Sie liefern Hochglanzbilder für Fernsehredaktionen, sendefähige Gratis-Beiträge für Radiosender, Meldungen für die auf Hochtouren laufende Nachrichtenmaschinerie: die Public-Relations-Profis in Deutschland. Sie propagieren den Dialog – doch bei unangenehmen Fragen blocken sie ab, oft genug behindern sie Recherchen und vernebeln die Fakten. Abseits der Öffentlichkeit geben PR-Berater den Themen einen Spin, der von Konzernen oder Politikern gewünscht wird, sie entwerfen Pläne für Kampagnen und Kommunikationsfeldzüge, arbeiten immer wieder auch verdeckt an der Beeinflussung der öffentlichen Meinung.

Im Journalismus sind die PR-Angebote trotzdem willkommen: Für fragwürdige Exklusivmeldungen und kurzlebige Schlagzeilen kooperieren Redaktionen mit den Kommunikationsstrategen; freie Journalisten nehmen lukrative PR-Aufträge von Unternehmen an; PR-Berater und Lobbyisten wechseln die Seiten, um Redaktionen zu leiten; Hochschulen binden Pressesprecher in die Ausbildung des journalistischen Nachwuchses ein.
Verschiebt sich durch diese Entwicklungen das Kräfteverhältnis zwischen Journalismus und Public Relations? Welche Folgen haben die Professionalisierung der PR-Branche und die schleichende Deprofessionalisierung im Journalismus? Was muss geschehen, damit sich der Qualitätsjournalismus trotz der Verflechtungen von Journalismus und PR behaupten kann?
Bei der Fachkonferenz “Journalismus und PR – zwischen Kooperation und Konfrontation” wollen die Rudolf-Augstein-Stiftungsprofessur an der Universität Hamburg und die Journalisten-Organisation Netzwerk Recherche Antworten auf diese Fragen finden. Die Tagung findet von Freitag, 11. Februar, bis Samstag, 12. Februar 2011 in Hamburg statt.
Mehr als 40 Journalisten, PR-Praktiker und Wissenschaftler werden als Referenten in Workshops und Podiumsdiskussionen über die heiklen Beziehungen zwischen beiden Professionen sprechen. So wird beispielsweise Bernd Ziesemer, ehemaliger Chefredakteur des Handelsblatts und heute Geschäftsführer von Hoffmann und Campe Corporate Publishing, erklären, warum er heute für Unternehmen wie BMW, Evonik oder RWE arbeitet. Lisa Graves, Direktorin des US-amerikanischen Center for Media and Democracy und Herausgeberin von www.prwatch.org, wird die PR-Strategien multinationaler Konzerne beleuchten.
Ziel der zweitägigen Fachkonferenz ist es, Journalistinnen und Journalisten hilfreiches Wissen für die tägliche Arbeit zu vermitteln. In den Workshops wird deshalb an konkreten Beispielen das Erkennen von verdeckter PR trainiert (z.B. “Sind Atomkraftwerke Klimaschützer? Greenwashing als Kommunikationsstrategie” – Toralf Staud, Autor). Gezeigt wird der professionelle Umgang mit PR-Zulieferungen (z.B. “Pseudo-Studien und bezahlte Experten. Welchem Wissenschaftler kann man trauen?” – Prof. Holger Wormer, TU Dortmund). Und es gibt Tipps für die journalistische Selbstbehauptung im Alltag (z.B. “Abwimmeln, Ausweichen, Abblocken. Was tun, wenn der Pressesprecher nichts sagt?” – David Schraven, WAZ).
PR-Praktiker berichten aus ihrer Perspektive, wie sich das Geben und Nehmen in der Praxis gestaltet. Mit dabei sind u.a. Rudi Schmidt, Pressesprecher der Asklepios Kliniken, mit einem Erfahrungsbericht (“Der 24-Stunden-Service der PR: Wie sich Journalisten bedienen lassen”) und Jan Spielhagen, Gruner+Jahr, der Chefredakteur von gleich zwei Kundenmagazinen ist, “DB mobil” und “Volkswagen Magazin”.
Die Podiumsdiskussionen widmen sich kontroversen Themen wie “Geld, Macht, Frust? Warum Journalisten in die PR wechseln”, “Wessen Stimme bin ich? Freie Journalisten zwischen Journalismus und PR” oder “Fünf Jahre Medienkodex – eine Zwischenbilanz”. Aufgeklärte PR-Praktiker wie Richard Gaul (Deutscher Rat für Public Relations) stellen sich der Diskussion. Prof. Peter Voß, Ex-SWR-Intendant und heutiger Präsident der PR-Hochschule Quadriga, antwortet auf Kritik an der privaten PR-Hochschule.
In der Vortragsreihe “Junge Wissenschaft” präsentieren Nachwuchswissenschaftler aus ganz Deutschland zudem aktuelle Forschungsergebnisse zum Verhältnis von Journalismus und PR. Hier werden erstmals Ergebnisse einer Studie zum Corporate Publishing in Deutschland vorgestellt, die am Rudolf-Augstein-Lehrstuhl für Praxis des Qualitätsjournalismus der Universität Hamburg entstanden ist.

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