SEED-Newsletter Nr. 36
Unsere Themen:
- Neuer Report: Was kommt, wenn die Lokalzeitung geht?
- Kostenlos: Online-Kurs für Gründer:innen
- 25 Jahre Netzwerk Recherche: Jetzt Mitglied werden!
Liebe Leserin, lieber Leser,
hast du Bock auf eine Pool-Party? Noch zu kalt? Okay, ich frage am Ende des Editorials nochmal.
Reden wir erstmal über Geld. Genauer gesagt: Fördermittel. Für Journalismus. Die politische Debatte darüber ist älter als unser SEED-Newsletter, aber deutlich ermüdender. Jüngst wurde über das Thema in der Bundestagsfraktion der Grünen sowie im Kulturausschuss des hohen Hauses diskutiert (s. News). Fortschritte sind so schnell nicht zu erwarten. Wohl auch, weil diejenigen, die sich ein Stück vom Kuchen erhoffen, untereinander zerstritten sind – etwa die Verleger:innen und der öffentlich-rechtliche Rundfunk.
Und während es hin und her, aber nicht voran geht, geht der Lokaljournalismus den Bach runter. Die Verlage sind daran sicher nicht unschuldig, aber das Problem ist komplexer. In der Krise wird sichtbar, warum der Journalismus als sogenanntes meritorisches Gut dringend externe Unterstützung braucht. Trotz seines gesellschaftlich hohen Nutzens als Grundrauschen einer informierten Öffentlichkeit lässt sich der große Aufwand für Recherche und eine profunde Berichterstattung kaum mehr refinanzieren.
Aber wir können es uns nicht leisten, ihn zu verlieren. Was für die Lufthansa gilt, gilt für Lokaljournalismus erst recht: It‘s too big to fail! Was passiert, wenn der Lokaljournalismus schwindet, haben wir in diesem aktuellen Report untersucht (s. Kasten). Die Kurzfassung: Andere, nicht-journalistische Angebote füllen die Lücke mit einseitigen und populistischen Inhalten. Deshalb ist es an der Zeit, die alten Grabenkämpfe zu beenden. Besinnen wir uns lieber auf die gemeinsame öffentliche Aufgabe und die journalistischen Werte, die uns verbinden.
Weiter als Deutschland ist bei der Rettung des Lokaljournalismus Großbritannien. Zwölf Millionen Pfund (fast 14 Millionen Euro) stellt die britische Regierung in den kommenden zwei Jahren zur Verfügung, um den Lokaljournalismus zu stärken. Die Public Interest News Foundation (PINF) hätte sich zwar mehr gewünscht, zeigt sich dennoch begeistert über diesen wichtigen ersten Schritt, der neben Innovations- und Gründungsförderung auch die Weiterentwicklung der Kooperation zwischen der BBC und lokalen Nachrichtenanbietern vorsieht.
PINF arbeitet zudem auf einen „pooled fund“ hin, also eine Bündelung von Fördermitteln aus unterschiedlichen Quellen, um noch mehr Geld in den Sektor pumpen zu können. Dass dieses Förder-Pool-Modell erfolgversprechend sein kann, hat Lucas Batt (mit dem wir im Journalism Value Project an der Erforschung des gemeinwohlorientierten Journalismus in Europa gearbeitet haben) mit seiner Analyse von Initiativen wie dem Media Forward Fund gezeigt.
Allein, zu wenige Stiftungen haben den Journalismus auf ihrem Förder-Radar. Entsprechend gering – gemessen an den Herausforderungen – ist das Fördervolumen insgesamt, zeigt eine Auswertung des europäischen Stiftungsverbands Philea. Und selbst wenn es gelänge, mehr Geld auszuschütten, wären nicht alle Probleme gelöst. Vielmehr müssten die vorhandenen Fördermittel effizienter als bisher eingesetzt werden, mahnt die US-amerikanische Nonprofit-Expertin Elizabeth Hansen Shapiro.
Und überhaupt macht man es sich zu einfach, die Rettung des Lokaljournalismus allein dem Stiftungssektor zu überlassen. Andere Ideen liegen auf dem Tisch – etwa in Form der Studie „Demokratie beginnt im Lokalen“ der Heinrich Böll Stiftung oder eines Whitepapers von Publix (s. Auslese). Bei der Vorstellung unseres Reports vergangene Woche in Erfurt sagte einer der Teilnehmenden deshalb völlig zurecht: „Wir haben kein Erkenntnisdefizit, sondern ein Umsetzungsdefizit.“
Also, packen wir es an. Einladungen für die Pool-Party gehen raus an die Politik und die Stiftungswelt. Nur sollten die Gäste eben keine Badeklamotten mitbringen, sondern ihre Geldbeutel, damit der Lokaljournalismus irgendwann wieder im Geld schwimmt (Naja, ganz so viel muss es nicht sein, aber das Bild passt so gut).
