Dialogprojekt: Leben ohne Lokalzeitung?

Abschlussbericht erschienen:

Lückenfüller – Was kommt, wenn die Lokalzeitung geht?

Die Menschen haben ein großes Bedürfnis nach Informationen aus ihrer unmittelbaren Umgebung. Ausgerechnet die Lokalzeitung kann davon nicht profitieren. Im Dialogprojekt „Leben ohne Lokalzeitung“ haben wir mit 50 Bürgerinnen und Bürgern aus der Region Greiz in Thüringen darüber gesprochen, wie sie sich informieren und was sie sich vom Lokaljournalismus wünschen.

Die Ergebnisse haben Thomas Schnedler und Malte Werner im Greenhouse Report Nr. 4 unter dem Titel „Lückenfüller – Was kommt, wenn die Lokalzeitung geht?“ zusammengefasst. Darin zeigen sie, wie wichtig den Menschen Nähe und Tiefgang in der Berichterstattung sind, wie die junge Generation den Bezug zu verlässlichen Informationsquellen zu verlieren droht und wie Rechtsextreme die entstehenden Informationslücken füllen.

Greenhouse Report Nr. 4

Lückenfüller – Was kommt, wenn die Lokalzeitung geht?

Zusammenfassung der Ergebnisse

Ostthüringen als Modellregion: Im Frühling 2023 stellte die Funke Mediengruppe Thüringen in elf Gemeinden rund um Greiz die Zustellung der Papierzeitung ein und erklärte die Gegend zur „Modellregion für die Digitalisierung des ländlichen Raums“. Rund 300 Abonnentinnen und Abonnenten der Ostthüringer Zeitung waren betroffen. Das Experiment zog bundesweit Aufmerksamkeit auf sich, weil es exemplarisch für den Umstieg von Print- auf Digital-Abos im ländlichen Raum stand. Doch das Ergebnis der Aktion war enttäuschend: Fast die Hälfte der betroffenen Abos – 47 Prozent – gingen dem Verlag verloren.

Der Lokaljournalismus ist in schweres Fahrwasser geraten.

Im Dialog mit den Menschen: Zwei Jahre nach dem Modellversuch zur Digitalisierung der Lokalzeitung haben wir uns im Dialogprojekt „Lückenfüller – Leben ohne Zeitung?“ den Menschen gewidmet, die in und rund um Greiz leben. Wir wollten wissen: Welche Erwartungen an den Lokaljournalismus haben sie? Aus welchen Quellen informieren sie sich jetzt über das Geschehen vor Ort? Welche Stimmen füllen die Lücken? Und was passiert mit dem Gemeinwesen, wenn die Papierzeitung verschwindet?

Wichtige Unterstützung vor Ort: Im Rahmen des einjährigen Projekts haben wir mit insgesamt 50 Bürgerinnen und Bürgern gesprochen. Die Gruppendiskussionen haben wir in Zusammenarbeit mit lokalen Vereinen und anderen Organisationen in der Region Greiz organisiert. Unser Vorhaben wurde gefördert von der Deutschen Postcode Lotterie, die gemeinnützige Projekte zum Thema sozialer Zusammenhalt unterstützt. Die Veröffentlichung des Greenhouse Reports Nr. 4 wurde ermöglicht durch die Schöpflin Stiftung.

Ältere Menschen verlieren den Anschluss: Für viele (vor allem ältere) Menschen ist die Lektüre der Lokalzeitung ein liebgewonnenes Ritual. Vielmehr noch ermöglicht sie gesellschaftliche Teilhabe und ermächtigt zur Meinungsbildung. Durch die Umstellung auf ein Digital-Abo verloren viele Ältere, die mit dem technischen Fortschritt nicht schritthalten konnten oder wollten, eine wichtige Informationsquelle.

Wer in den betroffenen Regionen die gedruckte Zeitung lesen will, muss auf die Post warten.

Abgehängt im ländlichen Raum: Das Ende der Zeitungszustellung betraf Dörfer in Ostthüringen, die ohnehin unter schrumpfenden Infrastrukturangeboten leiden. Die Aktion der Lokalzeitung verstärkte bei den Menschen das Gefühl des Abgehängtseins. Die Reaktionen auf die Digitalisierung im ländlichen Raum waren ambivalent. Während einige den Wunsch nach einem „Recht auf analoges Leben“ äußerten, gab es auch Beispiele für erfolgreiche Anpassung: Einige ältere Nutzerinnen und Nutzer fanden nach anfänglicher Skepsis Gefallen am digitalen Zeitunglesen und empfanden es schließlich als praktischer.

