Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

die Tuerkei ist einsame Spitze: Kein Land scheint verirrter – wenn es um die Pressefreiheit geht. Denn in keinem Land sitzen mehr Journalisten in Gefaengnissen ein. Es ist ein Rekord der Ungerechtigkeit und er offenbart die Brutalitaet der Tuerkei: Von weltweit etwa 200 inhaftierten Journalisten sitzen nach den Zahlen von Reporter ohne Grenzen allein ein Viertel in einem tuerkischen Gefaengnis.

Deniz Yuecel ist einer von ihnen und er bringt uns diesen Wahnsinn zum Verzweifeln nah: Denn er ist einer von uns! Aber es ist alles noch viel schlimmer und eigentlich unvorstellbar: Deniz Yuecel ist „nur“ einer von etwa fuenfzig in der Tuerkei inhaftierten Journalisten. Und vielleicht sind es sogar viel mehr. Denn in Dutzenden weiteren Faellen laesst sich nach Angaben von Reporter ohne Grenzen ein direkter Zusammenhang der Haft mit der journalistischen Taetigkeit zwar nicht nachweisen, ist aber mehr als wahrscheinlich. Weitere Menschenrechtsorganisationen gehen von 140 inhaftierten Journalisten aus.

Der internationale Tag der Pressefreiheit, alle Jahre wieder der 3. Mai, ist schon lange ein Mahnmal fuer das Unrecht gegen Journalisten. Vor 24 Jahren hat die Generalversammlung der Vereinten Nationen diesen Welttag der Pressefreiheit bestimmt. Er soll der Presse- und Meinungsfreiheit einen Status als Menschenrecht geben. Jede Journalistin, jeder Journalist – so die Forderung – muss das Recht haben, frei und ohne Angst berichten zu koennen. Seit es den Tag der Pressefreiheit gibt, werden wir einmal im Jahr darauf gestossen, wo dieses Menschenrecht missachtet wird oder wo es besonders gefaehrdet ist. Dieses Jahr ist eines der unheilvolleren Jahre. Auch oder gerade weil wir an Deniz Yuecel denken. Aber je schlechter die Nachrichten an diesem Tag, desto groesser auch die Dringlichkeit, die Pressefreiheit, dort, wo sie nicht gefaehrdet ist, auch zu nutzen! Naemlich bei uns. Vor der eigenen Haustuer. In der eigenen Redaktion. Gerade weil wir in Deutschland, einem Paradies der Pressefreiheit, leben!

Was koennen wir – jede und jeder einzelne von uns – fuer die Pressefreiheit tun? Es klingt so gross, wenn von Pressefreiheit die Rede ist. Es klingt nach staatlichen Repressalien und rechtlosen Journalisten, dabei geht es auch unsere innere Pressefreiheit. Um unsere Pressefreiheit im Alltag. Es geht ganz schlicht um unsere journalistische Freiheit, fuer die am Ende des Tages nur wir selber einstehen koennen. Egal, auf welcher Stufe der Hierarchie wir stehen. Es geht um unsere journalistische Freiheit, die wir vielleicht abseits von oekonomischen Zwaengen und Abhaengigkeiten oder womoeglich abseits von Vorgaben oder Aengsten von Vorgesetzten bewahren muessen. Es geht um unser Rueckgrat und unseren journalistischen Kompass im Alltag. Es geht um Recherchen und Geschichten, fuer die wir einstehen wollen.

In Deutschland werden wir geschuetzt von Art. 5 des Grundgesetzes, dem Recht auf Presse- und Meinungsfreiheit. Und obwohl uns das Gesetz Recht gibt, ist es eine grosse Herausforderung fuer genau diese innere Pressefreiheit tagein tagaus selbst einzustehen. Ergebnisoffen zu recherchieren, obwohl dieses vielleicht ein Fremdwort ist fuer das eigene redaktionelle Umfeld. Gegen Widerstaende zu recherchieren, obwohl die Geschichte nicht „gewuenscht“ ist. Oder etwas „Bestelltes“ abzuliefern, obwohl die Geschichte eigentlich etwas anders ist. So mancher Kollege denkt vielleicht, dass das doch alles selbstverstaendlich ist. Aber das ist ein Irrtum. Und jeder der laenger als zwei Minuten darueber nachdenkt, koennte sich eingestehen, wie schwer es fuer viele von uns ist, dieser journalistischen Freiheit gerecht zu werden, – obwohl man sie faktisch hat. Im Paradies der Pressefreiheit, in Deutschland.

Ein Patentrezept fuer mehr innere Pressefreiheit im Alltag gibt es nicht. Es ist eine Uebung, jeden Tag aufs neue. Es hilft, an Deniz Yuecel und all die weltweit inhaftierten Kollegen zu denken, – wenn man Ihnen schon nicht wirklich helfen kann, ausser mit oeffentlichen Mahnungen und Gedenken. Dann muss man doch wenigstens die Werte und die Haltung wahren, fuer die sie – zu Unrecht! – ihrer Freiheit beraubt werden.

Es gruessen
Julia Stein,
Albrecht Ude

 

## Inhaltsverzeichnis.

01: Editorial

Abschnitt Eins:   In Eigener Sache
02: nr-Jahreskonferenz – Programm online
03: netzwerk recherche auf der Re:publica
04: Dataharvest / EIJC 2017

Abschnitt Zwei:   Veranstaltungen
05: BuzzFeed sucht Redakteure
06: Ringvorlesung „Digitale Information & Manipulation“ in Hamburg
07: Vorschlaege einreichen fuer die Global Investigative Journalism Conference
08: Verleihung der BigBrotherAwards in Bielefeld
09: OECD Umfrage zur Korruption

Abschnitt Drei:   Nachrichten
10: Faktencheck von verdi
11: Berlin Story gehackt
12: Verfassungsgericht weist Eilantraege gegen die „Vorratsdatenspeicherung“ zurueck
13: Vertrauen in die Medien gestiegen

Abschnitt Vier:   Seminare, Stipendien, Preise
14: Stipendien fuer Projekte zum Thema „Integration und Bildung“
15: Journalisten vor Ort – Recherchestipendien „Reporters in the Field“
16: Medienpreis Bildungsjournalismus
17: Otto Brenner Preis 2017
18: Helmut Schmidt Journalistenpreis
19: „Einfuehrung in den Wirtschaftsjournalismus“ in Hamburg
20: Aufruf zur Einreichung zum Kasseler Dokumentarfilm- und Videofest
21: „Medienjournalismus: Ueber Medien informieren“
22: Stipendium der Stiftung fuer deutsch-polnische Zusammenarbeit
23: Seminare mit Recherchebezug

Abschnitt Fuenf:   Pressespiegel
24: Journalismus
25: Fake News | Fact Checking
26: Ueberwachung

27: Link-Index
28: Technische Hinweise
29: Impressum

 

Nr. 148 vom 28.04.2017