Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

gelegentlich sieht man die Gegenwart klarer, wenn man in die Vergangenheit blickt. Volker Ullrich von der „Zeit“ hat das dieser Tage getan und beschrieben, wie deutsche Journalisten im Jahr 1933 die Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler kommentiert haben. Die Parallelen zu heute sind frappierend: Die meisten Medien rieten zum „ruhigen Abwarten“, Hitler werde sich einhegen lassen, das neue Amt werde einen maessigenden Einfluss ausueben.

Theodor Wolff zum Beispiel, Chefredakteur des „Berliner Tageblatts“ und einer der hellsichtigsten Koepfe seiner Zeit (nach dem auch heute noch ein renommierter Journalistenpreis benannt ist), schrieb am 31. Januar 1933: Die Deutschen seien stolz auf „die Freiheit des Denkens und des Wortes“, deshalb werde sich „seelischer und geistiger Widerstand“ regen und Hitler in die Schranken weisen. Der Chefredakteur der arbeitgebernahen „Deutschen Allgemeinen Zeitung“, Fritz Klein, schrieb: Der Fuehrer der NSDAP muesse nun beweisen, „ob er das Zeug zum Staatsmann besitzt“. Die meisten dachten und schrieben, die konservativen Buendnispartner haben ihn im Griff, man solle sich von Hitlers radikaler Rhetorik nicht blenden lassen. Selbst der Centralverein deutscher Staatsbuerger juedischen Glaubens erklaerte, nun gelte „ganz besonders die Parole: Ruhig abwarten!“

Die Diplomaten lagen kaum weniger daneben. So erklaert der US-amerikanische Generalkonsul in Berlin, George S. Messersmith, dass die Hitlerregierung nur eine Uebergangserscheinung hin zu stabileren politischen Verhaeltnissen darstelle. Dem franzoesischen Botschafter Andre Francois-Poncet erschien der neue Reichskanzler gar „matt und mittelmaessig“, eine Art Miniaturausgabe Mussolinis.

Volker Ullrich resuemmiert: fahrlaessiger konnte Hitlers Machtwille nicht unterschaetzt werden. „Selten ist ein politisches Projekt so rasch als Chimaere enthuellt worden wie das Konzept der Konservativen zur Zaehmung.“

Bis in die Wortwahl gleich waren die Prophezeihungen vieler Kommentatoren vor dem Amtsantritt Donald Trumps: Abwarten, Maessigung, Einhegung durch republikanische Spitzenpolitiker. Die ersten drei Wochen der Praesidentschaft Trumps haben diese Erwartung ebenfalls als Wunschdenken entlarvt. Trump ist zwar nicht Hitler und Washington nicht Weimar. Aber nicht grundlos hat der deutsche Historiker und Weimar-Kenner Heinrich August Winkler diese Woche mit Blick auf die USA von einem „schleichenden Staatsstreich“ gesprochen. Fuer uns sollte das eine Mahnung sein, uns messerscharf mit den Fakten zu beschaeftigen – und aufzuhoeren, die Wirklichkeit durch eine Wunschbrille zu betrachten.

Es gruessen
Markus Grill,
Albrecht Ude

## Inhaltsverzeichnis.

01: Editorial

Abschnitt Eins: In Eigener Sache
02: „Leiden schafft Recherche“ – nr-Jahrestreffen am 9./10. Juni in Hamburg
03: Zum Wohle aller?
04: Stipendien abgeschlossen

Abschnitt Zwei: Veranstaltungen
05: Jetzt nominieren: Goldener Bremsklotz / Sabot díor / La Ganascia díOro 2017
06: Bewerben: Cross-Border-Redaktion in Armenien
07: Nominierungen fuer den Grimme Online Award
08: Unterzeichnen: Appell fuer ein verpflichtendes Lobbyregister
09: Jetzt nominieren fuer den Leipziger Medienpreis
10: Forum Weitblick 2017 – Agenda 2030
11: Datensummit „work in/work on progress“ zu den Themen Transparenz, Open Data, Civic Tech und Data for Social Good
12: Dataharvest / EIJC 2017

Abschnitt Drei: Nachrichten
13: Niedersachsen legt enttaeuschenden Entwurf fuer ein Transparenzgesetz vor
14: umatter.news sucht Autoren
15: Michael Obert gruendet Reporter-Akademie Berlin
16: Syrian Archive dokumentiert Kriegsverbrechen
17: Neuer Name: Refugee Reporter heisst jetzt Newscomer
18: Top Ten der vergessenen Nachrichten 2017
19: Index der wahrgenommenen Korruption
20: Schnueffelfreie Suchmaschine MetaGer
21: Deutscher Fernsehpreis fuer ARD-Doku ueber „Panama Papers“

Abschnitt Vier: Seminare, Stipendien, Preise
22: Archive fuer Einsteiger – Einfuehrung in Grundlagen und Grundbegriffe
23: EJC Stipendium Globale Gesundheit
24: Workshop Multimediales Storytelling
25: Seminare mit Recherchebezug

Abschnitt Fuenf: Pressespiegel
26: Journalismus
27: „Fake News“
28: Ueberwachung

29: Link-Index
30: Technische Hinweise
31: Impressum

Nr. 146 vom 15.02.2017