Die digitale Büchse der Pandora

Sei es im Sand, Matsch oder Schnee: Wo der Mensch auch hingeht, hinterlässt er sichtbare Spuren. Es lässt sich zurückverfolgen, wo er herkam, wo er hingeht. In der realen Welt kann er seine Spuren verwischen – im digitalen Internet ist das schwieriger. Spätestens seit dem NSA-Skandal lässt sich die permanente Massenüberwachung durch Behörden nicht mehr leugnen. Der Zugang zu privaten Telefonaten und E-Mails ist maschinell in Sekundenschnelle möglich.

„Es ist wie die Büchse der Pandora. Sie wurde geöffnet, nun gibt es kein Zurück mehr. Man kann nur versuchen, sich zu schützen“, sagt Sebastian Mondial, Journalist bei der „Zeit“. Der Erfolg seiner Arbeit und der seiner Kollegen in der investigativen Recherche hängt auch von der nötigen Geheimhaltung und Privatsphäre ab, die durch die Überwachung sabotiert und gefährdet wird. Welche Daten Geheimdienste über Journalisten gespeichert haben, können diese erfragen. Um dies möglichst einfach zu gestalten, hat das „netzwerkrecherche“ einen Antragsgenerator auf seiner Internetseite eingerichtet. Damit solle den Behörden gezeigt werden, dass ihr Handeln in der Öffentlichkeit kritisch betrachtet wird.

Ein absoluter Schutz vor Überwachung ist nämlich nicht möglich. Hat zum Beispiel die NSA eine Person im Visier, kann sie diese in jedem Fall überwachen – auch trotz persönlicher Sicherheitsmaßnahmen. Doch Sebastian Mondial geht es um die breite Masse: Wenn alle ihre Daten verschlüsselten, wäre deren flächendeckende Erfassung auch für Geheimdienste schlicht zu aufwendig. Einige Programme und Tricks, die die Überwachung zumindest erschweren, stellte Mondial auf der Jahrestagung des „netzwerkrecherche“ vor.

Eine große Rolle spielt dabei die Kryptografie, also die Verschlüsselung von Nachrichten. Der Handy-Messenger Threema generiert dafür zwei individuelle Schlüssel: Einen öffentlichen und einen privaten. Der öffentliche darf verbreitet werden und kann in Kombination mit dem Privaten eine Nachricht verschlüsseln. Eine Nachricht entschlüsselt dann nur der private Schlüssel, der unbedingt geheim bleiben sollte. Dabei speichert der Threema-Server die Nachricht nur im verschlüsselten Zustand. Ruft der Empfänger die Nachricht auf, wird diese direkt vom Server gelöscht.

Mit diesem Prinzip arbeiten auch diverse andere Programme wie PGP („PrettyGood Privacy“), mit denen E-Mails abgesichert werden können, oder “Tor”, das die verschlüsselte Nachricht erst durch mehrere Knotenpunkte im Web leitet, bis sie den Empfänger erreicht. Damit wird es nahezu unmöglich, den Weg eines Datenpakets durch das Internet zurückzuverfolgen. Dem Entwickler von „Tor“, Jacob Appelbaum, kann es gar nicht sicher genug sein: Er rät gänzlich von Smartphones ab, vor allem denjenigen mit einer GPS- Funktion. Denn auch viele der angebotenen Software und Apps, sowohl für den Computerals auch für das Telefon, stehen in der Kritik, Sicherheitslücken zu haben.
Besondere Vorsicht ist bei allen Programmen geboten, die Zugang zum Internet haben und ständig private Daten von dem Mobiltelefon auf den Server schicken – dazu gehören auch die Betriebssysteme selbst, etwa Android oder iOs. Es bringt schließlich nichts, wenn ein Brief verschlossen beim Empfänger ankommt, jedoch beim Schreiben schon mitgelesen werden kann.