Schöne Ostern!
Malte Werner

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Neuer Report: Lückenfüller – Was kommt, wenn die Lokalzeitung geht?
Die Menschen haben ein großes Bedürfnis nach Informationen aus ihrer unmittelbaren Umgebung. Ausgerechnet die Lokalzeitung kann davon nicht profitieren. In einem Dialogprojekt haben wir mit 50 Bürger:innen aus der Region Greiz in Thüringen darüber gesprochen, wie sie sich informieren und was sie sich vom Lokaljournalismus wünschen.
Die Ergebnisse haben wir im Greenhouse Report Nr. 4 zusammengefasst. Darin zeigen wir, wie wichtig den Menschen Nähe und Tiefgang in der Berichterstattung sind, wie die junge Generation den Bezug zu verlässlichen Informationsquellen zu verlieren droht und wie Rechtsextreme die entstehenden Informationslücken füllen.
Greenhouse Report Nr. 4
von Thomas Schnedler und Malte Werner
News
+++ Dicke Bretter bohren: Der Ausschuss für Kultur und Medien des Deutschen Bundestags hat sich in seiner 18. Sitzung Ende März mit dem gemeinnützigen Journalismus und Modellen der Medienförderung beschäftigt. David Schraven (Correctiv) plädierte für eine Ergänzung des Katalogs der gemeinnützigen Zwecke in der Abgabenordnung, Maria Exner (Publix) warb unter anderem für Förderprogramme, die journalistische Innovationen anschieben und journalistische Neugründungen unterstützen. Liebe Medienpolitik, die Ideen liegen seit langem auf dem Tisch. Bitte umsetzen! +++
+++ Im Osten was Neues: Der Verleger der Berliner Zeitung, Holger Friedrich, hat mit der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung (OAZ) einen neuen Printtitel auf den Markt gebracht. Das halten selbst viele Beobachter:innen, die Friedrich ob seiner Einmischung in redaktionelle Angelegenheiten oder seiner Haltung zu Russland kritisch sehen, grundsätzlich für eine „ziemlich gute Idee“, weil „eine starke, differenzierende und plausibel argumentierende Stimme aus dem Osten dem gesamtdeutschen Diskurs guttäte“. Doch eine solche Stimme ist die OAZ bislang leider nicht. Vor allem die fehlende kritische Distanz zur AfD wird unisono bemängelt. +++
+++ Willkommen! Das ungarische Investigativmedium Direkt36 ist jetzt eine gemeinnützige Gesellschaft mit Sitz in Deutschland, wie Sebastian Esser in seinem lesenswerten Newsletter Blaupause mitteilt. Er zitiert den Direkt36-Gründer András Pethő zu den Beweggründen: „Unabhängige Redaktionen in Ungarn sehen sich in den letzten Jahren immer ernsthafteren Bedrohungen ausgesetzt. Die derzeitige Regierung hat Schritte unternommen, die gezielt darauf abzielen, die Arbeit dieser Organisationen unmöglich zu machen.“ Durch die Ansiedlung in einem anderen EU-Mitgliedstaat erhalte Direkt36 einen größeren Schutz vor möglichen künftigen Angriffen. +++
+++ Ideen gesucht: Das MIZ Babelsberg schreibt wieder das Media Founders Program aus. Damit werden Menschen gefördert, die Prototypen für technische Lösungen im Journalismus entwickeln und tragfähige Geschäftsmodelle aufbauen möchten. Für die erste Programmphase gibt es eine Förderung von bis zu 40.000 Euro, ein Coachingbudget sowie Zugang zur Infrastruktur des Innovationszentrums, darunter Co-Working-Space, Seminarräume und Studios. Bewerbungsschluss ist der 31. Mai 2026. +++

Wir feiern 25 Jahre Netzwerk Recherche und brauchen deine Unterstützung!
