SEED-Newsletter Nr. 35 – Januar 2026
Unsere Themen:
- HateAid: Was das US-Einreiseverbot für den Sektor bedeutet
- Fördern und feiern: Neue Initiative in NRW
- TikTok: Überlebenswichtig oder überflüssig?
Liebe Leser:innen,
es war kurz vor Heiligabend, als eine Meldung kam, die so gar nicht zur Feststimmung passte. Die US-Regierung teilte mit, die beiden HateAid-Geschäftsführerinnen Josephine Ballon und Anna-Lena von Hodenberg dürften fortan nicht mehr in die USA einreisen. Die gemeinnützige Organisation zensiere angeblich US-amerikanische Online-Plattformen, hieß es zur Begründung. Die Bundesregierung protestierte, im Netz gab es Solidarität mit Ballon und von Hodenberg – doch dann war erst einmal Weihnachten. Was für eine Bescherung!
Inzwischen haben wir die Weihnachtsplätzchen aufgegessen, das in der Silvesternacht ausgebrannte Auto in meiner Neuköllner Straße wurde weggeschafft – aber meine Sorgen um den gemeinnützigen Sektor sind nicht kleiner geworden. Welche Folgen haben die HateAid-Sanktionen für andere gemeinnützige Organisationen in Deutschland, die sich wie AlgorithmWatch kritisch mit den Machtinstrumenten der Online-Plattformen auseinandersetzen? Wie reagieren Redaktionen, die wie netzpolitik.org immer wieder zum Wirken der Digitalkonzerne recherchieren? Und gibt es die nächste Kontroverse womöglich um die Erteilung von Visa an Journalist:innen, die für eine Recherche oder Dreharbeiten in die USA einreisen möchten?
Diese Fragen werden uns in den kommenden Monaten begleiten. Wenn wir unsere Werte ernst nehmen, kann es nur eine angemessene Reaktion geben: ein trotziges Dennoch. Wir müssen trotz der Feindseligkeiten aus den USA unsere Berichterstattung über Big Tech fortsetzen und neue Recherchen vorantreiben. Selbstzensur ist keine Option. Hass und Hetze in den sozialen Medien dürfen wir nicht hinnehmen.
Gleichzeitig habe ich Angst, dass Nachrichten wie jene kurz vor Heiligabend nach und nach den Mut zersetzen, den wir für den investigativen Journalismus und unseren Einsatz für das Gemeinwesen brauchen. Wie schön wäre es deshalb, wenn die Bundesregierung in diesen rauen Zeiten mit ein paar Maßnahmen dem gemeinnützigen Journalismus den Rücken stärken könnte. Rechtssicherheit im Steuerecht, Wertschätzung für die Arbeit von NGOs, Pläne für eine staatsferne Journalismusförderung: Das wären starke Signale im Jahr 2026.