Momentan schrecken viele Journalisten noch vor solchen Tools zurück. Für die einen sind es die Kosten, für die anderen der Aufwand. Manche Journalisten setzen auf absolute Transparenz ihrer Recherche, andere wiederum sehen einfach (noch) keinen Sinn in der Verschlüsselung. „Ich habe keine Themen am Wickel, die die NSA oder ein anderer großer Bruder, der uns beobachtet, nicht wissen dürfte“, sagte Birte Siedenburg, freie Wirtschaftsjournalistin in einem Zapp-Interview während der Netzwerk Recherche-Tagung. Georg Mascolo, Leiter des Rechercheverbundes von NDR, WDR und der Süddeutschen Zeitung wirft zudem die Frage auf, ob es nicht sicherer wäre, „sich im Heuhaufen zu verstecken“, anstatt mit der Benutzung von Anonymisierungssoftware die Aufmerksamkeit erst recht auf sich zu lenken. Denn offenbar gelten deren Nutzer vielen gleich als besonders verdächtig, dass sie etwas zu verbergen haben könnten.

Für die Standpunkte der beiden Kollegen hat auch Mondial Verständnis. Trotzdem schaut er optimistisch in die Zukunft der Kryptografie und hofft, dass einige Sicherheitsmaßnahmen bald Standard sind und „quasi mit zum Tarif“ gehören. Damit wäre dann auch der digitale Heuhaufen nicht mehr nötig – und die massenhafte Überwachung vielleicht schon bald Vergangenheit. Oder zumindest deutlich schwieriger.

Der Vermittler

Millionen von Datenpunkten mit tausenden Variablen, das ist die Welt von Claus Weihs. Er erforscht Methoden zur Analyse gewaltiger Datenmengen, eben jener, die Suchmaschinen, Behörden und Wirtschaftsunternehmen sammeln und speichern – von uns allen.

Auf dem Campus der TU Dortmund ragt ein architektonisch nicht gerade anziehender Turm aus Beton und Glas in den Himmel. Claus Weihs‘ Büro in der Fakultät Statistik liegt im 7. Stock. Sein blasses, etwas aus der Mode gekommenes Sakko ist stimmig: So stellt man sich einen Statistikprofessor vor. Doch Weihs ist alles andere als der blutleere Hochschullehrer, den man dem Klischee nach vielleicht erwarten würde. Seine Studenten kennen ihn als immer lustigen Professor, der gerne Geschichten erzählt. Zum Beispiel von seiner Arbeit in der Industrie, vor seiner wissenschaftlichen Karriere. Denn als Professor für Statistik ist er Quereinsteiger.

Auch seine vorherige Arbeitsumgebung war weniger grau als der Turm auf dem Campus. Frisch in Mathematik promoviert, entschied sich Claus Weihs zunächst gegen eine Karriere in der Wissenschaft und nahm eine Stelle in der Schweizer Vorzeigestadt Basel an, beim Chemie- und Pharma-Konzern Ciba. Von 1985 an arbeitete er dort als Statistikberater mit Naturwissenschaftlern, Medizinern und Ingenieuren zusammen. Natürlich spielten Datenbanken schon damals eine wichtige Rolle, gerade bei einem Wirtschaftsunternehmen. Von Big Data redete aber noch niemand. „Früher hatte man Papierordner – die standen alle in einer Reihe. Die Daten waren da, aber man konnte nicht so leicht damit arbeiten“, erinnert sich Weihs. Hinreichend leistungsfähige Rechner, um aus großen Datenmengen sinnvolle Informationen ziehen zu können, standen noch nicht zur Verfügung.

Bei Ciba faszinierte ihn die interdisziplinäre Arbeit an praxisrelevanten Problemen. Dass er seinen Posten im idyllischen Basel neun Jahre später dennoch gegen ein Büro im 7. Stock auf dem Dortmunder Universitätscampus tauschte, ist seiner Neugier geschuldet – und seiner Lust, noch einmal etwas ganz Neues zu machen. Schweren Herzens verließ er seine Wirkungsstätte. Als die TU einen Professor für Computergestützte Statistik suchte, lockte ihn die Möglichkeit, sich noch grundlegender mit statistischen Problemen beschäftigen zu können, als es bei Ciba möglich war.

