Ulrich Chaussy, Leuchtturm-Preisträger 2015. Foto: © Bayerischer Rundfunk / Gerhard Blank

Ulrich Chaussy, Leuchtturm-Preisträger 2015. Foto: © Bayerischer Rundfunk / Gerhard Blank

Der Leuchtturm für besondere publizistische Leistungen der Journalistenvereinigung netzwerk recherche geht in diesem Jahr an Ulrich Chaussy. Der Rundfunkreporter und Buchautor recherchiert seit Jahrzehnten zum Oktoberfest-Attentat von 1980. Chaussys hartnäckigen Arbeit ist es maßgeblich zu verdanken, dass der Generalbundesanwalt inzwischen die Ermittlungen zu dem Anschlag wieder aufgenommen hat.

Der „Leuchtturm“ wird in diesem Jahr im Rahmen der zweitägigen Jahrestagung von netzwerk recherche beim NDR in Hamburg vergeben. Die Verleihung findet am 3. Juli 2015, um 15.00 Uhr statt. Die Laudatio wird Annette Ramelsberger, Gerichtsreporterin der Süddeutschen Zeitung, halten.

„Der Mut und die Ausdauer von Ulrich Chaussy ist wohl einmalig im investigativen Journalismus in Deutschland“, sagt Oliver Schröm, Erster Vorsitzender des netzwerk recherche. „Seit mehr als dreißig Jahren recherchiert er unermüdlich zum schlimmsten Terroranschlag in der Geschichte der Bundesrepublik. Dabei hat er sich von der Blockade in Politik, Justiz und Polizei nicht entmutigen lassen und eklatante Widersprüche im offiziellen Ermittlungsergebnis aufgedeckt. Vor allem weil er dran geblieben ist an dem Thema, gibt es jetzt endlich die Chance, dass die Angehörigen der Toten und die Verletzten die wahren Hintergründe des schwersten Anschlags in der Geschichte der Bundesrepublik erfahren.“

Ulrich Chaussy arbeitet für den Bayerischen Rundfunk und hinterfragt von Anfang an das offizielle Ermittlungsergebnis, wonach den Anschlag ein einziger Attentäter verübt habe, der Rechtsextremist Gundolf Köhler. Seit Anfang der 80er Jahre sammelt der Rundfunkreporter Hinweise darauf, dass eine größere, rechtsextremistische Struktur hinter dem Anschlag stecken könnte, bei dem 13 Menschen getötet und mehr als 200 verletzt wurden. Schon 1985 hat er ein Buch darüber veröffentlicht, das 2014 um mehrere Kapitel ergänzt neu aufgelegt wurde: „Oktoberfest. Das Attentat. Wie die Verdrängung des Rechtsterrors begann“. Der Kinofilm „Der blinde Fleck“ über die Arbeit Chaussys, an dessen Drehbuch der Protagonist mitschrieb, zeigte einem breiten Publikum die Widersprüche und Lücken in den unzulänglichen Ermittlungen auf. Anfang 2015 lief in der ARD Chaussys Dokumentation „Attentäter – Einzeltäter?“

Neben dem Leuchtturm für besondere publizistische Leistungen vergibt das netzwerk recherche am zweiten Tag seiner Jahrestagung, am 4. Juli 2015, eine weitere Auszeichnung. Traditionell würdigt die Journalistenvereinigung den Informationsblockierer des Jahres mit der Verschlossenen Auster. Der Auster-Preisträger wird am Tag der Verleihung bekanntgegeben.

Zur Jahrestagung des netzwerk recherche kommen Kolleginnen und Kollegen unter anderem aus dem ganzen deutschsprachigen Raum sowie aus den USA, Großbritannien, Spanien, Syrien, Iran und Afghanistan. Thematische Schwerpunkte sind Islamismus, nationale und internationale Recherche-Kooperationen, (Online-)Recherchepraktiken, Datenjournalismus und Presserecht.

netzwerk recherche e.V. ist der Verein zur Förderung der Recherche in Deutschland, dem mehr als 700 Journalisten aus allen Bereichen der Medien angehören. Zu seinen Kernaufgaben zählt, Recherche zu fördern und zu fordern. Dazu veranstaltet das nr Fachtagungen und Konferenzen, gibt Publikationen heraus und vergibt Recherche-Stipendien.