25 Jahre Netzwerk Recherche – das sind 25 Jahre unermüdliche Arbeit für starke Recherchen und journalistische Qualität. Damit wir diese Arbeit auch in Zukunft leisten können, brauchen wir vor allem eines: Menschen wie dich, die unseren Verein mit ihrer Mitgliedschaft tragen. Zu unserem Geburtstag wollen wir deshalb nicht nur feiern, sondern die Gelegenheit nutzen, um auf einen Wunsch aufmerksam zu machen: 250 neue Mitglieder in unserem Jubiläumsjahr.
Als Mitglied unterstützt du unsere Arbeit für starke Recherchen und Medienvielfalt. Eine Arbeit, die in Zeiten von Desinformation und schwindenden Ressourcen für fundierte Recherchen wichtiger ist denn je.
Außerdem profitierst du durch:
- vergünstigte Tickets für unsere Jahres- und Fachkonferenzen
- aktuelle Recherche-Einblicke im NR-insights
- exklusive Mitgliedermails und gemeinsamen Austausch via Mailingliste
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- eigene Datenjournalismus-Community
- und viele weitere Vorteile …
Wir freuen uns über deine Unterstützung – heute und in Zukunft.
Auslese
„Ist Sterilisation gegen den eigenen Willen nicht längst Geschichte?“
Neue Recherche des inklusiven Mediums andererseits
Unfreiwillige Sterilisation von Frauen mit Behinderung – leider ist das Thema nicht dunkle Geschichte, sondern aktuell. Die inklusive Redaktion andererseits hat hierzu ausführlich recherchiert. Die Veröffentlichung schlug hohe Wellen: Zahlreiche Medien griffen die Recherche auf, Interessenverbände und Parteien wurden aufmerksam. Der Film zeigt auch, dass viele Ärzt:innen nicht ausreichend über die Rechte von Menschen mit Behinderung informiert sind. Sie drücken sich zudem oft zu kompliziert aus. Dass dies auch anders ginge, zeigt die Arbeit von andererseits erneut sehr überzeugend.
Nicht ewig suchen, sondern machen
Kostenloser Video-Kurs für Gründer:innen
Eine Stunde Video, dazu ein Workbook – so kompakt kann der Einstieg für (zukünftige) Mediengründer:innen sein. Alexandra Folwarski, Leiterin des Wiener Media Innovation Lab und Gründerin des Wiener Flâneur, bietet ein neues Format an: „Wie du ein Medienunternehmen baust“. Mit zeitgemäßem Fahrplan für Gründungsstrategien und der geballten Zusammenfassung ihrer Kickstart-Erfahrungen. Gut für Gründungsinteressierte, die sich nicht durch 23 Blogbeiträge, 14 Bausteine oder journalismusfremde Start-up-Beratungen arbeiten wollen.
„Wege aus der Medienkrise“
Whitepaper zum gemeinwohlorientierten Journalismus
Was können Medien, Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Politik der Medienkrise entgegensetzen? Das Zukunftsmodell heißt gemeinwohlorientierter Journalismus, wie die Autor:innen des Publix-Whitepapers „Wege aus der Medienkrise“ schreiben. Nachhaltige Förderung ist ihnen zufolge essentiell, damit gemeinwohlorientierter Journalismus seine demokratische Kontrollfunktion wahrnehmen kann. Doch dafür brauche es teilweise ein Umdenken in der Förderstruktur. Außerdem wichtig für die Autor:innen: klare Richtlinien, wer wie gefördert werden kann und wie das Verhältnis von Fördernden und Geförderten aussehen soll. Welche weiteren Rahmenbedingungen für sie entscheidend sind, lässt sich hier nachlesen.
Hör-Tipp
Wie KI massenhaft gefälschte Studien ermöglicht
Betrug gefährdet das Vertrauen in die Wissenschaft. Deshalb gibt es ein System, das die Qualitätsstandards in der Forschung sichern soll: die Überprüfung durch andere Wissenschaftler:innen und die Veröffentlichung in Fachmedien. Was aber, wenn Betrüger:innen mit KI massenhaft Daten und Bilder fälschen, ganze Studien erfinden – und Verlage und Prüfsystem damit überfordern? Dem geht Wissenschaftsjournalist Florian Sturm für „IQ – Wissenschaft und Forschung“ des Bayerischen Rundfunks nach. In seinem zweiteiligen Podcast zeigt er den Veröffentlichungsdruck, unter dem Forscher:innen stehen, und die Industrie der sogenannten Paper Mills, die mit manipulierten Studien Geld machen. Dazu kommen „Science Sleuths“ zu Wort, die Wissenschaftsbetrug aufdecken und erklären, was gegen Manipulationen helfen kann.

