaltungen
08: Tagung “Was Ihr zum Berufsstart wissen muesst”
09: Workshoptage “talent! Junge Medienmacher 2016: Zukunft der Bildung”
10: jungvornweg startet Jugendmedienwettbewerb

Abschnitt Drei: Nachrichten
11: TTIP – Verhandlungsdokumente zum Energiesektor oeffentlich
12: Journalistenschulen geben sich “Qualitaets-Charta”
13: Kontext-TV ueber die soziale Schieflage in der EU
14: Whistleblower-Richtlinie der EU
15: Wikileaks veroeffentlich AKP-Mails
16: Entwurf fuer ein bundesweites Lobbyistenregister
17: Menschenrechtsinstitut vergibt vier Recherche-Stipendien

Abschnitt Vier: Seminare, Stipendien, Preise
18: RoG-Residenstipendium fuer digital Verfolgte
19: Hostwriter Prize
20: Foerderung fuer grenzueberschreitende Recherchen
21: Seminare mit Recherchebezug

Abschnitt Fuenf: Pressespiegel
22: Journalismus
22: nr-Jahrestreffen 2016
23: Can Duendar mit Leuchtturm-Preis ausgezeichnet
24: Verschlossene Auster an Facebook
25: Journalismus und PR
26: Informationsfreiheit
27: Ueberwachung

28: Link-Index
29: Technische Hinweise
30: Impressum

Nr. 139 vom 25.07.2016 [TXT]