Von Pionieren, Korallen und Komplizen

Ergebnisse der Fachkonferenz „Journalismus? Nicht umsonst!“

Von Günter Bartsch, Thomas Schnedler und Malte Werner

 

In den Osram-Höfen in Berlin-Wedding erinnert noch immer viel an die Zeit, als die Backsteinbauten ein Fabrikstandort waren – die riesigen Schornsteine, der alte Uhrenturm, die historischen Werkhallen. Einst wurden hier Glühlampen produziert, inzwischen arbeiten auf dem Gelände Händler, Polizisten und Journalisten. In den Räumen aus dem Industrie-Zeitalter entwickeln heute Freiberufler und Start-ups Ideen und Produkte für das 21. Jahrhundert. An diesem passenden Ort kamen am 21.09.2018 rund 100 Journalisten, Gründerinnen, Stiftungsvertreter und Expertinnen zusammen, um über den gemeinnützigen Journalismus und über andere neue Finanzierungsideen für den Recherche-Journalismus zu sprechen. Eingeladen hatten Netzwerk Recherche und die Schöpflin Stiftung.

Die Gründer erfuhren zum Auftakt, dass die Wissenschaft sie als „Pionier-Journalisten“ und als Vorreiter bei der Entwicklung des Journalismus sieht. Wiebke Loosen vom Hans-Bredow-Institut für Medienforschung in Hamburg stellte dieses Phänomen in den Mittelpunkt ihrer Keynote. Der Pionier-Journalismus steht nach ihren Worten für Experimentierfreude und Gründermut, für die Verbindung mehrerer Sphären (zum Beispiel für die Kombination der künstlerischen Gestaltungsmittel der Graphic Novel und der investigativen Recherche) und für die Arbeit im Team, in so genannten „Pioniergemeinschaften“.

Diese Journalisten-Teams müssten auch mit anderen Disziplinen zusammenarbeiten, mahnte Loosen. „Wenn man mit Pionieren im Journalismus spricht, ist eine der häufigsten Aussagen: Wir müssen aufhören, uns nur selbst zu beobachten. Anderswo passieren Dinge, die wir im Journalismus als Innovation für uns nutzen können.“ Dies betreffe ganz unterschiedliche Bereiche - die Technologie ebenso wie die Finanzierungsformen.

Ein Beispiel für Pionier-Journalismus sei der „Nonprofit Impact Journalism“ – so die Begriffswahl der Forscherin. Dieser Terminus hörte sich erst einmal recht kompliziert an – und auch in der folgenden Diskussionsrunde mit Wiebke Loosen, Julia Herrnböck (Dossier) und Harald Schumann (Investigate Europe) wurden die Begriffe kritisch hinterfragt. Ist es nicht eigentlich irreführend, vom „Nonprofitjournalismus“ zu sprechen? Es handelt sich ja um einen missverständlichen Begriff, der nahelegt, die gemeinnützigen journalistischen Organisationen dürften oder würden keine Gewinne erzielen – oder aber niemand profitiere von einem Journalismus dieser Art. Das Gegenteil ist der Fall – die Gesellschaft profitiert. Wäre da nicht der Begriff „Social Profit“ angemessener, wo es doch im Kern um den sozialen Nutzen der journalistischen Projekte, das Gemeinwohl und den erstrebten Gewinn für die Menschen und die Demokratie geht? Sollten wir also nicht besser den „Social-Profit-Journalismus“ in unseren Sprachschatz aufnehmen? Aber auch dieser Begriff wirft viele Fragen auf, die noch zu diskutieren sind.

Grow-Wettbewerb

Was „Social Profit“ im Journalismus heißen kann, zeigten die drei Gewinner der Grow-Stipendien für Gründerinnen und Gründer. In vorbildlicher Weise demonstrieren sie die Orientierung am Gemeinwohl, die für den Nonprofitjournalismus charakteristisch ist. Am Nachmittag traten in einer Pitch-Veranstaltung sechs Projekte gegeneinander an. Fünf Minuten Zeit hatten die Bewerberinnen und Bewerber auf der Bühne in der TUECHTIG-Etage in den Osram-Höfen für die Präsentation, dann stellte die Jury Fragen. Ein Stipendium ging an das Projekt Datenguide von Simon Jockers, Simon Wörpel und Patricia Ennenbach. Das Team aus Datenjournalisten und Web-Entwicklern will ein einfach zu bedienendes Datenportal entwickeln, das die Daten der amtlichen Regionalstatistik übersichtlich darstellt, vergleichbar macht und erklärt. Das Portal kann als Recherche-Werkzeug für Journalisten und Bürger gleichermaßen dienen. Die Jury kürte außerdem das Online-Magazin „Flüchtling – Magazin für multikulturellen Austausch“, das 2017 in Hamburg von Hussam Al Zaher gegründet wurde. Im Pitch-Wettbewerb präsentierte die afghanische Journalistin Sahar Reza das Magazin, das sich für Verständigung einsetzt, die Situation von Geflüchteten in Deutschland aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet und nun einen Ausbau des Angebots plant. Die Journalistin Michaela Haas ist die dritte Stipendiatin im Grow-Programm. Sie will die Arbeit des Solutions Journalism Network aus den USA nach Deutschland bringen. Dazu gehören vor allem Trainingsangebote, die die Methoden des lösungsorientierten Recherche-Journalismus vermitteln. Unterstützt wird sie dabei durch die Journalistin Lisa Urlbauer und durch Nina Fasciaux, die sich als Europa-Koordinatorin des Solutions Journalism Network engagiert.