Mit freundlichen Grüßen
Thomas Schnedler

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News
+++ Ausgeflipt: Die Redaktion von Flip ist 2020 gestartet, um mit investigativem, konstruktivem Wirtschaftsjournalismus Greenwashing von Unternehmen zu entlarven. Eine Reihe aufsehenerregender Recherchen wie die Sneakerjagd brachten dem kleinen Team renommierte Auszeichnungen ein. Doch trotz des journalistischen Erfolgs und einem innovativen Mix aus Einkommensquellen wurde der Betrieb mit dem Jahreswechsel eingestellt. „Es war immer schon schwer, ein Geschäftsmodell für so aufwendigen Journalismus zu finden“, schreibt Mitgründer Felix Rohrbeck. „Als dann auch noch die Wirtschaftskrise hinzu kam und das Thema Nachhaltigkeit auf der öffentlichen Agenda nach hinten gerückt ist, wurde es richtig hart für uns. Anzeigen und Sponsoren sind weggefallen.“ Wieder eine kritische Stimme weniger. +++
+++ Fördern und feiern: Mit einer neuen Initiative unterstützt die Landesanstalt für Medien NRW Projekte, Vereine und Redaktionen im Kampf gegen Polarisierung, Desinformation und manipulative Inhalte. Die Fördersummen liegen zwischen 10.000 und 100.000 Euro. Gemeinnützige Vereine und Bürgermedien aus Nordrhein-Westfalen können zudem an einem Wettbewerb teilnehmen und entsprechende Projekte einreichen. Die Bewerbungsfristen für das Förderprogramm und den Wettbewerb enden am 2. Februar. Feierlicher Höhepunkt soll das „Laut und klar“-Festival sein. Ein genauer Termin steht noch nicht fest. +++
+++ Neues aus dem MFF: Das Podcastradio detektor.fm kann mithilfe des Media Forward Fund (MFF) ein neues Podcast-Angebot für Sachsen-Anhalt vor der diesjährigen Landtagswahl starten. Für den Aufbau einer Community vor Ort, die Produktion eines wöchentlichen Podcast- und Newsletter-Angebots sowie die Durchführung von Veranstaltungen erhält der Sender 500.000 Euro. Zusätzlich zu den beiden bisherigen Förderlinien zur Unterstützung der Markteinführung (Launch Grants) bzw. des Wachstums von gemeinwohlorientierten Medienorganisationen (Growth Grants) führt der MFF in diesem Jahr ein drittes Förderprogramm – sogenannte Strategy Grants – ein. Geförderten Projekten soll damit ein Jahr Zeit gegeben werden, durch Marktstudien und Nutzungsforschung Geschäftsmodelle weiterzuentwickeln. Die „Strategy Grants“ werden erstmals im September ausgeschrieben. Für die nächste Runde der „Growth Grants“ kann man sich ab dem 9. Februar bewerben. +++
+++ Verwüstung: Laut der dritten Ausgabe des „UK Local News Report“ leben im Vereinigten Königreich mehr als vier Millionen Menschen in sogenannten Nachrichtenwüsten. Das heißt, es gibt keine lokaljournalistische Berichterstattung über die Region, in der sie leben. Die von der Public Interest News Foundation herausgegebene Studie zeigt zudem, dass anders als in den USA urbane Regionen schlechter mit Nachrichten versorgt sind als ländliche Regionen. Erfreulich: In fast der Hälfte der untersuchten Gebiete, in denen es nur noch ein lokales Medium gibt, versorgt eine unabhängige (nicht zu einem großen Medienhaus gehörende) Redaktion die Bevölkerung mit relevanten Informationen. Dies bestätigt Befunde aus unserem „Journalism Value Report“ zur Relevanz der alternativen Medienangebote. +++
+++ Gut geschult: Bildungsjournalist:innen, die sich vertiefend mit dem deutschen Bildungssystem beschäftigen wollen, können sich für eine neue Runde des Nina Grunenberg Fellowship bewerben. Die Fellows erhalten in zwei 14-tägigen Blöcken Einblicke ins Schulsystem, die Verwaltung sowie die Wissenschaft und treffen Personen aus Schulen, Redaktionen, Bildungseinrichtungen und politischen Institutionen. Die Förderung beinhaltet Reise- und Übernachtungskosten sowie einen Gehaltsausgleich in Höhe von 3.500 Euro. Hinter dem Fellowship stehen Publix, Schöpflin Stiftung, Wübben Stiftung Bildung und Zeit Stiftung Bucerius. +++
Neu im Werkzeugkasten: TikTok
Im Werkzeugkasten für Gründer:innen und alle, die neue Formen und Formate im Journalismus ausprobieren wollen, liegt ein neues Tool: TikTok. Pauline Tillmann schreibt in ihrer Gebrauchsanweisung, warum die Plattform für Medien keine Spielerei, sondern eine Überlebensfrage ist. Denn hier entscheidet sich, ob junge Zielgruppen eine Marke überhaupt wahrnehmen und Vertrauen aufbauen. In ihrem Erfahrungsbericht zeigt sie, wie ihr TikTok strategisch für euer Medienprojekt nutzen könnt. Sie selbst baut gerade eine TikTok-Jugendredaktion für den Südkurier in Konstanz auf.