Aktuell forscht Claus Weihs an Lösungen zur Analyse komplexer Datenstrukturen. Diese Gebilde entstehen, wenn man unterschiedliche Datenbanken miteinander verknüpft. Dann werden die Daten zu inhomogen und meist zu sperrig für die statistischen Standardmethoden. Weihs treibt nun die Frage um, wie man die klassischen Methoden ändern kann, damit sie sich auf solche komplexen Datenbanken anwenden lassen. Ihm geht es, wie er es nennt, um die Anpassung der Methoden der Mathematik an die Wirklichkeit.

Derlei mathematische Probleme überdehnen allerdings leicht die Wirklichkeit und Vorstellungskraft von Laien. Aber Claus Weihs ermutigt, gedanklich dran zu bleiben, am Thema Statistik und Big Data: „Alles was sich an Computersystemen und Software auf diesem Gebiet durchsetzt, ist nicht kompliziert – sonst werden die Leute ungeduldig und wollen etwas anderes“, beruhigt er.

Zwar ist Big Data derzeit vor allem noch ein schillernder Begriff, die Auswertung großer Datenmengen wird jedoch an Bedeutung gewinnen – nicht zuletzt im Datenjournalismus. Dort fehle es aber häufig an Sachkenntnis; Weihs bemängelt, dass bei der Jagd nach Storys die fundierte Datenanalyse allzu oft auf der Strecke bleibe. Dem Datenjournalismus fehle in vielen Fällen die statistisch-methodische Seite, sagt er, weil sie bei Journalisten im Normalfall nicht auf dem Lehrplan stehe.

Claus Weihs ist dabei, das zu ändern. Seit Jahren arbeitet er eng mit dem Institut für Journalistik in Dortmund zusammen. Er vermittelt dem journalistischen Nachwuchs die Fähigkeit, Qualität und Aussagekraft von Datenbanken und statistischen Kennzahlen richtig einzuschätzen. Vom Wintersemester 2014 an wird es an der TU Dortmund im Studiengang Wissenschaftsjournalismus zudem einen Schwerpunkt Datenjournalismus geben. Weihs ist einer der Architekten davon.

Der Umsteiger (Patrick Stotz)

Patrick Stotz im Panel „Mapping Data – So gelingen Geovisualisierungen”

Daten – ein schwer fassbarer, abstrakter Plural der modernen Online-Welt. Vor Patrick Stotz‘ geistigem Auge aber erscheinen bei diesem Begriff bunte Karten, sich bewegende Punkte und leuchtende Straßenverläufe. Die Leidenschaft zur Visualisierung von Daten aus der städtischen Umgebung entdeckte er erst im Laufe seines beruflichen Werdegangs; die Liebe zum urbanen Leben zeichnet ihn schon länger aus.

Vom Elternhaus in Balingen, Baden-Württemberg, zog es ihn an die Elbe in die Metropole Hamburg – geografisch könnte dieser Schritt auf der Deutschlandkarte größer kaum sein. Drei Jahre studierte er an der HafenCity Universität (HCU) sowie der TU Hamburg-Harburg und schloss mit dem Bachelor im Fach Stadtplanung ab. Es folgte ein vertiefender Master-Studiengang mit zwischenzeitlichem Ausflug in Richtung Süden, an die Universität in Marseille. Stadtentwicklungsprozesse wurden sein großes Thema – und im Jahr 2009 bot sich vor der eigenen wie der universitären Haustür das ideale Thema für eine Masterarbeit an: Die Umgestaltung der Hamburger Neustadt schritt voran und Stotz nahm besonders die Struktur öffentlicher und privater Investoren unter die Lupe. Weiterlesen

Der Beziehungs-Experte

Es ist ein langwieriger und schwieriger Kampf, den der Datenjournalist Miguel Paz in seiner Heimat Chile führt. Langwierig und schwierig, weil es keinen direkten Gegner gibt, den es zu besiegen gilt, sondern ein diffuses Netzwerk aus Korruption und nicht offengelegten Interessenskonflikten – mit vielen beteiligten Personen und Parteien. Die Situation in Chile ist anders als noch vor 38 Jahren, als Miguel Paz geboren wurde. Damals gab es einen klaren Feind in Person des Diktators Pinochet, vor dem Paz Eltern nach Panamá flohen. Paz wurde daher im Exil geboren, kam jedoch noch im Kindesalter nach Chile.