Jüngere Menschen verlieren den Bezug zu unabhängigen Informationsquellen: Das Interesse unserer jungen Gesprächspartner:innen an klassischen Lokalnachrichten war gering ausgeprägt. Und weil in den Elternhäusern kaum noch Zeitung gelesen wird, entsteht keine Bindung zu dieser verlässlichen Informationsquelle. Weil es die Lokalzeitung aktuell nicht in ausreichendem Maße schafft, ihre Inhalte entsprechend des Mediennutzungsverhaltens junger Menschen zu konfektionieren (kurze Videos), bezieht diese Altersgruppe ihre Informationen zum Teil von nicht-journalistischen Akteur:innen auf Social Media und zeigt dabei einen eher unkritischen Umgang mit Quellen.

Im Kampf um die Aufmerksamkeit der Nutzer:innen auf Social Media ist der Lokaljournalismus nahezu chancenlos.

Starker Wunsch nach Orientierung: Zeitungsleser:innen in der Region Greiz wünschen sich mehr lokale Recherchen, mehr Hintergründe in der Berichterstattung und mehr Perspektivenvielfalt bei einzelnen Themen. In ihrer Wahrnehmung geht der Trend aber in die entgegengesetzte Richtung. Lokalredaktionen schließen, die Zeitung wird dünner und der Themenzuschnitt weniger lokal. Trotz einiger Ausnahmen überwiegt bei den Menschen, mit denen wir geredet haben, der Frust.

Amtsblätter und kommunale PR: Da sie kostenlos verteilt werden und praktische Alltagsinformationen enthalten, sind gedruckte Amtsblätter eine nützliche lokale Informationsquelle für die Menschen in der Region. Allerdings ist den Befragten nicht immer klar, dass es sich dabei nicht um unabhängige Medien, sondern um Instrumente kommunaler Öffentlichkeitsarbeit handelt. Das Greizer Bürgermagazin und das Kreisjournal des Landkreises ähneln im redaktionellen Teil teilweise der Lokalzeitung, bieten Verwaltung und Politik jedoch auch Raum zur Selbstdarstellung. Über Social Media und Messenger-Dienste wie WhatsApp bauen die Kommunen direkte Kommunikationskanäle mit der Bevölkerung auf.

Meinungsmache in Anzeigenblättern: Einige kostenlose Anzeigenblätter in der Region nutzen entstehende Lücken in der lokalen Informationsversorgung, arbeiten mit einseitigen, polemischen Inhalten und verwischen die Grenze zwischen Werbung, Meinung und Berichterstattung. Stichproben zeigen, dass diese Publikationen von der AfD und ihrem Umfeld geprägt sind. Ein Beispiel sind Beiträge, die zwar als „Anzeige“ deklariert sind, aber redaktionell gestaltet werden. Die Zusammenhänge sind für Laien nicht so leicht zu durchschauen.

Unter falscher Flagge: Von Rechtspopulist:innen unterwanderte Anzeigenblätter betreiben Meinungsmache unter dem Deckmantel von Lokaljournalismus.

„Pink-Slime-Journalismus“ im Lokalen? In Greiz betreiben AfD-Politiker:innen ein eigenes Lokalmedium im Internet – den Heimatboten Vogtland. Darin berichten sie unter anderem über kommunalpolitische Initiativen der rechtsextremen Partei, ohne die Verbindungen ausreichend transparent zu machen. Einen Interessenkonflikt sehen sie darin nicht. Zu einer anderen Einschätzung kommen Expertinnen: Sie erkennen bei der Webseite viele Merkmale von „Pink-Slime-Journalismus“, mit dem pseudojournalistische Medienangebote beschrieben werden.

 

Als Pink Slime werden pseudo-journalistische Angebote bezeichnet, die sich seriös geben, aber keine journalistischen Standards einhalten.

Hier geht es zum Zwischenbericht (2025) des Dialogprojekts.

 

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