Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

der Gipfel in Hamburg ist vorbei – endlich!
Die politische und juristische Aufarbeitung des Desasters beginnt – hoffentlich!

Es liegt auch an uns Journalisten, dass dieses Thema auf der Agenda bleibt und nicht im Sommerloch verschwindet oder von den verantwortlichen Politikern in Hamburg und Berlin durch Nichtstun oder gegenseitigen Vertrauensbekundungen „beerdigt“ wird. Zu viel ist passiert, zu viele Fragen sind laengst nicht beantwortet, manche noch nicht einmal gestellt. Also, liebe Kolleginnen und Kollegen – dranbleiben!

„Lieber Olaf, wir muessen reden“. Dieses Transparent auf einem Balkon in der Hamburger Schanze kennt mittlerweile jeder. Aber Redebedarf sollte es auch bei und unter uns geben. Denn da ist auch vieles passiert, was diskutiert werden muss.

Dass viele Medien gegen den ploetzlichen Entzug der Gipfel-Akkreditierung fuer 32 Kollegen protestieren – das ist gut. Dass man sich mit den eher hilflosen und vernebelnden Erklaerungen des Bundespresseamtes nicht abspeisen laesst, auch das ist voellig richtig. Allerdings sollten wir vor einem endgueltigen Urteil versuchen, weitere Hintergruende zu recherchieren, Widersprueche aufzudecken, die Verantwortlichen mit bohrenden Nachfragen unter Druck zu setzen. Solidaritaet ja, aber bitte keine vorschnellen Urteile. Unsere Empoerung ersetzt keine Recherche.

Ausrecherchiert und jedem bekannt ist die Tatsache, dass die BILD glaubt, sich sowohl als Fahnder als auch als Anklaeger und obendrein noch als Richter inszenieren zu duerfen. Unter der grellen Schlagzeile „Gesucht“ fragt BILD auf seiner Titelseite „Wer kennt diese G20-Verbrecher?“. Und liefert die entsprechenden „Verbrecher-Fotos“ aus der Krawallnacht – unverpixelt, klar erkennbar. Persoenlichkeitsrechte oder Pressekodex, das Gebot der Zurueckhaltung oder gar der Unschuldsvermutung – das interessiert hier offenbar niemanden. Aber genau diese Prinzipien und Gesetze gehoeren zu einem Rechtsstaat, der doch (angeblich) verteidigt werden soll. Natuerlich faellt es manchen schwer, angesichts der Vorkommmnisse jener Nacht diese Errungenschaften der Zivilisation hochzuhalten, haben manche Verstaendnis fuer diesen billigen Populismus von BILD – aber wer die Pressefreiheit schuetzen moechte, muss sich gegen deren Missbrauch zur Wehr setzen. Medien duerfen nicht alles tun, was Aufmerksamkeit, hohe Auflagen und Klickzahlen verspricht. Es waere das Ende des serioesen Journalismus. BILD ist das offenbar egal. Wir aber sollten uns (auch) darueber empoeren!

Wir duerfen auch nicht akzeptieren, dass sogenannte Kollegen Fotos von Journalisten ueber Twitter und die anderen sozialen Medien mit der Behauptung verbreiten, diese seien aus dem rechten Lager. Wer rund um die Hamburger Tage erleben musste, wie diese Kollegen von selbsternannten Gesinnungsaktivisten attackiert wurden – die Fotos der angeblichen Rechten vor sich auf dem Handy – der kann nur empoert sein. Die Videos sind im Netz einsehbar – und sagen alles.

Wir Journalisten sollten berichten, recherchieren, kommentieren – aber wir sollten keine Treibjagd auf eventuell missliebige Kollegen inszenieren. Viele von uns haben sich zu Recht empoert, als Rechtsradikale Fotos und Adressen von (angeblich) linken Journalisten ins Netz stellten und zur Jagd aufforderten. Wir sollten es nicht zulassen, dass einzelne von uns sich auf deren Niveau begeben.