Heute ist der Feind nicht mehr so klar zu erkennen. Stattdessen gibt es Paz zu denken, dass die reichsten 20 Prozent des Landes zwischen 2000 und 400 000 Dollar im Monat verdienen, und die anderen 80 Prozent mit weitaus weniger auskommen müssen. Die Chance auf beruflichen Erfolg hänge hauptsächlich von der richtigen Familienzugehörigkeit ab, erklärt Paz. Das eigentliche Problem sieht er darin, dass die Verbindungen unter den Eliten des Landes längst nicht allen Chilenen bekannt sind. Und genau da greift er an: „Informationen sind Macht. Und nur informierte Menschen können gute Entscheidungen treffen und der Demokratie weiterhelfen.“

Die Bevölkerung Chiles informiert Paz mit seiner mächtigsten Waffe im Kampf gegen Korruption, die er 2012 schmiedete: der Webseite Poderopedia. Das bedeutet so viel wie „Wissen über die Macht“. Mit ihr greift er das einzig Fassbare im Machtnetzwerk an: die Knoten. Alleine schafft er das nicht, er ist ein Teamplayer. „Die Zeiten des einsamen Journalisten, der – einem Detektiv nicht unähnlich – Missstände aufdeckt, sind lange vorbei“, sagt er. Bei Poderopedia arbeiten deshalb Journalisten mit Programmierern zusammen: Aus Zeitungsartikeln, Wikis, Kongressprotokollen und ähnlichem extrahieren acht freiwillige Mitarbeiter Daten zu jeweils einer bestimmten Person: Wo hat sie bisher gearbeitet? Mit welchen anderen Personen steht sie in Verbindung? Hat sie eventuell Anteile an einer Firma? Mit den gesammelten Informationen wird ein Profil der Person erstellt und eine interaktive Netzwerkkarte der Beziehungen, durch die sich jeder Besucher der Webseiteklicken kann.

Will man sich durch alle Verbindungen der Machthaber arbeiten, braucht man viel Zeit: Rund 3500 Personendatensätze gibt es auf Poderopedia, ungefähr 1500 zu Firmen und weitere 1000 zu Institutionen. Bisher sind erst 1500 der Profile vollständig, und auch wenn nicht jede Verbindung gleich ein Hinweis auf Korruption bedeutet, lässt sich aus den Verbindungskarten doch schon einiges herauslesen.

Beispielsweise fanden Paz und sein Team heraus, dass der Leiter des chilenischen Finanzamts Entscheidungen traf, die seinen eigenen Firmen nutzten. Laut Paz blieb er nur im Amt, weil Präsident Pinera seine schützende Hand über ihn hielt. Doch auch die Verbindungen des Präsidenten konnte Paz im Netzwerk von Poderopedia ablesen. Er und seine Kollegen beleuchteten, dass dessen Cousin Andrés Chadwick, Minister für Innere Sicherheit, Anteile an einer großen Wasserversorgungsfirma besaß – und dass dessen Bruder Herman Chadwick stellvertretender Direktor des selben Konzerns war.

Wer sich mit solch mächtigen Männern anlegt, muss vorsichtig sein. Bis jetzt ist niemand zum Gegenangriff übergegangen, weder mit Gewalt noch mit juristischen Mitteln. Trotzdem gibt Miguel Paz keine Informationen über seine Familie heraus. Angst vor möglichen Racheakten habe er zwar nicht, aber trotzdem: Sicher ist sicher. Es sind die Momente, in denen er der Öffentlichkeit etwas mitteilen kann, die er so an seinem Beruf liebt. “Die Welt ein kleines bisschen besser machen“, nennt er das. Und er glaubt daran, dass sein bisheriger Kampf wenn schon nicht die Welt, dann doch Chile ein bisschen besser, will heißen, seine Bürger informierter gemacht hat.