Auslese
Let’s talk (Show-)Business
Wie die gemeinnützigen Headliner innovativen Live-Journalimus auf die Bühne bringen
Reporter Slams und die Journalismus-Show JIVE sind die wichtigsten Formate, mit denen die 2023 gegründeten Headliner Journalismus live auf die Bühne und damit wieder näher ans Publikum bringen. Und das scheint gut zu gelingen. Das junge Unternehmen versucht zum Beispiel mit Gratis-Tickets für Personen außerhalb der Medienbubble, die Zielgruppe zu erweitern. Im Interview mit Media Rewilding geben die Macher:innen Einblicke in ihre Gründungserfahrungen und ihr Geschäftsmodell, daher ein heißer Lesetipp für (zukünftige) Gründer:innen und Projekte, die auf Veranstaltungen als Einnahmequelle setzen.
Eltern werden – oder nicht?
Neue Perspektiven auf Reproduktion im Podcast „Feminismus mit Vorsatz“
So viel Recherche so gut aufbereitet – das wünscht man sich für mehr Podcastformate. Was sich als „Reproduktive Gerechtigkeit“ zunächst sperrig anhört, wird im Podcast „Feminismus mit Vorsatz“ sehr nah an den Zuhörer:innen aufbereitet, ist in keiner Sekunde langweilig oder akademisch. In der Kurzreihe geht es über Reality-Checks zu Verhütung, Schwangerschaftsabbruch und Selbstbestimmung und der Frage, wem es eigentlich schwer gemacht wird, Kinder zu bekommen, zu den Bedingungen, unter denen Kinder groß werden. Möglich wurde die intensive Recherche durch eine Förderung der Heinrich Böll Stiftung, die ihr umfangreiches Informationsangebot nun um den Podcast von Grow-Alumna Laura Vorsatz ergänzen kann.
Gotham City Zürich
Was macht das umstrittene Tech-Unternehmen Palantir in der Schweiz?
Das US-amerikanische Tech-Unternehmen Palantir steht aufgrund der Einsatzmöglichkeiten seiner Überwachungs-Software „Gotham“ in der Kritik. Die vom libertären Milliardär Peter Thiel gegründete Firma hat weltweit Kunden aus den Bereichen Militär und Verwaltung – und hätte gerne auch den Schweizer Staat dazugezählt. Die Eidgenossen lehnten ab. Dennoch lockten sie das Unternehmen mit steuerlichen Anreizen im Sinne der Standortförderung nach Zürich. Die örtliche Niederlassung gilt mittlerweile als Dreh- und Angelpunkt für das Europageschäft von Palantir. Doch die Rolle der Firmen-Software bei militärischen Einsätzen Israels in Gaza ruft nun die Behörden auf den Plan. Geprüft wird ein Verstoß gegen das Schweizer Söldnergesetz. Eine Recherche der Grow-Alumni vom WAV-Kollektiv in Kooperation mit Republik.

Wir feiern mit euch unser Vereinsjubiläum!
Wir freuen uns auf die diesjährige NR-Jahreskonferenz, auf der wir mit euch unser 25-jähriges Bestehen feiern möchten. Der Ticketverkauf startet Ende Januar!
Natürlich wird es auch in diesem Jahr wieder Veranstaltungen zum gemeinnützigen Journalismus und zu Mediengründungen geben. Wir danken euch für die Einreichungen in diesem Themenbereich im Call for Participation und freuen uns auf die Auswahlsitzung für das Konferenzprogramm.
Der SEED-Newsletter ist Teil des Grow Greenhouse, dem Zentrum für gemeinnützigen Journalismus und Medienvielfalt, das von der Schöpflin Stiftung gefördert wird.
