nr04: Luxusgut Recherche – Wie teuer darf Wahrheit sein?

Rückblick

Die nr-Jahreskonferenz 2006 fand statt am Freitag/Samstag, 04./05. Juni 2004 beim NDR Fernsehen, Hugh-Greene-Weg 1, Hamburg
Rede

Medien zwischen Anspruch und Realität – Johannes Rau
Grußwort von Maria von Welser, NDR-Landesfunkhausdirektorin
Rede von Erwin Bixler (2004)

Programm & Reader

⇒ Programm der nr-Jahreskonferenz 2004 [PDF-Datei, 145 KB]

Der scheidende Bundespräsident Johannes Rau hat sich auf der Jahrestagung des Netzwerk Recherche für einen seriösen Journalismus stark gemacht. In seiner Rede warf er den Medien vor, immer ofter die Würde der Menschen zu verletzen. „Ich finde es nicht akzeptabel, wenn Fotos von toten deutschen Polizeibeamten in Irak veröffentlicht werden“, nannte Rau ein Beispiel.

Rau stellte auf der NR-Jahrestagung Forderungen an die Presse, um die Qualität des deutschen Journalismus zu sichern. Es gebe „eine ganze Reihe von Entwicklungen, die mir Sorgen machen“, sagte Rau. So forderte er beispielsweise eine gute Ausbildung von Journalisten und betonte: „Forschheit und Kritikfähigkeit sind noch lange nicht dasselbe.“ Er habe den Eindruck, dass sich die Kompetenz der Berichterstattung deutlich verschlechtert habe.

Rau forderte die Journalisten auf, nicht nur einzelne Tatsachen darzustellen, sondern die Bürger über die Zusammenhänge zu informieren. Er erinnerte an eine Zeitungskampagne, in der die Senkung der Ökosteuer gefordert wurde. „Wissen diese Menschen, dass die Ökosteuer in die Rentenbeiträge fließt? Kommt dann die nächste Aktion: Höhere Rentenbeiträge oder Rentenkürzungen?“, fragte Rau. Er halte es „für eine der wichtigsten Aufgaben von Journalismus, den Menschen komplexe Sachzusammenhänge zu vermitteln“, fügte Rau hinzu.

Rau kritisierte auch den Hang der Medien dazu, künstlich aufgeregte Themen aufzubauen. Er schilderte den Fall von Bundesverkehrsminister Manfred Stolpe, der in einem Interview die geltende Gesetzeslage geschildert habe, wonach Privatunternehmen Tunnel oder Brücken bauen dürfen und dann Maut kassieren. Daraufhin hätten die Medien falsch berichtet, Stolpe wolle eine Pkw-Maut einführen. Trotz einer Richtigstellung des Ministeriums seien die Berichte noch tagelang weitergegangen.

Rau regte auch an, die Richtlinien des Deutschen Presserates und die derzeitige Form der Selbstkontrolle zu überdenken: „Es ist in den vergangenen Wochen viel von Ethik in Politik und Wirtschaft die Rede gewesen. … Die Medien verweisen gern darauf, dass es solche Richtlinien dort längst gibt und auch Kontrollinstanzen wie den Presserat. Aber sind Sie sicher, dass das, was sich in Jahren bewährt hat, auch heute noch zuverlässig wirkt?“.

Raus Rede war ein Höhepunkt der Jahrestagung 2004 des Netzwerk Recherche. Im NDR-Konferenzzentrum diskutierten mehrere hundert Vertreter aus den Medien, der Politik und anderen gesellschaftlichen Gruppen kontroverse Medien-Themen mit prominenten Referenten.

Eröffnet wurde die Jahrestagung von Thomas Leif, dem Vorsitzenden des Netzwerk Recherche, und NDR-Landesfunkhausdirektorin Maria von Welser. Leif nannte in seiner Begrüßung als Ziel des Netzwerks, „die Rahmenbedingungen und Blockaden, die kritischen Journalisten im Weg stehen, aufzuräumen.“ Maria von Welser betonte in ihrem Grußwort in Anlehnung an das Motto der Jahrestagung „Luxusgut Recherche – Wie teuer darf die Wahrheit sein“: „Wahrhaftigkeit ist … nicht nur eine Frage individueller Moral. Wahrhaftigkeit ist auch eine Frage der Qualität diese Systems. Das bedeutet: ein Mediensystem muss sich Wahrhaftigkeit leisten.“

Um Wahrheit drehte sich auch die Rede des Whistleblowers Erwin Bixler, der als Angestellter der Bundesagentur für Arbeit die dortigen Bilanzfälschungen öffentlich gemacht hatte. Trotz aller Widrigkeiten, die ihm seit seinem Gang an die Öffentlichkeit widerfahren sind, nannte Bixler in Hamburg seine Handlungen „die Geschichte eines grandiosen Erfolges“.