Aber kann man Korruption jemals ganz besiegen? Eher nicht. Stattdessen kann man Teilsiege wie gegen Chadwick feiern. Und man braucht Beharrlichkeit. Die hat Miguel Paz genauso wie die Anerkennung seiner Kollegen: Unter anderem wurde Poderopedia 2013 für den internationalen Data Journalism Award des Global Editors Network nominiert.

Wahrscheinlich würde Paz nicht einmal dann aufhören, wenn alle Probleme in seiner Heimat gelöst wären. In Venezuela und Kolumbien gibt es bereits Ableger von Poderopedia. Bald, so Miguel Paz, auch in Deutschland: „Ich hoffe, dass das keine fünf Jahre mehr dauert“ erfährt man von ihm, bis dahin „wollen wir eine weltweite Gemeinschaft sein“, erfährt man von ihm. Es habe dazu gerade gute Gespräche in Deutschland gegeben. Mehr sagt er nicht, dazu sei es noch zu früh. Es scheint, als rüste er sich mit seinem eigenen Netzwerk für den nächsten, jetzt weltweiten Kampf: Wenn er mit seinen Mitarbeitern schon in Chile Machtnetze aufdecken kann, welche Verbindungen mag dann erst eine internationale Gemeinschaft mit Poderopedia zu Tage fördern?

Die Brückenbauerin

Eigentlich wollte Christina Elmer als Wissenschaftsjournalistin in Fernsehen und Hörfunk arbeiten. Während des Journalistik- und Biologie-Studiums waren die Redakteure von Wissenschaftssendungen wie Quarks&Co und den Reportagen der BBC ihre Vorbilder. Dass sie einmal eine d e r Datenjournalismus-Expertinnen in Deutschland wird – das war eigentlich nicht der Plan. „Ich hätte damals definitiv nicht daran gedacht, dass ich einmal Redakteurin für Datenjournalismus bei Spiegel Online sein würde.“

Auf den zweiten Blick ist Christina Elmer Lebenslauf allerdings viel geradliniger, als es zunächst scheint. Immerhin hatten vor zehn Jahren ohnehin erst wenige Journalistik-Studenten und Volontäre den Onlinejournalismus als Ziel vor Augen. „Onlinejournalismus war damals noch nicht so reich an Formaten und Anwendungen wie heute, und ich habe mich nie als reine Schreiberin verstanden“, sagt Christina Elmer. Ihr Volontariat beim WDR helfe ihr aber gerade bei Online-Texten bis heute: „Denn wer fürs Hören schreiben kann, hat auch mit Artikeln weniger Probleme, die unter Zeitdruck gelesen werden und besonders verständlich sein müssen.“

Gleichgültig in welcher Mediengattung, ein Ziel von Christina Elmer war es immer, relevanten Journalismus zu machen: Es sollten Themen sein, die den Menschen etwas bedeuten. Oder Informationen, die so wichtig sind, dass sie öffentlich zugänglich gemacht werden sollten. Und auch das führte dann irgendwie ganz logisch zum Datenjournalismus.

Die Initialzündung hierfür brachte ein Seminar bei Brant Houston während des Studiums in Dortmund. Elmer war angesteckt von der Methodik des Pioniers im „Computer Assisted Reporting“, aus strukturierten Daten Ansatzpunkte für journalistische Geschichten zu destillieren. Und so war es wiederum fast folgerichtig, dass Christina Elmer nach dem Volontariat als Redakteurin in der ersten Datenjournalismus-Redaktion Deutschlands begann, bei RegioData der dpa. „Wegweisend“, nennt sie ihre damalige Arbeit in einem Team aus fünf gleichgesinnten Kollegen: „Dabei kann man sich unglaublich gut austauschen und voneinander lernen, der kreative Prozess ist einfach viel reichhaltiger im Team. Natürlich arbeite ich heute auch bei jedem größeren Projekt im Team, aber in einem eigenen Ressort geht natürlich mehr.“

Als das dpa-Team nach drei Jahren wieder verkleinert wurde, war die Auswahl für Datenjournalisten bereits etwas größer, und Christina Elmer wechselte mit der dpa-Infografik als Zwischenstation in das Team Investigative Recherche des stern. Auch ihr bisher letzter Schritt in die Online-Welt des Spiegel ergibt Sinn. Denn Datenjournalisten haben viele Visualisierungsmöglichkeiten, die sich besonders in Online-Medien gut ausspielen lassen.

