Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

ich komme nicht hinweg ueber eine Geschichte, die Ende Juni fuer ein paar kleine, aber immerhin bundesweite Schlagzeilen gesorgt hat: Eine franzoesische Familie, im Wohnmobil in Schleswig-Holstein unterwegs, wollte gern nach Sylt fahren. Statt den Zug zu nehmen, entschieden sich die vier, lieber selbst mit dem Fahrrad zu fahren. Der Fahrradweg ueber den Hindenburgdamm war immerhin bei Google Maps angegeben. Quasi einmal durchs Meer radeln, was fuer ein Abenteuer! Auch als die Familie ihre Mountainbikes ueber das Zufahrtstor der Strecke hieven musste, wunderte sie sich kaum. Selbst dann nicht, als sie auf dem mehr als 11 Kilometer langen Betriebsweg gar keine anderen Fahrradfahrer trafen. Sondern erst, als sie in Westerland von der Bundespolizei begruesst wurden. Smartphone ist Smartphone. Was kuemmert einen da die Realitaet?

Was hat das mit Journalismus zu tun? Natuerlich nichts, ausser, dass das auf den ersten Blick eine lustige Geschichte ist, die erzaehlt werden will. Bei der man kurz im Internet versackt, weil man auf viele weitere ulkige Google-Fehler und Anekdoten stoesst: Offenbar ist es naemlich gar nicht so aussergewoehnlich, dass Menschen dem Smartphone oder Google mehr Vertrauen schenken als ihrem gesunden Menschenverstand. Und als ihren eigenen Augen.

Hoffentlich sind nicht zu viele Journalisten unter diesen Internet-Ergebenen! Bei so vielen Workshops auf Journalistenkonferenzen sitzen Kolleginnen und Kollegen hinter ihren Rechnern. Ist sicher alles wichtig. Aber wenn es ums Handwerk geht, kreisen wir inzwischen fast ausschliesslich ums Internet. Selbst dann, wenn es um die Suche nach Themen geht. Aber richtige Themen gibt es vor allem in der Realitaet und nicht im Internet – zum Glueck.

Gerade gibt es ja sogar richtige Aufreger in den Medien! Immer wieder sonntags… 🙂 Erst in der BamS die Schlagzeilen darueber, dass eine Rede des niedersaechsischen Ministerpraesidenten Weil mit VW abgestimmt wurde. Und die Empoerung ist gross, riesengross! Und man wundert sich doch arg ueber die Pechstraehne, die Weil hat, so wenige Tage nach dem Twesten-Desaster. Und man wundert sich noch mehr ueber den Aufschrei, der durchs Land geht – bevor auch nur eine naheliegende Frage gestellt wird: War das vielleicht schon immer so? (Was es keinesfalls besser macht.) Ja, auch in der Vergangenheit war es offenbar gang und gaebe, sich zwischen niedersaechsischer Staatskanzlei und VW abzustimmen. Aufgeregt hat sich noch nie jemand darueber – weder die jeweilige Opposition, noch die Medien. Nach und nach kommt das also alles ans Tageslicht und wird in Frage gestellt. Gut so, endlich. Aber all das dringt nicht so durch wie der erste grosse Aufschlag: der Weil als Looser dastehen laesst. Das ist die Realitaet, die die Medien hastig kreiert haben – absichtlich oder unbewusst? Beides schlimm, denn in jedem Fall puenktlich zum Start in einen ploetzlichen Wahlkampf.

Und am Sonntag drauf waren dann Maschmeyer und sein (Moechtegern)-Rufmoerder dran. Die Welt am Sonntag und das Handelsblatt druckten Auszuege aus dem vermeintlichen Enthuellungsbuch. Und viele Medien fragten sogleich, ob Maschmeyer jahrelang „Opfer“ einer „gezielten“ Rufmord-Kampagne geworden sei. „Deutsche Medien sind womoeglich jahrelang auf einen Betrueger reingefallen“. Diese Medien – der NDR, die Sueddeutsche Zeitung und der Stern – haben sogleich klargestellt, dass sie von ihren Berichten nichts zurueckzunehmen haben und sich selbstverstaendlich auf verschiedene Quellen gestuetzt haben. Offenbar fallen einige Medien aber gerade wirklich auf „diesen Betrueger“ rein. Denn Stefan Schabirowsky macht gerade PR fuer sein Buch. Aber: wie so haeufig sind es eben niedrige Motive, die einen Menschen und manchmal auch ein Medium antreiben – wenn es an Aufmerksamkeit fehlt. Einmal im Leben im Mittelpunkt stehen.