Wir sollten auch darueber reden, ob es richtig ist, dass mittlerweile nahezu jeder von obskuren Organisationen einen Presseausweis erhaelt, um damit die damit verbundenen Privilegien zu anderen Zwecken zu nutzen, als eigentlich vorgesehen. Ein schwieriges Thema, ganz sicher. Aber wer vor Ort in Hamburg manche Inhaber dieser Ausweise erleben musste, wie sie zu Aktivisten wurden, wie sie Polizisten – immer den Ausweis hochhaltend – provozierten, der muss zwar nicht sofort Verstaendnis fuer jene Ordnungskraefte entwickeln, die sich teilweise ruecksichtslos gegenueber Medien verhielten, die ihre Verachtung fuer Journalisten lautstark artikulierten. Aber wir alle sollten uns nicht nur ueber gelegentlich allzu aggressive Polizisten empoeren, sondern auch ueber manche Inhaber von Presseausweisen. Sie sind es, die all die anderen diskreditieren, denen ein serioeser Journalismus wichtig ist. Die sich darueber im klaren sind, dass zu den Vorteilen eines Presseausweises auch bestimmte Verpflichtungen gehoeren.

Und noch etwas, damit alle Bescheid wissen: Entgegen mancher Berichte (online und auch in manchen Sendern) gab es keinen Einsatz der Bundeswehr in Hamburg. Es wurden auch keine Krankenhaeuser wegen Attacken von Vermummten evakuiert. Und, und, und …

Ja, liebe Kollegen, wir sollten reden. Nicht nur mit Olaf. Sondern auch ueber unsere Branche, ueber die Arbeit mancher unserer Kollegen, ueber ihr Verstaendnis von Journalismus. Auch wenn es nicht immer einfach ist. Insofern sind all die Ereignisse und Erlebnisse in Hamburg ein sehr guter Grund, damit anzufangen. Transparenz und offene Worte sind fuer unsere Glaubwuerdigkeit allemal besser als immer nur wegsehen und schweigen.

Noch etwas zum Schluss: Deniz Yuecel und viele seiner Kollegen sitzen immer noch im Knast. Auch hier gilt: Dranbleiben. Weiter protestieren. Nicht zur Tagesordnung uebergehen. Oder einfach im Sommerloch verschwinden.

Es gruessen
Kuno Haberbusch
Albrecht Ude

## Inhaltsverzeichnis.

01: Editorial

Abschnitt Eins: In Eigener Sache
02: G20-Akkreditierungen: Stellungnahmen von BKA und Bundespresseamt sind unzureichend und stigmatisierend
03: Stipendium abgeschlossen: Die Aale sind im Netz
04: Grow – Stipendien fuer Gruender im Non-Profit-Journalismus

Abschnitt Zwei: Veranstaltungen
05: AlgorithmWatch bittet um Datenspenden
06: Online-Umfrage zum Umweltinformationsgesetz
07: Vierte „Das ist Netzpolitik!“-Konferenz
08: „Wem kann ich trauen im Netz und warum?“ Jahreskonferenz FifF

Abschnitt Drei: Nachrichten
09: 500 Mio. E-Mail-Adressen und Passwoerter gehackt
10: Informationsfreiheitsgesetz: Bundesregierung will Verbaende-Stellungnahmen aus Gesetzgebungsverfahren veroeffentlichen
11: Reuters Digital News Report 2017
12: Dokumentarfilmer fordern mehr Geld und mehr Sendeplaetze
13: Jahresbericht der Digital News Initiative
14: Googles Geld fuer europaeischen Webindex
15: Zwei Studien der OBS zur AfD
16: Neues Buch ueber sensible Recherchen zum Gratis-Download
17: Infoportal Rituelle Gewalt

Abschnitt Vier: Seminare, Stipendien, Preise
18: Workshop fuer EU-Journalisten: Berichten ueberMigration und Fluechtlinge
19: „Reporters in the Field“ Stipendien
20: Tutzinger Journalistenakademie: Wie Technik den Journalismus veraendert
21: Seminare mit Recherchebezug

Abschnitt Fuenf: Pressespiegel
22: Empfehlung [d. Red.]
23: G20
24: Journalismus
25: Informationsfreiheit
26: „Fake News“
27: Ueberwachung

28: Link-Index
29: Technische Hinweise
30: Impressum

Nr. 151 vom 18.07.2017