Doch die Entwicklung ist für Christina Elmer noch lange nicht am Ende – weder für ihre tägliche Arbeit, noch für das Feld insgesamt. Für die Zukunft hat sie sich zum Ziel gesetzt, den Datenjournalismus in der Redaktion auszubauen, zu verstärken und mit allen Ressorts mehr Projekte anzuschieben: „Thematisch würde ich gerne ein paar Themen knacken, für die es aktuell noch keine Daten gibt, oder wo Daten zurück gehalten werden. Vor allem im Bereich Politik und Umwelt gibt es einiges zu tun für Datenjournalisten.“ Und das gelte auch jenseits des eigenen Hauses: Beim Datenzugang, bei den Redaktionen selbst und bei den finanziellen Bedingungen für Journalisten gebe es überall Entwicklungsbedarf.

Seit vielen Jahren ist sie daher auch in der Aus- und Weiterbildung von Datenjournalisten engagiert. Was für sie selbstverständlich ist, ist für viele Journalisten noch ungewohnt: Recherchen mit ergebnisoffener Datenanalyse zu beginnen, um zunächst ein möglichst objektives Grundverständnis für die Thematik zu entwickeln. „Es wäre seltsam, anders an Themen heran zu gehen“, sagt sie. Und auch damit ist sie dann dichter am ursprünglichen Berufswunsch als gedacht. Denn nicht nur in dieser Herangehensweise ist es vom ursprünglichen Ziel des Wissenschaftsjournalismus‘ zum Datenjournalismus nicht mehr weit.

Der Weltverbesserer

„Keiner will reich werden, wir wollen etwas Nachhaltiges schaffen“, erklärt Marco Maas die Absicht der Datenjournalismus-Agentur Open Data City. Für ihre Arbeit hat die Agentur schon einige Preise gewonnen – nicht zuletzt den Grimme Online Award. Nebensächlich werden Preise für Maas und sein Team von Open Data City vor allem dann, wenn es um die gute Sache geht – Projekte, die die Demokratie stärken oder den Umweltschutz.

Maas ist Mitbegründer dieser Agentur. Sie spiegelt nicht nur seine journalistische Einstellung wieder, sondern ermöglicht ihm auch im Kleinen, seine Ideale zu verwirklichen. Als „saubere kleine Firma“, beschreibt Maas Open Data City. Zum „sauber sein“ gehören die Nutzung von Ökostrom, bezahlte Praktikanten und eine Bank die keine Hedge-Fond-Anlageformen unterstützt. Das Konzept soll auch seinen Mitgliedern die bestmöglichen Arbeitsbedingungen schaffen. Ein Ziel ist es, eine Balance zwischen Projekten für die Agentur und Privatleben zu finden. Dazu orientiert sich Open Data City am Konzept von Google: „Wir arbeiten vier Tage für die Agentur und haben einen Tag, um etwas eigenes zu schaffen“, erklärt Maas. Bei Open Data City arbeiten neben Journalisten auch Softwareentwickler und Visualisierer. Und die sollen nicht nur arbeiten, sondern sie sollen sich auch weiterentwickeln. Hier scheint alles bis ins Detail durchdacht. Und wer mit Marco Maas spricht, merkt schnell, dass er voll hinter dem steht was er tut.

Maas Karriere startete wie bei den meisten Journalisten in einer Lokalredaktion. Damals ging er noch zur Schule. In der Computer AG machte er erste Bekanntschaft mit dem Internet – damals noch eine Neuheit. „Wir mussten uns alles, was wir für die AG brauchten, selbst verdienen“, erzählt Maas. So fing er schon früh damit an, Websites zu gestalten und machte erste Erfahrungen mit html und Quellcodes – für ihn gleich „ein spannender Weg um Inhalte zu transportieren“.