Alle sechs Pitch-Kandidaten kamen nach dem Auftritt auf der Bühne in einer Feedback-Runde zusammen. In einer Art Peer-Review gaben sich die Journalisten gegenseitig hilfreiche Tipps, Frauke Hamann von der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius und Simon Jochim von der Stiftung Entrepreneurship brachten ihr Erfahrungswissen bei der Bewertung von Projektideen und Gründungsvorhaben ein. In einem weiteren Workshop vermittelte Stephanie Reuter, Geschäftsführerin der Rudolf-Augstein-Stiftung, wie man als Journalist einen Projektantrag bei einer Stiftung stellt. Sie riet u.a. dazu, vor der Antragsstellung die jeweilige Stiftung zu kontaktieren. Dies sei zwar kein Garant für eine Förderzusage, es gehe aber zunächst darum, in einem persönlichen Gespräch eine Beziehung zum Förderer aufzubauen.

Vorsicht, Falle!

Fehler gehören zu jeder Gründung im Journalismus dazu. Vor welchen Herausforderungen Gründer im Journalismus stehen, zeigten deshalb Christopher Buschow, Professor für Organisation und vernetze Medien an der Bauhaus Universität Weimar, und die Macher von MedWatch, Nicola Kuhrt und Hinnerk Feldwisch-Drentrup, in einem Workshop. Die beiden Wissenschaftsjournalisten hatten mit Unterstützung des Grow-Stipendiums vor rund einem Jahr das Verbraucherschutzportal MedWatch gegründet, auf dem sie unseriöse Heilsversprechen im Netz aufdecken. Ihre Erfahrungen beim Gründen gleichen den Untersuchungsergebnissen von Buschows Studie zu journalistischen Startups in vielen Bereichen: eine schwierige Doppelrolle als Journalisten und Geschäftsleute, teils unbezahlte Arbeitsstunden in der Gründungsphase, fehlendes Fachwissen im rechtlichen und technischen Bereich, hoher Aufwand bei der Einarbeitung in neue Aufgabenbereiche wie Crowdfunding und Community-Building. „Ich glaube, dass man Fehler machen muss, weil man daraus lernt“, resümierte Kuhrt die Erfahrungen der vergangenen Monate. Die MedWatch-Macher hatten bei ihrer Gründung allerdings einen entscheiden Vorteil: Sie gehörten der zweiten Welle von Start-ups im deutschen Journalismus an und konnten so von den Irrtümern ihrer Vorgänger lernen. Kuhrt lobte in diesem Zusammenhang, wie offen die Szene im Umgang mit Fehlern sei.

Christopher Buschow sieht auch strukturelle Fortschritte, die der vom ihm untersuchten ersten Gründergeneration noch nicht zur Verfügung standen. „Es haben sich Infrastrukturanbieter entwickelt, die den Gründern einen Teil der Arbeit abnehmen“, sagte der Wissenschaftler. Er sieht Projekte wie das Crowdfunding-Portal Steady oder die digitale Publikationsplattform RiffReporter als Schritte auf dem Weg zum „Verlag des 21. Jahrhunderts“. Damit sich journalistische Gründer auf ihre eigentliche Aufgabe, den Journalismus, konzentrieren können, brauche es Strukturen, die die traditionellen Aufgaben der Verlage übernehmen – z. B. Marketing, Vertrieb oder Justitiariat. Christian Schwägerl, Mitgründer der RiffReporter, stellte später seine Angebote in einem Lightning Talk vor. Mit der Plattform können sich freie Journalisten Unterstützer-Communities aufbauen – langsam wachsende „Korallen“ – und Beiträge direkt an Leser verkaufen. Eine Schwester-Organisation, die gemeinnützige Riff freie Medien GmbH, fördert zudem bestimmte Rechercheprojekte, u.a. mit Unterstützung der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius und der Alfred Toepfer Stiftung.

Wie werden aus Lesern Förderer?

