Lokalmedien: Vorsicht, Lückenfüller!
© Netzwerk Recherche/Ute Lederer
Greenhouse Report Nr. 4 erschienen
Netzwerk Recherche warnt im vierten Greenhouse Report vor einer weiteren Schwächung des Lokaljournalismus im ländlichen Raum. Durch den Rückzug der gedruckten Lokalzeitung entstehen Lücken in der publizistischen Versorgung der Menschen, so dass rechtspopulistische Medien oder kommunale PR-Kanäle an Relevanz gewinnen könnten. Der Greenhouse Report ist ein jährlicher Bericht zu Zukunftsfragen des Journalismus.
Die Autoren des Reports, Thomas Schnedler und Malte Werner, analysieren am Beispiel der Region Greiz im thüringischen Vogtland, welche Folgen der Bedeutungsverlust der Lokalzeitung hat. Sie haben im Dialogprojekt „Lückenfüller – Leben ohne Zeitung?“ mit 50 Bürger:innen in der Region darüber gesprochen, wie sie sich informieren. In den Gruppendiskussionen zeigte sich, dass drei interessengeleitete Gratismedien versuchen, die entstehenden Lücken in der Berichterstattung zu füllen.
Erstens werden Amtsblätter und kommunale Social Media-Kanäle wichtiger, die neben nützlichen Informationen auch Raum für Selbstdarstellung der Verwaltung bieten. Zweitens erscheinen in der Region kostenlose Anzeigenblätter mit einseitigen, polemischen Inhalten und verwischen die Grenze zwischen Werbung, Meinung und Berichterstattung. Drittens betreiben AfD-Politiker:innen in Greiz ein eigenes Lokalmedium im Internet. Auf der Webseite berichten sie unter anderem über kommunalpolitische Initiativen der rechtsextremen Partei, ohne die Interessenkonflikte ausreichend transparent zu machen.
„Wenn pseudojournalistische Medien im Lokalen erstarken und sich als Sprachrohr einer Gegenöffentlichkeit inszenieren, dann sind das keine guten Aussichten für das Gemeinwesen vor Ort“, sagt Thomas Schnedler, Co-Autor des Greenhouse Reports. „In Greiz ist es nicht die Nachrichtenwüste, die uns Sorgen macht. Wir warnen vor dem Gift der Parolen, das über rechtsextreme Medien und Social Media-Kanäle in das journalistische Ökosystem und den öffentlichen Diskurs einsickert.“

Der Report macht deutlich, dass es mehr Angebote zur Förderung von Medienkompetenz braucht, damit Menschen unabhängigen Journalismus besser erkennen und nutzen können. „Vor allem jungen Menschen ist es offenbar nicht mehr so wichtig, aus welcher Quelle sie ihre Informationen erhalten, solange die Darreichungsform ihrem Nutzungsverhalten entspricht“, sagt Malte Werner, Co-Autor des Reports. Deshalb sei es notwendig, passende digitale Formate zu entwickeln. Wichtig seien zudem ein stärkerer Austausch mit allen Bürger:innen sowie Begegnungsräume, damit der Lokaljournalismus für die Community erlebbar wird. Die Publikation empfiehlt außerdem, die Recherche im Lokalen zu stärken, zum Beispiel durch regionale Rechercheverbünde. Auch die Bürger:innen sehen in diesem Feld Handlungsbedarf: In mehreren Gruppendiskussionen wurde der Wunsch nach mehr Hintergründen und Perspektivvielfalt in der Lokalberichterstattung geäußert.
Das Dialogprojekt wurde ermöglicht durch eine Projektförderung der Deutschen Postcode Lotterie. Die Schöpflin Stiftung unterstützte die Veröffentlichung des Abschlussreports. In der Reihe der Greenhouse Reports beschäftigt sich Netzwerk Recherche mit den Zukunftsfragen des Journalismus. Zuvor erschienen „Störfaktor Kind: Warum Familie und Journalismus so schwer vereinbar sind“ (Tamara Keller/Corinna Cerruti, 2025) und „Independence Play. Wie der Videospieljournalismus um seine Unabhängigkeit kämpft“ (Maximilian Fischer, 2024). Im ersten Greenhouse Report (2023) machte sich Dörthe Ziemer auf die Suche nach der Erfolgsformel für spendenfinanzierten digitalen Lokaljournalismus im ländlichen Raum.