Vor seinem Studium machte er dann ein Praktikum beim NDR: In seiner Bewerbung gab er an, dass er unbedingt in die Online-Redaktion wolle. Doch die gab es im Jahr 1999 noch gar nicht – jedenfalls nicht im eigentlichen Sinne. Online hieß damals noch, dass ein Haufen Sekretärinnen die Inhalte mittels copy and paste eins zu eins auf eine Webseite hochlud. Maas schreckte das nicht ab. Sein Vorteil – denn kurz darauf erfuhr das Internet einen ersten großen Aufschwung. Statt ins geplante Studium der Medientechnik verschlug es ihn daher zunächst längere Zeit zum NDR, der froh über seine Vorliebe fürs Internet war. Zwei Jahre lang übernahm er die Schwangerschaftsvertretung einer Kollegin. Beim NDR war er die Schnittstelle zwischen Internet und Journalismus – zwischen Daten und Geschichten. Eine Erfahrung die den Datenjournalismus für ihn bis heute ausmacht.

Als Marco Maas einige Jahre später Lorenz Matzat traf – inzwischen hatte er sein Studium abgeschlossen – entdeckte er mit ihm einen Gleichgesinnten. Vor allem in einem Punkt waren beide sich einig: Daten werden immer wichtiger! Als Ergebnis dieser Erkenntnis gründeten sie Open Data City, seit 2010 ist Maas dort Geschäftsführer.

Neben Journalisten wendeten sich nach einer Weile auch immer mehr Unternehmen an die Agentur, die Interesse an der Visualisierung und Auswertung ihrer Daten hatte. Um das vom Journalismus zu trennen, gründete das Team von Open Data City die „Datenfreunde“. Einer der ersten kommerziellen Kunden jenseits des Journalismus war der Internet-Provider 1&1: Für diesen wurde visualisiert, wer sich wo und wie lange ins Netz einloggt.

Auch bei solchen Aufgaben versucht Maas seinen Idealen treu zu bleiben: Würden die Atomlobby oder gar ein Rüstungsunternehmen an die Tür klopfen, würde die Tür gar nicht erst geöffnet. Unterstützt werden dagegen NGO´s wie Greenpeace. Und aus solchen kommerziellen Projekten könne oft auch wieder etwas Journalistisches entstehen, erklärt Maas: Denn manche Daten die hier zur Verfügung gestellt werden, seien auch relevant für die Öffentlichkeit.

Wo Daten für journalistische Zwecke genutzt werden, sieht Maas allerdings auch Risiken: „Wenn PR und öffentliche Firmen dahinter kommen, dass man mit guten Datenvisualisierungen die journalistisch aufbereitet sind, auch sehr einfach Meinungen beeinflussen kann, kann es gefährlich werden.“ Eine Grenze für seine eigene Arbeit zieht Maas, wenn persönliche Daten betroffen sind. Dabei folgt er wie seine Mitstreiter bei Open Data City einem Grundsatz des Chaos Computer Clubs: Öffentliche Daten nutzen, private Daten schützen.

Die Grenzgängerin

Ohne Plan, Geld und Sprachkenntnisse zog Brigitte Alfter mit 19 Jahren von Wuppertal nach Dänemark, genauer gesagt ins 1800-Seelen-Dörfchen Skals. Der Liebe und der Abenteuerlust wegen. Ein mutiger Schritt, der Wegweiser für Alfters Karriere als Journalistin war.

Denn nationale Grenzen überschreitet die heute 48-Jährige bei ihrer Arbeit inzwischen regelmäßig – um dort zu sein, wo politische und wirtschaftliche Entscheidungen getroffen werden. Alfters Interesse gilt den Machtstrukturen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, unabhängig vom Ort des Geschehens. Dabei setzt sie seit Jahren auf internationale Teamarbeit – und betreibt „cross-border Journalismus“ mit unterschiedlichen Teams aus einem europäischen Recherchenetzwerk. Auf diesem Gebiet ist sie bislang eine von wenigen Pionieren.