Hinter dem Aufbau dieser Journalismus-Infrastruktur steht die Frage: Wie werden aus Lesern Förderer? Das Online-Magazin Dekoder, das unter dekoder.org auf Deutsch über Russland berichtet, hat dafür beispielsweise einen „Klub“ ins Leben gerufen. Das Magazin wurde 2015 von Martin Krohs gegründet. Er hatte geerbt – und das Geld für die Anschubfinanzierung genutzt. 2017 übergab er das Projekt an die Dekoder-Redakteure als neue Gesellschafter. Einzelne Specials und Themendossiers werden durch Stiftungen finanziert. Aber für den laufenden Betrieb setzt die gemeinnützige GmbH mehr und mehr auf Spenden, wie Wissenschaftsredakteur Leonid Klimov auf der Konferenz schilderte. Wer Dekoder regelmäßig unterstützten will, kann ab 24 Euro jährlich Mitglied des „Klubs“ werden. Um den Anreiz für die Klub-Mitgliedschaft zu steigern, entschied sich die Redaktion für ein „Downgrade“ ihres erfolgreichen Newsletters. Nur wer Klubmitglied ist, bekommt die liebevoll komponierte Premiumausgabe – alle anderen werden nur noch mit einer schlichten Linkliste über neue Veröffentlichungen informiert. Das habe für einen spürbaren Zuwachs gesorgt, so Klimov.

In gewisser Weise den umgekehrten Weg ging das Schweizer Magazin Republik: Es hatte zwar eine Investorenzusage über 3,5 Millionen Schweizer Franken. Dieses Geld war allerdings an die Bedingung geknüpft, dass sich mindestens 3.000 Abonnenten anmelden. „Die kauften quasi die Katze im Sack“, sagte Republik-Rechercheurin Sylke Gruhnwald, die zukünftig als Chefredakteurin des Magazins arbeiten wird. Die Republik musste also mit einem überzeugenden Konzept für sich werben – und mit guten Leuten. Für beides sorgten die „Komplizen“: Mehrere Dutzend Menschen, die an dem Konzept feilten – einige davon sind heute Teil des inzwischen 46-köpfigen Teams (die Hälfte davon sind Journalisten). Mit Erfolg: Die geforderte Summe wurde schon am ersten Tag des Crowdfundings erreicht, insgesamt kamen fast 14.000 Abonnenten zusammen – und so noch einmal 3,4 Millionen Schweizer Franken. Republik setzt auf Mitwirkung: Die Abonnenten sind die Verleger des Online-Magazins, konkret: Mitglieder der Genossenschaft „Project R“ (Jahresbeitrag: 240 Schweizer Franken). Inzwischen sind es mehr als 20.000 Mitglieder, die im Oktober 2018 über die Abnahme der Jahresrechnung abstimmen und einen 30-köpfigen Project-R-Genossenschaftsrat wählen dürfen. Eine Herausforderung steht im Januar 2019 an. Dann müssen die im Crowdfunding verkauften Mitgliedschaften erneuert werden. Ziel ist es, 66 Prozent der Mitglieder zum Bleiben zu bewegen.

„Nach neuen Wegen suchen“

Korallen, Klubs, Komplizen – all diese Pionier-Modelle im Journalismus werden von gemeinsamen Gedanken getragen. Es ist zum einen die Überzeugung, gemeinsam mit dem Publikum das journalistische Angebot zu entwickeln. Das Publikum wird so zum „ko-kreativen Nutzer“, wie es Wiebke Loosen formulierte. Zum anderen eint die Pioniere im Journalismus, „dass sie eine Vision von der Zukunft des Journalismus haben“, so Loosen. „Sie sind getrieben davon, dass es besser gehen muss, dass es anders gehen muss.“

Das zeigten auch die Best-Practice-Beispiele am Nachmittag: Georg Eckelsberger und Fabian Lang vom österreichischen Investigativ-Team Dossier erklärten, wie sie die Ergebnisse einer Korruptionsrecherche als Graphic Novel Movie (Supernaked) erzählten; Justus von Daniels vom Recherchezentrum Correctiv präsentierte die lokaljournalistische Initiative Correctiv.Lokal, die nach dem Vorbild des britischen Bureau Local derzeit aufgebaut wird und den investigativen Journalismus vor Ort stärken soll. Harald Schumann, Initiator und Reporter von Investigate Europe, stellte nicht nur die Arbeitsweise seines gemeinnützigen Netzwerks für europäische Cross-Border-Recherchen vor. Er blickte auf das Ganze – und brachte seinen Antrieb so auf den Punkt: „Das alte Geschäftsmodell ist tot. Wenn wir den verfassungsmäßigen Auftrag des Journalismus erfüllen wollen, müssen wir grundsätzlich nach neuen Wegen suchen.“