Viel wichtiger: Warum nun wurden Journalisten beim G20 ihre Akkreditierungen entzogen? Darauf gibt es noch immer keine nachvollziehbare Antwort. Wir duerfen nicht aufhoeren, danach zu fragen. Es gibt noch so viele weitere Fragen zum G20, auf die es noch keine Antworten gibt. Die Kollegen vom faktenfinder der tagesschau haben mit einer Liste begonnen, die fortgesetzt und abgearbeitet werden muss.

Und noch viel wichtiger: Seit einem halben Jahr nun sitzt Deniz Yuecel in einem tuerkischen Gefaengnis in Untersuchtungshaft. Ein halbes Jahr, eine halbe Ewigkeit! Bis heute wurde keine Anklage erhoben. Und seit ueber 100 Tagen sitzt auch die deutsch-tuerkische Journalistin Mesale Tolu in einem tuerkischen Gefaengnis. Die Realitaet kann zum Verzweifeln sein. Wir muessen jeden Tag an Deniz Yuecel, Mesale Tolu und all die anderen inhaftierten Journalisten erinnern: #FreeDeniz, #FreeThemAll.

Mit herzlichem Gruss

Julia Stein

http://faktenfinder.tagesschau.de/inland/g20-offene-fragen-101.html

## Inhaltsverzeichnis.

01: Editorial

Abschnitt Eins: In Eigener Sache
02: nr-Gruendertour macht Halt in Dortmund und Duesseldorf
03: netzwerk recherche bewirbt sich um die Ausrichtung der Global Investigative Journalism Conference 2019
04: Stipendium abgeschlossen
05: Stipendium abgeschlossen (2)
06: nr-Stammtisch in Dortmund am 7. September

Abschnitt Zwei: Veranstaltungen
07: SciCAR – Konferenz von Wissenschaftlern und Journalisten
08: Wikipedia-Konferenz WikiCon in 51∞ 21′ 5″ N, 12∞ 25′ 57″ O
09: Freiheit 4.0 – Rettet die Grundrechte
10: Tagung „Alles in Bewegung! – Sport, Business und Medien“
11: M100 Sanssouci Colloquium: Liveblog und Livestream
12: Ist „informationelle Selbstbestimmung“ nur ein schoener Traum?
13: Infoveranstaltungen des ULD in Kiel
14: n-ost Medienkonferenz in Kiew
15: Umfrage zum grenzueberschreitenden investiativen Journalismus

Abschnitt Drei: Nachrichten
16: Studie: Die AfD vor der Bundestagswahl
17: Umgang mit Studie bestaetigt deren Ergebnisse
18: Five tips for Apple on how to please China’s rulers
19: Nebeneinkuenfte der Bundestagsabgeordneten – mindestens 26,5 Millionen Euro
20: Erkennen Sie Fake-Bilder?
21: Index der Offenen Daten 2016/17

Abschnitt Vier: Seminare, Stipendien, Preise
22: medien-starter hilft beim Start in den Journalismus
23: SUMA-EV: Seminar Fact-Checking
24: Geld fuer grenzueberschreitende Recherchen
25: Recherchereise nach Moskau – Inside Russia IV
26: Seminare mit Recherchebezug

Abschnitt Fuenf: Pressespiegel
27: Empfehlung [d. Red.]
28: Journalismus
29: Journalismus und PR
30: „Fake News“
31: Ueberwachung

32: Link-Index
33: Technische Hinweise
34: Impressum

Nr. 152 vom 18.08.2017