Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

fuer Monika Baeuerlein, CEO des US-amerikanischen Non-Profit-Magazins Mother Jones, war es nicht leicht, wenige Tage vor der Wahl in den Vereinigten Staaten nach Deutschland zu kommen. Weil ihr, der gebuertigen Muenchnerin, die Entwicklung des gemeinnuetzigen Journalismus in Deutschland am Herzen liegt, kam sie trotzdem: Als Keynote-Rednerin eroeffnete Monika Baeuerlein den „Tag des Non-Profit-Journalismus“ Ende Oktober in Berlin, die juengste Fachkonferenz von netzwerk recherche.

Inzwischen haben die USA gewaehlt, Donald Trump wird Praesident. „This is a dark hour, and to say otherwise would be a lie“, schrieb Mother Jones in einem Kommentar zum Ausgang der Wahl. Welchen Anteil hatten die Medien am Erfolg von Donald Trump? Welche Zukunft hat der Watchdog-Journalismus in den USA? Diese Fragen muessen uns umtreiben, denn nicht ohne Grund hat die Journalistenorganisation Reporter ohne Grenzen den kuenftigen Praesidenten der USA nach seinem Wahlsieg umgehend aufgefordert, die Pressefreiheit zukuenftig zu respektieren. Das ist eine kleine Meldung, die das ganze Ausmass der Erschuetterung unserer Branche in ein paar Zeilen verdichtet.
Monika Baeuerlein hat die Fragen zur Freiheit und Verantwortung der Medien in ihrer Berliner Rede bereits aufgeworfen. „Dieser Wahlkampf zeigt uns, was passiert, wenn der Journalismus seine gemeinnuetzige Aufgabe, die er immer hatte, nicht mehr ausreichend wahrnehmen kann.“ In den USA kompensieren hier und da Non-Profit-Medien die Defizite, indem sie Aufklaerung und investigative Recherchen in den Mittelpunkt ihrer Arbeit stellen. Viele von ihnen haetten allerdings nur wenige Mitarbeiter und ein schmales Budget, da gebe es „room to grow“, so Baeuerlein.

Das ist in Deutschland nicht anders, wo bereits einige gemeinnuetzige Journalismus-Projekte wie das Recherchebuero Correctiv und das Hostwriter-Netzwerk die Berichterstattung bereichern. Der „Tag des Non-Profit-Journalismus“, den netzwerk recherche mit Unterstuetzung der Schoepflin Stiftung, der Freien und Hansestadt Hamburg und der GLS Treuhand organisieren konnte, zeigte die Leistungen der Reporter und die Zuversicht der Gruender ebenso wie die Herausforderungen, die mit alternativen Finanzierungsmodellen verbunden sind.
Uns hat der Tag vor allem Mut gemacht. Der Ideenreichtum der Bewerber fuer die Grow-Stipendien fuer Gruender im gemeinnuetzigen Journalismus, die von engagierten Stiftungen ermoeglichten Recherchen, die kollegiale Atmosphaere und der lebendige Austausch haben uns gezeigt, dass es richtig ist, im gemeinnuetzigen Journalismus einen Hoffnungstraeger fuer den Recherche-Journalismus zu sehen.

Ueber den Begriff „Non-Profit-Journalismus“ sind allerdings einige Diskutanten gestolpert. Er legt ja nahe, dass niemand von einem Journalismus dieser Art profitiert. Das Gegenteil ist der Fall: Die Gesellschaft hat einen grossen Nutzen, einen „Social Profit“ gewissermassen, wie es der Gruendungsberater Thorsten Jahnke in seinem Workshop in Berlin nannte. Sollten wir also vielleicht besser vom „Social-Profit-Journalismus“ sprechen?
Was „Social Profit“ im Journalismus konkret heissen kann, zeigen uns die drei Grow-Stipendiaten, die am „Tag des Non-Profit-Journalismus“ gekuert wurden. Ein Stipendium ging an Moritz Damm und Helmuth Pflantzer von Einfach Heidelberg. Sie bauen ein Online-Nachrichten-Portal in leichter Sprache auf, das von einem inklusiven Redaktionsteam erarbeitet wird und sich der Lokalberichterstattung widmet. Mit einem weiteren Stipendium wurde das Projekt Refugee Reporter von Jessica Schober ausgezeichnet. Die Muenchner Journalistin will mit einem Mentorenprogramm und einer Schreibwerkstatt Kontakte zwischen Lokaljournalisten und gefluechteten Journalisten ermoeglichen. Das dritte Grow-Stipendium erhielten Arne Semsrott und Andrej Sandorf von der Open Knowledge Foundation, die das Portal FragDenStaat mit neuen Funktionen zu FragDenStaatPLUS weiterentwickeln moechten, um die Informationsfreiheitsrechte zu staerken. In den naechsten Monaten werden die Stipendiaten intensiv an der Realisierung ihrer Vorhaben arbeiten ñ und den gemeinnuetzigen Journalismus damit noch vielfaeltiger machen.

Es gruessen

Thomas Schnedler,
Albrecht Ude

Die Keynote von Monika Baeuerlein und weitere Veranstaltungen vom „Tag des Non-Profit-Journalismus“ in Berlin sind hier dokumentiert:

Dokumentation

Der Kommentar zur US-Wahl von Mother-Jones-Chefredakteurin Clara Jeffery:
http://www.motherjones.com/politics/2016/11/election-hate-trump-president-racism

## Inhaltsverzeichnis.

01: Editorial

Abschnitt Eins: In Eigener Sache
02: Ausspaehung durch Browser-Add-ons
03: nr-Stipendien abgeschlossen
04: Berliner Stammtisch mit Julian Heissler zu Internet-Recherche
05: Call for Concepts: nr Jahreskonferenz

Abschnitt Zwei: Veranstaltungen
06: „Luegenpresse“ – Medienkritik als politischer Breitensport
07: Tutzinger Medien-Dialog „Die (un)-heimliche Macht der Datenkraken“
08: Suchmaschinen-Kongress 2017

Abschnitt Drei: Nachrichten
09: Massenhacks – Testen Sie, ob Sie betroffen sind
10: Verfassungsbeschwerde gegen Vorratsdatenspeicherung
11: Frag das Jobcenter

Abschnitt Vier: Seminare, Stipendien, Preise
12: Weiterbildung „Archive im Informationszeitalter“
13: FES-Seminar „Wer fragt, der fuehrt: Das politische Interview“

Abschnitt Fuenf: Pressespiegel
14: Journalismus
15: Fake News
16: Journalismus und PR
17: Informationsfreiheit
18: Ueberwachung

19: Link-Index
20: Technische Hinweise
21: Impressum

Nr. 143 vom 29.11.2016