Weg vom Schreibtisch zu den Menschen vor Ort: Diese Tipps haben Lokaljournalist:innen
Wie kommen Lokaljournalist:innen wieder häufiger weg vom Schreibtisch und hin zu den Menschen vor Ort? Darüber haben 18 Lokaljournalist:innen am 9. Juni 2026 bei der Webinar-Reihe „Wie macht Ihr das eigentlich?“ diskutiert. Benjamin Brumm berichtete von den Aktivitäten des Südkuriers, Anna Niere stellte die Veranstaltungen und Crowd-Recherchen des Online-Mediums RUMS aus Münster vor. Und viele Teilnehmende teilten ihre Ideen, Best Practices, Fragen und Herausforderungen.
So haben wir gemeinsam überlegt, wie wir wieder mehr Nähe zu unseren Leser:innen, Hörer:innen und Zuschauer:innen schaffen und in einen dauerhaften Austausch auf Augenhöhe gehen können. Fest stand dabei schnell: Gute Ideen brauchen Raum. Wer neue Formate ausprobieren will, sollte das mit Kolleg:innen durchspielen können – auch wenn nicht sofort ein ganz konkretes Projekt entsteht. Hier gibt es dafür Denkanstöße.
Ideen für neue Formate und Herangehensweisen:
- Orte erkunden: Für Lokaljournalist:innen öffnen sich oft Türen, die für die Menschen eigentlich verschlossen bleiben. Lokalredaktionen können Leser:innen, Zuhörer:innen oder Zuschauer:innen an besondere Ort bringen, über die sie auch berichten, zum Beispiel an große Baustellen in der Stadt.
- Vor Ort sein mit Pop-up-Redaktionen: Medienhäuser haben oft Standorte in Innenstädten aufgegeben und sind an den Stadtrand gezogen. Räume im Zentrum wieder zu mieten oder zu kaufen, ist oft zu teuer. Pop-up-Redaktionen in übergangsweise freien Gewerbeflächen oder auf einem Stadtplatz können kurzfristig den Kontakt zu den Menschen erleichtern, gerade rund um Ereignisse wie Wahlen.
Diese Tipps haben die Teilnehmenden zu lokalen Live-Formaten geteilt:
- Ziel festlegen: Was wollen wir erreichen? Passen die Pläne dazu?
- Zielgruppe festlegen: Wen wollen wir damit erreichen? Was ist für diese Menschen wichtig und spannend?
- Nicht immer komplett neu denken: Manchmal gibt es schon Formate, die gut ankommen, zum Beispiel Redaktionsführungen oder die klassische Straßenumfrage. Hier hilft es, kritisch zu überlegen: Wie könnten wir das besser nutzen oder adaptieren?
- Nach Live-Treffen viel Zeit einplanen: Wenn Vertrauen aufgebaut ist, suchen Menschen mit ihren Geschichten oft direkt das Gespräch mit Reporter:innen. Dafür sollte man Zeit einplanen und Raum schaffen.
- Vor- und Nachberichterstattung ist essentiell: Abhängig von Ziel und Zielgruppe ist es sinnvoll, länger im Voraus wiederholt auf Aktionen hinzuweisen und danach über die wichtigsten Erkenntnisse und Ereignisse zu berichten. Auch wer nicht mitgemacht hat, erfährt so das Wichtigste – und ist vielleicht das nächste Mal dabei.
Das klappt online:
- Menschen und ihre Fragen einbeziehen: Vor Interviews, Veranstaltungen oder einer neuen Artikelserie lohnt es sich, die Menschen zu fragen: Was wüsstet ihr gerne?
- Anonymen Briefkasten einrichten: Es ist hilfreich, wenn die Menschen schnell und unkompliziert erfahren, wie sie sich an ihre Lokaljournalist:innen wenden können. Anonyme Briefkästen für Hinweise, Fragen und Anregungen helfen dabei.
Hierüber haben die Teilnehmenden intensiv diskutiert:
- Exklusivität überdenken: Ist es wichtig, dass zum Beispiel eine Veranstaltung nur für Abonnent:innen ist? Oder lohnt es sich, einen Live-Stream einzurichten für alle, die nicht live dabei sein können?
- Zielgruppe tatsächlich erreichen: Gerade bei Veranstaltungen zeigt sich, dass oft dieselben Menschen kommen. Auch wenn die Journalist:innen diese Loyalität schätzen, bereitet es ihnen Sorgen, dass es nicht genug neue Interessierte gibt.
- Hingehen, wo man sonst nicht ist: Wer befürchtet, immer dieselbe Gruppe an Menschen zu erreichen, muss auch mal rausgehen – raus aus der Innenstadt und rein in die Stadtviertel oder Vorstädte, Gemeinden und Dörfer, die wenig vorkommen oder immer nur mit demselben Thema. Wie lässt es sich stemmen, wenn Redaktionen das wiederholt machen wollen?
Die Veranstaltung war Teil der Webinar-Reihe „Wie macht Ihr das eigentlich?“, mit der der Support Desk Lokale Recherche Lokaljournalist:innen zusammenbringen möchte. Via Zoom tauschen sie sich dort zu Themen aus, die sie in ihrer Arbeit bewegen. Anfang März ging es bei der ersten Veranstaltung darum, wie Lokaljournalist:innen angemessen und sicher über Landtagswahlen und AfD berichten können. Für Herbst 2026 ist eine weitere Austauschrunde geplant. Darüber informiert Netzwerk Recherche im Newsletter, der hier abonniert werden kann.