Bestes Beispiel ist das Projekt Farmsubsidy. Vor wenigen Jahren machte sich Brigitte Alfter auf die Spuren des großen Geldes, der Agrarsubventionen der Europäischen Union. Nach Recherchen in Dänemark wollte sie für jedes EU-Land herausfinden, welcher Landwirt wie viel von dem gut 55 Millarden Euro großen Steuerkuchen bekam. Aber die EU-Kommision mauerte und vertagte den Zugriff auf die Daten – das Informationsfreiheitsgesetz der EU war zu diesem Zeitpunkt erst wenige Jahre alt. Mit der Blockade fand sich Alfter nicht ab und ging wieder einen neuen Weg. Zusammen mit Journalisten aus verschiedenen Ländern, Aktivisten und Forschern baute sie ein Netzwerk auf, das auf Grundlage der jeweils nationalen Informationsfreiheitsgesetze nun doch an die Datensätze herankam. Veröffentlicht wurden sie für 27 EU-Mitgliedsstaaten. Das Ergebnis: Zu den Profiteuren gehörten keineswegs nur kleine Bauern, sondern vor allem große Konzerne. Farmsubsidy.org brachte ihr internationales Ansehen in der EU-Berichterstattung.

Dass man oft unkonventionelle Wege gehen muss, um zum Ziel zu kommen, lehrten Brigitte Alfter vielleicht schon ihre ersten Jahre in Dänemark. Damals, noch weit weg vom Journalismus, begann sie, in der Schokoladenfabrik im Dorf zu arbeiten. Denn für diesen Job brauchte man weder Dänischkenntnisse noch eine Ausbildung, verdiente aber Geld. Zwei Jahre später fing sie eine Ausbildung als Automechanikerin an. Nicht ihr Traum, aber ein Beruf, der auf dem Land immer gebraucht wird. Außerdem konnte sie ihren politischen Interessen nachgehen, wenngleich das zunächst auf den Verband der Automechanikerlehrlinge und den Elternbeirat beschränkt blieb. Sechs Jahre später bewarb sie sich an der ältesten und größten dänischen Journalistenschule. Nachdem Alfter dann einige Zeit im Lokaljournalismus gearbeitet hatte, suchte sie sich die nächste Herausforderung: Sie ging als EU-Korrespondentin für vier Jahre nach Brüssel und war so ganz dicht am europäischen Machtzentrum.

Diese Anpassungsfähigkeit, die sich in Alfters Lebenslauf spiegelt, passt bis heute zu ihrer Einstellung zum Journalismus. Sie ist eine Vorreiterin für Veränderungen und neues Methodendenken für die Berichterstattung, das den Bedingungen und Möglichkeiten der Zeit enstpricht. Inzwischen arbeitet sie freiberuflich und geht investigativen Projekten nach wie etwa bei www.wobbing.eu, das Recherchen mit Hilfe der Informationsfreiheitsgesetze unterstützt. Methoden wie Datenjournalismus und Crossborder Journalismus will sie weiterentwickeln, im Herbst soll ein Buch dazu herauskommen. Das alles klingt dann schon mehr nach einem großen Plan als damals, beim ersten Sprung über die Grenze. Die Abenteuerlust aber ist bis heute geblieben.

„Alles eine Frage der Haltung“

Vier Fragen an… Nicola Kuhrt, Redakteurin SpiegelOnline
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Ein langer Weg – Datenjournalismus im Lokalen

Feste Arbeitszeiten und ausreichend Budget – der Alltag von Lokalredakteuren sieht anders aus. Gearbeitet wird solange, bis die Seiten voll sind, schließlich muss am nächsten Morgen etwas im Blatt stehen. Geschrieben wird für die unmittelbare Veröffentlichung. Die Integration von datenjournalistischen Projekten auf lokaler Ebene scheint da hinsichtlich Zeit, Geld und Kompetenz schwer möglich. Wie kann sie trotzdem gelingen? Weiterlesen

Mit Excel gegen die US-Geheimdienste

Eine Recherchekooperation von NDR und Süddeutscher Zeitung deckt Geheimdienstaktivitäten der US-Regierung auf, die von deutschem Boden aus stattfinden. Forschung für das Pentagon, Drohnen in der Oberpfalz und Freunde der Folterpolizei – alles fein säuberlich recherchiert und hübsch verpackt auf www.geheimerkrieg.de . Weiterlesen

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